istock.com/esinesra
Aufgelesen | 30.10.2019 (editiert am 01.11.2019)

Eine Woche im Leben der Hyperglobalisierung

Hinter den täglichen News aus der Welt der Wirtschaft steckt ein Muster: Das globale Kapital treibt die Menschen vor sich her.

Zunächst zu den Wirtschafts-News der letzten sieben Tage:

* Der Immobilienberater WuestPartner meldet, dass jedes Jahr 17,2 Prozent aller Haushalte der Stadt Zürich das Wohnquartier wechseln. 51 Prozent der neu gebildeten Haushalte waren 2018 Single-Haushalte. Jede zehnte neu vermietete Wohnung in Zürich ist eine Zweitresidenz. Wegen des hohen Anlagebedarfs werden mehr Wohnungen gebaut als neu gemietet oder gekauft werden. Noch nie wurden so viele alte Wohnungen abgerissen und durch neue ersetzt.

* In Zürich wird das bisher grösste Hotel gebaut. Die 447 Zimmer und Suiten sollen „Businessnomaden» nächtigen, wie ein Werbebanner am Bauzaun verkündet. Am Bauzaun prangt der Slogan: «Die Generation Unterwegs hat ein neues Zuhause.» Wie der TagesAnzeiger auch noch meldet, soll das nötige Geld von einem internationalen Konsortium stammen. Bauherr ist die Corestate, die ein Vermögen von 26 Milliarden Euro verwaltet.

* Das Fernsehen SRF meldet, dass Microsoft in Zürich in Zusammenarbeit mit der ETH ein neues Forschungslabor eröffnet hat. Zürich werde damit erst recht zu einem Ökosystem mit Forschungseinrichtungen, Start-ups und etablierten Unternehmen, heisst es in der Pressemitteilung.

* Die Telefongesellschaft Sunrise will nun den Konkurrenten UPC doch nicht aufkaufen, obwohl dies laut TagesAnzeiger der «industriellen Logik» entsprochen hätte. Allerdings soll Liberty Global, der Hauptaktionär von UPC, dem «Freenet-Konzern» angeboten haben, ihm dessen 25%-Aktienpaket an Sunrise abzukaufen.

* Unter dem Titel „Dummes Geld belohnt Grössenwahn“ berichtet der TagesAnzeiger über Adam Neumann, den Gründer von Wework. Das Unternehmen baut und vermietet Büros für Arbeitsnomaden und wurde am Kapitalmarkt zeitweise mit 47 Milliarden Dollar bewertet. Inzwischen haben 2000 Mitarbeiter ihre Stelle und die japanische Softbank mehr als 10 Milliarden Dollar verloren. Neumann hingegen soll sich 1,7 Milliarden in die eigenen Taschen gesteckt hat.

* Und dann war da noch die Tragödie von Grays, wo man in einem  Kühlwagen die Leichen von 39 illegalen Immigranten aus China und Vietnam gefunden hat. Schleuserbanden sollen ihnen pro Kopf bis zu 30.000 Pfund abgenommen haben. Gemäß Recherchen des Fernsehens SRF sollen in China-Restaurants in der Schweiz illegale Arbeiter aus China wie Sklaven gehalten werden.

Hinter diesen Meldungen steckt ein Muster: Das globale Kapital treibt die Menschen vor sich her. Um das Muster zu erkennen, müssen wir ein wenig zurückblenden: In einer Welt, in der die Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital nicht oder nur innerhalb der nationalen Grenzen mobil sind, geht die Arbeit zu den Menschen. Sie wird dort geleistet, wo die Menschen ihre Bedürfnisse haben. Dasselbe gilt für das Kapital. Es wir dort eingesetzt, um die nationalen Bedürfnisse zu decken. Der Staat ist für die kollektiven Bedürfnisse zuständig. Das erlaubt es ihm, die nationale Wirtschaft zu steuern.

Wenn Arbeit und Kapital global mobil werden, dient das erst einmal der Effizienz: Kapital und Arbeit werden weltweit dort eingesetzt, wo sie den grössten Nutzen bringen. Dazu braucht es aber auch einen globalen Kapitalmarkt, der diesen Nutzen erkennt. Und das braucht Personalabteilungen, die in der Lage sind, die weltweit besten „humanen Ressourcen“ anzulocken.

Doch diese Effizienz hat ihren Preis: In der globalisieren Wirtschaft geht die Arbeit nicht mehr zu den Menschen, sondern diese müssen dahin gehen, wo die Arbeit ist. Und das wiederum bestimmt das globale Kapital.

