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Klimadebatte | 01.10.2019 (editiert am 03.10.2019)

Weshalb small nicht unbedingt beautiful ist

Bei aller berechtigten Kritik an Energiekonzernen – Klimawandel und Energiesicherheit verlangen nach einem Horizont, der weit jenseits des Eigenheim-Gartenzauns liegt.

Die Klimadebatte treibt nicht nur immer neue Blüten, sie spült auch Altbekanntes wieder hervor. Leider wird das meiste davon dadurch nicht besser oder gar schlüssiger. So auch die allerspäteste aller spätromantischen Ideen: die – mit Hightech-Unterstützung – in den Stand unschuldiger Unabhängigkeit weit draußen auf dem Land zurückzukehren. Der Whole Earth Catalogue und Parolen wie ›tools are the revolution‹ lassen grüßen.

Auch MAKROSKOP bleibt davon nicht verschont, etwa, wenn Peter Grassmann dort ausführt, dass

»… es nahe [liegt], das autarke Eigenheim oder auch das autarke Dorf in den Mittelpunkt zu stellen. Das bedeutet, dass aus unseren Ziegeldächern großteils Solardächer werden und dass das eine oder andere Windrad den zusätzlichen Energiebedarf sichert.

Mit dieser Priorität wäre nicht nur eine autarke Stromversorgung und Solarheizung im Haus, sondern auch die weitgehend kostenfreie „Betankung“ des eigenen Fahrzeugs möglich und damit die Lösung für all die Pendler, die sich im Moment auf eine höhere Pauschale freuen und weiter mit fossiler Energie in die Städte brausen. Zugleich wäre es eine Befreiung von der Fessel an die Energiekonzerne, Voraussetzung für ein emissionsarmes Leben.«

In diesen Sätzen drängt sich ein ganzes Bündel von Verkürzungen und Oberflächlichkeiten. Zunächst bilden CO₂ und andere klimawirksame Gase nicht das einzige Problem, das die Menschheit bedrängt. Die Städte zum Beispiel leiden darunter, dass einfach zu viele Autos aus der Peripherie dorthin brausen, gleichgültig, ob avantgardistisch-elektrisch oder zurückgeblieben mit Verbrenner. So oder so beanspruchen Autos zu viel Raum, verursachen zu viele menschliche Opfer, zu viel Lärm und Feinstaub, kosten zu viel – und mit e-Antrieb sogar noch mehr als mit konventionellem – Lebenszeit für ihre Beschaffung, ihren Unterhalt und Betrieb. Und nicht zuletzt sind sie die Bewegungsvariante, die am unwirtschaftlichsten mit Energie umgeht, woher diese auch immer kommen mag.

Unwirtschaftlich mit Raum und Energie geht auch die hier als Ideal unterstellte Siedlungsform um, deren Komplement der expandierende Automobilismus der letzten Jahrzehnte darstellte: die Eigenheimsiedlungen, die mitsamt den dadurch induzierten Straßenbauten im -zig-Kilometerumkreis der Metropolen ein einmaliges Werk der Landschafts- und Naturzerstörung anrichteten.

Auch in diesen Wucherungen der Metropolenspeckgürtel artikuliert sich eine Polarisierung des Raums, mit all den Konsequenzen im Verkehr, in den Baulandpreisen und Mieten, die durch Verkehrs- und Baupolitik allein nicht mehr zu bewältigen sind, sondern einen neuen Ansatz der Raumpolitik verlangen. Um Natur- und Landschaft zu schützen sowie die Emission von Klimagasen zurückzuführen, dürfen Baubehörden keine Flächen mehr für diese Siedlungsform ausweisen.

