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MMT | 13.11.2019 (editiert am 15.11.2019)

Das Elend der marxistischen Ökonomik

Eine „Kritik der politischen Ökonomie“ bedarf einer realistischen Ökonomik. Marx hätte sich daher der MMT bedient. Manche Marxisten dagegen perpetuieren lieber die „selbstgefälligen Vorstellungen der bürgerlichen Produktionsagenten“, um nicht ihre „ewigen Wahrheiten“ infrage stellen zu müssen.

Die Sozialismus-Redaktion hat ihren Lesern mit einem Beitrag von Michael Paetz und Dirk Ehnts Gelegenheit gegeben, mit den geldtheoretischen Grundlagen einer empirisch adäquaten Theorie des Kapitalismus Bekanntschaft zu machen. Wer noch immer glaubt, dass die im „Kapital“ von Karl Marx zugrunde gelegte Ökonomik Ausgangspunkt einer Kritik des Kapitalismus zu sein hat, den wird das Stück der beiden Autoren über die „Modern Monetary Theory (MMT)“ mächtig irritiert haben.

Ein Dokument einer solchen Irritation ist ein – wohl als Replik gedachtes – Stück von Stephan Krüger in der neuesten Ausgabe von „Sozialismus“. Krüger irritiert zunächst einmal schon, dass der von der MMT verwendete Geldbegriff nicht dem von Marx entspricht. Völlig zu Recht weist er darauf hin, dass Marx „Geld“ in seiner Zahlungsmittelfunktion mit Gold gleichsetzte. Sicher, so gesteht er zu, habe es „Staatspapiergeld“ gegeben, das aber verdanke seine Akzeptanz der „faktischen Konvertibilität gegenüber der Geldware Gold“.

Ganz richtig hält er fest, dass MMT-Vertreter der Meinung sind, dass das heute verwendete „Geld“ nicht deshalb einen Wert hat, weil es sich in Gold konvertieren lässt. Nun scheint aber unzweifelhaft, dass das heute gebräuchlichste Zahlungsmittel, nämlich Giroguthaben, niemand den Anspruch einräumt, es in Gold zu konvertieren. Wer eine empirisch adäquate Ökonomik auf dem von Marx verwendeten Geldbegriff aufbauen wollte, wäre also sicherlich schlecht beraten.

Zahlungsmittel und ihre Akzeptanz

Selbstverständlich folgt aus dieser Feststellung nicht, dass der von MMT-Vertretern verwendete Geldbegriff dazu geeignet ist. Dessen empirische Adäquatheit zu diskutieren, setzt aber voraus, dass man zunächst versteht, was Geld nach deren Meinung seine Akzeptanz als Zahlungsmittel sichert.

Nun ist es kaum möglich, einen Beitrag von MMT-Vertretern zu lesen, in dem einem nicht in der einen oder anderen Form der Slogan begegnet „Tax drives money“. Den dahinter stehenden Gedanken hat Georg Friedrich Knapp schon 1905, ganz ohne Verwendung irgendwelcher Anglizismen, wie folgt formuliert:

„Wir bleiben im engsten Zusammenhang mit der Wirklichkeit, wenn wir als Kennzeichen [von Geld] benutzen: die Annahme bei Zahlungen, die an staatliche Kassen gerichtet sind.“

MMTler sind im Anschluss an Knapp ebenfalls der Meinung, dass die Fähigkeit eines Zahlungsmittels, Verbindlichkeiten gegenüber dem Staat begleichen zu können, ihm die Geldeigenschaft zukommen lässt. Wer vor diesem Hintergrund behauptet, MMT-Vertreter seien der Meinung, dass ein Zahlungsmittel die Geldeigenschaft „par ordre de mufti“ erhalte, der kann sich mit der MMT nicht ernsthaft beschäftigt haben.

Schon bei Knapp wird dieser Meinung entschieden widersprochen. Es sei falsch, dass das „Gesetzesrecht im Geldwesen die Hauptsache sei“. Es sei, so Knapp weiter, auch „nicht die Emission, sondern die Akzeptation“, die darüber entscheidet, welche Zahlungsmittel als Geld qualifizieren.

Eine Geldwirtschaft beruht nach Meinung von MMT-Vertretern also sicherlich auf staatlichem Zwang. Nicht aber dem Zwang, das von ihnen selbst produzierte Geld für die Bezahlung von Gütern und Dienstleistungen annehmen zu müssen. Sondern vielmehr dem Zwang, Steuern und andere Abgaben mit einem vom Staat akzeptierten Zahlungsmittel bezahlen zu müssen.