Das hat unter anderem zur Folge, dass sich die hochproduktive Arbeit immer mehr in den „globalen Hotspots“ wie Zürich, München, dem Silicon Valley etc. konzentriert, während Randgebiete und auch ganze Länder nicht einmal mehr für die eigene Nachfrage arbeiten können. Fast alles, was sie brauchen, kann billiger importiert werden. Und was doch noch vor Ort hergestellt werden muss, reicht nicht mehr, um eine wirtschaftliche Entwicklung in Gang zu setzen.

Den einigermaßen gebildeten Leuten bleibt nur noch die Möglichkeit, auszuwandern, notfalls mit Hilfe von Schleppern. Die andern müssen darauf hoffen, oder (mit Steuersenkungen, tiefen Löhnen und dem Abbau von Arbeitnehmerrechten) darauf hinarbeiten, dass das globale Kapital ein Quäntchen seiner Produktionskapazitäten in ihre Region verlagert.

Mobile Arbeitskräfte auf einem Weltmarkt mit Wohlstandunterschieden von 20 zu 1 bedeuten auch, dass das renditesuchende Kapital schon fast gezwungen ist, dort zu produzieren, wo die Arbeit am billigsten ist, um dann die Produkte in den Gebieten mit hoher Kaufkraft abzusetzen.

Dank der billigen Arbeit der vielen können die Multis ihre wenigen Manager und Spezialisten gut bezahlen und auch die Geldgeber reichlich bedienen. Typischerweise verteilen die Multis gut 60 Prozent ihrer Wertschöpfung an das reichste Fünftel der Haushalte, beziehungsweise ihrer Arbeitnehmer und Aktionäre.

Dieses reichste Fünftel wiederum kann, bei allem Luxuskonsum, einen großen Teil des Einkommens sparen. Und es will diese Ersparnisse – mit Hilfe der globalen Finanzindustrie – gewinnbringend anlegen.

Das gelingt am besten, wenn man dem reichsten Fünftel Immobilien verkauft. Auf diesem Markt gibt es keinen Kostenwettbewerb, sondern der Erlös hängt allein davon ab, welchem Einkommenssegment man die Immobilie verkaufen kann. Dies wiederum gelingt umso besser, je exklusiver die Lage und je luxuriöser die Ausstattung. Das gilt für Wohnräume genau so wie für Büros oder Verkaufsflächen. Auch wenn man zu diesem Zweck öfter mal auch relativ neue Häuser abreißen und durch luxuriöse Bauten ersetzen muss, sind in dieser Branche Renditen von 5 Prozent die Regel. Die Wertsteigerung kommt noch dazu. Wer – wie Neumann – ein ganz grosses Rad dreht, kann mit Immobilien auch schnell mal zum Milliardär werden. Das „dumme Geld“ will offenbar betrogen werden.

Doch um diese Geschäfte zu realisieren, muss man erst einmal die Mittelschicht aus den guten Lagen an den Stadtrand oder in die Provinz vertreiben. Die Gentrifizierung ist längst zu einem weltweiten Phänomen geworden.  Die Gesellschaft wird umgepflügt. Siehe etwa die 17,2 Prozent jährlichen Umzüge in Zürich, die zunehmenden Pendlerströme, oder die Strassensperren der Gilets Jaunes in Frankreich.

Schnelles Geld kann das globale Kapital auch mit der Fusion oder der Aufspaltung von Firmen machen. Dazu muss man den Erfolg nicht abwarten, es reicht, wenn man die Börse, etwa mit dem Hinweis auf die „industrielle Logik“ dazu bringt, die entsprechenden Titel höher zu bewerten. Die Schwarmintelligenz des „dummen Geldes“ lässt sich leicht manipulieren. Auch der Abbau von Personal oder die – vielleicht bloss angedrohte – Verlagerung der Produktion werden von der Börse gerne mit steigenden Kursen belohnt.

Und immer wenn umgebaut und verlagert wird, braucht die „Generation Unterwegs“ wieder mal ein neues Zuhause, treibt das globale Kapital die Menschen vor sich her.

Vielleicht ist die Kombination von mobiler Arbeit und hypermobilem Kapital doch keine so gute Idee. Sicher ist bloß, dass sie Sachzwänge schafft, denen wir uns auch deshalb schwer entziehen können, weil der Wahnsinn inzwischen schon zur neuen Normalität geworden ist.

Anmelden