Nicht nur, dass sie lange Wege zur Folge hat, durch öffentlichen Verkehr nur mit unverhältnismäßigem Aufwand zu erschließen ist und deshalb meist zum Autofahren verleitet: schon durch seine Geometrie beansprucht das Eigenheim auch unverhältnismäßig viel Baumaterial — die Rohstoffe für Zement, Ziegel und Dämmstoffe müssen der Natur erst abgewonnen und dann größtenteils mit hohem Energieaufwand verarbeitet werden — und bei gleicher Konstruktion der Hülle immer einen deutlich höheren Klimatisierungsaufwand als kompaktere Bauformen wie etwa die städtische Blockbebauung. Insbesondere der energietechnisch höchst relevante Aufwand für die Wärmedämmung kann bei Einzelhäusern vier- bis sechsmal höher sein als bei der Blockbebauung.

Auch die Photovoltaikanlage (PV-Anlage) auf dem Dach, von Liebhabern des Eigenheims gerne beschafft und oft als Öko-Alibi angeführt, taugt in letzterer Funktion nicht besonders gut. Ähnlich wie die Batterie im e-Auto kommt auch die PV-Anlage mit einem Emissionsrucksack zur Welt, weil sie, meist in China, mit großem Einsatz von Energie, meist aus Kohlekraftwerken, hergestellt wird. Für jedes Kilowatt peak Leistung sind das 2,6 Tonnen CO₂; wobei eine typische Dachanlage 5 Kilowatt peak bringt. Deren Ausgleich durch Minderemissionen bei der Strombereitstellung braucht 5,5 Jahre – was wiederum heißt, dass bei einem kontinuierlichen Zubau von Anlagen dann das Maximum der kumulierten, zusätzlichen Emissionen erreicht wird, die erst nach 11 Jahren kompensiert sind, nämlich zu dem Zeitpunkt, zu dem die zusätzliche Wärmeaufnahme ihr Maximum erreicht.

Doch diese Negativeffekte lassen sich, wie Grassmann zeigt, noch steigern:

»… dezentrale autonome Systeme sind eine zwingende Forderung der Kleinteiligkeit der Erneuerbaren Energien. Kombiniert mit starken Speichersystemen garantieren sie kostengünstigen Strom und preiswerte Mobilität.«

Das tun sie vordergründig für die, die das Dach wie auch das notwendige e-Auto ihr Eigentum nennen können und denen die Kosten von circa 8.000 Euro für eine PV-Anlage plus mindestens 10.000 Euro für eine als Speichersystem empfohlene Batterie mit einer Kapazität von 100 Kilowattstunden nicht zu hoch sind.

Hier handelt es sich um das Versprechen von – scheinbar ›ökologisch sauberer‹ – grenzenloser Mobilität für Besserverdiener. Die Batterie soll Strom für die Nacht und die dunklen Tage bereithalten. Wenn man dem Ideal der autarken Versorgung folgt und das öffentliche Stromnetz möglichst wenig in Anspruch nehmen möchte, ist sie unerlässlich, solange man nicht bereit ist, unter Umständen tagelang und vor allem nachts ohne Strom auszukommen.

Doch sie packt auf den beträchtlichen CO₂-Rucksack einer PV-Anlage einen weiteren mit noch mehr Gewicht: nämlich 3 Tonnen/ Kilowatt peak für die 200 Kilowattstunden Kapazität, die bei einer Anlage von 5 KW pro KW anfallen, wenn man von 0,15 Tonnen CO₂/KWh ausgeht. Dieser gewachsene Rucksack von 5,6 Tonnen CO₂ pro Kilowatt peak beziehungsweise 28 Tonnen CO₂ pro Anlage ist dann erst nach knapp 12 Jahren ausgeglichen.

Man kann sich nun vorstellen, wie innerhalb der nächsten 20 Jahre die circa 16 Millionen Eigenheime der Republik plus einige zusätzliche Flächen mit PV-Elementen zugepflastert werden. Ist die letzte Anlagen installiert, muss man – bei einer Lebensdauer von 20 Jahren – wieder anfangen, die ersten zu ersetzen. Bei einem jährlichen Zubau von 5 Gigawatt peak, der einer Million PV-Anlagen von 5 Kilowatt peak entspricht, ergibt sich dann zu diesem Zeitpunkt ein Maximum der zusätzlichen Emissionen von circa 165 Millionen Tonnen CO₂, die erst nach über 24 Jahren durch die Einsparungen bei der Stromerzeugung ausgeglichen werden.

