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Political Correctness | 01.11.2019 (editiert am 04.11.2019)

Der Krieg um die Worte

Die Sprache ist zu einer Quelle erbitterter Kontroversen geworden. Doch wer seine Freiheit wirklich ernst nimmt, muss die Unterwerfung unter das Diktat der kontrollierten Sprache verweigern.

Die Sprache der Politik und die Sprache des öffentlichen Lebens sind zu einer Quelle erbitterter Kontroversen geworden. Häufig werden Politiker nicht so sehr wegen ihrer Ansichten oder ihrer Politik angegriffen, sondern wegen der Worte, mit denen sie diese zum Ausdruck bringen oder begründen.

Dabei beschränkt sich der Versuch, die Sprache zu kontrollieren, nicht nur auf den vermeintlich politisch motivierten Zensor. Selbst die Polizei ist in den sich ausbreitenden kulturellen Konflikt um die Sprache involviert.

Fest steht, dass die Sprache des öffentlichen Lebens entwürdigt worden ist. Der politischen Rhetorik fehlt es allzu oft an Substanz. Meistens ist sie schwülstig und schwer zu fassen. Selten lädt sie zum Engagement ein. Und vor allem vermeidet sie es, selbstbewusst eine klare und unmissverständliche Sicht auf die Welt zu vermitteln. Die Qualität der Sprache, die von Politikern auf beiden Seiten des Atlantiks gesprochen wird, gibt also Anlass zu berechtigter Sorge.

Der Brexit und die “Sprache des Hasses”

Das Hauptmotiv, das die aktuelle Kontroverse um die politische Sprache antreibt, ist jedoch weniger ein Interesse an ihrer Qualität als der Wunsch, das, was in der öffentlichen Debatte gesagt werden darf, zu begrenzen.

Nehmen wir das Beispiel des Vereinigten Königreichs. Jüngste Angriffe auf die politische Sprache, wie „toxisch“ oder „ätzend“, sind oft mit der Forderung verbunden, bestimmte Wörter nicht mehr verwenden zu dürfen.

Erst letzten Monat hat sich der ehemalige Premierminister John Major mit den Pro-Brexit-Abgeordneten des Parlaments und Premierminister Boris Johnson wegen der Verwendung der „Sprache des Hasses“ getroffen. Präzise legte Major dar, welche Begriffe in der öffentlichen Debatte nicht verwendet werden sollten. Worte wie „Saboteur“, „Verräter“, „Feind“, „Kapitulation“, „Verrat“ hätten in der Konservativen Partei keinen Platz mehr, „weder in unserer Politik noch in unserer Gesellschaft“, so Major.

Zahlreiche Brexit-Gegner bekräftigen die Forderung, bestimmte Wörter aus dem politischen Vokabular zu streichen. Insbesondere den Begriff der „Kapitulation“, mit dem Politiker im Leaver Lager das Verhalten und die Politik ihrer Pro-EU-Gegner beschreiben, lehnen sie ab. Seine Verwendung, so der Vorwurf, habe zur Gewalt auf den Straßen des Vereinigten Königreichs geführt.

Im Laufe des Monats September 2019 fand die Kampagne gegen die vermeintlich toxische Sprache der Brexiteers in den Medien weiten Widerhall. Typischerweise folgte auf die Anprangerung der Sprache ein Aufruf zur linguistischen Polizeiarbeit.

Das ist wörtlich zu nehmen. Hochrangige Polizeibeamte warnten vor den Auswirkungen der Brexit-Debatte in einer hochaufgeladenen Sprache. Charlie Hall, der Polizeichef von Hertfordshire, brachte den eingeschlagenen Ton in der politischen Debatte mit einem Anstieg der Hassverbrechen in Verbindung: „In den letzten Septemberwochen“, so Hall „sahen wir Spitzenwerte, die sich mit einigen der Debatten zu überschneiden scheinen, die hier unten stattgefunden haben“.

Es ist ein Zeichen der Zeit, dass das Eingreifen der Polizei in die Debatte über politische Sprache den Medien nicht einmal bemerkenswert erschien. Glücklicherweise ist Großbritannien kein Polizeistaat, so dass es noch immer ungewöhnlich ist, dass die Polizei Parlamentariern Vorträge darüber hält, wie sie ihre Debatte führen sollen.

