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Moderne Wirtschaftssysteme | 16.10.2019 (editiert am 06.11.2019)

Kevin, lass uns über Sozialismus reden! – 1

Innovation, Kapitalverwertung und Finanzsystem sind Komponenten aller modernen Wirtschaftssysteme. Auch für eine sozialistische Moderne wären sie essentielle Voraussetzungen.

„Modernität ist das ständige Erzeugen von Anderssein.“ [1]

Die Modernität „moderner Gesellschaften“ beruht darauf, dass sie sich permanent verändern, sich durch fortlaufende Innovationen und Modernisierungen erhalten und nur so erhalten können. Stabilität ist nicht gegeben, sondern muss durch Evolution immer wieder hergestellt werden – wie übrigens auch in der biologischen Evolution.

Kulturelle Evolution ist die Variation und Selektion von Artefakten, sprich Produktionsmitteln, Produkten, Konsumgütern, Infrastruktur, Kunst; von Verfahren, also wie Technologie, Kommunikation, Wissenschaftsmethoden; und von Regeln, also symbolisch organisierter Kommunikation, Organisationen und Institutionen.

Kulturelle Evolution ist Ausgangspunkt und bleibende Grundlage der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft. Die sozioökonomische Evolution, um die es im Folgenden gehen soll, also die Entwicklung von Produktionsweisen, ist aber immer eingebettet in einen gesellschaftlichen sowie politischen und staatlichen Kontext. Es gibt keine entbettete Wirtschaft.

Drei Komponenten sind die bis heute fortbestehende Grundlage sozioökonomischer Evolution: (a) Zirkulation von Werkzeugen im Kooperationsverband, später in der Gesellschaft. (b) Über die Sprache werden Verfahren fixiert und weitergegeben und im Kooperationsverband koordiniert. Und (c) wird durch die kognitiven Grundlagen und später durch symbolische Kommunikationsmedien und Institutionen eine gemeinsame Intentionalität hergestellt und reproduziert.

Dieser Prozess der sozioökonomischen Evolution verläuft deutlich schneller als die biologische Evolution. Neue biologische Arten entstehen in Millionen von Jahren. Die erste Phase der sozioökonomischen Evolution, nämlich die Kooperation in Kleingruppen, dauerte noch 400.000 Jahre. Die zweite, die Kooperation in Stammesverbänden, etwa 100.000 Jahre. Die dritte Phase, die mit der neolithischen Revolution begann und die Entwicklung vorindustrieller Agrargesellschaften umfasste, dauerte etwa 10.000 Jahre.

Hier hat die Kooperation einen gemeinsam genutzten Gesellschaftskörper1 zur Grundlage, die kulturelle Evolution erfolgt primär vermittelt über die Evolution des Gesellschaftskörpers. Er besteht aus dem genutzten Naturbereich, der Infrastruktur und den gemeinsam zu nutzenden Produktionsmitteln und den funktional implementierten Arbeitstätigkeiten der Individuen, die immer auch fremdbestimmte Arbeit in einem Gesellschaftskörper sind.[2]

Die Moderne begann in der industriellen Revolution vor etwa 250 Jahren und führte zu einer enormen Beschleunigung der sozioökonomischen Entwicklung. Die Weltbevölkerung und das Weltprodukt explodierten, aber auch Ungleichheit, Ausbeutung und Risiken. Der Gesellschaftskörper ist auch hier die Grundlage der sozialökonomischen und kulturellen Evolution, jetzt in der Gestalt von Industrie, industrieller und lebensweltlicher Infrastruktur.

Moderne Gesellschaften generieren permanent Veränderungen, Modernisierung folgt auf Modernisierung. Stabilität ist nicht einfach gegeben, sie muss durch fortschreitende Entwicklung laufend hergestellt und wieder aufgelöst werden. Stabilität gibt es nur, wenn die im Reproduktionsprozess immer wieder entstehenden Dysfunktionalitäten und Krisen durch Innovationen der Produktionsmittel, Verfahren und Produkte, der Kommunikationen und der Institutionen überwunden und auf Zeit gelöst werden.

Nun ergeben sich zwei Fragen. Erstens, was ist der Grund der beschleunigten sozioökonomischen Entwicklung moderner Gesellschaften? Wie funktioniert sozioökonomische Entwicklung in der Moderne und wodurch unterscheidet sie sich von den langsamen Evolutionsprozessen vormoderner bzw. vorindustrieller Produktionsweisen?

