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Moderne Wirtschaftssysteme | 23.10.2019 (editiert am 06.11.2019)

Kevin, lass uns über Sozialismus reden! – 2

Selektieren Märkte Entwicklungsrichtungen? Ein Irrtum. Die gesellschaftliche Einbettung der Märkte entscheidet, welche Innovationen und Investitionen rentabel erscheinen – und welche Richtungen ein Kapitalverwertungssystem ansteuert.

Kapitalismus wird gerne mit Kapitalverwertung gleichgesetzt. Doch diese Gleichsetzung ist irreführend. Kapitalverwertung ist ein Selektionsverfahren, das laufend den Wert des produzierten Produkts mit dem Wert der verbrauchten Produktionsbedingungen vergleicht. Wirtschaft erscheint dadurch als Verwertung von Wert.

Kapitalismus ist dagegen eine Sozialstruktur, eine Klassengesellschaft, deren Kern das Produktionsverhältnis der doppelt freien Lohnarbeiter – die vom Eigentum an den Produktionsbedingungen ausgeschlossen sind – zu den privaten Kapitaleignern darstellt. Dabei meint Kapitaleigentum immer Eigentum an Kapital als prozessierendem Wert.

Eigentum an prozessierendem Wert setzt das Kapitalverwertungsverfahren voraus. Kapitalismus und Kapitalverwertung haben sich in der industriellen Revolution historisch verbunden und durchgesetzt.

Allerdings ging das Verfahren der Kapitalverwertung dem Kapitalismus historisch voraus. Kapitalverwertung war das Verfahren, mit dem das Geldkapital die Realwirtschaft – damals das Handwerk – eroberte, sich untergeordnet und diese revolutioniert hatte. Aus dem Handwerksbetrieb wurde das Verlagssystem, dann die Manufaktur und schließlich die Fabrik. So wurde die erste moderne Produktionsweise geschaffen – verbunden mit der Entstehung der Lohnarbeiterklasse. Aber diese historische Verbindung begründet keine logische Identität.

Oft kursiert die Vorstellung, das schon das Verfahren der Kapitalverwertung notwendig ganz bestimmte Selektionsrichtungen der wirtschaftlichen Entwicklung generieren würde: alles dreht sich um Profit, die Unterordnung der Lohnarbeit unter die Fabriksysteme, das Leben reduziert sich auf die Reproduktion der Arbeitskraft. Dementsprechend gestalten sich Arbeitsverhältnisse, Fabrikorganisation, Konsumstrukturen, Wohnverhältnisse und Verkehrssysteme. Oder eben auch die Ausbeutung von Naturressourcen ohne Rücksicht auf kommende Generationen.

Doch die Selektionsrichtungen des Kapitalverwertungssystems hängt nicht vom Verfahren, sondern der gesellschaftlichen Einbettung der Kapitalverwertung ab. Also (a) von der Sozialstruktur, (b) den politischen Machtverhältnissen, den Organisationen und Institutionen und (c) der staatlichen Steuerung von Reproduktion und Investitionen.

Richtig ist, dass das Kapitalverwertungsverfahren rentable beziehungsweise produktive Innovationen positiv selektiert. Im Prinzip setzen sich nur Entwicklungsrichtungen durch, die Aufrechterhaltung und Neuschaffung gewährleisten, also solche, die im Mittel mehr einbringen als sie gekostet haben, ergo Gewinn erzielen.

Alles eine Frage der Einbettung

Aber welche Innovationen als produktiv, rentabel und gewinnbringend erscheinen, hängt von der gesellschaftlichen Einbettung ab. Kapitalverwertung für sich ist neutral. Ob aus Gewinn privat angeeigneter Profit wird, hängt nicht vom Verfahren, sondern der Sozialstruktur ab, in dem es wirkt.

In einer Gesellschaft, in der privater Profit von der Ausbeutung der Lohnarbeit abhängt, werden Innovationen begünstigt, die den Wert der Arbeitskraft senken, den Mehrwert steigern und die Abhängigkeit der Arbeitskräfte vom Kapital erhöhen. Die Nachfrage der Lohnarbeiter nach Ressourcen zur Aufrechterhaltung der Arbeitskraft, die Nachfrage der Kapitaleigner nach Anlagegütern und die der Parvenüs nach Luxuskonsumtion bestimmt die Preise – und damit, welche Produktionen und welche Innovationen rentabel sind und welche nicht.

