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Kommentar | 24.10.2019

Die Freiheit der Forschung als Leere?

Beleidigungen ersetzen keine sachliche Auseinandersetzung. Doch wo es die berühmte sachliche Auseinandersetzung niemals gibt, kann es schon sein, dass man einmal unsachlich wird.

Vor einigen Tagen haben Studenten der Universität Hamburg den früheren AfD-Spitzenmann Bernd Lucke daran gehindert, nach dem Ausscheiden aus der Politik seine erste Vorlesung als (weiterhin) ordentlicher Professor dieser Universität zu halten. Es gab wüste Beschimpfungen, die zu zitieren ich mir spare, und Lucke wurde schließlich unter Polizeischutz (dessen Notwendigkeit ich nicht beurteilen kann) aus der Universität geleitet. An der Humboldt-Universität in Berlin gibt es eine massive Auseinandersetzung um die Lehre eines Historikers, dem die Studenten eine rechtsradikale Gesinnung vorwerfen (hier ein Bericht der WELT dazu).

Es werden, wie immer in solchen Fällen, auf der einen Seite hehre Ideale bemüht wie die Freiheit der Wissenschaft und die freie Meinungsäußerung. Auf der anderen gibt es Verständnis für die Position der Studenten, wenn auch meist heftige Kritik an der Form ihres Protests, wenn dieser sich in wüsten persönlichen Angriffen und Beleidigungen ergeht.

Ich will klar sagen, dass ich für Beleidigungen und insbesondere für Nazi-Beschimpfungen kein Verständnis habe. Doch die Freiheit der Wissenschaft, die man an den Universitäten wie ein Mantra vor sich her trägt, ist leider eine vollkommen leere Hülse. Das macht die Sache viel komplizierter, als es sich manch einer, der nach seinem Studium nie mehr eine Universität betreten hat, vorstellen kann.

Was ist Freiheit der Wissenschaft?

Die Humboldt-Universität hat auf ihrer Webseite eine Erklärung veröffentlicht, die das Problem wunderbar veranschaulicht. Darin heißt es:

„Die HU steht für Freiheit und Toleranz auf der Grundlage gegenseitiger Achtung und Anerkennung. Das bedeutet, konkurrierende Ansichten auszuhalten und Differenzen in argumentativen Streit zu überführen. Unsere Universität ist und bleibt ein Ort des freien und unabhängigen Austauschs. Die Voraussetzung dafür ist, dass jedes Mitglied der HU ohne Angst wissenschaftliche Auffassungen äußern und zur Diskussion stellen kann. Wissenschaftsfreiheit ist eines unserer höchsten Güter.“ 

Das klingt toll, ist es aber in Wirklichkeit nicht, weil die Wirklichkeit des Wissenschaftsbetriebes nichts mit dem Aushalten konkurrierender Ansichten und deren Überführung in argumentativen Streit zu tun hat. Nirgendwo wird nämlich weniger gestritten als an bestimmten Fakultäten deutscher Universitäten.

Bernd Lucke beispielsweise bietet im ersten Semester nach seiner Rückkehr einen Masterkurs zur sogenannten Fiscal Theory oft the Price Level an, was nichts anderes ist als der aus Chicago kommende Versuch (hier ist ein research paper dazu zu finden), den schwerstens angeschlagenen Monetarismus doch noch irgendwie zu retten. Das ist aus meiner Sicht vollkommen irrelevant und müsste erst einmal breiter in der Wissenschaft diskutiert werden, bevor man Studenten damit zuschüttet.

Doch die Entscheidung von Professor Lucke, das und nichts anderes anzubieten, fällt in der Tat unter das Rubrum Freiheit der Wissenschaft. Und die Studenten, die ihm zuhören wollen, sind, sollte man meinen, selbst Schuld.

Ist auch die Leere von der Freiheit gedeckt?