Doch die Frage, seit wann das Aufgabe der Polizei sein soll, hat niemand gestellt. Auch der suggerierte Kausalzusammenhang zwischen dem Tonfall der politischen Debatte und der Hassverbrechen wurde nicht ernsthaft hinterfragt. Vielmehr war zumindest für einen großen Teil der Medien die Überwachung der Sprache eine willkommene Entwicklung.

Auch der einseitige Charakter der Kampagne gegen die freie Rede wurde nur mit einem Achselzucken goutiert. Hingegen wird die Tendenz, Brexit-Befürworter mit hochbelasteten Wörtern wie „Fremdenfeind“, „Faschist“ und „Rassist“ zu stigmatisieren, von den Kreuzrittern der sauberen Sprache selten in Frage gestellt. Die Selbstverständlichkeit, mit der Anti-Brexiteers ihre Gegner auf diese Weise denunzieren, zeugt keineswegs von sprachlicher Mäßigung.

Remainer messen also mit zweierlei Maß, wenn sie verlangen, dass ihre Gegner ihr Vokabular ändern. Das eigentliche Problem ist jedoch nicht der rhetorische Ton, der von beiden Seiten der Debatte angenommen wird, sondern die heimtückische Implikation der sprachlichen Überwachung.

Denn wenn die Brexiteers kapitulieren und die Verwendung des Worts „Kapitulation“ vermeiden, wie dann sollen sie pointiert die Aufmerksamkeit auf das lenken, was sie als die Bereitschaft einiger ihrer Gegner empfinden: nur nach den Vorgaben der EU zu handeln?

Das Hauptziel dieser sprachlichen Einhegung besteht nicht darin, den Gebrauch der Sprache zu mäßigen, sondern zu kontrollieren, was gesagt werden kann oder nicht. Es geht um die Macht über den Diskurs.

Wenn tatsächlich Worte wie Verräter, Kapitulation oder Verrat im politischen Diskurs nicht mehr verwendet werden können, dann wird es sehr schwierig, auf Verhaltensweisen hinzuweisen, die zumindest für einige dem nationalen Interesse widersprechen. Das Verbot dieser Worte würde derjenigen nutzen, die noch einen Schritt weiter gehen und auch die Rede vom „nationalen Interesse“ verhindern wollen.

Wie in allen Fällen ist der Ruf nach einer Modifizierung der öffentlichen Sprache durch den Wunsch motiviert, eine politische Sprache zu schaffen. In diesem Fall hilft die Delegitimation eines bestimmten Sprachgebrauchs der Sache der Remainer.

Es ist wohl das, was Orwell meinte, als er sagte, dass derjenige, der die Sprache kontrolliert, auch bestimmen kann, was für die Wahrheit gehalten wird.

Ein integraler Bestandteil des Krieges um die Sprache ist es, einen konzeptionellen Sprung zwischen einem gezielten Wort und einem Hassverbrechen zu machen. Diese rhetorische Leistung wird durch die Etikettierung von Worten als „Hassrede“ erreicht. Sobald ein Wort als Ausdruck des Hasses benannt wird, kann es mit der Begründung diskreditiert werden, dass seine Verwendung Gewalttaten fördert.

Frauen haben keinen Penis, oder?

Es sind längst nicht nur Anti-Brexit-Ideologen, die das Etikett der „Hassrede“ verwenden, um die Aussagen ihrer Gegner zu delegitimieren. Jeder, der es etwa wagt, die von Trans-Aktivisten vertretenen Ansichten in Frage zu stellen, ereilt der Vorwurf der „Transphobie“ und riskiert, wegen eines Hassverbrechens angeklagt zu werden.

Erst vor kurzem eschauffierte sich die Vorsitzende der LGBT-Bewegung Oxford Pride Zayna Ratty über quer durchs Stadtzentrum verteilte Aufkleber, die „Hassverbrechen induzieren“ würden. Auf den Aufklebern stand nur: „Woman: noun. Adult human female“ und „Woman don’t have penises“.