Schon der Teilhabekapitalismus mit seiner Kopplung der Löhne an die Produktivität führt zu einer ganz anderen Konsum- und Investitionsstruktur und zu anderen Entwicklungsrichtungen. Denn hier ist wachsender Konsum der Lohnarbeiter profitabel für das System und damit auch für die Unternehmen insgesamt.

Und – ein entscheidender Punkt – natürlich entscheiden Machtverhältnisse, ob der Staat Rüstung und Krieg oder Sozialsysteme oder ökologischen Umbau über seine Ausgaben und Kreditlenkung finanziert, womit Unternehmen also Geld verdienen können und womit nicht. Der Staat beeinflusst die Nachfrage und damit die Selektionsrichtungen, die in diesem oder jenem Fall als effektiv erscheinen oder eben nicht.

In einer Gesellschaft, in der das private Kapitaleigentum wirtschaftlich, gesellschaftlich und politisch dominiert, bestimmen Finanzrenditen – und zwar nicht nur die Innovationen in privaten Unternehmen, sondern auch die gesellschaftlichen Institutionen und die staatlichen Ausgaben – in hohem Maße. Dann selektiert Kapitalverwertung andere Entwicklungsrichtungen als in einem durch Klassenkampf und Klassenkompromiss veränderten Teilhabekapitalismus (1938 bzw. 1948 bis ca. 1972), in dem die Lohnarbeiter durch steigende Löhne erheblichen Einfluss auf die Selektionsrichtungen wirtschaftlicher Entwicklung hatten.

In einer sozialistischen Gesellschaft mit anderen Nachfrage- und Machstrukturen würden andere Selektionsrichtungen entstehen, also auch andere Entwicklungsrichtungen generiert.

Zur Veranschaulichung lassen sich 5 Phasen der kapitalistischen Entwicklung umfassen, die alle auf Privatkapital und privaten Profit gründeten, aber im Detail durchaus verschiedene Entwicklungsrichtungen hatten. Diese ergeben sich aus den unterschiedlichen Einbettungen, veränderten Sozialstrukturen, Institutionen und den darauf beruhenden Rückkopplungen der verschiedenen Regime wirtschaftlicher Entwicklung.



Oben die fünf bisherigen kapitalistischen Regime wirtschaftlicher Entwicklung. Es folgen unten China und spekulativ zwei weitere denkbare, aber offene Möglichkeiten.



Zunächst einige Bemerkungen zur gesellschaftlichen Einbettung der Kapitalverwertung und dem Teilhabekapitalismus. Es gibt den von Rudolf Hilferding entwickelten Begriff des organisierten Kapitalismus, der sicher einige Aspekte richtig beschreibt, etwa das Gesellschafts- und Finanzkapital. Für die Periode von 1938 bis in die 1970er Jahre lässt sich aber darüber hinausgehend von einer gelenkten Kapitalverwertungswirtschaft sprechen. Das ist eine spezielle Art der Einbettung.

Formen der Einbettung

Zunächst setzt jede Kapitalverwertungswirtschaft einen rechtlichen Rahmen voraus. Dazu gehört das Eigentums- und Vertragsrecht. Diese Einbettung ist die wissenschaftliche Domäne des Ordoliberalismus. Walter Eucken nennt weitere Bereiche, in denen ein staatlich gesetzter Rahmen für Märkte, Kapitalverwertung und Wettbewerb erforderlich sind: Geld, Sozialpolitik, Einkommensverteilung, Arbeitsmärkte, Monopole und Umwelt.

Die Notwendigkeit eines Rechtsrahmens ist allgemein anerkannt, auch von neoliberalen Ökonomen. Allerdings gehen die Meinungen auseinander, welche Bereiche geregelt werden sollen und wie weit.

Die zweite Form ist die gesellschaftliche oder organisatorische Einbettung, deren Grundlage die Sozialstruktur ist, also die objektive Gliederung in Klassen und Schichten mit differentem Eigentum, unterschiedlichen Einkommensarten und -niveaus und unterschiedlicher Macht. Allerdings geht es bei der Einbettung nicht um Klassen und Schichten an sich, sondern um die organisierte Gestalt, also die Interessen, die sich in formellen oder informellen Bewegungen und Verbänden organisieren, so Interessen artikulieren und versuchen, sie politisch und kulturell durchzusetzen.