Zweitens, wodurch unterscheidet sich sozioökonomische Entwicklung in den verschiedenen Phasen der kapitalistischen Moderne und einer denkbaren sozialistischen Moderne? Anders gefragt: Wovon hängen Entwicklungsrichtungen ab? Permanente und zyklisch verlaufende Entwicklung enthält die Möglichkeit von Fortschritt, hat aber zugleich durchaus ambivalente Folgen, wenn man an Ausbeutung, das hohe Bevölkerungswachstum und die ökologischen Krisen denkt.

Diese Fragen münden in Überlegungen zum Thema einer „gelenkten Marktwirtschaft“ und den Weg Chinas seit 1978.

Wie generieren moderne Wirtschaftssysteme Entwicklung?

Dazu sind einige Namen wichtig. Karl Marx, der als erster das Wirtschaftssystem als Entwicklungszusammenhang beschrieben hat. Joseph Schumpeter, der dargestellt hat, wie ein Kapitalverwertungssystem Innovationen generiert und sich dadurch zyklisch selbst verändert. John Maynard Keynes, der die zentralen makroökonomischen Rückkopplungen von Lohn, Investitionen, Sparen und Krediten analysierte, wie Schumpeter modernes Kreditgeld verstand und das erste moderne Weltwährungssystem konzipierte. Und Piero Sraffa, der dargestellt hat, wodurch objektive Reproduktionspreise in einem Wirtschaftssystem bestimmt sind.

Startpunkt all dessen ist die Industrielle Revolution in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert. Hier kamen zwei Punkte zusammen. Erstens, das schon vorher im Handelskapital entstandene Verfahren der Kapitalverwertung wurde mit einem neu entstehenden Produktivkrafttyp verbunden, den ich „Industrielle Naturprozesse“[3] nenne. Zweitens entstand das Produktionsverhältnis von Lohnarbeit und Kapital durch die Trennung der Arbeit von den Produktionsmitteln, die freie Lohnarbeit.

Beides zusammen führte zur Fabrik und zu Industrie, die im 19. Jahrhundert zum Motor der wirtschaftlichen Entwicklung wurde und im 20. Jahrhundert anstelle der Landwirtschaft zum nach Wertschöpfung größten Wirtschaftssektor.

Die vorindustriellen agrarischen Produktionsweisen arbeiten mit einem Produktivkraftsystem, das auf vorgefundenen und modifizierten Naturprozessen beruht: Ökosystemen, Boden, Gewässern, Wetter, Tieren und Pflanzen. Es wird durch menschliche Eingriffe – Bodenbearbeitung, Bewässerung, Pflanzen- und Tierzucht – manipuliert und umgestaltet, aber der ganzheitliche Zusammenhang mit der Natur und dem Erdsystem muss immer erhalten bleiben. Ohne Boden und Wetter keine Ernte. Alle Entwicklung setzt die Erhaltung dieses ganzheitlichen Zusammenhangs voraus und ist dadurch begrenzt. Die Arbeiter sind an die Scholle gebunden, Ausbeutung setzt persönliche Abhängigkeit, Knechtschaft voraus. Freie Lohnarbeit gibt es, aber nur außerhalb der Agrarwirtschaft.

Ganz anders industrielle Naturprozesse. Sie entstehen durch Isolation und Rekombination einzelner Naturprozesse – mechanischer, chemischer, elektrischer, atomarer. Dadurch entstehen Verfahren und Produkte, die es so in der Natur gar nicht gibt: Werkzeugmaschinen, Dampfmaschinen, später Elektromotoren und elektrotechnische Netze, moderne Metallurgie und Chemie, Massenproduktion in mehr oder weniger automatisierten Fabriken, Atomkraftwerke, Datennetze bis zu Raumstationen auf dem Mond.

Wichtig in diesem Zusammenhang ist ein neuer Innovationstyp. Anders als vorindustrielle Agrarsysteme können industrielle Naturprozesse nicht allein erfahrungsbasiert entwickelt werden. Die ihnen zugrunde liegenden Prinzipien sind nur durch natur- und technikwissenschaftliche Forschung zu verstehen. Eine von der Produktion gesonderte Forschung und Entwicklung war nötig, um Fabriken, moderne Metallurgie, Chemie und so weiter entstehen zu lassen.

