Genial daneben | 11.10.2019 (editiert am 17.10.2019)

WEF: World Economic Fuss

Es gibt ja wenige Dinge im Bereich der Wirtschaft, wo es wirklich etwas zu lachen gibt. Die große Ausnahme ist das WEF, offiziell World Economic Forum genannt, das aber mit World Economic Fuss  („fuss“ bedeutet „aufgeregte Geschäftigkeit“ oder „Gedöns“) viel besser beschrieben wäre.

Gerade haben die globalen Aufschneider ihren berühmten World Competitiveness Report herausgebracht. Der wurde breit in allen Medien zitiert (im gleichen Modus wie fast alle anderen die FAZ), aber praktisch nie (Ausnahme hier) kritisch auseinandergenommen. In Deutschland hat man sich tief besorgt gezeigt, weil das Land von Platz 3 auf Platz 7 abgerutscht ist. Besonders typisch auch die Tagesschau der ARD, die bei solchen Themen traditionell „staatstragend“ und damit unkritisch ist.

Das ist kennzeichnend für neunzig Prozent unserer Medienberichterstattung. Bei den Themen, die ihnen ideologisch in den Kram passen, fassen sie niemals nach. Aber bei den Themen (wie Ungleichheit), die ihnen ideologisch verdächtig vorkommen, sind sie durchaus in der Lage, Gegenargumente in die Welt zu setzen beziehungsweise Mietschreiber- oder Mäuler zu aktivieren, die alles wieder ins „rechte Licht“ rücken.

Was ist ein Sammelindikator?

Der Wettbewerbsfähigkeitsindikator des WEF ist schon allgemein ein Witz, weil darin – wie bei fast allen dieser Sammelindikatoren – möglichst viele Indikatoren aufaddiert werden, ganz gleich, ob sie inhaltlich etwas miteinander zu tun haben oder nicht. Mit anderen Worten, man fragt nicht, ob ein Indikator die Ursache oder Folge eines anderen ist, oder ob ein Indikator Teil eines anderen umfassenderen Indikators ist.

Konkret heißt das – und das ist in der Tat das wichtigste Beispiel –, dass sie viele Indikatoren benutzen, die sich bei einem systematischen Vorgehen am Ende zur gesamtwirtschaftlich gemessenen Produktivität addieren lassen. Diese Indikatoren werden aber in der Regel neben der Produktivität mit einem eigenen Gewicht benutzt, was von vorneherein eine gravierende Fehlmessung bedeutet. Zudem werden bei diesen Indikatoren die monetären Beziehungen zwischen den Ländern, die Währungsrelationen zwischen den Ländern also, ausgeblendet, was sie grundsätzlich sinnlos macht.

Was ist Wettbewerbsfähigkeit?

Wirklich toll und lustig aber ist, auf welcher definitorischen Basis das WEF vorgibt, seine „Analyse“ zu erstellen. Es stellt sich selbst die Frage, was „Wettbewerbsfähigkeit“ ist und beantwortet sie wie folgt:

What is economic competitiveness? The World Economic Forum, which has been measuring countries‘ competitiveness since 1979, defines it as: “the set of institutions, policies and factors that determine the level of productivity of a country.“ Other definitions exist, but all generally include the word “productivity“. (Wettbewerbsfähigkeit ist ein Zusammenspiel von Institutionen, Politik und anderen Faktoren, die das Niveau der Produktivität in einem Land bestimmen. Es gibt andere Definitionen, aber sie enthalten alle das Wort „Produktivität“.)

Wettbewerbsfähigkeit ist also Produktivität. Das ist genau die Konfusion, die große Teile der Diskussion im Euroraum kennzeichnet. Man kann natürlich die Begriffe benutzen, wie man will, aber das schafft noch keine Berechtigung, die Begriffe so zu benutzen, dass sie offensichtlich unscharf, ja unsinnig werden.

Wettbewerbsfähigkeit hat offensichtlich etwas mit einem Vergleich zu tun, nämlich der Fähigkeit, in einem Wettbewerb mit anderen zu bestehen. Bei Produktivität ist das nicht der Fall. Nach dem üblichen (sinnvollen) Sprachgebrauch können alle Länder der Welt ihre Produktivität erhöhen (also ihr Einkommen erhöhen), aber nicht alle können ihre Wettbewerbsfähigkeit erhöhen, weil Wettbewerbsfähigkeit (sinnvollerweise) als ein relatives Konzept angesehen wird.

„Überall ist Produktivität drin“

Wie groß die Konfusion der Mitarbeiter des WEF ist, zeigt aber vor allem der letzte Satz. Weil alle anderen Definitionen „das Wort Produktivität“ enthalten, fühlt man sich auf der sicheren Seite. Natürlich, auch das von uns vorwiegend verwendete Konzept der Wettbewerbsfähigkeit eines Landes, der reale effektive Wechselkurs auf der Basis von Lohnstückkosten, enthält die Produktivität. Die Produktivität wird in diesem Konzept aber gerade relativiert durch die Löhne und durch die Veränderung des Wechselkurses.

Produktivität ist in einem sinnvollen Begriffssystem eben gerade nicht Wettbewerbsfähigkeit, weil es für die Wettbewerbsfähigkeit darauf ankommt, wie ein Land die Produktivität verwendet und wie eine etwaige Differenz der Abweichungen der Lohnzuwächse von den Produktivitätszuwächsen (also Differenzen bei den Lohnstückkosten und den Inflationsraten) durch Wechselkursänderungen ausgeglichen wird. Produktivität alleine hat niemals einen eigenständigen Einfluss auf die Wettbewerbsfähigkeit, weil jeder Veränderung der Produktivität immer Änderungen bei den Löhnen (den Preisen) und bei den Währungsrelationen gegenüberstehen müssen.

Folglich kann man die gesamte „Untersuchung“ des WEF als Lobbyarbeit abtun oder einfach unter Konfusion verbuchen. Dieses Gremium erhält, wie wir schon oft festgestellt haben, deswegen so viel Geld aus der Wirtschaft, weil alles, was es tut, darauf hinausläuft, die „Anderen“ zu beschwichtigen oder die Wirtschaft entsprechend einem neoliberalen Weltbild zu unterstützen.

Das wäre kein Problem, wenn unsere „Leitmedien“ diese Arbeiten entsprechend einordnen würden („Einordnung“ ist doch das Lieblingswort unserer öffentlich-rechtlichen Anstalten) statt der Bevölkerung vorzuspielen, hier gäbe es für die Politik wichtige Informationen zu vermelden.

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