Hilferdings „organisierter Kapitalismus“ bezieht sich auf gesellschaftliche Organisationen, die untereinander Regeln vereinbaren und auf diese Weise Märkte und Kapitalverwertung beeinflussen. Im deutschen System sind hier Verbände wichtig. Das wichtigste Beispiel ist die Regulierung von Löhnen, Arbeitszeit und Arbeitsbedingungen durch Arbeitnehmer- und Arbeitgeberorganisationen. Heute spielen auch zivilgesellschaftliche Organisationen eine zunehmend wichtige Rolle: Verbraucher-, Umwelt-, Tierschutz- und viele andere Organisationen, die formell oder informell bestimmte Teile des Kapitalverwertungsprozesses beeinflussen oder sogar regulieren.

Die dritte Form sind direkte staatliche Interventionen in Form von Geldpolitik, Wechselkursinterventionen, Fiskalpolitik, Industriepolitik, Kreditlenkung und staatlichen Investitionsprogrammen. Staatliche Interventionen können auch Eingriffe in die Lohnfindung sein. Mehrere europäische Länder, darunter Belgien und Österreich, hatten Gesetze, die vorsahen, dass der Staat in die Tarifabschlüsse eingreifen kann, wenn diese in bestimmtem Maße von den deutschen abweichen. Damit schützen sich kleine Volkswirtschaften vor Handelsbilanzungleichgewichten, die Folge von größeren Lohnstückkostendivergenzen sein können. Geld- und Fiskalpolitik haben nicht nur Einfluss auf den Verlauf der Konjunktur. Insbesondere staatliche Ausgaben, Investitionsprogramme oder Innovationsförderung beeinflussen die Entwicklungsrichtungen der Produktivkräfte, des Konsums und der Infrastruktur.

Die vierte Form ist die sogenannte kulturelle Einbettung. Dazu gehören bestimmte kommunikativ verbreitete und verstärkte Vorstellungen darüber, was die Gesellschaft tun sollte, was effektiv ist, was zukünftig geschehen sollte. Diese Vorstellungen werden nicht zuletzt über die Medien verstärkt und von der Politik genutzt. Ein Beispiel ist die Rolle des Autos als Statussymbol in den 1960er und 1970er Jahren. Oder die Vorstellung, das Atomkraft eine sichere, effiziente und zukunftsträchtige Technologie sei. Oder der Digitalisierungshype der Gegenwart.

Diese Vorstellungen sind natürlich nicht unbedingt richtig oder falsch. Es ist nur nicht so, dass Entwicklungsrichtungen ausschließlich durch Marktpreise und Renditen bestimmt werden, sondern eben auch durch kulturelle Kommunikation. Dabei können sich Entwicklungen zuweilen stark von einer kapitalwirtschaftlichen Effizienz entfernen. So etwa bei den Kosten der Atomkraftwerke, die sich nachträglich als viel höher herausstellten. Aber in den 1960er Jahren war es Hightech, wie heute die Digitalisierung, Robotik und künstliche Intelligenz.

Und natürlich beeinflusst dies auch die kapitalwirtschaftliche Rendite. Wenn alle glauben, dass eine bestimmte Entwicklung effizient und zukunftsträchtig ist und in diese Entwicklung investieren, dann sind auch die Renditen erst einmal hoch. Später kann sich das bewahrheiten, aber auch herausstellen, dass die Folgekosten viel höher sind als die Gewinne.

Die kulturelle Einbettung beeinflusst die Renditen und die Kapitalverwertung. Heute glauben viele Akteure, das Werbung wirtschaftlich effizient ist, weil einige damit viel Geld verdienen können. Aber das Geld lässt sich nur verdienen, weil so viele Unternehmen daran glauben und daher viel Geld dafür ausgeben – manchmal ein Drittel der laufenden Kosten. Ein volkswirtschaftlicher Unsinn, weil ein Nullsummenspiel.

Gelenkte oder ungelenkte Marktwirtschaft

Einbettung gibt es in unterschiedlichen Formen in jedem modernen Wirtschaftssystem, auch im heutigen Finanzmarktkapitalismus, der kommunikativ gegen Staatsinterventionen, Regulierungen und für freie Märkte argumentiert. Sieht man genauer hin, kann man feststellen, dass es auch bei neoliberaler „Deregulierung“ um bestimmte Regeln geht, die man beseitigen will und andere, die man für notwendig hält: zuungunsten der Arbeitnehmer, zugunsten der Reichen und Mächtigen.