Nicht der Staat, sondern der Steuerzahler hat das Problem, an Geld in diesem Sinne zu kommen. Die Frage also ist: Wie kommt der Steuerzahler an dieses Zahlungsmittel, das verhindert, dass er wegen Steuerhinterziehung im Gefängnis landet? Und die Antwort ist einfach: Der Steuerzahler produziert Güter, die ein Staat mit Geld bereit ist zu bezahlen.

Freilich mag man an dieser Stelle indigniert einwerfen, dass ein solches Geldsystem doch auf Zwangsarbeit beruht. Das ist korrekt beobachtet, sollte einen aber nicht davon abhalten, der grausamen Realität ins Auge zu sehen.

Bastardkeynesanisches Wundermittel?

Krüger scheint einzusehen, dass der Verweis darauf, dass die MMT einen anderen Geldbegriff als Marx verwendet, nur ganz „Kapital“-hörige Leser davon überzeugen dürfte, dass es sich bei der MMT um einen „Irrweg“ handelt.

Schon an dieser Stelle ist auf einen weit verbreiteten Irrtum über den Charakter der MMT hinzuweisen. Es lassen sich zwar aus der MMT Schlussfolgerungen für die Wirtschaftspolitik ableiten, aber sie ist kein „Königsweg“ oder „Wundermittel“, sondern eine Theorie, die beansprucht, Zusammenhänge einer kapitalistischen Geldwirtschaft korrekt zu beschreiben und zu erklären. Keineswegs richtig ist daher der Vorwurf Krügers, die MMT „propagiere, ungehemmt am Rad der öffentlichen Verschuldung zu drehen“.

Allerdings lässt sich aus der MMT eine empirisch überprüfbare Hypothese ableiten: Da Geld über die „Verschuldung“ des Staats- und Privatsektors in Umlauf gebracht wird, ist eine enge Korrelation zwischen Wirtschaftswachstum und „Verschuldung“ zu erwarten. Diese These, so belegt die folgende Grafik, scheint sich am Beispiel der USA bestätigen zu lassen. Wächst eine Wirtschaft, dann wachsen auch die Schulden in einem Land.

Abbildung 1

Viele MMT-Vertreter sind aber tatsächlich der Meinung, dass immer dann, wenn in einer Volkswirtschaft Ressourcen ungenutzt bleiben, also insbesondere bei Arbeitslosigkeit, sich der Staat „verschulden“ sollte, um Menschen in Brot und Arbeit zu bringen. Freilich kann eine solche „Verschuldung“ niemals in dem Sinne „hemmungslos“ sein, dass die Gefahr bestünde, dass ein Staat in seiner eigenen Währung zahlungsunfähig werden müsste. Darauf weisen Paetz und Ehnts in ihrem Artikel ausdrücklich hin, was Krüger offensichtlich für so unglaubwürdig hält, dass er die entsprechenden von ihm zitierten Aussagen mit einem „(sic! )“ versieht.

Seine Reaktion ist aus psychologischer Perspektive durchaus verständlich. Wer etwa an einer deutschen Hochschule Volkswirtschaft studiert hat und mit Marx Ricardo als den Gipfel volkswirtschaftlicher Theoriebildung erachtet, den werden im Angesicht solcher Aussagen unvermeidlich kognitive Dissonanzen plagen. Möglicherweise kann man sich von diesen entlasten, wenn man die MMT als „mit marxistischen Versatzstücken operierende Vertreter eines kruden Linkskeynesianismus“ abqualifiziert.

Ein Argument wird daraus aber auch dann nicht, wenn man sich aufgrund von Denkgewohnheiten der Zustimmung der Mehrheit seiner Leser sicher sein kann. Dass die Erde um die Sonne kreist, war eine Erkenntnis von Kopernikus, die zu seiner Zeit mit ähnlich stichhaltigen Argumenten auf Basis von damals gepflegten Denkgewohnheiten ebenfalls als Hirngespinst abgetan wurde. Heute dagegen lachen wir darüber, dass man meinte, Kopernikus mit dem „Argument“ widerlegen zu können, dass man dann doch bei deren Bewegung einen Fahrtwind spüren müsse.

Eine Argument dieser Qualität führt Krüger als Falsifikationsinstanz der MMT an. Er bemängelt, dass die MMT die „Einbettung einer Volkswirtschaft in die internationale Konkurrenz“ ausblende. Beleg für diese These scheint ihm zu sein, dass die D-Mark zunächst. wie er schreibt, eine „reine Binnenwährung“ gewesen sei und daher die Bezahlung von Importen den Aufbau von „Währungsreserven“ erforderte.

