www.istock.com/leremy
Soziales | 19.11.2019

Das Sozialbudget – Spiegel des Neoliberalismus

Man kann es drehen und wenden wie man will, die Sozialleistungquote ist ein einfacher und daher guter Indikator, mit dessen Hilfe man zeigen kann, dass der neoliberale Zeitgeist längst unhinterfragt die Sozialpolitik beherrscht.

Nachdem es 1968/69 erstmals veröffentlicht wurde, ist das Sozialbudget (SB) nunmehr 50 Jahre alt. Ein Jubiläum darf gefeiert werden.

Für 2018 weist das Budget einen Umfang von 996 Mrd € (29,4% des BIP) aus, der aus Einnahmen in Höhe von insgesamt 1061 Mrd € (31,3% des BIP) finanziert wird. Der Finanzierungssaldo beträgt damit 65 Mrd € (1,9% des BIP), womit das SB ganz erheblich zum derzeit noch in die herrschende politische Programmatik eingebauten Abbau der öffentlichen Schulden beiträgt. Ein Blick zurück zeigt übrigens, dass das SB seit 1960 ausnahmslos immer Überschüsse aufwies und damit immer dämpfend auf die öffentliche Verschuldung wirkte.

Seit 1968 sind die Leistungen des SBs jahresdurchschnittlich um 5,8% gestiegen, das BIP um 5,2%. Damit hat sich das SB versiebzehnfacht, das BIP verzwölffacht; im Ergebnis ist die Sozialleistungsquote[i] (SLQ) von 21,4% (1968) auf 29,4% (2018) gestiegen – ganz offenbar eine schöne Bestätigung des bereits im 19. Jahrhundert formulierten Wagner’schen Gesetzes von den überproportional wachsenden Staatsausgaben[ii].

Details ab 1960 können der Tabelle I im Anhang entnommen werden, die u.a. sehr schön (über die ausgewiesenen zunächst hohen, dann halbierten Wachstumsraten) auch die Periode der sozialpolitischen Expansion 1970 bis 1975 und deren Konsolidierung ab 1976 dokumentiert, welches, aus Sicht der Sozialpolitik, das Jahr des großen Paradigmenwechsels war. Ich will mich in diesem Beitrag aber, wie das BMAS, auf die Zeit ab 1991 konzentrieren (Abbildung 1).

 

Abbildung 1

Quelle: BMAS; eig. Berechnung und Darstellung

Neoliberaler Zeitgeist in Action

Man kann es drehen und wenden wie man will, die SLQ ist ein einfacher und daher guter Indikator, mit dessen Hilfe man zeigen kann, dass der neoliberale Zeitgeist längst unhinterfragt die Sozialpolitik beherrscht. Die SLQ gibt Orientierung für die Höhe und den (jedenfalls implizit) Empfängerkreis notwendiger Sozialausgaben, wenn diese aber „zu hoch“ oder „zu viel“ werden, sorgt die Quote sicher dafür, dass die Leistungen zunächst auf ein akzeptables Maß zurückgeführt werden. Ich mache die Einschränkung „zunächst“ deswegen, weil der Neoliberalismus nicht versteht, dass er selbst Erzeuger sozialer Probleme und Tatbestände ist, die es zu bedienen gilt. Daher folgt  – gewissermaßen unweigerlich – auf jede Konsolidierungsmühe ein zum BIP überproportionaler Wiederanstieg der sozialen Leistungen und damit der SLQ (vgl. Abbildung 1).