Dann allerdings erreicht erst die mehremissionsbedingte zusätzliche Wärmeaufnahme der Erde ihr Maximum. Das Wirkungsmaximum zeigt sich jedoch erst nach mehr als 40 Jahren. Die folgende Graphik veranschaulicht diese Zusammenhänge:

Kurz und schlecht: wenn man die Erderwärmung innerhalb der nächsten beiden Jahrzehnte entscheidend bremsen möchte, ist das von Peter Grassmann empfohlene Rezept in höchstem Maße kontraindiziert. Noch schlimmer sieht die Sache aus, wenn man dazu die Emissionen, Wärmeaufnahme und deren Wirkung durch den Zubau von 3,44 Millionen e-Autos pro Jahr mit einem Maximum von 93 Millionen Tonnen CO₂ nach circa 9 Jahren addiert. Die fallen an, sofern man in naher Zukunft – manche stimmen wollen den Verbrennungsmotor ja schon ab 2025 aus den PKW verbannen – nur noch PKW mit elektrischem Antrieb zulässt, den automobilen Verkehr aber auf dem bisherigen Niveau behält.

Dazu kommt die erweiterte Beanspruchung der Produktionskapazitäten für Batterien und der verfügbaren Vorräte entsprechender Mineralien. Wenn man das so realisieren wollte, würde für den deutschen Bedarf an Batterien für e-Autos und Stromspeicher der PV-Anlagen ab dem Jahr 2025 nahezu 60 Prozent der für dieses Jahr projektierten Fertigungskapazität benötigt werden. Damit bewegt man sich nicht nur jenseits aller ökologisch vertretbaren Pfade, sondern auch weit außerhalb der industriellen Realität.

Offenkundig gibt es auch im Reich der zur Bekämpfung der Klimaerwärmung ersonnenen Rezepte so etwas wie eine Fallacy of Composition: Was aus der Sicht wohlsituierter Einzelpersonen eine plausible oder gar vorbildliche Form des Handelns zu sein scheint, gerät als universelles Rezept zur Plage.

Das Problem der ungleichmäßigen und kaum planbaren Verfügbarkeit der Energie aus regenerativen Quellen stellt sich auch für die Wirtschaft insgesamt in dem Maße, wie diese versucht, solche an die Stelle mineralischer Energieträger zu setzen. Die Abschaltung der Atom- und Kohlekraftwerke, die bisher planbar zur Abdeckung der Grundlast verfügbar sind, wird die Planungsunsicherheit verschärfen. Insbesondere, da die Energiekonzerne bisher wenig Neigung zeigen, Alternativen, etwa in Form von Gaskraftwerken, bereitzustellen.

Allerdings stellen die Batterien, die als Ergänzung der PV-Anlage auf dem Eigenheim angeschafft werden, für das Problem keine globale Lösung dar – sondern die denkbar teuerste, ineffizienteste und dazu ökologisch schädlichste Investition, die man sich auf diesem Gebiet vorstellen kann. Aus volkswirtschaftlicher Sicht wird ihre Nutzung zudem immer suboptimal bleiben. Selbst wenn in der Nacht oder an dunklen Wintertagen der Wind noch so kräftig weht und die Windkraftanlagen Stromüberschüsse produzieren, werden die Eigenheimer lieber ihre Batterie anzapfen anstatt Windstrom zu verbrauchen oder gar in ihre Batterie einzuspeisen.

Gefragt sind vielmehr Speicherlösungen, die deutlich billiger sind als Batterien und mit keinem derart großen Emissionsrucksack hergestellt werden. Sie müssen als Komponenten einer öffentlichen, für alle Teilnehmer verfügbaren Infrastruktur fungieren. Solche Lösungen werden voraussichtlich ohnehin nicht ins Häuslesbauerformat passen. Doch die primäre Strategie wird immer darin bestehen müssen, mit Energie möglichst wirtschaftlich umzugehen, denn wirklich billig wird sie voraussichtlich nie werden. Nur die Energiequellen auszutauschen, während man sonst alles lässt wie es ist, wird nicht funktionieren.

