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Wirtschaftsethik | 29.10.2019

Die Leere der deutschen Betriebswirtschaftslehre

Ob als Student, Nachwuchswissenschaftler oder Professor: Wer die vorherrschende Betriebswirtschaftslehre kritisiert, kämpft täglich einen Kampf um Selbstbehauptung und Akzeptanz. Ein Erfahrungsbericht.

»Die Freiheit der Forschung als Leere?«, fragt Heiner Flassbeck rhetorisch, um dann eine Analyse über die ausbleibende sachliche Auseinandersetzung an deutschen VWL-Lehrstühlen zu liefern. Es ist eine treffende Analyse, die sich – kaum überraschend – auf die BWL-Lehrstühle ausdehnen lässt. Wie desaströs der Zustand der universitären Betriebswirtschaftslehre ist, zeigen einzelne Geschehnisse, die ich in meiner Hochschullaufbahn (mit)erlebt habe.

Kritische Auseinandersetzung als Störfaktor

Während meiner Promotion unterrichtete ich Unternehmensethik an einer BWL-Fakultät. Da ich in meiner Vorlesung den neoklassischen Mainstream, der von meinen Kollegen unterrichtet wurde, fundamental kritisierte, war ich den Kollegen ein Dorn im Auge. Auch, weil meine Studierenden anfingen, Argumentationen und Thesen aus meinem Unterricht in andere Vorlesungen hineinzutragen.

Die Kollegen mussten ihre in sich geschlossene Theorie, die sie jahrelang monoton und störungsfrei vor sich hin unterrichten konnten, plötzlich gegen argumentative Angriffe und Fragen der Studierenden verteidigen. Sie mussten sich – das erste Mal seit Jahren – ernsthaft mit ihrer eigenen Lehre auseinandersetzen.

Da dies offenbar schwer auszuhalten war, verlagerte sich die Auseinandersetzung mit der eigenen Lehre sehr schnell auf eine Auseinandersetzung mit meiner Lehre. Die ganze Unternehmensethik, so durfte ich bald hören, sei ja nicht wissenschaftlich fundiert und daher nicht ernst zu nehmen. An eine unsichtbare Hand des Marktes zu glauben, die die Gewinnmaximierung der Unternehmen auf wundersame Weise allen zu Gute kommen lässt, erschien ihnen hingegen streng wissenschaftlich.

Meine Kurse wurden trotz der Diskreditierung durch die Kollegen immer voller, wohl auch, weil die Studierenden die geistige Monokultur im Rest ihres Studiums Leid waren. Dies führte zu einem Umdenken bei den Kollegen – jedoch nicht dergestalt, ihre Theorien zu hinterfragen, sondern dergestalt, den Unternehmensethikunterricht abzuschaffen.

Kritische Studierende werden abgestraft

Eines Tages kam eine BWL-Studentin zu mir, die in der Vorlesung eines Kollegen ein Referat über die Segnungen des Freihandels halten sollte. Sie fragte mich, wie sie das machen solle. Ich empfahl ihr, durchaus auf die positiven und wohlstandsfördernden Aspekte des Freihandels einzugehen, jedoch auch die negativen Seiten kritisch zu betrachten und verwies auf gängige Literatur zum Thema (darunter auch von Heiner Flassbeck), damit sie sich argumentativ absichern konnte.

Als Sie mir später ihre präzise und ausgewogen beide Seiten des Freihandels beleuchtende Präsentation – zudem auch wissenschaftlich fundiert – zeigte, war ich ob der Qualität beeindruckt. Doch einige Tage später kam die Studentin zu mir und erzählte, dass sie mit ihrer Präsentation durchgefallen sei. Begründung: Man könne den Freihandel nicht so kritisch betrachten.

Das ist ein Skandal. Er führt dazu, dass sich auf absehbare Zeit kein anderer Student an dieser BWL-Fakultät getrauen wird, neoklassische Thesen kritisch zu hinterfragen. Die kritischen Studenten werden auf diese Weise mundtot gemacht und die theoretische Monokultur in der Betriebswirtschaftslehre zementiert.