Im Folgenden versuche ich, dies ein wenig aufzuschlüsseln:

Im Zeitraum 1991 bis 2003 lag die Sozialleistungsquote im Durchschnitt bei 28,1%, allerdings überdeckt dieser Mittelwert ihren gleichzeitig stark steigenden Trend: 1991 lag sie bei 25,0%, 2003 bei 29,8%, d.h. fast 5%-Punkte höher. Dies entsprach im Jahr 2003 Mehrausgaben gegenüber dem Mittelwert in Höhe von 111 Mrd € – also einem Betrag, den es aus Sicht neoliberaler Politik zu konsolidieren galt. Um es vorwegzunehmen: man hat dies im Rahmen der Agenda-Politik mehr oder weniger erfolgreich versucht, hat den vollen Konsolidierungsbetrag aber nicht erreicht. Immerhin circa 3%-Punkte, also etwa 67 Milliarden € hat man geschafft – dieser Betrag fehlte dann in der Finanzkrise von 2008, die im Übrigen alle voraufgegangenen Austeritätsmühen über den Haufen warf.

Inzwischen ist die SLQ auf einem stabilen Pfad und deutlich höher, als sie es im Zeitraum 2004 bis einschließlich 2008, also dem Zeitraum der erfolgreichen Konsolidierung, mit 27,9%, je war. Im sich anschließenden Zeitraum 2009 bis 2018 lag sie im Durchschnitt bei 29,4%, also glatte 1,5%-Punkte höher als in den fünf Jahren unmittelbar vor der Finanzkrise. 1,5%-Punkte entsprechen immerhin einem jährlichen Betrag (bezogen auf 2018) in Höhe von 51 Mrd €, der zusätzlich an die privaten Haushalte fließt. Abgemildert wird die Frustration neoliberaler Vertreter sicher dadurch, dass etwa die Hälfte dieses Anstiegs (seit 2009) auf die Hereinnahme der privaten Krankenversicherungen ins SB (im Wesentlichen zur Abdeckung von gesundheitlichen Basisleistungen an das Prekariat) zurückzuführen ist.

Überhaupt braucht man sich um die Gemütslage neoliberaler Politik kaum zu sorgen: wie eine detailliertere Analyse des SB 2018 zeigt, hat sie sozusagen auf voller Breite gesiegt.

Unterstellt man, wie ich das in diesem Beitrag tue – ohne das hier näher zu begründen (dazu ist an anderer Stelle in Makroskop viel Überzeugendes geschrieben worden) -, dass die deutsche Wirtschaftspolitik sowohl in der Vergangenheit wie auch heute noch überwiegend von Exportinteressen geleitet wurde und wird, und dass daher auch in der Sozialpolitik Verhältnisse herzustellen sind, die die Exportorientierung unterstützen, so liegt es nahe, die Entwicklungen des SB daraufhin abzuklopfen, inwieweit es tatsächlich zu solcher Politik beiträgt. Dies will ich im Folgenden kurz tun. Ich beziehe mich dabei ausschließlich auf die Tabelle II – 2 im Anhang; dieselben Bemerkungen und Schlussfolgerungen könnten (entsprechend angepasst) auch auf der Basis der Tabellen II – 3 (Wachstumsraten von Leistungen und Finanzierung) oder II – 4 (Leistungen und Finanzierung in % des BIP) gemacht werden. Welche man heranzieht ist nicht nur, aber überwiegend eine Frage des Geschmacks und der Vorlieben des Autors; die Tabellen II – 3 und II – 4 habe ich daher bis auf weiteres im Anhang belassen.

Ich beginne mit der Finanzierung nach Arten, eine Gliederung, die sich am „tripartiten“ Ansatz der ILO orientiert: sie zeigt die Finanzierungsbeiträge der drei Konstituenten der sozialen Sicherung, also von Arbeitgebern, Arbeitnehmern (Versicherten) und Staat. Die auffälligste Entwicklung findet im Zeitraum 1991 bis 2010 statt, in welchem der Anteil an der Finanzierung des SB durch Sozialbeiträge insgesamt um rd. 7,5%-Punkte fällt. Dahinter steht ein Rückgang der Arbeitgeberbeiträge um fast 9%-Punkte, bei gleichzeitigem Anstieg der Versichertenbeiträge um rd. 1½%-Punkte. Aufgefangen wird diese Entwicklung, die selbstverständlich auf eine Reduktion der Lohnstückkosten abzielt, durch eine erhebliche Anhebung des Anteils der Staatszuschüsse, nämlich um 9%-Punkte. Nach einer leichten Korrektur dieser Werte (in 2015) ist die gefundene Struktur jetzt im Wesentlichen stabil.