Doch so einfach ist es auch hier wieder nicht. Wenn ein Professor an einer Fakultät für Volkswirtschaft ein abseitiges Thema anbietet, mag man das als die Freiheit eines Wissenschaftlers abtun. Was aber ist, wenn sich an einer Fakultät, so wie ich das neulich an einer anderen Universität gehört habe, praktisch alle Inhaber von volkswirtschaftlichen Lehrstühlen die Freiheit nehmen, in den Seminaren und Vertiefungsveranstaltungen abseitige Nischenthemen anzubieten. In den Einführungsveranstaltungen werden sowieso fast immer nur die Standardlehrbücher wiedergekäut,

Bei einer solchen Konstellation haben die Studenten der Volkswirtschaftslehre an dieser Universität, exakt im Gegensatz zu dem, was sie erwartet haben und auch erwarten konnten, keine Möglichkeit, sich während ihres Studiums vertieft mit den offenkundigen Problemen der Wirtschaft und ihren neuen Herausforderungen auseinanderzusetzen. Oft findet zum Beispiel im Fach Volkswirtschaftslehre Makroökonomik nicht statt, weil sie einfach nicht zur ideologischen (theoretischen) Ausrichtung der „freien Ordinarien“ gehört. Deckt die Freiheit der Wissenschaft auch eine weitgehende Leere in der Lehre und die Auslassung dessen, was Volkswirtschaftslehre überhaupt ausmacht?

Wissenschaft ist Streit, doch nicht an der Uni

Was ist, wenn ein einmal zum Professor auf Lebenszeit ernannter Ordinarius sich in ein kleines tiefes Loch zurückzieht, das er Wissenschaft nennt, wo aber außer ihm niemand Platz hat und wo er sein ganzes Leben damit verbringen kann, jeder wissenschaftlichen Auseinandersetzung systematisch aus dem Weg zu gehen? In Deutschland kann ihn niemand dazu bewegen, von zwingen gar nicht zu reden, sich dem wissenschaftlichen Streit zu stellen und mit seinen Kollegen offen und in der Öffentlichkeit darüber zu streiten. Konkurrierende Ansichten werden schon bei der Besetzung der Posten so weit wie möglich gemieden. Und selbst wenn sie existieren, gibt es keinen Mechanismus, der sie in „argumentativen Streit“ überführen könnte.

Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass die sachliche Auseinandersetzung auch in Fächern wie der Volkswirtschaftslehre, wo sie dringend notwendig wäre, praktisch nie an den Universitäten stattfindet. Ich habe Professoren erlebt, die in Institutionen, wo sie sich mit ihresgleichen streiten mussten, tief erschrocken waren und sich als vollkommen unfähig (und unwillig) erwiesen, die eigenen Vorurteile – selbst angesichts klarer empirischer Evidenz oder überlegener Argumentation der anderen – in Frage zu stellen.

Was sollen Studenten der Volkswirtschaftslehre machen, wenn sie mit einer Situation konfrontiert sind, wo tiefster Burgfrieden zwischen den Professoren ihrer Fakultät herrscht, die Fragen aber, die sich von der wirtschaftlichen Entwicklung, von Krisen und auf der Basis von außeruniversitären Diskussionen jeden Tag stellen, niemals beantwortet werden?

In der Universität gibt es keine Institution, die ihnen weiterhelfen und den „argumentativen Streit“ durchsetzen könnte. Das würde ja die „Freiheit der Forschung“ beeinträchtigen. Dass die Frustration sich dann bei passender Gelegenheit Bahn bricht, ist nicht erstaunlich. Dass die Frustration auch einmal zur falschen Wortwahl führt und bei Anlässen auftaucht, wo es eigentlich gar nicht um die Universität und die „freie Wissenschaft“ geht, sollte niemanden verwundern.

Selbst wenn heute keine Talare mehr getragen werden, der alte Spruch von den Talaren stimmt noch allzu oft. Die Universitäten sind in bestimmten Fächern Orte ungeheurer geistiger Behäbigkeit und damit genau das Gegenteil dessen, was sie sein sollten und was die Studenten erwarten.

Die Freiheit der Forschung darf nicht Freiheit von Verantwortung sein. Die Universitätsführungen und die zuständigen Bildungsminister müssen dafür sorgen, dass um die richtige Deutung der Welt gestritten wird. Und dass die Personalauswahl so ist, dass der Streit an einer Fakultät gefördert und nicht systematisch unterdrückt wird. Den notwendigen Streit einfach der Freiheit der Professoren zu überantworten, ist gescheitert.

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