Grassmanns Artikel und noch mehr dessen Rezeption legen eine Schwäche linker Befindlichkeit bloß: wenn man, wie schon im Titel, nur heftig genug auf die Konzerne, die Energiekonzerne ganz besonders, einschlägt, kann man sich des einschlägigen Beifalls sicher sein. Noch mehr, wenn man etwas in Stellung bringt, was irgendwie als ›von unten‹ kommend, klein und dezentral angepriesen wird. Das ist sogleich ›basisdemokratisch‹ und ›ökologisch‹ – womit es zwangsläufig auch gut sein müsse. Selbst wenn es nur – destruktive Nebenwirkungen inklusive – den Wohlstand einer gutbürgerlichen Klientel hebt und höchst gnädig mit einem Ökomäntelchen bekleidet.

So sehr das Agieren der Energiekonzerne und die unzureichende Einhegung ihrer Macht kritikwürdig sind, die Probleme des Klimawandels und der Energiesicherheit verlangen nach einem Horizont, der weit jenseits des Eigenheim-Gartenzauns liegt. Das in der Alternativszene der 1970er aufgekommene und auch zum Buchtitel gewordene Dogma ›small is beautiful‹ gilt eben nicht universell, sondern höchstens manchmal. Universell gilt eher ›bien proportionné, c’est beau‹.

Doch die medial verstärkte Klimapanik, die – hier aus ehrlicher Angst vor einer bedrohlichen Zukunft, dort, bei den Profis aus Wirtschaft, Politik und Medien, eher aus der Furcht vor unkontrollierbaren Unruhen – eine hektische Suche nach Auswegen in Gang setzt, tut dazu ein Übriges. Wer derart unter Stress und Zeitdruck agiert, neigt zu Rezepten, die scheinbar bewährte, fest verankerte und in der eigenen Gruppe akzeptierte Glaubenssätze repetieren. Das scheint bedauerlicherweise, doch durchaus erwartbar, die Hauptwirkung der massenhaften Jugendproteste zu sein.

Der kognitive Minimalismus von im Panikmodus aufgegriffenen Rezepten endet, was bei unterschiedlicher Prägung und Interessenlage der Akteure kein Wunder ist, in kommunikationsloser Konfrontation. Es entsteht eine Situation, in der Moral Supercharging die Argumentation ersetzt und das emotionale Angezogen- oder Abgestoßen-Sein von medial aufgeblasenen Leitfiguren den autonomen Vernunftgebrauch.

Im Gegensatz zu zwei heute vielgehörten Phrasen können und müssen wir weder die Erde retten noch das Klima schützen: die Erde kommt sicher auch ohne Menschen aus und das Klima wird dabei halt so sein wie es dann sein wird. Beide brauchen uns nicht. Wie Max Frisch in einem seiner Spätwerke feststellte, braucht die Natur »keine Namen«[1], also weder eine Benennung des gegenwärtigen Zeitalters als Anthropozän noch als Kapitalozän, Endzeit oder etwas ähnliches.

Aber wir Menschen brauchen die Einsicht in unsere Lage, die wir selbst, aber unter den von der Natur gegebenen Bedingungen geschaffen haben. Und in die Vielfalt der Bedrohungen, denen unser Leben und, noch mehr, unsere Menschlichkeit ausgesetzt ist. Schließlich brauchen wir eine nüchterne und möglichst umfassende Abwägung der Handlungsalternativen, die eine Erhaltung und vielleicht auch Weiterentwicklung dieser Menschlichkeit versprechen. Die Menschen und ihre Menschlichkeit brauchen Schutz, nicht das Klima.


[1] Frisch, Max 1981: Der Mensch erscheint im Holozän. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 138-139.

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