Bei der Einbettung muss man in drei Aspekte unterschieden: Erstens, über welche Strukturen ist Wirtschaft eingebettet (Sozialstruktur, gesellschaftliche Organisationen und Verbände, Staat, kulturelle Codes). Zweitens welche Inhalte werden durch Einbettung reguliert (etwa Lohnfindung, technologische Entwicklungsrichtungen, Einkommensumverteilung, Umwelttrends) und drittens welcher Modus der Einbettung dominiert: Gelenkte oder ungelenkte Marktwirtschaft.

In einer ungelenkten Marktwirtschaft ergeben sich Entwicklungsrichtungen als Resultante der Interessenkämpfe und Machtverhältnisse der verschiedenen Klassen und Schichten beziehungsweise der daraus gebildeten organisierten Interessengruppen. Sie sind abhängig von wechselnden Kräftekonstellationen und können sich durch Kämpfe verändern. Auch chaotische und divergente Trends sind möglich, besonders in Umbruchskonstellationen.

Von einer gelenkten Kapitalverwertungswirtschaft kann geredet werden, wenn durch verschiedene Einbettungen die Entwicklung des Wirtschaftssystems intendiert und kollektiv gesteuert in bestimmte Richtungen gelenkt wird oder werden soll. Das setzt einen Grundkonsens, einen Klassenkompromiss und ein kooperatives Arrangement der wichtigsten Interessengruppen und die Einbindung des größeren Teils der Bevölkerung voraus.

Es kann sein, dass dies den Ausschluss und die Marginalisierung bestimmter Gruppen einschließt. Aber zwischen allen relevanten Gruppen muss ein Kompromiss und ein Verfahrensarrangement bestehen, insbesondere zwischen Kapital und Arbeit, zwischen Industrie- und Finanzkapital und mit der politischen Klasse und wichtigen Teilen der Intelligenzia. Nur dann kann Lenkung funktionieren.

Das sicher profundeste Beispiel einer gelenkten Marktwirtschaft ist der Teilhabekapitalismus von 1936 beziehungsweise 1938 in den USA und 1948 in Deutschland, Europa, Japan und später in den asiatischen „Tigerstaaten“. Sie alle waren gelenkte Kapitalverwertungswirtschaften.

New Deal

Ausgangspunkt war der New Deal der Roosevelt-Präsidentschaft. Durch Eingriff in die Löhne, Arbeitsbeschaffungs- und Investitionsprogramme sollte die seit der Weltwirtschaftskrise anhaltende schwere Depression überwunden werden. Widerstand gab es 1936 bei der massiven Finanzierung von staatlichen Investitionen mit Krediten. Die Republikaner und auch Teile der demokratischen Partei waren gegen eine wachsende Staatsverschuldung, insbesondere Finanzminister Henry Morgenthau, obwohl Keynes damals dringend zu höheren Investitionen, finanziert durch Deficit Spending, geraten hatte.

Richtig in Gang kam der New Deal daher erst, als Großbritannien, von Hitler-Deutschland bedroht, um Hilfe bat, weil man sonst den Krieg verlieren würde. Die USA legten schon Jahre vor ihrem Kriegseintritt das bis dahin größte Rüstungsprogramm auf und lieferte auch Lebensmittel und Investitionsgüter über den großen Teich. Als es um Sieg oder Niederlage im zweiten Weltkrieg ging, waren wachsende Staatschulden kein Hindernis mehr – der New Deal funktionierte. Die Beschäftigung stieg, viele Soldaten wurden gebraucht, Frauen übernahmen deren Arbeitsplätze und es geschah ein Wunder: ein Konsumwunder!

Denn die Konsumausgaben wuchsen noch schneller als die Rüstung. Amerika hat den Krieg nicht mit „Gürtel enger schnallen“ gewonnen, die wirtschaftliche Dynamik der USA – von der Großbritannien und viele andere Länder, auch die Sowjetunion, profitierten – basierte auf der Rückkopplung steigender Löhne, steigender Massenproduktion, Massenkonsum und den daraus folgenden Produktivitätseffekten der „economy of scale“.