Schwer fällt an dieser Stelle zu verstehen, warum die korrekte Aussage, dass ein Staat mit seiner eigenen Währung möglicherweise Güter aus dem Ausland nicht bezahlen kann, im Widerspruch mit der MMT stehen sollte. Aus der MMT folgt zwar, dass ein Staat, der über seine eigene Währung verfügt, alles kaufen kann, was in seiner Währung erhältlich ist, aber keineswegs, dass Ausländer sein Geld zur Bezahlung von ihnen produzierter Güter akzeptieren werden.

Die MMT ist eben kein „Wundermittel“, sondern eine Theorie, die u.a. über die Möglichkeiten, aber eben auch Grenzen, der staatlichen Fiskalpolitik Auskunft zu geben vermag. Die richtige Aussage, dass die Fiskalpolitik mit der eigenen Währung per se keinen budgetären Restriktionen unterworfen ist, heißt nicht, dass die Fiskalpolitik nicht negative Auswirkungen haben kann, die es dabei zu bedenken gilt.

Nicht zu widersprechen ist an dieser Stelle allerdings seinem Hinweis, dass mit der Fiskalpolitik Wechselkursveränderungen verbunden sein können, die möglicherweise als problematisch zu erachten sind. Daran hätte er – wenn er sich mit der MMT beschäftigt hätte – die berechtigte Kritik anschließen können, dass sie in ihrer Mehrheit der Problematik marktbestimmter flexibler Wechselkursregime nicht ausreichend Bedeutung beimessen.

Man kann MMT-Vertretern darüber hinaus vorwerfen, dass sie die Möglichkeiten der Fiskalpolitik überschätzen, da sie institutionellen Beschränkungen nicht ausreichend Beachtung schenken. Wie ich an anderer Stelle ausgeführt habe, neigen manche ihrer Vertreter dazu, auf der Basis der richtigen Beobachtung, dass Institutionen sich den Handlungen von Menschen verdanken, fälschlich zu schließen, dass die daher mit ihnen einhergehenden Beschränkungen der Wirtschaftspolitik sich problemlos beseitigen lassen.

Meine Kritik, dass sie der sozialen Realität in Form von Institutionen nicht ausreichend gerecht werden, affiziert aber nicht den theoretischen Kern der MMT. Nach meinem Wissen ist bislang noch von niemandem ein Argument vorgebracht worden, das dazu in der Lage gewesen wäre.

Vulgärökonomistische Einwände

Krügers Urteil über den „ökonomischen Gehalt“ der MMT als „Vulgärökonomie“ macht deutlich, dass er da ganz anderer Meinung ist. Folgt man der Marxschen Begriffsbestimmung, dann handelt es sich bei der MMT um eine Ökonomik, die sich darauf beschränkt, „die abgedroschenen und selbstgefälligen Vorstellungen der bürgerlichen Produktionsagenten von ihrer eigenen Welt zu systematisieren, pedantisieren und als ewige Wahrheiten zu verkünden“.

Es sind nicht zuletzt Passagen wie diese, die mich während meiner Studentenzeit Marx mit Vergnügen haben lesen lassen. In diesem Satz hat er auch ganz wunderbar den ökonomischen Gehalt der Neoklassik auf den Punkt gebracht. Was aber gibt Krüger Anlass, einem Paradigma, das sich radikal von den Tauschwirtschaftsfiktionen der Klassik als auch Neoklassik verabschiedet hat, diesen Vorwurf zu machen?

Ein Grund dafür dürfte sein, dass Marxens, im engeren Sinne ökonomischen Überlegungen nicht über den Stand der ricardianischen Ökonomik hinausreichen. Marxens Schriften sind freilich trotzdem durchaus lesenswert. Aber auch die Bibel ist in vielerlei Hinsicht ein ausgezeichnetes und daher lesenswertes Buch. Trotzdem wäre es lächerlich, würde man Aussagen der Evolutionstheorie über die Übereinstimmung mit entsprechenden Passagen der Bibel testen wollen.

Bringt also Krüger Einwände gegen die MMT vor, die über die unbestreitbare Tatsache hinausgehen, dass die marxistische und MMT-Ökonomik sich fundamental voneinander unterscheiden? Diese Frage zu beantworten, ist leider nicht so ganz einfach, weil Krügers entsprechende Aussagen nicht annährend an die Unmissverständlichkeit seines Urteils über die MMT heranreichen.