Interessant ist, dass der Anstieg der gesamten Versichertenbeiträge kompatibel ist mit einem gleichzeitigen Rückgang des Anteils der Arbeitnehmerbeiträge. Dieser Rückgang wird überkompensiert durch Anstiege der Finanzierungsanteile der Eigenbeiträge von Empfängern sozialer Leistungen (plus 2,5%) und derjenigen der Selbständigen (plus 0,6%; von 1,1 auf 1,7%-Punkte) – das Prekariat half gewissermaßen aus, die „hart arbeitende“ Mittelschicht zu alimentieren. Hinweis: nach den Agenda-Übertreibungen sind die Arbeitgeber- und Versicherten-Anteile inzwischen wieder leicht gestiegen, sodass der Finanzierungsanteil des Staates wieder leicht zurückgenommen werden konnte (er liegt seither aber immer noch ca. 6½%- bis 7%-Punkte über dem Anteil von 1991).

Bei den Leistungen nach Arten fiel im gleichen Zeitraum (1991 bis 2010) der Anteil der periodischen Einkommensleistungen um fast 5½%-Punkte, während die Sachleistungen um gut 4%-Punkte zulegten. Auch der Anteil der Verwaltungskosten erhöhte sich um ½%-Punkt (von 3,5 auf 4,0%) – wer vermehrt Sachleistungen zahlt, benötigt unweigerlich vermehrt kontrollierend eingreifende Verwaltung. Der Trend fallender Einkommensleistungen und steigender Sachleistungen hat bis zuletzt, 2016, angehalten und stagniert seither.

Subvention der Exportorientierung

Zweifellos kann man schlussfolgern, dass die beschriebenen Entwicklungen die deutsche Exportorientierung direkt oder indirekt unterstützt haben.

Schaut man auf die Finanzierung nach Quellen (in der VGR „Sektoren“), so spiegelt sich dort das bereits oben Festgestellte: die Unternehmen reduzieren ihren Anteil bis 2010 um gut 9½%-Punkte, während die Gebietskörperschaften einschließlich Sozialversicherung ihren Anteil um gut 8%-Punkte erhöhen. Die verbleibende Differenz speist sich aus einer leichten Anteilserhöhung der Finanzierung durch die privaten Haushalte und Organisationen ohne Erwerbszweck. Das Ausland spielt bei der Finanzierung des SB kaum eine Rolle.

Bei den Leistungen nach Funktionen macht sich bei Krankheit und Invalidität (zusammen) langfristig u. a. die Einbeziehung des Basistarifs der privaten Krankenversicherer bemerkbar: der Anteil dieser beiden Funktionen an allen funktionalen Leistungen steigt von 1991 bis 2018 um gut 3½%-Punkte.

Die Funktionen Alter und Hinterbliebene „verteidigen“ zunächst bis 2010 ihren Anteil in Höhe von ca. 41% – fallen dann aber, wie von der Agenda 2010 intendiert, auf Werte zwischen 39,0% (2015) und 38,5% (2018) – der fallende Trend dürfte sich noch eine Weile, wenngleich abgeschwächt, fortsetzen.

Bei den Familienleistungen (Kinder, Ehegatten, Mutterschaft) ergab sich zunächst (bis 2010) eine deutliche Erhöhung um fast 2%-Punkte (besonders die Leistungen für „Kinder“ wurden erhöht, während gleichzeitig die Leistungen für die Funktion „Ehegatten“ sank), seither steigt der 2010 erreichte Anteil von gut 11% kontinuierlich, wenn auch nur graduell, an. Inzwischen (2018) hat er 11,6% erreicht.