Industrielle Naturprozesse und der wissenschaftlich-technische Innovationstyp, die Trennung der Forschung und Entwicklung von der unmittelbaren Produktion und deren systematische Rekombination zu industriellen Unternehmen sind die Grundlage, das Produktivkraftsystem aller modernen Wirtschaftssysteme. Dieser Zusammenhang durchlief bis in die Gegenwart verschiedene Stufen, aber der Ausgangspunkt war die industrielle Revolution. Dieses Produktivkraftsystem erklärt die Möglichkeit von Entwicklung: Es können fortlaufend neue Produkte und Verfahren entstehen, man ist nicht mehr gebunden an den ganzheitlichen Zusammenhang der Agrarsysteme und deren Kopplung an Ökosysteme.

Um die Wirklichkeit moderner Entwicklung zu verstehen ist die andere Komponente wichtig, das Prinzip der Kapitalverwertung. Kapitalverwertung ist ein Verfahren, das laufend den Wert des produzierten Produkts mit dem der verbrauchten Produktionsbedingungen vergleicht, und zwar im Unternehmen und im volkswirtschaftlichen Gesamtzusammenhang, vermittelt über Märkte. Ist der Wert des produzierten Produkts gleich dem der verbrauchten Ressourcen, ist Reproduktion gegeben. Nötig ist allerdings ein Überschuss – doch dazu später.

Kapitalverwertung ermöglicht festzustellen, ob ein wirtschaftlicher Prozess die Reproduktion der verbrauchten Ressourcen im Systemzusammenhang sicherstellt oder nicht. Es ermöglicht, Innovationen hinsichtlich ihres Beitrags zur Reproduktion des Wirtschaftssystems zu selektieren – sind sie wirtschaftlich oder nicht? Das setzt ein System objektiver Reproduktionspreise voraus, wie es durch Sraffa (1969) dargestellt wurde.

Die zwei Phasen der Selektion

Die Selektion von Innovationen geschieht zunächst betriebswirtschaftlich im einzelnen Unternehmen, aber auch auf volkswirtschaftlicher Ebene. Drei Kapitalkreisläufe sichern Reproduktion, indem sie laufend den Wert des produzierten Produkts mit dem der verbrauchten Produktionsbedingungen vergleichen: Der Kreislauf des Sachkapitals, der Kreislauf der Lohnarbeit (des Humankapitals) und der Kreislauf des Grund- und Bodens. Heute könnte man auch vom Kreislauf des Ökokapitals reden, weil es nicht mehr nur um Boden, sondern um Naturressourcen überhaupt geht.

Allerdings ist es keine Planungsbehörde, die diese Kreisläufe kontrolliert, sondern das Finanzsystem – eingeschlossen die in diese Kreisläufe eingebetteten Märkte und Institutionen, die Löhne, Investitionen und (bislang kaum) die Nutzung von Naturressourcen regulieren. Jeder dieser drei Kreisläufe reguliert die Reproduktion und Erhaltung einer dieser Ressourcen: des Kapitalstocks, der Arbeit, der genutzten Natur.

Wie stellt Schumpeter nun wirtschaftliche Entwicklung dar? Entscheidend ist der Zusammenhang von Industrie- und Finanzsystem im Kapitalverwertungsverfahren. Schumpeter geht aus vom Zustand stabiler Reproduktion. Das heißt, alle verbrauchten Produktionsbedingungen werden reproduziert und alle Produkte werden abgesetzt und verbraucht. Die Einkommen entsprechen genau dem Wert der produzierten Produkte.

Dies ist ein entwicklungsloser Zustand, in dem niemand etwas Neues anfangen kann, denn alle Ressourcen sind gebunden. Die gängige Vorstellung, Entwicklung käme durch Sparen oder Akkumulation zustande, ist falsch. Akkumulation ist die Folge, nicht die Ursache von Entwicklung, wie schon Marx sehr wohl wusste.[4] Sparen würde zu einer regressiven Dynamik führen, wie Keynes gezeigt hat. Trotzdem ist es wichtig, um Dynamik zu begrenzen. Wenn aber Sparen Dynamik begrenzt, wie entsteht sie dann?

