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MMT | 25.11.2019 (editiert am 02.12.2019)

Der Wille und das Nichts (- kein Stück von Schopenhauer)

Um den Prozess der Geldschöpfung auf den Punkt zu bringen, wird im Rahmen der MMT oftmals von „Geld aus dem Nichts“ gesprochen. Dabei handelt es sich aber lediglich um eine Metapher, deren Anwendung den tatsächlichen Sachverhalt nicht nur teilweise verfälscht, sondern auch die mystische Vorstellung der  „Geldschöpfung“ unnötig untermauert.

Günther Grunert schreibt – insbesondere in Übereinstimmung mit der US-amerikanischen MMT-Literatur – Reserven bzw. Giralgeld entstünden als elektronische Konteneinträge über eine Tastatur „aus dem Nichts“ (Anführungszeichen im Original).

Die schlagende Formulierung dient der deutlichen Abgrenzung gegenüber der Vorstellung, Geldinstitute (Zentralbanken und Geschäftsbanken) seien bei der Kreditvergabe als klassische Geldverleiher tätig und für die Kreditgewährung auf vorhandene Geldbestände (gar Tresorräume voller Geldscheine) aus Spareinlagen ihrer Kunden angewiesen.

Die Richtigkeit dieser Abgrenzung darf indes nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich bei der zitierten Formulierung um eine Metapher handelt, deren Anwendung den tatsächlichen Sachverhalt nicht nur teilweise verfälscht, sondern auch die mystische Vorstellung der (quasi alchemistischen) „Geldschöpfung“ (ebenfalls eine Metapher) unnötig untermauert. Der Seriösität des Anliegens, der Öffentlichkeit mit MMT eine realistische Darstellung des Geldsystems und seiner Möglichkeiten näherzubringen, ist so kaum gedient.

Die eindeutige Unrichtigkeit besagter Metapher besteht darin, dass die betroffenen Reserve- oder Girokonten Bestandteil der laufenden Buchhaltung der jeweiligen Institute sind, die zum  Bestand am jeweiligen Stichtag mit allen anderen Buchungen zu einer Bilanz zusammengefasst werden.

Bilanzen (bzw. die ihnen zu Grunde liegende Buchhaltung) sind aber selbst nicht operativ, erzeugen also keine Geschäftsvorgänge, sondern bilden Geschäftsvorgänge lediglich ab.

Sofern man daher das, was dem Konto zugebucht wird, als Geld bezeichnen möchte (hierzu sogleich mehr), muss es notwendig außerhalb der Bilanz entstanden sein. Denn durch die Buchung selbst kann nichts entstehen oder erzeugt werden (und eine Umbuchung vorhandener Guthaben anderer Kunden  – die Bank „leiht“ vorhandene Guthaben „aus“ – liegt ja gerade nicht vor, s.o.).

Darüber, um welchen Geschäftsvorgang es sich bei demjenigen handelt, das dem jeweiligen Konto, ausgedrückt als Geldbetrag, im Rahmen einer Kreditgewährung (zu der auch der Ankauf einer Staatsanleihe durch die Zentralbank auf dem Primärmarkt gehört) zugebucht wird, gilt in der Zuständigkeit des deutschen Gesetzgebers (§ 488 BGB – Vertragstypische Pflichten des Darlehensvertrages):

„Durch den Darlehensvertrag wird der Darlehensgeber verpflichtet, dem Darlehensnehmer einen Geldbetrag in der vereinbarten Höhe zur Verfügung zu stellen.“

Wenn auf dem Kontoauszug des Darlehensnehmers ein Eurobetrag in Höhe des vereinbarten Kredits erscheint, wird hier also lediglich die vertraglich begründete Verpflichtung des Instituts zur Bereitstellung eines entsprechenden Betrags als Geschäftsvorgang verbucht. Die aus dem Kontoauszug ersichtliche Buchung stellt für den Kunden nur den Beleg dafür dar, dass die Bank ihm den dort ausgewiesenen Geldbetrag schuldet, die Erfüllung der Verpflichtung (etwa in Form der Auszahlung als Bargeld) juristisch gesprochen aber noch aussteht. Ob dem einzelnen Kunden dies immer bewusst ist, steht auf einem anderen Blatt – der Stabilität des Bankensystems schadet das Fehlen eines solchen Bewusstseins sicher nicht (vgl. das Phänomen des sog. bank-run).

Die MMT-Literatur bezeichnet zwar schon dieses Zahlungsversprechen (im Unterschied zum zitierten Gesetzestext) als Geld; eigentliche Bezugsgröße ist aber letztlich immer Zentralbankgeld in Form von Bargeld, zu dessen Auszahlung es aber nicht kommen muss, weil für den Zahlungsverkehr zwischen den Banken (z.B. zur Erfüllung einer Kaufpreisschuld des Kreditnehmers bei einem anderen Institut) schon das Zahlungsversprechen auf Bargeld in Form von Zentralbankguthaben der angewiesenen (überweisenden) Bank ausreicht.

Für die auf den Konten verbuchten Zahlungsversprechen trifft die Aussage, dass sie „aus dem Nichts“ stammen, tatsächlich zu; ein besonderer Erkenntnisgewinn ist damit aber nicht verbunden. Wie alle rechtsgeschäftlichen bzw. vertraglichen Ansprüche oder Verpflichtungen beruht die Verpflichtung der Bank nämlich auf einer gewillkürten Erklärung (sog.  Willenserklärung), wie sie jedermann jederzeit „aus dem Nichts“ (weil sie erst mit ihrer Abgabe entsteht) abgeben kann.

Die MMT-Diktion der „Geldschöpfung aus dem Nicht“ beruht dann auf nichts Anderem als der – vertretbaren – Gleichsetzung von verbuchten Zahlungsversprechen und Geld (s.o.). Vertretbar deshalb, weil auch das gegenständlich verkörperte Geld (Scheine und Münzen) nur ein Zahlungsversprechen darstellt: Im Goldstandard auf Auszahlung von Gold im festgelegten Deckungsmaßstab, im Fiat-System auf zirkuläre Auszahlung identischer Gattungsstücke. [1]

Wenn demnach auf allen Bankkonten immer nur Zahlungsversprechen verbucht sind (nur die Zentralbank kann ihre Versprechen garantiert erfüllen), trifft es übrigens in der Diktion von MMT nicht zu, dass nur Banken (pardon:) „Geld schöpfen“ können. Auch Privatleute können untereinander Kreditverträge abschließen und der private Kreditgeber eine (Aus-)zahlungsverpflichtung eingehen, und damit im MMT-Sinn Geld erzeugen. Allein die Bonität des privaten Zahlungsversprechens – etwa als Sicherheit – dürfte in der Regel deutlich geringer als die der Zahlungsversprechen der Banken sein.


Anmerkungen

[1] hierzu den Aufdruck auf englischen Banknoten: „I promise to pay the bearer the sum of ….“. Dem Besitzer der Banknote wird eine Banknote (oder Münzen) in gleicher Höhe versprochen.

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