Bei fallender Zahl der Arbeitslosen verwundert es nicht, dass der Anteil der Funktion „Arbeitslosigkeit“ ebenfalls sinkt. Dieser lag 1991 noch bei 8,5%, inzwischen (2018) nur noch bei 3,2%.

Die Funktion Wohnen und Allgemeine Lebenshilfen ist von der Politik offenbar als Problem entdeckt worden. Jedenfalls hat sich ihr Anteil von 1991 bis 2010 glatt verdoppelt (von 1,4% auf 2,8%). Seither verharrt dieser Wert – bei wieder leicht fallendem Trend – in der Nähe von 3%. Ob diese Entwicklung sich angesichts der allgemeinen Wohnproblematik insbesondere für Geringverdiener und sonstige einkommensschwache Personen in Zukunft umkehrt, ist schwer abzusehen. Denn wo Wohnungen fehlen, können weder Wohngeld noch andere wohnungsbezogene Leistungen gezahlt werden. Vorhandene Leistungen könnten natürlich ausgeweitet werden – dadurch würde allerdings kein zusätzlicher Wohnraum geschaffen.

Insgesamt bestätigt die obige Analyse der Leistungen denjenigen, die zwischen den Zeilen lesen, den Eindruck, dass sich die deutsche Sozialpolitik zunehmend auf den gesellschaftlichen Bereich konzentrieren muss, in dem Armut herrscht oder wo es gilt, Armut zu verhindern.

So ist der relative Anstieg der Funktion Krankheit sicher auf eine Vielzahl von sehr unterschiedlichen Gründen zurückzuführen, auch auf medizinische Fortschritte in Diagnostik und Therapie. Aber hinzukommen Kosten wegen erhöhter Arbeitsintensität, wegen der Alterung der Gesellschaft bei abnehmender Alterssicherung, oder wegen der Hereinnahme derjenigen, die am unteren Rand der Gesellschaft leben. Der Anstieg um 3,5%-Punkte von 2010 bis 2018 sollte jedenfalls Anlass zu vertiefender Analyse sein.

Die Abnahme der Funktion Alter und Hinterbliebene um mehr als 3%-Punkte von 2000 bis 2018 spricht für sich: das SB dokumentiert damit eine Politik, die sich mit aller Macht gegen den demografischen Trend stellen will. Bei dieser Funktion wird besonders deutlich, wie (und dass) sich wirtschaftliche gegen sozialpolitische Interessen durchsetzen. Zur Alternative, nämlich die Demografie zu akzeptieren und darauf aufbauend eine z. B. europäisch oder sogar international (z. B. mit Asien) abgestimmte Sozialpolitik im Bereich Alterssicherung und verwandter Bereiche zu formulieren, fehlt der deutschen Politik sowohl die Fantasie wie seit langem auch die Kraft. Im Rahmen überkommener Entwicklungshilfe wird man hier jedenfalls keine Fortschritte erzielen können.

Die Tatsache, dass die Familienleistungen (Kinder, Ehegatten, Mutterschaft) um 2%-Punkte zugelegt haben, ist nur auf den ersten Blick eine gute Nachricht. Denn sie spiegelt lediglich die Erkenntnis der Regierung, dass die soziale Familienpolitik der Vergangenheit nicht nur unzureichend, sondern in ihren Strukturen und Wirkungen meist völlig kontraindiziert und wirkungslos war. Inzwischen wird deutlich mehr Geld in diesen Bereich gepumpt – dies ist die gute Nachricht, aber ob und wie sich dies in der längeren Frist auswirkt, bleibt abzuwarten, denn die Geschichte der bundesrepublikanischen Familienpolitik lässt ausreichend Anlass für Skepsis.