Schumpeter stellt es so dar. Wenn ein potenzieller Unternehmer etwas Neues machen, eine Innovation, ein neues Produkt oder Verfahren implementieren will, muss er dem gegebenen Wirtschaftssystem Ressourcen entziehen und diese neuen Verwendungen zuführen. Dies geschieht durch das Zusammenwirken von Finanzsystem und Industriesystem. Eine Bank als eine zur Geldschöpfung befähigte Organisation vergibt nach Prüfung (erste Phase der Selektion) einen Kredit, der zusätzliche Nachfrage erzeugt, denn er wird durch Geldschöpfung, zusätzliches Geld, finanziert.

Nun wächst die Nachfrage über das gegebene Angebot hinaus. Dadurch steigt die Auslastung des gegebenen Wirtschaftssystems und es werden zusätzliche Ressourcen erzeugt. (Deshalb gibt es keine Inflation, wenn die Geldschöpfung im Rahmen des Potenzials bleibt.) Besteht der Nachfrageüberhang längere Zeit, werden Kapazitäten erweitert. Nehmen viele Unternehmen Kredite auf, um Innovationen und Investitionen zu finanzieren, entsteht ein Boom, das Wirtschaftssystem expandiert, es werden zusätzliche Arbeitskräfte benötigt, die Löhne steigen. Innovative Unternehmen bekommen durch die Kredite die Ressourcen, die sie benötigen, um die neue Produktion aufzubauen. Zugleich aber werden diese in gewissem Maße den alten schon bestehenden Unternehmen teilweise entzogen, weil die Preise für zusätzlich nachgefragte Ressourcen leicht steigen.

Nach einer gewissen Zeit   nehmen die neuen Unternehmen nun ihre Produktion auf und werfen die neuen Produkte auf den Markt. Jetzt haben sie Einnahmen und beginnen, ihre Kredite zurückzuzahlen. Nun verändert sich die wirtschaftliche Lage nochmals. Die neuen Produkte setzen sich durch, einige vielleicht auch nicht. Die erfolgreichen verdrängen bestimmte alte Produkte. Einige neue Unternehmen steigen auf, einige neue wie auch alte gehen Pleite und verschwinden.

Das ist die zweite Phase der Selektion. Die Nachfrage sinkt oder steigt zumindest langsamer, weil mehr Kredite zurückgezahlt als neu aufgenommen werden, die Geldmenge schrumpft, es kommt zu einer rezessiven Lage, die eine Krise werden kann, wenn automatische Stabilisatoren und Staat den Nachfrageausfall nicht durch zusätzliche Nachfrage kompensieren.

Vereinfacht gesagt: Wirtschaftliche Entwicklung funktioniert, weil in einer Phase kreditfinanzierte Innovationen durchgesetzt werden und in einer zweiten Phase selektiert wird, welche alten Produkte überflüssig werden, welche Zweige schrumpfen, welche Innovationen verbreitet und rekombiniert werden und welche wieder verschwinden.

Das Finanzsystem, das Kredite vergibt, aber auch Tilgungen und Zins erzwingt, ermöglicht Neues, erzwingt aber zugleich Selektion, indem alle wirtschaftlich nicht oder auf der neuen Stufe nicht mehr tragfähigen Produkte und Verfahren negativ selektiert werden und tragfähige Entwicklungen sich verbreiten. Es ist das Finanzsystem, das die Möglichkeit wirtschaftlicher Entwicklung zur Wirklichkeit werden lässt. Zumindest, wenn es seiner Funktion entsprechend funktioniert und die Spekulation nicht dominant wird.

Das Wirtschaftssystem wächst und schrumpft dabei, es verändert sich. Es kehrt nicht zu dem alten Zustand zurück, wie die neoliberalen Gleichgewichtsvorstellungen suggerieren, sondern es erreicht einen qualitativ neuen, anderen Zustand. Es schreitet fort.

Damit haben wir die drei Komponenten aller modernen Wirtschaftssysteme zusammen: (a) Industrielle Naturprozesse und den dazu gehörigen wissenschaftlich-technischen Innovationstyp, (b) das Kapitalverwertungsverfahren (betrieblich und volkswirtschaftlich) und (c) das Finanzsystem. Diese Elemente sind universell, also auch in einer sozialistischen Moderne essentielle Voraussetzungen wirtschaftlicher Entwicklung.