Möglicherweise meint er, dass die große Bedeutung der Saldenmechanik für die MMT sein Urteil rechtfertigt. Denn richtig ist, dass in ihrem Rahmen über so etwas wie „ewige Wahrheiten“ einer Geldwirtschaft unterrichtet wird. Manche dieser Zusammenhänge, wie z.B. der, dass „den Schulden der Einen größengleiche Vermögen von Anderen entsprechen“, sind sicherlich äußerst trivial. Ja, sie sind, wie Krüger abfällig, aber durchaus richtig bemerkt, so etwas wie „Tautologien“. Zumindest in dem Sinne, dass sie, wie Wolfgang Stützel schreibt, Aussagen über „Größenbeziehungen in der Wirtschaft machen“, deren Wahrheitswert „unverändert bestehen bleiben würde, wenn die Menschen sich noch so ungewöhnlich verhielten“.

Solche „Tautologien“ sind aber nicht etwa, wie Krüger meint, einfach nur „dumme Sprüche“. Eine jede Aussage über volkswirtschaftliche Zusammenhänge, die nicht im Einklang mit den von der Saldenmechanik entdeckten „strengen Zusammenhängen“ steht, kann man sich getrost ersparen, auf ihre empirische Relevanz hin zu überprüfen. Was Stützel in diesem Zusammenhang vor über 60 Jahren zu sagen wusste, ist leider auch noch heute so wahr wie damals:

„Prüft man aber Aussagen über volkswirtschaftliche Zusammenhänge etwas näher unter diesem speziellen Aspekt, dann muss man leider feststellen, daß gerade diese ‚primitiven‘ Zusammenhänge vielfach nicht beachtet werden.“

Evidenz für diese These lässt sich leicht in dem Stück Krügers finden. So z.B., wenn er zwar zugesteht, dass durch die Kreditvergabe geschaffenes Bankengeld zu einer „Ausweitung der Investitionen“ führen kann, die dann sogar „Multiplikatoreneffekte“ zeitigen könnten. Dann aber meint, dass die Effekte einer solchen kreditfinanzierten Investition nur unter der folgenden „Voraussetzung“ BIP-steigernd seien:

„Stets handelt es sich hierbei um Entwicklungen […] innerhalb eines bereits begonnen zyklischen Aufschwungs.“

Nun kann jedoch kein Zweifel daran bestehen, dass gegenüber einem Zustand, in dem lediglich eine solche Investition nicht getätigt wurde, sich die Höhe des BIP um mindestens den Betrag dieser Investition erhöhen wird. Denn das BIP ist von der Verwendungsseite her betrachtet, wie folgt bestimmt:

BIP = C + I + G + NX,

wobei C den privaten Konsum, I die privaten Investitionen, G die staatlichen Konsum- und Investitionsausgaben und NX den Außenhandelssaldo bezeichnen.

Nun wäre es natürlich falsch, auf Basis der Beobachtung einer einzigen kreditfinanzierten Investition mithilfe saldenmechanischer Überlegungen schließen zu wollen, dass das BIP steigen wird. Wie man der obigen Definition  entnehmen kann, könnte selbst dann, wenn man annimmt, dass private Investitionen gegenüber dem Vorjahreszeitraum insgesamt steigen, das BIP trotzdem fallen. Dann z.B., wenn die Staatsausgaben gegenüber dem Vorjahreszeitraum um einen größeren Betrag fallen würden, als die privaten Investitionen wachsen würden.

Saldenmechanische Überlegungen dieser Art mögen nun manch einem furchtbar öde erscheinen. Sie erlauben aber die obige Aussage Krügers als definitiv falsch auszuzeichnen. Ganz im Gegenteil ist richtig, dass eine einzige Investition, die dazu führt, dass die Gesamtinvestitionen gegenüber denen des Vorjahres steigen, bereits dann notwendig zu einem „Aufschwung“ führen muß, wenn der Staat seine Ausgaben nicht kürzt und der Außenhandelssaldo unverändert bleibt.

Widerlegung der ultimativen Widerlegung

An dieser Stelle angekommen, meint Krüger ein Trumpfass aus dem Ärmel zaubern zu können. Die MMT „disqualifiziere“ sich „grundsätzlich“, weil sie „stagflationäre Entwicklungen“ nicht erklären könne.