Steine im Weg der kritischen Nachwuchswissenschaftler

Meine Dissertation schrieb ich an einer anderen Universität, von der ich glaubte, dass man als kritischer Betriebswirt eine Chance hätte, durchzukommen. Wenige Wochen vor Abgabe meiner Dissertation schrieb mir mein Doktorvater, der emeritiert worden war, dass der Promotionsausschuss beschlossen habe, die Zweitbegutachtung müsse ein aktiver Professor des Fachbereichs übernehmen. Mir war dies nicht recht, weil ich den mir zugedachten Zweitgutachter gar nicht kannte und er nicht in den Entstehungsprozess meiner Arbeit involviert war. Außerdem hatte ich bereits einen Zweitgutachter von einer anderen Fakultät, der meine Arbeit begleitet hatte.

Obwohl in der Promotionsordnung nichts darüber stand, dass einer der Gutachter aktiv an der Fakultät tätig sein müsse, ließ der Promotionsausschuss nicht mit sich reden. Man setzte mir als zweiten Gutachter einen jungen, höchst ambitionierten BWL-Professor vor die Nase, der ein konsequenter Vertreter des betriebswirtschaftlichen Mainstreams, also der Neoklassik, war.

Dieser Zweitgutachter, der meine Arbeit nach der Einreichung das erste Mal zu Gesicht bekam, da er nach eigener Aussage zuvor keine Zeit hatte, sie sich anzusehen, schrieb innerhalb kurzer Zeit ein knapp 20-seitiges Gutachten, das ein vernichtender Verriss meiner Dissertation war. Die Arbeit sei polemisch, einseitig und ideologisch. Heute kann ich darüber lachen – damals stand ich unter Schock.

Es ist vollkommen unüblich, dass ein Zweitgutachter, zumal in dieser speziellen Situation (ich hatte ihn nicht frei gewählt), eine Dissertation bewertet, bevor der Erstgutachter dies getan hat. Zudem umfasst ein Promotionsgutachten in der Betriebswirtschaftslehre in der Regel maximal zehn Seiten.

Offensichtlich hatte ich also einen Nerv getroffen – der Zweitgutachter verteidigte das vorherrschende Paradigma bis aufs Blut. Mein Doktorvater, der in der Fakultät keinerlei Rückhalt hatte, ließ sich nicht auf einen Kampf mit seinem Nachfolger ein. Meine Dissertation, an der ich dreieinhalb Jahre geschrieben und in der ich über 350 wissenschaftliche Quellen verarbeitet hatte, die einen umfangreichen Forschungsteil enthielt und die mein Doktorvater in weiten Teilen kannte, wurde mit der Begründung der Einseitigkeit abgelehnt.

Die Ablehnung war eine politische Entscheidung. Die meisten BWL-Dissertationen sind einseitig, nur greifen sie nicht das vorherrschende Paradigma an. Die Fakultät hatte ein Exempel statuiert.

Man kann problemlos eine Dissertation einreichen, die sich ausschließlich damit befasst, wie Unternehmen noch effizienter ihre Gewinne maximieren können, ohne Gefahr zu laufen, dass die Arbeit wegen Einseitigkeit abgelehnt wird. Reicht man jedoch eine Dissertation ein, die das Paradigma der Gewinnmaximierung als oberstes normatives Unternehmensziel grundsätzlich in Frage stellt, bekommt man massive Probleme. In der Zeit nach der Ablehnung meiner Arbeit habe ich zahlreiche junge Wissenschaftler kennengelernt, denen ähnliches widerfahren ist. Die Neoklassik anzugreifen, ist – egal wie wissenschaftlich fundiert dies geschieht – ein Karrierekiller.

