Von "Wild + Team Agentur - UNI Salzburg" - Wikipedia auf Deutsch, CC BY-SA 3.0, Link
Literaturnobelpreis | 17.10.2019

Die verlorene Ehre des Peter Handke

Ein Unwürdiger hat den Nobelpreis für Literatur bekommen, so der Tenor der Freunde der eigenen Meinungsfreiheit. Aber was ist mit jenen, die Handke zwar gratulieren, zu den gegen ihn erhobenen Anklagen jedoch schweigen?

Intellektuelle, von denen eine breitere Öffentlichkeit Notiz nimmt, haben mit Peter Handke in der Regel nichts gemein. Sie vertreten die richtigen Standpunkte, sprechen in Stehsätzen und biedern sich an Journalisten und politisch Mächtige an.

Das gilt auch für jene Schein-Nonkonformisten, die überall dort nicht konform gehen, wo es sie nichts kostet und Applaus aus den eigenen Reihen zu erwarten ist. Die Abschaffung des Nationalstaats, politisch korrekter Antifaschismus, grenzenlose Migration sowie Klimarettung stehen bei ihnen gerade hoch im Kurs. Radikal in der Attitüde, zugleich konservativ angepasst an die eigene Lebenswelt.

Man kann der Schwedischen Akademie diesmal jedenfalls nicht vorwerfen, den Preis nach politischer Opportunität verliehen zu haben. Sie haben damit Wert und Legitimität dieser zweifelhaften alljährlichen Veranstaltung zur Zementierung kultureller Hegemonie erhöht, was nicht wirklich zu begrüßen ist. Vor allem Handkes von der gängigen Jugoslawienkriegs-Nacherzählung abweichende Deutung der Tragödie am Balkan sorgt immer wieder für Entrüstung unter den Wächtern über die historische Wahrheit. Die Entscheidung des Nobelkomitees rief nun die intellektuellen Kreuzritter und ihre journalistischen Nachbeter neuerlich in Scharen auf den Plan.

In Deutschland sorgte eine glückliche Fügung dafür, dass sich ihnen mit Saša Stanišić ein paar Tage später ein frischgebackener Deutscher-Buchpreis-Träger als authentischer Kronzeuge serbischer Kriegsverbrechen anschloss. Seine Tiraden müssen hier nicht wiedergegeben werden, es war nichts dabei, das nicht schon vor ihm andere gesagt hätten.

Wichtiger scheint die Frage, was jene zu den Anschuldigungen sagen, die die Entscheidung der Schwedischen Akademie für Handke begrüßen.

»Was für ein Tag. Ein ‚geglückter‘ Tag«, jubelt etwa der österreichische Bundespräsident Alexander Van der Bellen, und der Kärntner Landeshauptmann Peter Kaiser (Handke wuchs im österreichischen Bundesland Kärnten auf) würdigt »das zweite historische Ereignis am 10. Oktober für ganz Kärnten« in Anspielung an die in Kärnten zum deutschnationalen Mythos erhobene Volksabstimmung von 1920. Etliche österreichische Spitzenpolitiker, vom Bundeskanzler abwärts, äußerten sich in anerkennender Weise. Auf der symbolischen Ebene ist man nach wie vor offenbar bis ins grüne Milieu hinein in gewisser Weise patriotisch. »Es sind Menschen wie Peter Handke, denen wir in Österreich zu danken haben«, so die designierte grüne Nationalratsabgeordnete Eva Blimlinger, die es sich freilich nicht nehmen ließ gleichzeitig in typischer Manier darauf zu verweisen, dass Handke »nicht mehr an dem Fetten was Österreich ist« würge, es aber für ihn immer noch kein Wohlbefinden hier gebe.

In verständliche Sprache übersetzt bedeutet dieser Kode, dass Österreich ein kaum erträgliches Land voller primitiver Nazis sei. Antiösterreichische Haltungen gehören im Milieu »progressiver« österreichischer Intellektueller zum guten Ton. Die Adressaten verstehen die kryptische Botschaft des negativen Nationalismus, dem sie anhängen.

Auch namhafte Schriftsteller gratulierten Handke. »Großartig! Er wäre auf jeden Fall schon vor mir dran gewesen«, meint eine bescheidene Elfriede Jelinek. Maja Haderlap, Bachmannpreisträgerin und Angehörige der slowenischen Minderheit in Kärnten, für deren Belange Peter Handke immer wieder Partei ergriff und deren historische Erfahrungen er literarisch verarbeitete (so in »Immer noch Sturm«), hob seine Sensibilität für das Randständige hervor.

