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Konjunktur | 08.11.2019 (editiert am 11.11.2019)

Die deutsche und europäische Konjunktur im Frühherbst 2019 – 1

Die deutsche Wirtschaft bleibt auf Rezessionskurs. Dass der Sachverständigenrat erst jetzt von einer Rezessionsgefahr spricht und vor einem Jahr noch vollkommen unbedarft war, zeugt von einem enormen Erkenntnisverzögerung und starker ideologischer Verblendung.

Der Auftragseingang im Verarbeitenden Gewerbe in Deutschland ist im September leicht gestiegen (Abbildung 1). Dieses Ergebnis führt jedoch nur dazu, dass das Quartalsergebnis im dritten Quartal nicht ganz so verheerend ausfällt wie es sonst der Fall gewesen wäre (dazu gibt es am Ende dieses Artikels eine Erläuterung). Im Oktober kam es allerdings am deutschen Arbeitsmarkt zu einer deutlichen Verschlechterung. Deren Auswirkungen wurden allerdings überdeckt von einer erheblichen Zunahme der arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen durch die Arbeitsagentur. Die Zahl der offenen Stellen sank zum ersten Mal um über 10 000, was klar signalisiert, dass sich auch im Herbst die Lage weiter verschlechtert.

Abbildung 1

Im September sind sowohl Inlandsnachfrage wie Auslandsnachfrage leicht gestiegen (Abbildung 2). Bei beiden deutet die leichte Erholung aber keineswegs eine Trendwende an. Es ist eher von einer normalen Schwankung auszugehen.

Abbildung 2

Der ifo-Index ist im Oktober nicht weiter gefallen, was auf eine leichte Verbesserung der Einschätzung der weiteren Entwicklung zurückzuführen ist (Abbildung 3). Auch hier bedeutet das keine Entspannung der Lage, sondern nur eine Verschnaufpause. Der immer noch große Vorlauf des Index deutet weiterhin darauf hin, dass weitere Rückgänge bei den Auftragseingängen nicht auszuschließen sind.

Abbildung 3

Bei den Aufträgen aus dem Ausland war es vor allem die Nicht-Eurozone, die sich leicht verbesserte (Abbildung 4). Der abwärts gerichtete Trend der Nachfrage aus der Eurozone blieb intakt.

Abbildung 4

Bei den verschiedenen Branchen war es ausschließlich der Maschinenbau, der im September eine deutliche Zunahme zu verzeichnen hatte (Abbildung 5). Auch das spricht dafür, dass es sich hierbei um eine temporäre Entwicklung handelt. Der wichtige Vorleistungsbereich der Metalle war weiter schwach.

Abbildung 5

Wir haben einmal den gesamten Auftragseingang nach Quartalen aufgezeichnet, um zu zeigen, wie eindeutig die Abwärtstendenz ist (Abbildung 6). Das vierte Quartal 2017 markiert eindeutig den höchsten Punkt. Danach ging es mit einer einzigen kleinen Ausnahme abwärts.

Abbildung 6

Die Produktion ist im Produzierenden Gewerbe im September im Vergleich zum Vormonat um 0,6 % gesunken (Abbildung 7). Für das dritte Quartal ergibt sich ein ähnliches Bild. Besonders auffällig sei, so erfahren wir vom Statistische Bundesamt, dass „die industrielle Schwächephase über die Wirtschaftszweige breit verteilt“ ist.  Während sich die Produktion im Baugewerbe zwar gegenüber dem Vormonat erholen konnte, zeigt ein Blick auf das gesamte dritte Quartal auch dort einen absoluten Stillstand an.

Abbildung 7

Auch das dritte Quartal dieses Jahres ist insgesamt abwärts gerichtet. Wer nach dem dritten Quartal 2018 nicht begriffen hatte, was Sache ist, der wollte es wohl nicht begreifen.

Der Sachverständigenrat, der gestern sein Gutachten für 2019/2020 veröffentlicht hat (mit einer BIP-Rate von 0,5 Prozent für 2018), schrieb in seinen vorherigen Gutachten im Herbst 2018 das Folgende über die deutsche Konjunktur:

„Für das laufende und das kommende Jahr erwartet der Sachverständigenrat eine Fortsetzung des Aufschwungs. Zwar dürfte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) aufgrund der temporären Produktionsprobleme in der Automobilindustrie im dritten Quartal sinken. Von einer anhaltenden konjunkturellen Eintrübung ist aber nicht auszugehen. Insbesondere die Binnennachfrage dürfte aufgrund der anhaltenden Beschäftigungszuwächse, der zu erwartenden Lohnsteigerungen, der bestehenden Investitionsanreize und der regen Baukonjunktur robust expandieren. Insgesamt prognostiziert der Sachverständigenrat für das BIP jahresdurchschnittliche Zuwachsraten von 1,6 % beziehungsweise 1,5 % für die Jahre 2018 und 2019.!

Weiter kann man nicht mehr danebenliegen. Über die Gründe für eine solch gravierende Fehleinschätzung sollte man nachdenken.

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