Die Funktion Wohnen und Allgemeine Lebenshilfen belegt insgesamt nur einen sehr geringen Teil des SBs. Gleichzeitig sollte die Verdoppelung ihres Anteils von 1,6% auf durchschnittlich 3,1% (2015 bis 2018) die Alarmglocken schrillen lassen. Hier bildet sich ein Armutssockel, der vermutlich schnell anwachsen dürfte. Tatsächlich deuten viele Entwicklungen (außerhalb des SB, aber auch) in anderen funktionalen Leistungen innerhalb des SB darauf hin, dass dieser Anteil künftig weiter deutlich zunehmen wird. Indizien dafür sind nicht zuletzt auch aktuelle Beschlüsse des Bundeskabinetts. So beschloss das Kabinett am 26. 09. 2018 den Entwurf eines Gesetzes zur Einführung einer Wohnungslosenberichterstattung sowie einer Statistik untergebrachter wohnungsloser Personen. Dies ist angesichts des wachsenden einschlägigen Problemdrucks einerseits sinnvoll, offenbart aber gleichzeitig ein gewisses Dilemma der darauf aufbauenden regierungsamtlichen Reaktion. Hiermit ist gemeint, dass Begriffe (und Statistiken) wie „Wohnungslosenberichterstattung“ eigentlich in das Vokabular und die Realität des dysfunktionalen anglo-amerikanischen Sozialstaats gehören.

Tatsächlich hat sich ja seit den Agenda-Reformen eine Reihe von Elementen in den deutschen Sozialstaat eingenistet, die „anglo“-konnotiert sind und daher eigentlich nicht so recht zur deutschen Sozialstaatskonzeption passen. Die Politik scheint dies zwar erkannt zu haben – so soll die geplante Grundrente im Kern innerhalb des beitragsfinanzierten Systems und nicht „außerhalb“ komplett aus Steuermitteln (dies wäre die anglo-adäquate Lösung) gezahlt werden. In anderen Bereichen, also z. B. der Wohnungsversorgung für Arme, ist man aber inzwischen so tief in der Falle neoliberaler Gesellschaftsentwicklung, dass eine kurzfristige Abkehr von bestimmten mit der Agenda importierten Regulierungen und bürokratischen Verhaltensweisen nicht möglich scheint.

Ob man sich daraus künftig herausarbeiten kann (und will) und wie lange dies dauert, kann derzeit kaum abgeschätzt werden. Vieles deutet darauf hin, dass es sich dabei eher um mindestens ein, zwei Generationenzeiträume als um wenige Jahre handeln könnte. Wie auch immer: die Verlagerung des sozialpolitischen Problemdrucks an den unteren Rand der Gesellschaft kommt der Exportnation Deutschland natürlich insoweit entgegen, als damit der Sozialstaat (jedenfalls konzeptionell) weiter verbilligt wird und außerdem weiterhin Humanressourcen kostengünstig zur Verfügung stehen, auf die auch eine ansonsten sich als moderne Industrienation verstehende Gesellschaft nicht verzichten kann, wenn sie denn funktionieren soll.

Dass die oben beschriebenen Entwicklungen auf der Finanzierungs- wie auf der Leistungsseite sich sozusagen harmonisch in die deutsche Leistungsbilanzpolitik einfügen, kann anhand der folgenden Abbildung 2 verdeutlicht werden.

Wenn man so will, wurden die Exporterwartungen der deutschen Industrie in den Jahren 1970 bis 1989 geprägt – in diesen Jahren wurde gelernt „wie es geht“. Die sich in der Vor-Wiedervereinigungszeit bzw. im Vor-€-Regime ergebenden Phasen des Aufwertungsdrucks (auf die DM) wurden hingenommen, da man davon überzeugt war, dass sich die Qualität deutscher Produktion ohnehin immer am Weltmarkt durchsetzen würde, außerdem war Verlass auf preisdämpfende Produktivitätssteigerungen bei gleichzeitiger gewerkschaftsgestützter Lohnmoderation. Steigende Lohnnebenkosten infolge steigender Sozialausgaben waren lediglich ein Störfaktor, den es zwar möglichst zu kontrollieren galt: aber die Suche nach den eigentlich nur hilfreichen Produktivitätssteigerungen unternahm man gern, solange sie nicht für steigende Wohltaten ans Volk (sozusagen) zu verwenden waren. Es galt also, die SLQ zu kontrollieren.

