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Modern Money Monopoly | 22.10.2019 (editiert am 24.10.2019)

Über die Spielregeln des Wirtschaftskreislaufs

Bei „Monopoly“ kann die Bank unendlich Geld „drucken“, die Spieler verschulden sich, und der Staat schießt jede Runde 200 Mark dazu. Was aber, wenn jeder jede Runde 200 Mark zahlen müsste und beim Besitz von Bahnhöfen negative Renditen erleidet?

Auch wenn „Monopoly“ aus Amerika kommt, ist es längst zum deutschen Spiele-Klassiker geworden. Und der geht so: Im Idealfall vier Spieler kaufen und verkaufen Straßen, bauen Häuser und Hotels und zahlen sich gegenseitig Mieten, die vom Preis der Straße und der Anzahl von Immobilien abhängt. Das Geld zirkuliert also schön im „privaten Sektor“ beziehungsweise bei den Haushalten. Irgendwann kommt es allerdings dazu, dass Spieler kein Geld mehr haben und keine Zahlungen mehr leisten können. Es bleibt Ihnen nur noch, Straßen zu verkaufen, was in der realen Welt als „fire sales“ bezeichnet wird. Damit aber berauben sie sich zukünftiger Einkommensquellen, die entstehende Ungleichheit bringt das Spiel zum Ende – dann nämlich, wenn nur noch ein Spieler über Geld verfügt.

Angewandte Geldtheorie

Wo kommt aber eigentlich das Geld her? Ein bisschen an Grundkapital wird quasi vererbt, indem die Zentralbank das Geld einfach „druckt“ und ins Spiel bringt. Während des Spiels sorgen dann Ereigniskarten und Gemeinschaftskarten für Transaktionen mit dem Staat, und natürlich das Ziehen über Los. In der modernen Version von Monopoly bekommen die Spieler dafür jedes Mal 200 Mark.

In der realen Welt bekommen die „Spieler“ ihre Einkünfte aus Kapitalbesitz, auch von Staatsanleihen, die entsprechen verzinst sind. Dieser Aspekt fehlt aber bei Monopoly. Wenn wir gedanklich die vier Bahnhöfe auf dem Spielfeld durch Staatsanleihen ersetzen, bei denen der Spieler einen Zins kassiert, wenn er darauf zieht, dann haben wir eine durchaus realistische Ökonomie.

Zusätzlich können noch Hypotheken aufgenommen werden, Geld, das aber irgendwann wieder zurückgezahlt werden muss. Geschieht dies, bringen die belasteten Immobilien keine Mieten mehr ein. Dies ist freilich eine unrealistische Spielregel, denn in der realen Welt lassen sich natürlich auch auf Pump erworbene Häuser und Wohnungen vermieten.

Der Staat greift über zwei Wege in das Spiel ein. Erstens erzeugt er staatliches Geld, zweitens garantiert er die Eigentumsrechte. Dazu schießt der Staat an zwei Stellen Geld in das Spiel. Erstens, wie gesagt, beim Ziehen über Los. Zweitens – als gedankliches Äquivalent zu den Einnahmen durch den Besitz der Bahnhöfe – über die Auszahlung der Zinsen auf Staatsanleihen. Nehmen wir an, dass der Staat mit 100.000 Mark verschuldet ist, dann kommt pro Zinspunkt auf den Spieler ein Einkommen von 1.000 Mark. Derart mit Einkommen versorgt, wird das Spiele einige Runden hin und herwiegen, bis sich eine Siegerin oder ein Sieger herauskristallisiert.

Neoliberale Wirtschaftspolitik

Was aber würde passieren, wenn die Spielregeln von Monopoly auf den Kopf gestellt würden? Wenn der Staat einen Haushaltsüberschuss erzielt und die Staatsanleihen negative Renditen aufweisen? Auf die Spielregeln übertragen: Wenn den Spielern, die über Los ziehen, 200 Mark von ihrem Vermögen abgezogen werden?