Die örtliche Polizei schloss sich dem Kampf an und warnte, dass das Anbringen solcher Aufkleber am Laternenpfahl zu einer Anklage wegen Ordnungswidrigkeiten führen könnte. Polizei und Gruppen von Transaktivisten haben sich also zusammengeschlossen, um etwas zu tabuisieren, was seit Jahrtausenden völlig unumstritten war.

Der Versuch, eine triviale Aussage, nämlich dass Frauen keine Penisse haben, zu kriminalisieren, führt logischerweise zum nächsten Schritt in diesem kulturellen Konflikt. Man will die Art und Weise ändern, wie Menschen darüber denken, was ein Mann und was eine Frau ist.

Im Fall von Transgender-Themen korreliert das Ziel, Menschen daran zu hindern, die Sprache entsprechend ihrer Neigung zu benutzen, eng mit dem Versuch, der Transgender-Sichtweise zu sakralisieren. Die Sprachkontrolle hat also System: wer die Argumente von Trans-Aktivisten in Frage stellt, wird automatisch als Transphob angeprangert.

Der Versuch, bestimmte Wörter und Ausdrücke aus dem öffentlichen Leben zu eliminieren, stellt eine Form der sprachlichen Säuberung dar. Indem Worte wie „Kapitulation“ oder Aussagen wie „Frauen haben keinen Penis“ tabuisiert werden, entsteht ein sprachliches Klima, in dem auch die Ideen, die diese Wörter zum Ausdruck bringen, allmählich marginalisiert werden. Auf diese Weise strebt der Krieg gegen den Gebrauch konventioneller Sprache danach, die Perspektive seiner Ziele neu zu definieren.

Sprachliche Säuberung

Außerhalb eines totalitären Umfelds wie dem stalinistischen Russland wurde das Programm der sprachlichen Säuberung erstmals in den 1980er Jahren an den angloamerikanischen Hochschulen eingeführt. Die Praxis des „Wir schauen auf Ihre Worte“ wird seit fast drei Jahrzehnten durch die zeitgenössische Campuskultur verinnerlicht.

Eines der Ergebnisse, die das Programm der Sprachsäuberung zeitigte, ist der allmähliche Bedeutungswandel von Wörtern. Der Begriff „kontrovers“ etwa hat in der Campus-Kultur Großbritanniens eine negative Konnotation bekommen. Das ist so bezeichnend wie folgerichtig, provoziert doch eine echte Kontroverse ernsthafte Debatten, deren Verlauf von den moralinsauren Verfechtern sensibler Sprache nicht im Voraus kontrolliert werden kann. Deshalb verwenden britische Universitäten „kontrovers“ meist, um Themen und Probleme zu beschreiben, die das Potenzial haben, eine hitzige Debatte auszulösen. Anstatt also Kontroversen zu begrüßen, sollte man sie vermeiden.

Zahlreiche Universitäten haben Regeln für die Prüfung sogenannter umstrittener Sprecher eingeführt, die eingeladen worden waren, auf ihrem Campus zu sprechen. Die Transformation der „Kontroverse“ hin zu einem negativen Euphemismus zeigt das Potential der Sprachsäuberung, die Gedanken der Menschen zu beeinflussen. Sie ist der Auftakt zur Entwicklung von Konventionen und Regeln zur Definition des Sagbaren und Unsagbaren.

Derzeit wird das Projekt zur Einführung einer neuen Sprache am systematischsten und ideenreichsten von Befürwortern der Transgender-Kultur gefördert. Fast über Nacht gelang es ihr, die Unterstützung der Bürokratie zu gewinnen, um Gesetze und Regeln für Sprache rund um sex und gender durchzusetzen. Die Eliminierung der binären Sprache beim Geschlecht und die Einführung einer ständig wachsenden Anzahl von Pronomen zeugen vom immensen Einfluss dieses Projekts.

Die Autoren Keith Allen und Kate Burridge stellten in „Forbidden words taboo and censoring language” fest, dass im Gegensatz zu normalen Zensuraktivitäten, die auf die Aufrechterhaltung des Status quo abzielen, die sogenannte PC-Sprachkampagne den politischen und sozialen Wandel fördern soll. Mit anderen Worten, das Projekt zur Transformation der Sprache ist das Instrument zur Erreichung eines politischen Ziels. In diesem Fall dient der Versuch, die Sprache zu ändern, dem Ziel, Verhalten und Identitäten der Menschen zu verändern.