Bei diesem Vorwurf handelt es sich aber um einen ausgemachten Budenzauber. Ohne es zu begründen, unterstellt er, dass die MMT mit dem Mainstream übereinstimmt, dass zusätzliche Staatsausgaben zur Beseitigung von Arbeitslosigkeit unvermeidlich zu Inflation führen und es daher einen Trade-off zwischen Inflationsrate und Beschäftigungsniveau zu beachten gilt.

Wenn dem so wäre, dann würde die Stagflation der 70er Jahre – also eine Periode in der sowohl die Inflation als auch die Arbeitslosigkeit stieg – tatsächlich die MMT ernsthaft herausfordern. Ein solcher Zusammenhang wird aber von der MMT, wie ein Blick in das ausgezeichnete Lehrbuch von Bill Mitchell, L. Randall Wray und Martin Watts belegt, explizit bestritten (S. 268 -289).

Staatsausgaben, so werden MMT-Vertreter nicht müde zu betonen, sind nicht intrinsisch inflationär. Wie Günther Grunert richtig festhält, können alle Ausgabensteigerungen – von wem auch immer – zu Inflation führen. Nämlich dann, wenn „das Wachstum der nominalen Gesamtnachfrage die Fähigkeit der Volkswirtschaft übersteigt, darauf mit einer entsprechenden Steigerung des realen Outputs zu reagieren“.

Eine solche Form der nachfrageinduzierten Inflation (Demand-Pull) ist aber ein äußerst selten zu beobachtendes Phänomen. Es lässt sich meist auf die Zerstörung von Produktionskapazitäten durch Naturkatastrophen und Kriege zurückführen. Inflation ist meist ein Phänomen, das insbesondere durch die Lohnentwicklung und anderen Kosten eines Unternehmens (Cost-Push) induziert wird.

Nun ist bekannt, dass sich in den 70er Jahren der Ölpreis, wie in der folgenden Grafik dargestellt, verteuert hat.

Abbildung 2

Wenig überraschend dürfte daher für viele sein, dass, wie die folgende Grafik zeigt, seit Ende der 70er Jahre die Inflationsrate auffällig stark gestiegen ist. Es handelt sich, so mag man argumentieren, seit 1978 um eine Form importierter Inflation.

Abbildung 3

Damit ist aber nicht erklärt, warum die Inflation schon Jahre vor der Ölpreisexplosion Ende der 70 er Jahre so auffällig gestiegen ist. Des Rätsels Lösung ist, dass schon zuvor die Lohnstückkosten entsprechend stark gestiegen sind, wie die folgende Grafik illustriert.

Abbildung 4

Die gesamten 70er sind also zunächst einmal Beleg dafür, dass primär die Entwicklung der Lohnstückkosten die der Inflationsraten erklärt.

Sicherlich ist es richtig, dass in den 70er Jahren auch die Arbeitslosigkeit stieg, wie diese Abbildung zeigt.

Abbildung 5

Nur wer mit der neoklassischen Arbeitsmarkttheorie sympathisiert, wird sich darüber wundern, dass trotz steigender Arbeitslosigkeit die Lohnstückkosten und damit auch die Inflation steigen konnten. Denn er wird den Preis von Arbeit wie den von Kartoffeln bestimmen und folgende Grafik als treffende Darstellung der Beziehung zwischen Preis und Angebots- und Nachfragerelationen auch für den Produktionsfaktor Arbeit erachten.

Abbildung 6

Wer dagegen wie die MMT den Begriff des „Klassenkampfes“ von Marx als zentral für die Entwicklung der Lohnstückkosten erachtet, kann ein solches Phänomen leicht erklären. Er wird darauf hinweisen, dass zwar die Größe der „industriellen Reservearmee“ ein wichtiger Bestimmungsfaktor für die Macht der Arbeiter ist, die Lohnentwicklung in ihrem Interesse zu befördern. Er wird aber darauf insistieren, dass auch andere Faktoren, wie insbesondere der Organisationsgrad der Arbeiter in Gewerkschaften und gesetzliche Bestimmungen, wie etwa der Flächentarifvertrag, darüber entscheiden, welche Ergebnisse die Verteilungskonflikte zwischen Kapital und Arbeit zeitigen.

Fazit

Eine Ökonomik, die in ihren Mittelpunkt Geld und Unternehmen, die mit ihrem Handeln auf möglichst hohe monetäre Gewinne zielen, stellt, mit Bezug auf die klassische Fiktion eines Äquivalententausches zu kritisieren „ist für die Linke politisch kontraproduktiv und desavouiert eine ökonomisch ausgewiesene und nachhaltige Politik“.

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