Ein Überschuss des Staates ist natürlich ein Defizit der Haushalte, denn die zahlen ja die Steuern. Zusätzlich müssen die Spieler eine gewisse Summe an Währungseinheiten zahlen, wenn sie auf einen Bahnhof ziehen. Auch dort werden Zahlungen an den Staat dazu führen, dass die privaten Vermögen schrumpfen.

Schrumpfende Vermögen bei den Haushalten werden im Modern Money Monopoly nicht ohne Folgen bleiben. Die Haushalte werden größere Probleme haben, Zahlungen leisten zu können und demzufolge früher zahlungsunfähig sein als in der ursprünglichen Variante des Monopoly. Da das Geld ziemlich schnell ziemlich knapp und es so schon nach ein paar Runden zu ersten Bankrotten kommen wird, würde das Spiel schnell keinen Spaß mehr machen.

Progressive Wirtschaftspolitik

Wenn wir uns eine progressive Wirtschaftspolitik denken, in der alle Spaß haben sollen, dann müssen wir uns über die Spielziele im Klaren sein. Statt reiner Profitmaximierung sollte beispielsweise auch das Gemeinwohl berücksichtigt werden. Denn im „Spiel des Lebens“ sollte jede und jeder mitspielen können, nicht nur die mit den großen Vermögen.

Einiges spricht beispielsweise dafür, Vermögen zu besteuern, entweder regelmäßig (über Los kommen) oder durch Ereigniskarten. Über Gemeinschaftskarten könnten einkommensschwache Spieler gestützt werden. Zudem könnten auch die Mieten mit einem Mietendeckel begrenzt werden.

Die Rolle der Fiskalpolitik – der Staatsausgaben und Steuern – sollte es sein, allen Haushalten das Sparen zu ermöglichen. Bei vier Spielern geht dies nicht auf, wenn der Staat einen Überschuss erzielt. Mindestens ein Spieler muss ein Defizit haben, wahrscheinlich sind es sogar zwei oder drei. Um es allen Spielern zu ermöglichen, Sparer zu werden, muss der Staat umschwenken auf ein Defizit.

Ob der Staat seine Staatsanleihen dann positiv verzinst oder nicht, hängt von Überlegungen ab, die außerhalb des Spiels liegen. Nur wenn der Zins der Staatsanleihen einen Einfluss auf die Kreditnachfrage der Spieler hätte, würde ein positiver Zins hier eine wichtige Rolle spielen.

Wirtschaftspolitik und Rezession

Wenn eine Regierung mit einer schwarzen Null jedes Jahr den Haushalten mehr Geld über Steuern entzieht, als sie den Haushalten über Staatsausgaben in den Geldbeutel überweist, dann wird das private Vermögen geringer wachsen als es sonst der Fall wäre. Wenn zudem auch noch die Staatsanleihen negativ verzinst sind, dann nimmt der Staat seinen Bürgern noch mehr Einkommen weg. Das wird Auswirkungen haben auf den Wirtschaftskreislauf. Schon 2018 waren laut Handelsblatt fast 7 Millionen Deutsche überschuldet. Seit fünf Jahren steigen die Zahlen an.

Wie bei Monopoly kann auch der deutsche Staat einfach über „seine“ Bank, die Deutsche Bundesbank, Geld ins Spiel bringen, das nichts kostet. Damit kann er Einkommen und Beschäftigung schaffen und somit Arbeitslosigkeit beseitigen.

Auch wenn durch die Schuldenbremse sowie den Stabilitäts- und Wachstumspakt Grenzen existieren, hat die Bundesregierung doch noch einigen Spielraum. Wenn sie jetzt – bereits Mitten in der Rezession – weiter zögert, wird der Spielraum geringer sein. Irgendwann wird sie gezwungen sein, eine Austeritätspolitik der Ausgabenkürzungen durchzuführen. Das würde die Figuren vieler Spieler vom Brett fegen. Ein solches Ergebnis gilt es dringend zu vermeiden.

Doch während bei Monopoly „Neues Spiel, neues Glück“ gilt, kennt die Realität kein Spielende, aber sehr wohl viele Verlierer.

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