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Konjunktur | 22.11.2019

Die deutsche und europäische Konjunktur im Frühherbst 2019 – 3

Die europäische Konjunktur ist auch außerhalb der Industrie schwach. Dass die deutsche Politik auf der schwarzen Null beharrt, ist eine Ungeheuerlichkeit.

Die Bauproduktion in der EWU ist im September leicht gestiegen (Abbildung 1). Auch in Deutschland und Frankreich stieg die Bauproduktion, in Frankreich befindet sich die Produktion aber immer noch auf einem extrem niedrigen Niveau.

Abbildung 1

In Südeuropa ging es durchweg abwärts mit der Produktion in der Bauwirtschaft, was insbesondere für Spanien einen herben Rückschlag bedeutet (Abbildung 2). Für Portugal könnte die leichte Aufschwungsphase ebenfalls beendet sein.

Abbildung 2

In Ost- und Mitteleuropa hat sich die Produktion in Ungarn auf einem sehr hohen Niveau beruhigt, während in den übrigen Ländern mehr oder weniger Stagnation angesagt ist (Abbildung 3).

Abbildung 3

In den kleineren nördliche Ländern sind die Verhältnisse sehr unterschiedlich: In den Niederlanden geht es immer noch weiter aufwärts, Österreich tendiert ebenfalls weiter nach oben, aber Schweden erlebt nun einen scharfen Einbruch und Belgien bleibt auf der Talsohle (Abbildung 4).

Abbildung 4

Der Einzelhandelsumsatz in der EWU ist im September leicht gestiegen (Abbildung 5). Frankreich, wo es im August einen kräftigen Schub nach oben gegeben hatte, bestimmt immer noch das Tempo, obwohl die Löhne und Gehälter auch in dem Land erheblich unter Druck sind. Auch in Deutschland steigen die Umsätze tendenziell, bleiben aber weiterhin wenig dynamisch.

Abbildung 5

In Südeuropa geht es in Spanien weiter leicht aufwärts, während Portugal offenbar die ersten folgern der Rezession auch im Einzelhandel spürt. Griechenland stagniert weiter auf seinem Krisenniveau (Abbildung 6).

Abbildung 6

Bei der Arbeitslosigkeit sind die Spuren von Rezession und Stagnation außer in Deutschland, Portugal und Spanien noch nicht klar zu erkennen (Abbildungen 7 und 8). In Deutschland zeigt insbesondere die sinkende Zahl der offenen Stellen an, dass die Konjunktur klar im Abschwung ist.

Abbildung 7
Abbildung 8

Die deflationären Tendenzen in der EWU haben sich zuletzt wieder verschärft (Abbildungen 9 und 10). Die Erzeugerpreise sind deutlich unter die Nulllinie gefallen und die Verbraucherpreise bewegen sich weiter weg vom Ziel der EZB. In einzelnen Ländern ist aber auch bei den Verbraucherpreisen die Nulllinie ganz nah.

Abbildung 9
Abbildung 10

Wirtschaftspolitik

In Europa verschlechtert sich die Lage an der Preisfront und bei der Arbeitslosigkeit, aber eine europäische Wirtschaftspolitik ist nicht existent. Die EZB, die einzige Institution, die offenbar die Gesamtlage im Blick hat und mit allen Mitteln versucht, gegen eine weiter Verschlechterung anzugehen, wird vor allem in Deutschland heftig dafür kritisiert, obwohl man in der deutschen Öffentlichkeit nie ein Wort über die europäische Gesamtlage verliert.

Dass sich in diesen Tagen dann noch die Spitze der Koalition in Gestalt der Kanzlerin und des Bundesfinanzministers nach einer Regierungsklausur darin gefällt, die schwarze Null zu verteidigen, ist nicht mehr nachzuvollziehen. Der Hinweis, in Deutschland werde vom Staat ja mehr investiert, ist vollkommen neben der Sache. Man will offenbar nicht zur Kenntnis nehmen, dass man in einer Währungsunion, die schwer unter der deutschen Lohnpolitik gelitten hat und immer noch leidet, eine Verantwortung hat, die weit über die deutschen Grenzen hinausreicht. Dass von den eifrigsten Verteidigern der Marktwirtschaft nicht einmal eindeutige Marktsignale wie die negativen Zinsen auf Staatsanleihen zum Anlass genommen werden, die eigene Position zu überdenken, zeigt, welches Ausmaß die Unkenntnis und die platte Ignoranz an der Spitze der Koalition hat.

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