Den Lobeshymnen der Spitzenpolitiker jeglicher Couleur (von der FPÖ abgesehen, die sich meines Wissens nach zu keiner Würdigung durchringen konnte) und den anerkennenden Worten wohlwollender Autoren-Kollegen sowie diverser Intellektueller ist eines gemeinsam. Sie alle schweigen sich entweder über die Vorwürfe aus, die gegen Handke erhoben werden, oder aber trennen zwischen guter Literatur und abzulehnender politischer Haltung.

Weniger wohlwollenden Tunichtguten, wie Handke sie gerne nennt, ist diese Trennung zuwider. Er habe den »Ausführenden eines Genozids Beistand« geleistet und durch seinen Besuch beim Begräbnis von Slobodan Milošević einem Kriegsverbrecher und Massenmörder gehuldigt, lautet für gewöhnlich die Anklage. Nun sollte einleuchten, dass – die Richigkeit dieses Standpunktes vorausgesetzt – es tatsächlich einigermaßen erstaunlich wäre, einem Autor mit Sympathie für Massenmord oder gar Genozid den prestigeträchtigsten Literaturpreis auf Erden zu verleihen. Alle Rechtfertigungen, es werde Literatur und nicht politische Gesinnung ausgezeichnet, liefen in diesem Fall ins Leere.

Ohnehin hört es sich schnell mit der viel gepriesenen Freiheit der Kunst auf, rührt diese an einem wirklichen Tabu.[1] Es liegt deshalb nahe anzunehmen, dass jene Autoren und Intellektuellen (bei Politikern liegen die Dinge anders), die die Vorwürfe an Handke stillschweigend übergehen, die einseitige Zuweisung der Kriegsschuld an die serbischen Verantwortungsträger zumindest nicht in jener Eindeutigkeit teilen, wie es das Meinungsreglement vorgibt.

Womit sich die Frage stellt, warum keiner jener namhaften Schriftsteller und Intellektuellen, die Handke nicht wegen seiner politischen Haltungen rügen, ihn gegen die losgelassene Herde journalistischer Rechthaber in Schutz nimmt. Wo sind die Interviews und Stellungnahmen jener, die sich vom Disziplinierungseifer der Presse zumindest ausdrücklich abgrenzen?

Der Autor selbst ist ob seiner nachvollziehbaren Geringschätzung gegenüber den Lohnschreibern der großen Medienhäuser einerseits zwar in gewisser Weise Kult, andererseits setzen ihm deren Übergriffe aber auch sichtlich zu. »Ich steh vor meinem Gartentor, und da sind 50 Journalisten – und alle fragen nur wie Sie, und von keinem Menschen, der zu mir kommt, höre ich, dass er sagt, dass er irgendetwas von mir gelesen hat, dass er weiß, was ich geschrieben hab«, so Handke Dienstagabend bei einem Empfang in seinem Heimatort Griffen.

Was Handke zu spüren bekommt, ist das Meinungsdiktat jener, die nichts zu wissen brauchen, um immer Recht zu behalten. Journalisten besorgen mehrheitlich dieses Geschäft. Ihr Meinungsgebäude steht fest verankert auf einem unerschütterlichen Boden von Vorurteilen. Auch im Bereich von Wissenschaft und Kunst geht es in erster Linie um die richtigen Haltungen und Überzeugungen, kaum ums Suchen, Deuten, Verstehen, Sehen. Weicht einer vom vorgegebenen Pfad ab, ist er des Teufels und wird mit Ächtung überzogen.

Offenbar haben wir es mit einem intellektuellen Klima zu tun, in dem (noch) ungeschriebene Gesetze[2] vorgeben, entweder den richtigen Standpunkt zu vertreten oder zu schweigen. In Bezug auf den Jugoslawienkrieg wird es bereits als ein Affront gegen die Zumutbarkeit empfunden, wenn äquidistant auf die Kriegsbeteiligung aller ethnisch-national aufgetretenen Konfliktparteien verwiesen wird. Auch diesbezüglich sollte schleunigst der Klimanotstand ausgerufen werden.


[1] Es ist allerdings so, dass uns unsere eigenen Tabus meist als etwas derart Selbstverständliches erscheinen, dass wir einen Bruch derselben kaum als einen Akt der Freiheit begreifen. Das soll keinesfalls als Aufruf zu Tabubrüchen missverstanden werden. Etliche Tabus machen das Zusammenleben erst einigermaßen erträglich.
[2] Zur Reglementierung von Meinung siehe: Hofbauer, Hannes (2011). Verordnete Wahrheit, bestrafte Gesinnung. Rechtsprechung als politisches Instrument. Promedia, Wien.

Anmelden