Tatsächlich war die deutsche Leistungsbilanz in den Jahren 1991 bis 2000 negativ, also das genaue Gegenteil vom bis anhin Gelernten. Eine negative Leistungsbilanz gehörte nicht ins Programm. Bei der Suche nach „Schuldigen“ kam man schnell auf die Sozialpolitik. Insbesondere wurde die SLQ im gleichen Zeitraum als viel zu hoch angesehen (Abbildung 1): hier verbinden sich plötzlich auf negative Weise nationale Exportinteressen und nationale Sozialpolitik. Ich habe versucht, diese Zusammenhänge in der folgenden Abbildung 2 darzustellen:

Abbildung 2

Der von 1980 bis 2017 reichende dunkle Pfeil beansprucht keinerlei „Wahrheitswert“, er soll lediglich die Vermutung verdeutlichen, dass in den wirtschaftspolitischen Köpfen der Export–Drive der Vor–Wiedervereinigungs–Ära nicht nur immer noch verdrahtet ist, sondern inzwischen (etwa seit 2007 bis 2018) auch das (heimlich) erwartete Normalniveau erreicht hat – dieses also aus Sicht der Export–Fans keineswegs zu hoch ist. Tatsächlich scheint es so zu sein, als ob – nach der Durststrecke 1991 bis 2000 – der angestrebte exportpolitische „Durchbruch“, nicht zuletzt wegen des Euro, aber auch wegen der seit 2003 begleitend erfolgten sozialpolitischen Konsolidierung und Re-Strukturierung (Agenda 2010) endlich gelungen ist.

Was bleibt?

Nun, dem Insider dokumentieren die vom BMAS dankenswerterweise veröffentlichten Zahlen[iii] zunächst einmal einen signifikanten Umbau des deutschen Sozialstaats zwischen 1991 und 2010 – dies nicht zuletzt wegen der Wirkungen der effektiven Umsetzung der Agenda 2010 seit 2003. Man mag zur Agenda-Politik stehen wie man will (der Autor hat sich wiederholt, auch auf Makroskop, kritisch zu ihr geäußert) – ihre Durchführung ist ein sehr gutes Beispiel dafür, dass es beim „Umbau des Sozialstaats“ keineswegs (oder etwa nur) um pekuniäre Maßnahmen geht – der eine kriegt mehr, die andere weniger; die eine zahlt mehr, der andere weniger – sondern um Verhaltensänderungen. Und tatsächlich: wer die gesetzlichen Zügel in der Hand hält, kann dadurch genau solche Änderungen bewirken, nicht nur bei Individuen sondern auch bei abstrakten Gebilden wie Unternehmen, oder beim Staat.

Dies wird auch in anderen Ländern so gemacht – Frankreichs Gelbwesten versuchen gerade, die antizipierten Verhaltenswirkungen von geplanter Sozialgesetzgebung zu verhindern; im Vereinigten Königreich mit seinem Hang, den Sozialstaat permanent umzubauen, werden entsprechende Gesetze mit entsprechenden Wirkungen am laufenden Band erlassen – Deutschland scheint ein besonders gutes Beispiel für die Wirksamkeit etatistisch-sozialen Handelns zu sein.