Um ihren Auftrag des Social Engineering zur Veränderung traditioneller Geschlechterrollen zu fördern, verbot etwa die Kindertagesstätte der La Trobe University in Australien 1995 die Verwendung von rund 20 Wörtern, darunter die geschlechtsspezifischen Begriffe von Mädchen und Jungen. Diejenigen, die gegen diesen Kodex verstießen, wurden dazu gebracht, „eine Geldstrafe in eine Art Schimpfkiste für die Verwendung von schmutzigen Wörtern zu zahlen“.

Heute sind weit mehr als 20 Wörter verboten. Aber noch wichtiger ist, dass die Praxis der geschlechtsneutralen Sozialisierung und Erziehung in Teilen der Gesellschaft immer mehr an Bedeutung gewonnen hat.

In den Kindergärten hat der Krieg um die Sprache die heimtückischste Form angenommen. Politiker können sich mindestens zurücklehnen, wenn ihnen vorgeworfen wird, „toxische Worte“ verwendet zu haben. Eine solche Option steht Kindern, die zum Ziel der sozialtechnischen Ambitionen ihrer Ältesten geworden sind, nicht offen.

In Schweden wurde 2012 im Zuge der Kampagne zur Schwächung des Geschlechtssinns von Kindern das neue geschlechtsneutrale Pronom „Hen“ eingeführt. In den letzten Jahren fand dieses neue Wort in der schwedischen Gesellschaft weite Verbreitung. Kinder werden bewusst und explizit in einer Weltanschauung indoktriniert, in der Mädchen und Jungen sowie Männer und Frauen eine schwache und flüchtige Existenz haben. Ziel dieser Pädagogik der Geschlechtsneutralität ist es, das, was ihre Befürworter als „traditionelle Geschlechterrollen und Geschlechtermuster“ bezeichnen, in Frage zu stellen. An ihrer Stelle wollen sie ein neues Muster einführen – eines, in dem sich Jungen und Mädchen und Männer und Frauen als „Hen“ verstehen.

Blickt man zurück, kann kaum bezweifelt werden, dass die Kampagne zur Sprachkontrolle einen erheblichen Einfluss auf Einstellungen und Verhaltensweisen in westlichen Gesellschaften hat. Wie Allen und Burridge feststellen, war sie „äußerst erfolgreich, Menschen dazu zu bringen, ihr Sprachverhalten zu ändern“. Die Einstellung zum spontanen und freien Meinungsaustausch hat sich gewandelt, da die Gesellschaft immer sensibler und zögerlicher hinsichtlich der Worte geworden ist, die angemessen oder unangemessen erscheinen.

Eine Folge des Krieges um die Sprache ist es, dass viele Menschen, die die Social Engineering-Ambitionen der Sprachpolizisten nicht teilen, Schwierigkeiten haben, ihre eigenen Gefühle und Ansichten zu äußern. Aussagen wie „Ich bin mir nicht sicher, ob ich das sagen darf“ oder „Ich weiß nicht, was gesagt werden kann“ sind ein wachsendes Phänomen.

Tatsächlich gibt es im gegenwärtigen gesellschaftspolitischen Klima wenig kulturelle Unterstützung für den robusten Austausch konkurrierender Meinungen. Stattdessen zensieren sich viele Menschen selbst und erlauben damit der Sprachpolizei, sie einzuschüchtern. Das ist eine gefährliche Entwicklung. Denn durch Selbstzensur drohen Überzeugungen und Gefühle, die nie zum Ausdruck gebracht werden konnten, in Vergessenheit zu geraten.

Im Kulturkampf geht es um die Worte. Diejenigen, die ihre Freiheit ernst nehmen, müssen ihre Unterwerfung unter das Diktat der kontrollierten Sprache verweigern. Die Geschichte hat gezeigt, dass der totalitäre Versuch, die Sprache der Menschen zu kontrollieren, zwangsläufig die Qualität der Demokratie mindert.

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