Exkurs zur Differenz vormoderner und moderner Dynamik

In allen menschlichen Produktionsweisen gibt es Evolution durch Variation, Selektion und Neukombination von Inventionen zu Innovationen. Aber nur in modernen Gesellschaften folgt daraus eine anhaltende und vergleichsweise schnelle Veränderung, eine hohe Dynamik. Vormoderne Gesellschaften verändern sich oft über lange Zeit gar nicht, obwohl auch sie Variationen selektieren. Das liegt daran, dass in ihnen die Erhaltungsselektion dominiert. Tradition, Herkunft und Bewahrung der sozialen Schichtung sind die entscheidenden Selektionskriterien und -verfahren.

Variationen werden nach der Regel selektiert, Abweichungen vom Gegebenen – den in Tradition und Symbolen (sprachlichen, dabei oft religiösen, „heiligen“ Vorschriften und Riten) fixierten Standards – auszusondern. Für Agrargesellschaften ist das rational, denn die Erhaltung des ganzheitlichen Zusammenhangs zu einem natürlichen Ökosystem ist die Produktionsgrundlage und darf eben nicht zerstört werden. Verändernde Innovationen mit dem Risiko, das Produktionssystem zu untergraben, schließt man besser aus.

Kurz: Evolution gab es auch in vormodernen Gesellschaften, aber sie war auf die Erhaltung des Gegebenen und die negative Selektion von Veränderung orientiert.

Allerdings gab es Ausnahmen. Die Konkurrenz um Boden und Weideflächen, vorher um Jagdreviere, machte Verteidigung nötig. Andererseits lohnten die Vorräte von Agrargemeinden auch den Angriff, der gegebenenfalls auch zur Eroberung neuer Jagd-, Sammel-, Acker- oder Weideflächen führte. Der Kriegszustand in entwickelten Agrargesellschaften bei für damalige Verhältnisse hoher Bevölkerungsdichte war allgemein. Alle diese Gesellschaften waren in militärisch strukturierten Staaten organisiert und unterhielten Militär und ein umfangreiches Handwerk, das auf Rüstung spezialisiert war.

Daneben war auch ein spezialisiertes Kultur- und Kunsthandwerk erforderlich, um die Symbolik und die Riten zu bedienen, die für die kulturelle Integration der Staaten benötigt wurde. Der Druck der militärischen Auseinandersetzung und die Notwendigkeit, die verschiedenen Völker, Clans, Familien, Stände in den militärisch organisierten Staaten zusammenzuhalten, generiert eine eigene Innovationsdynamik in der Produktion von Waffen, Kunst, Bauten für Religion und Staat. Während sich die Agrarproduktion kaum veränderte, blühten Waffen- und Kunsthandwerk und es wurden immer bombastischere Bauten als Symbole von Macht und Größe entwickelt.

In den Hochkulturen gibt es daher eine gespaltene Entwicklung: keine oder nur geringe Dynamik in der Entwicklung der grundlegenden agrarischen Produktion, aber eine höhere Innovationsdynamik in Handwerk, Militär und Kunst. Dort entstanden auch die ersten Innovationswerkstätten, man denke an Leonardo da Vinci. Hier bestand Selektionsdruck: Wer bessere Waffen und eindrucksvollere Symbole hatte, konnte die Bevölkerung besser zusammenhalten und die eigene Kultur besser verteidigen oder ausweiten.

In vormodernen Wirtschaftssystemen kommt der Antrieb zur Innovation von Umständen, die nicht durch das Wirtschaftssystem selbst erzeugt werden. Im Unterschied dazu besteht in modernen Wirtschaftssystemen eine aus sich selbst heraus erzeugte Dynamik. Sie haben eine eingebaute „Evolutionsmaschine“.

100 Jahre verspätet: China

An dieser Stelle ein kurzer Blick auf die Geschichte. China war bis ins 18. Jahrhundert das Land mit der am weitesten ausdifferenzierten und entfalteten Kultur auf den Grundlagen vormoderner Gesellschaft. Es gab effektive agrarische Produktionsweisen (plural), erfahrungsbasiert, die primär Subsistenzwirtschaften waren, aber genügend Überschüsse für Staat, Verwaltung, Militär, Kunst und Kultur generierten. Und es gab die in der Weltgeschichte wohl am höchsten entwickelte Handwerkskultur, Bauwesen oder Kunst. Das Geldwesen auf der Basis von Staatspapiergeld war hochentwickelt, auch Verwaltung und Bildung funktionierten, die Gesellschaft war in wohlgeordnete Beziehungen und Regeln aufgebaut.