Dies war der Auftakt für die über 30jährige Erfolgsgeschichte eines Regimes wirtschaftlicher Entwicklung, den sogenannten Teilhabekapitalismus. Denn er beruhte auf der proportionalen Beteiligung der Masseneinkommen der Arbeiterklasse an den Produktivitätseffekten und generierte daraus wirtschaftliche Dynamik und Kapitalverwertung.

Wichtig in diesem Zusammenhang ist, dass die amerikanische Regierung genau verstanden hat, dass nach Kriegsende die Gefahr besteht, in eine Depression zurückzufallen, wenn das Niveau der Staatsausgaben dramatisch zurückgehen, die Soldaten entlassen, Arbeitslosigkeit wachsen und Einkommen sinken würden. Man war sehr klug und hat dies verhindert – und zwar mit dem großen Wiederaufbauprogramm und amerikanischen Krediten.

Weltweit investierten die USA, natürlich nicht uneigennützig, aber durchaus nicht mit einer bornierten Profitperspektive. Es ging um die Stabilisierung des Weltwirtschaftssystems nach der schweren Depression und dem Krieg, enorm wichtig angesichts des beginnenden Kalten Kriegs. Yanis Varoufakis, ein Marxist, hat eindrucksvoll beschrieben, wie die USA ihre eigene wirtschaftliche Prosperität sicherten, indem sie die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland, Europa und Japan und darüber hinaus in Gang brachten und das Weltwirtschaftssystem stabilisierten. Das Gegenteil einer „Beggar-thy-Neighbor“-Politik.

Dies war eine gelenkte Kapitalverwertungswirtschaft und sie bleib es auch nach dem Kriegsende. Die bis in die 1960er Jahren reichende Erfolgsgeschichte zeigt, was man mit einer gelenkten Kapitalverwertungswirtschaft erreichen kann. Produktivitäts- und BIP-Wachstum waren deutlich höher als in der Zeit der vermeintlich freien Märkte im Finanzmarktkapitalismus.

Welche Instrumente sind für Lenkung relevant?

Eine zentrale Rolle hierfür spielte die Lohnfindung, vor allem Mindestlöhne sollten ein weiteres Sinken des Lohnniveaus in der Depression verhindern. Später waren staatliche Interventionen in die Lohnfindung nicht mehr nötig, die Kopplung der Löhne an die Produktivität war ein Selbstläufer und die gesellschaftliche Einbettung, sprich Gewerkschaften und Unternehmen, waren selbst an steigenden Löhnen interessiert. Bekannt sind die entsprechenden Prinzipien von Henry Ford.

Eine weitere wichtige Komponente war das Währungssystem von Bretton Woods, das für stabile, aber anpassbare Wechselkurse sorgte und eindeutig den realwirtschaftlichen Entwicklungen diente, während Finanzspekulationen, insbesondere mit Währungen, stark begrenzt waren. Das Finanzsystem diente der realwirtschaftlichen Entwicklung, nicht umgekehrt, wie heute.

Im Bereich der staatlichen Investitions- und Innovationspolitik spielten vor allem Sicherheits- und militärische Interessen eine Rolle. Technologieförderung war wichtig. Nicht zu unterschätzen ist beispielsweise das Weltraumprogramm, speziell Apollo. Dadurch wurden ganz bestimmte Entwicklungsrichtungen erst „rentabel“.

Ein zentraler Punkt ist auch die Kreditlenkung. Sie spielte in den USA bis in die 1960er Jahre eine bedeutende Rolle. Auch das japanische Nachkriegswunder ist zu nennen. Die Kombination von Technologielenkung (durch das MITI) und Kreditlenkung durch die japanische Zentralbank bestimmte die hohe Dynamik und die Richtungen der wirtschaftlichen Entwicklung. Natürlich war auch die japanische Lohnentwicklung gelenkt, vor allem gesellschaftlich, weniger staatlich. Das „Wunder“ funktionierte bis in die 1980er Jahre. Dann gab man Kredit- und Technologielenkung auf Druck neoliberaler amerikanischer Politik auf und Japan fiel in die längste Depression der Nachkriegsgeschichte, die bis heute nicht ganz überwunden ist.