Selbst als Professor hört der Kampf nicht auf

Nach der Ablehnung meiner Dissertation fiel mir ein Management-Buch in die Hände, das einer der wenigen kritischen BWL-Professoren in Deutschland geschrieben hatte. Ich schrieb ihn an und schickte ihm meine Arbeit. Er nahm sich die Zeit, sie zu lesen und fand sie weder polemisch noch ideologisch, sondern gut, wissenschaftlich fundiert und wichtig. Er übernahm die Betreuung meiner Dissertation, allerdings wies er mich darauf hin, dass wir meine Arbeit nicht erneut einreichen durften, da sie an einer anderen Universität bereits abgelehnt worden war.

So schrieb ich zweieinhalb Jahre lang eine zweite Dissertation mit neuem Theorie- und Forschungsteil, wurde mit magna cum laude promoviert und war dankbar dafür, dass die Geschichte am Ende gut für mich ausgegangen war. In der Folge trat ich einen Job als wissenschaftlicher Mitarbeiter an einer anderen BWL-Fakultät an, an der die Studierenden die Wahl hatten, in ihrem BWL-Studium einen Schwerpunkt zu wählen. Neben den üblichen Schwerpunkten wie Marketing, Human Resources, Controlling, Finance usw. konnten die sie den Schwerpunkt Unternehmensethik wählen.

Schnell stellte ich fest, dass der Professor, für den ich arbeitete, der für den Schwerpunkt Unternehmensethik zuständig war, genau mit den gleichen Problemen zu kämpfen hatte, die ich aus meiner Zeit als Dozent für Unternehmensethik kannte. Auch er kritisierte den wirtschaftswissenschaftlichen Mainstream und wurde dadurch zum Störfaktor für die neoklassischen Kollegen. Da sie keine Handhabe dafür hatten, den Schwerpunkt Unternehmensethik abzuschaffen, mussten die Kollegen andere Mittel und Wege finden, die Unternehmensethik anzugreifen.

Sie wählten den Weg über die Studentenschaft. Diejenigen Studenten, die Unternehmensethik als Schwerpunkt wählten, wurden von den Kollegen plakativ geschnitten, benachteiligt und in Prüfungsleistungen schlechter bewertet. Es erfordert sehr viel Überzeugung und Selbstbewusstsein, um dies als Student dauerhaft durchzuhalten. Das Ergebnis war – wenig überraschend –, dass sich viele Studenten, die eigentlich gerne den Unternehmensethik-Schwerpunkt gewählt hätten, aus Angst vor den Konsequenzen dagegen entschieden.

Wo ist Hoffnung?

Ob als Student, Nachwuchswissenschaftler oder Professor: Wenn man der vorherrschenden Betriebswirtschaftslehre kritisch gegenübersteht, kämpft man täglich einen Kampf um Selbstbehauptung und Akzeptanz. Da sich die Lehrstühle für Wirtschaftswissenschaften an den Universitäten zunehmend über finanzielle Mittel aus der Industrie finanzieren, so genannte Drittmittel, werden immer mehr Stellen mit marktgläubigen Professoren besetzt, die leichter an diese Mittel herankommen.

Die Stellen für Nachwuchswissenschaftler werden wiederum von diesen Professoren besetzt, weshalb die wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten zunehmend zu geschlossenen Gesellschaften werden. Die Studenten lernen die ökonomischen Theorien, die die gegenwärtigen Verhältnisse zementierten und können nur als Vertreter selbiger Karriere machen.

Studenten, die etwas anderes lernen wollen, müssen, wie Heiner Flassbeck schreibt, selbst dafür Sorge tragen, dass Vertreter anderer ökonomischer Denkschulen eingeladen werden. Aber das tun sie und das macht Hoffnung. Es gibt immer noch Studenten, die trotz drohender persönlicher Nachteile gegen die Einseitigkeit der Lehre aufbegehren und sich für eine plurale, heterodoxe Lehre einsetzen. Im Jahr 2012 bildete sich das Netzwerk Plurale Ökonomik, das seither für mehr Vielfalt in der ökonomischen Lehre kämpft. Dieser Kampf ist noch längst nicht verloren.

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