Dies alles war über einen langen Zeitraum in einem vormodernen Evolutionsmodus entstanden, also ohne Kapitalverwertungsverfahren. Im Zentrum dieser Evolution stand Stabilität, Erhaltung der sozialen Schichten, Funktionalität. Die Erhaltungsselektion dominierte. Der Konfuzianismus dürfte eine dazu passende Geisteshaltung darstellen. Es war vielleicht grade der Erfolg und die Stabilität der chinesischen Kultur, die zunächst keinen Raum und keine Notwendigkeit für eine kapitalistische Industrie ließen.

Der Übergang zur Moderne erfolgte durch die Verbindung von bereits vorhandenem vorindustriellem Handwerk und ebenfalls vorhandener Kapitalverwertung in Geldwirtschaft und Fernhandel – und zwar in Europa. Die wichtigsten Etappen waren das Kaufmannskapital und die doppelte Buchführung in Venedig, die präindustrielle Entwicklung in den Niederlanden und dann die industrielle Revolution in England, später dann Frankreich, Deutschland und den USA.

Die entstehende englische Industriegesellschaft war im Vergleich mit dem damaligen China kulturell weit weniger ausdifferenziert und entfaltet. Aber die im 18. und 19. Jahrhundert entstehende neue industrielle Produktionsweise generierte erstmals in der Weltgeschichte eine endogene Dynamik wirtschaftlicher Entwicklung. Selektion bedeutet jetzt, neue Produkte und Verfahren über Märkte zu verbreiten und alte aus dem Markt zu drängen. Das ist das Gegenteil von Stabilität durch Erhaltung der sozialen Schichten. Die Selektion nach Gewinn entscheidet nun, was sich durchsetzt, was bleibt und was verschwinden muss. Jahr für Jahr und Zyklus für Zyklus revolutionierten neue Verfahren und Produkte diese Gesellschaften, eingeschlossen das Militärwesen, die Forschung und Entwicklung, das Wissen.

Weil China bis ins 19. Jahrhundert in einem vorkapitalistischen Evolutionsmodus blieb und die entscheidende institutionelle Veränderung, die Geburt des Kapitalismus, nicht mitvollzog – oder erst mit Verspätung und unter Fremdherrschaft – kam es trotz kultureller Überlegenheit ins Hintertreffen, zurückgeworfen auch durch Kolonialismus und Kriege. Erst 100 Jahre verspätet öffnete sich das Land und etablierte ein modernes Wirtschaftssystem. Es dauerte dann nur 40 Jahre, bis die Dynamik dieser besonderen Kapitalverwertungswirtschaft kombiniert mit der chinesischen Kultur Anschluss an die Moderne fand und inzwischen vorn dabei ist.

Diese Artikelserie beruht auf einem Vortrag des Autors, den er im Oktober gehalten hat. Der zweite Teil geht näher auf die Kapitalverwertungswirtschaft und die 5 Phasen kapitalistischer Entwicklung ein.


[1] Luhmann, Niklas (1992): Beobachtungen der Moderne. Opladen: Westdeutscher Verlag: 15
[2] vgl. Land, Rainer (2019a): Ökokapital. Bedingungen der Möglichkeit eines neuen Regimes wirtschaftlicher Entwicklung. Ein sys-temtheoretischer Bauplan. Studie. Düsseldorf: FGW: 187
[3] in Anlehnung an Marx, Karl (1857/1858, 1983): Einleitung zu den „Grundrissen der Kritik der politischen Ökonomie“. In MEW: Marx Engels Werke. Marx, Karl; Engels, Friedrich: Werke. Dietz Verlag Berlin 1956 bis 1990. Berlin: Karl Dietz Verlag. Bd. 42.: 601
[4] Bei Marx ist die relative Mehrwertproduktion die Ursache wirtschaftlicher Entwicklung, auf deren Basis Akkumulation funktioniert (vgl. den Zusammenhang von Kapitel 10, 13 und 21 in Marx 1867. Leider reden auch viele „Marxisten“ vom Akkumulationstrieb (vgl. Quante u.a. 2016: 184) und sehen in der Akkumulation den dominanten Antrieb kapitalistischer Wirtschaftsentwicklung. Das Wachstumsdenken dominiert die Entwicklungstheorie. Sie haben Marx falsch verstanden und Schumpeter nicht gelesen.

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