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Konjunktur | 16.10.2019 (editiert am 22.10.2019)

Die deutsche und europäische Konjunktur im Hochsommer 2019 – 2

Die europäische Konjunktur bleibt sehr schwach. Es besteht hoher Handlungsbedarf. Die europäische und die deutsche Politik aber schlafen weiter.

Die Industrieproduktion in der EWU ist im August leicht gestiegen (Abbildung 1). Der bestehende Trend zu einer Abschwächung wird dadurch aber nicht geändert. Das gilt auch für Italien und Frankreich, die dabei sind, Deutschland auf dem Weg in eine Rezession zu folgen. Angesichts von deren Niveau der Produktion ist das wirklich schlimm (siehe dazu eine Erläuterung im letzten Abschnitt).

Abbildung 1

In Südeuropa ist das Bild weniger klar (Abbildung 2). Während sich die Produktion in Griechenland und Portugal tendenziell abschwächt, hat Spanien zuletzt etwas aufgeholt, ohne aber das Niveau von 2018 zu erreichen. Auch das Niveau von 2011 bleibt in Spanien in den letzten Jahren das Maß der Dinge.

Abbildung 2

Deutlicher sind die Effekte des europäischen Abschwungs in den nördlichen Ländern zu sehen (Abbildung 3). Österreich hat seinen Höhenflug klar beendet und auch in Belgien geht es unter starken Schwankungen abwärts. Die Industrie in den Niederlanden ist seit langem auf dem Rückzug.

Abbildung 3

In Nordeuropa ging es dagegen zuletzt wieder leicht aufwärts, insbesondere Finnland und Schweden haben sich von dem Niveau abgehoben, das sie Ende 2017 erreicht hatten (Abbildung 4). Die Norwegische Industrie stürzt regelrecht ab.

Abbildung 4

Auch im Baltikum ist die europäische Rezession deutlich zu spüren (Abbildung 5). Während sich Litauen auf dem seit Anfang dieses Jahres erreichten Niveau hält und Lettland zuletzt sogar Zuwächse verzeichnet, ist die Produktion in Estland massiv eingebrochen.

Abbildung 5

Auch in den mittel- und osteuropäischen Staaten, die bis vor einigen Monaten noch Zuwächse verzeichneten, ist die Rezession jetzt angekommen (Abbildung 6). Polen erlebt einen deutlichen Rückgang und auch in Slowenien, wo der Aufschwung seit 2016 am deutlichsten zu spüren war, dreht offenbar der Wind.

Abbildung 6

In Rumänien ist die Produktion massiv gesunken und ein Ende ist nicht in Sicht (Abbildung 7). Bulgarien und Kroatien stagnieren mehr oder weniger, aber das ist bei deren niedrigem Niveau auch schon katastrophal.

Abbildung 7

Europa mit und ohne Deutschland

Mit der jetzigen Abschwächung zeigt sich, dass die Industrie in der EWU ohne Deutschland eine wirklich miserable Zehnjahresperiode hinter sich hat (Abbildung 8). Das Niveau von 2011 wurde bis heute nur wenig übertroffen, was schlicht bedeutet, dass es über diese ganze Zeit keine Kapazitätserweiterung und damit auch keine neuen Arbeitsplätze gegeben hat. Gleiches gilt auch für Großbritannien, wo die zyklischen Bewegungen allerdings noch geringer waren.

Abbildung 8

Was angesichts solcher Bilder oft nicht verstanden wird, ist die Tatsache, dass die deutsche Entwicklung in diesem Zeitraum unvergleichlich besser war (Abbildung 10). In Deutschland lag das Niveau der Produktion zu dem Zeitpunkt, an dem der Abschwung begann, doch immerhin fast zehn Prozent über dem Niveau von 2011. Der industrielle Aufschwung in der EWU ohne Deutschland sieht seit 2014 zwar ähnlich aus, davon darf man sich aber nicht täuschen lassen. Weil der Index der Kurven auf 2015 0 100 normiert ist, gibt es seitdem einen klaren Anstieg, aber nur der Vergleich mit dem vorherigen Höhepunkt im Jahr 2011 zeigt, ob es wirklich Fortschritt gab.

Abbildung 9

Übrigens zeigt der gleitende Dreimonatsdurchschnitt in der Abbildung 9 sehr klar, dass man über den genauen Zeitpunkt der konjunkturellen Wende in Deutschland nicht rätseln muss. Der Abschwung begann ohne Zweifel um die Jahreswende 2017/2018, also vor fast zwei Jahren. Wer regelmäßig unsere Konjunkturberichte liest, wusste das seit dem Frühjahr 2018. Nur wer sich auf die deutschen Leitmedien verlässt, wurde darüber erst im Laufe dieses Jahres informiert.

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