Es schält sich heraus, dass eine SLQ von nahe bei (unter) 30% des BIP eine allseits akzeptierte Zielmarke zu sein scheint. Dass dies auf Dauer durchgehalten werden könnte, wird hier bezweifelt, denn irgendwann werden, trotz aller zwischenzeitlichen Kostenentlastungsmaßnahmen, die Alterung der deutschen Bevölkerung und andere (ggfls. auch externe) Effekte durchschlagen und die Leistungsfähigkeit des Sozialstaates zusätzlich beanspruchen. Es hilft alles nichts: auf die längere Frist sollten sich alle Beteiligten, insbesondere Arbeitgeber, Arbeitnehmer und Staat (letzterer besonders) auf SLQn von bis zu 35% des BIP einstellen. Der Autor ist der Auffassung, die Quote könne jetzt bereits um ca. 2%-Punkte angehoben und zur Vermeidung von Friktionen in der Alterssicherung herangezogen werden. Solche Erhöhungen müssen in keiner Weise „wirtschaftsschädlich“ sein – jedenfalls dann nicht, wenn sie von einer produktivitätsorientierten Wirtschaftspolitik begleitet werden (die z. Z. leider nicht stattfindet). Wenn solche Erhöhungen zusätzlich etwa im Rahmen einer „konzertierten Aktion“, idealerweise auch europäisch, abgestimmt würde, wären gesellschaftliche Gegenreaktion vermutlich ganz abzufedern.

Viele Modellrechnungen haben bereits gezeigt, dass Immigration das Problem der Alterung Deutschlands (Europas) nicht lösen kann – höchstens leichte Abmilderungen sind möglich, je nach Qualifikation, Lernbereitschaft und anderen persönlichen Merkmalen zuwandernder Personenkreise. In dieser Hinsicht befindet sich Deutschland (Europa) in derselben Situation wie Südost Asien. Nicht nur, aber auch aus handelspolitischen Interessen, ist es angezeigt, dass sich beide Regionen an einen Tisch setzen und Lösungen ihrer absehbar gemeinsamen sozialpolitischen Probleme besprechen. Viele Asiaten befürchten, dass sie „too old to become social“ sind, die Europäer müssen befürchten, dass sie sich eines Sozialstaatsmodells entledigen, dass ihnen geholfen hat „rich“ zu sein.

Eine andauernd auf den Sozialstaat einwirkende Austeritätspolitik kann weder als intelligente Politik bezeichnet werden, noch dürfte sie überhaupt langfristig zielführend sein. Nachdem die Umsetzung der Agenda 2010 aber gezeigt hat, dass der Sozialstaat ein prinzipiell und praktisch effektives gesellschaftliches Lenkungsinstrument sein kann, könnten die gewonnenen Erkenntnisse auch international genutzt werden. In Asien breitet sich bei manchen Sozialpolitikern angesichts der dort manifesten gesellschaftlichen Alterungsproblematik bereits Panik aus. Hinzu kommt: niemand weiß heute, welche sozialen Probleme durch den Klimawandel tatsächlich auf die Menschheit zukommen. Es wäre daher gut, wenn man sich schon einmal zusammensetzte, um wenigstens ein Minimum gemeinsamer Klarheit über die vorhandenen sozialpolitischen Zügel und ihre richtige Anwendung zu erlangen.

 


Tabellenanhang

Tabelle I
Tabelle II – 1
Tabelle II – 2
Tabelle II – 3
Tabelle II – 4
[i] Die Sozialen Leistungen nach SB in % des BIP.
[ii] S. Wagner, Adolph (1876): Grundlegung der Politischen Ökonomie. Teil I: Grundlagen der Volkswirtschaft; s. auch Lindert, Peter H. (2010): Growing public: social spending and economic growth since the 18th century. University of California (UCLA).
[iii] Leider können beim BMAS ausschließlich die im Tabellenwerk des SB 2018 veröffentlichten Tabellen heruntergeladen werden. Es wäre wünschenswert, dass der BMAS für interessierte Anwender die vollständigen Zeitreihen des SB, also für alle Einzeljahre, zur Verfügung stellen könnte. Die zusätzliche Erstellung von Programmen zur Erzeugung der im SB routinemäßig veröffentlichten Kreuztabellen wäre für viele Anwender vermutlich besonders hilfreich. Sowohl die entsprechenden anwenderfreundlichen Angebote von Eurostat wie auch die des Statistischen Bundesamtes könnten als Vorbild dienen.

Anmelden