Schließlich ist die Konsumideologie als Beispiel für eine kulturelle Einbettung zu nennen. Der amerikanische „Way of life“ wurde legendär und hat sich über die ganze Welt verbreitet. Selbstverständlich leiten auch diese kulturellen Vorstellungswelten wirtschaftliche Entwicklung in bestimmte Richtungen, denn sie bestimmen Präferenzen der Verbraucher, Orientierungen der Unternehmer und Erwartungen der Kapitalanleger.

Es ist ein Irrtum, dass Märkte und Kapitalverwertung für sich bestimmte Entwicklungsrichtungen selektieren. Vielmehr ist es umgekehrt: die Einbettung entscheidet, welche Innovationen und Investitionen auf Märkten rentabel erscheinen und welche Richtungen ein Kapitalverwertungssystem ansteuert. In einer gelenkten Marktwirtschaft wird versucht, über die oben gennannten Instrumente – Lohnfindung, Technologiepolitik, Kreditlenkung, kulturelle Kommunikation – das Wirtschaftssystem bewusst in bestimmte Richtungen zu steuern. Dies setzt einen gesellschaftlichen Konsens, politisch und kulturell, einen Interessenausgleich voraus, einen Klassenkompromiss.

Der Markt entscheidet gar nichts

Jedes moderne Wirtschaftssystem ist sozial, politisch und rechtlich eingebettet, aber nur einige kann man als gelenkte Kapitalverwertungswirtschaften bezeichnen. Auch in einem nicht gelenkten Wirtschaftssystem werden die Entwicklungsrichtungen durch die Einbettung bestimmt, aber nicht auf Grund eines politischen oder gar demokratischen Entscheidungsprozesses, sondern durch die Sozialstruktur und die dominanten Interessen.

Interessengruppen und die Machtverteilung sind entscheidend dafür, welche Trends sich durchsetzen. Der Kampf verschiedener Interessengruppen und deren Kräfteverhältnisse entscheiden, nicht der Grundkonsens und das Arrangement der Interessengruppen. Das Gemeinwohl wird hier oft zur Beute der Interessenkämpfe, weil es keinen Akteur gibt, der stark genug ist, es durchzusetzen. Das Geschehen wird stark beeinflusst durch Medien und kulturelle Codes, die ja auch von bestimmten Interessengruppen dominiert oder gar beherrscht werden. Marktprozesse vermitteln dies, generieren aber für sich genommen keine bestimmten Richtungen. Der Markt entscheidet gar nichts.

Der Teilhabekapitalismus als gelenkte Marktwirtschaft ging in den 1970er Jahren zu Ende, als der ihn tragende Klassenkompromiss und der darauf basierende Interessenausgleich nicht mehr funktionierten. Dabei spielten auch die beginnende ökologische Krise, vor allem die Ölkrisen, eine Rolle. Sie verschlechterten die Bedingungen der Kapitalverwertung und setzten Unternehmen und Kapitaleigner unter Druck, aber über steigende Energiepreise auch die Arbeiter und die Bevölkerungsmehrheit. Angesichts der Verwertungskrise kündigten relevante Teile der herrschenden Klasse den Klassenkompromiss auf und versuchten, ihre Verwertungsbedingungen zu Lasten der Lohnarbeiter zu verbessern.

Repräsentiert wird dieser Ansatz ideologisch durch den Neoliberalismus, politisch durch Magret Thatcher und Ronald Reagan. Damit war aber die sozialökonomische Grundlage für eine gelenkte Kapitalverwertungswirtschaft zerstört, die Instrumente der Lenkung erodierten, wurden funktionslos oder beseitigt.

Das Ergebnis einer seit den 1980er und 1990er Jahren weitgehend ungelenkten Entwicklung, die von den Machtspielen verschiedener Fraktionen des globalen Kapitals abhängt und daher nicht intendiert gestaltet werden kann, führte in den gegenwärtigen Finanzmarktkapitalismus. Die Deregulierungsvorstellungen der mächtigsten Interessengruppen setzen sich gegen andere und die Bevölkerungsmehrheit durch. Strategien der Marginalisierung und Unterdrückung verdrängen Kompromisse und Interessenausgleich. Gleichzeitig gewinnen dagegen stehende radikalisierte Protestbewegungen und militante Organisationen, national wir global.

Diese Artikelserie beruht auf einem Vortrag des Autors, den er im Oktober gehalten hat. 

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