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Genial daneben | 31.10.2019 (editiert am 04.11.2019)

Die Löhne in Deutschland und der französische Tiefschlaf

Wer heute behauptet, Deutschland verliere an Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Frankreich, beweist nur, dass er viele Jahre lang fest geschlafen hat.

Einige aufmerksame Leser haben uns auf ein Interview des französischen Ökonomen Patrick Artus in der FAZ aufmerksam gemacht. Artus behauptet, Deutschland habe ein gewaltiges Problem mit seiner Industrie, unter anderem, weil die Lohnstückkosten mittlerweile höher als in Frankreich seien. Artus schreibt, Deutschland sei heute, verglichen mit 2007, wesentlich teurer als Frankreich und verliere deswegen Marktanteile. Als Beweis für Letzteres sagt er, dass der deutsche Export in den letzten beiden Jahren weniger wachse als der Weltmarkt und „die Löhne“ – welche, real oder nominal, bleibt unklar – stärker wüchsen als die Produktivität.

Das ist Konfusion der schlichtesten Art, weil er offensichtlich die Basis für einen solchen Vergleich beliebig setzt und – vermutlich, ohne es zu sagen – von Lohnstückkosten in der Industrie redet, die man, wie wir oft gezeigt haben, nicht so verwenden darf. Dass die FAZ so etwas gerne abdruckt, ist klar, ist es doch Wasser auf ihre ideologischen Mühlen, die seit Jahren verkünden, Deutschland mache alles richtig.

Die Basis ist entscheidend

In der Abbildung haben wir den neuesten Stand der Lohnstückkostenentwicklung aufgezeichnet, der auch eine Schätzung der EU-Kommission (vom Mai 2019) für 2019 enthält. Lohnstückkosten kann man immer nur halbwegs verlässlich für ganze Jahre berechnen, weil vorher das BIP einfach nicht vorliegt, das man zur Berechnung der Produktivität braucht.

Als Basis verwenden wir hier wiederum 1999 als das erste Jahr der EWU, das nahezu mit dem Beginn der Auseinanderentwicklung der Lohnstückkosten von Deutschland und Frankreich zusammenfällt. „Nahezu“, weil die Auseinanderentwicklung zugunsten Deutschlands schon zwei Jahre früher begann und Frankreich und Deutschland damals schon feste Wechselkurse aufwiesen. Die Abbildung zeigt, dass man sicherlich Jahre als Basis für den Index finden kann, die das Ergebnis erbringen, Deutschland verliere gegenüber Frankreich an Boden. Seit einigen Jahren steigen die Lohnstückkosten in Deutschland stärker als in Frankreich. Das ist ja auch notwendig, weil Deutschland durch sein Lohndumping in den ersten zehn Jahren der EWU so viel Kostenvorsprung erzielt hat.

Das bedeutet aber gerade nicht, dass Deutschland auch absolut verlöre und damit Marktanteile an Frankreich abgeben würde (Deutschland im Verhältnis zum Welthandel ist eben der falsche Vergleich). Auf der hier gewählten Basis, braucht Frankreich noch viele Jahre bis es durch seine deflationäre Lohnstückkostenentwicklung, die ja weit unter dem Inflationsziel liegt, auch absolut unter der deutschen Kurve liegt und damit etwas von dem in Form von Marktanteilen zurückgewinnt, was es in den ersten zwanzig Jahren verloren hat.

Wenn die Basis vernünftig gewählt ist, lassen sich diese Kurven als absolute Kostenniveaus lesen, was bedeutet, dass Frankreich immer noch dauernd Marktanteile gegenüber Deutschland verliert, weil es absolut teurer ist. Erst wenn die französische Kurve unter die deutsche taucht, drehen sich die absoluten Kostenverhältnisse um, erst dann kann Frankreich gegenüber Deutschland aufholen bzw. zurückgewinnen. Dass die Basis mit 1999 (oder 1996) vernünftig gewählt ist, kann man daran ablesen, dass man nur auf diese Weise die gewaltigen deutschen Marktanteilsgewinne erklären kann, die unbestreitbar sind (vgl. dazu auch diese Artikelserie und die darin angegebenen Quellen).

Zu lange geschlafen!

Das Interview zeigt, dass es in Frankreich immer noch große Konfusion über die Eurokrise und ihre Ursachen gibt. Viele wollen einfach nicht wahrhaben, dass das Land, seine Politiker und seine Volkswirte (Patrick Artus war ja auch von Anfang an dabei) viele Jahre fest geschlafen haben. Ganz Frankreich hatte sich in den Glauben verrannt, es habe Deutschland mit der Währungsunion erfolgreich eingehegt und müsse sich nur noch um das Vertiefen der europäischen Integration bemühen, dann werde alles gut. Welch ein historischer Irrtum – und wie schwer zuzugestehen, dass man dabei war.

Hätte Artus genau hingeschaut, hätte er gesehen, dass Frankreich heute immer noch einen fürchterlich hohen Preis für die verschlafenen Jahre bezahlt. Nicht nur, dass die Arbeitslosigkeit im Nachbarland immer noch schrecklich hoch ist, Frankreichs Lohnstückkostenpfad ist eindeutig deflationär, was heißt, dass das Land seine wirtschaftlichen Möglichkeiten nicht ausschöpfen kann. Weil sich Frankreich in Richtung Deutschland bewegen muss, geht die Lohnstückkostenentwicklung immer weiter weg vom europäischen Inflationsziel und verhindert, dass der Binnenmarkt die Rolle spielt, die er in Frankreich und in ganz Europa spielen müsste.

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