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Genial daneben | 04.11.2019 (editiert am 07.11.2019)

Die Meinung als Maß der Dinge?

Man muss ja nicht jede Meinung teilen, aber wenn Meinungen unter dem Deckmantel der Wissenschaft verbreitet werden, sollten sie den Fakten entsprechen. Die Ökonomen nehmen es damit aber nicht so genau.

Das mit den ökonomischen Lehrmeinungen in Deutschland ist so eine Sache. Manch einer hat eine bestimmte Meinung, weiß aber gar nicht recht, warum. Ein anderer hat eine Meinung, weil es angenehm ist, genau die Meinung zu haben, denn mit dieser Meinung bekommt man schöne Einladungen aus der deutschen Industrie, die ganz wunderbar honoriert werden. Ein Dritter wiederum vertritt mit Vehemenz eine Meinung, weil sie gut in sein übriges Weltbild passt, dass er (oder sie) aus welchen Gründen auch immer sein eigen nennt.

Der Deutschlandfunk (DLF) hat dieser Tage den Versuch unternommen, eine Meinung von Hans-Werner Sinn, dem bekannten bekennenden Neoliberalen zu bekommen, weil der DLF festgestellt hat, dass es inzwischen auch andere Meinungen unter den deutschen Ökonomen gibt (Ökonomen z. B. , das muss man sich vorstellen, die dem Staat tatsächlich eine größere Rolle zuweisen wollen) und da wollte er wissen, was der Oberguru der liberalen Ökonomen in Deutschland von solchem Abweichlertum hält.

Meinungen oder Fakten?

Jeder Mensch kann ja eine Meinung haben, wie er will, aber wenn sich einer Wissenschaftler nennt, dann muss man einfach erwarten, dass dieser Mensch nicht einfach nur eine Meinung hinausposaunt, sondern, dass diese Meinung abgesichert ist durch Fakten.

Hans-Werner Sinn wird gefragt, was er von neuen angelsächsischen Ideen halte, die darauf hinauslaufen, die „sparsame Haushaltsführung“ beim Staat in Frage zu stellen. Er fragt sich, ob George Soros auch in Deutschland aktiv ist und stellt klar:

„Ich weiß nicht, ob er (Soros) hier in Deutschland was finanziert, das würde ich mal eher nicht vermuten, aber die Denkrichtung kommt von dort und sie hat historische Ursprünge in der Nachkriegszeit in England, Abba Learner, der keynesianische Ökonom, hatte damals gesagt, alles was mit Budgetbedingungen und sparsamer Haushaltsführung des Staates zu tun hat, das können wir doch alles vergessen, wir haben ja die Druckerpresse und letztlich kann der Staat sich nach Belieben verschulden und die Zentralbank kauft dann diese Schuldpapiere und dann kann man alles finanzieren.

 Das hat England nicht gutgetan, währenddessen hatte Deutschland unter Ludwig Erhard einen ganz anderen, zurückhaltenderen Ansatz, Maß halten, nicht zu viel Geld ausgeben, sondern die Produktivkräfte der Wirtschaft durch Preisfreigabe entwickeln, keinen Dirigismus. Und das hat ja doch funktioniert, es führte zum Wirtschaftswunder – und England ging den Bach runter.“

So einfach ist das also, die Engländer, die alten Schludris, haben schon in der Nachkriegszeit Geld gedruckt und das ist ihnen übel aufgestoßen, während die Deutschen tugendhaft waren und ihr Wirtschaftswunder erlebten. Die Engländer, so kann man Sinn nur verstehen, hatten damals offenbar schon extrem niedrige Zinsen, mit denen sie das Wachstum ankurbeln wollten, was aber nicht geklappt hat.

Wie dumm, dass es Fakten gibt. Betrachtet man, wie ich das schon einige Male getan habe, das Verhältnis von Zins zu Wachstum, dann war es leider ganz anders, ja, es war nicht nur anders, es war genau umgekehrt. Abbildung 1 zeigt den kurzfristigen Zins (nominal) und das (nominale) Wachstum im Vereinigten Königreich von 1960 bis 2018. Wie man unschwer erkennen kann, liegt der Zins bis 1980 im Vereinigten Königreich gerade nicht weit unterhalb des Wachstums, während ich in der oben verlinkten Artikelserie gezeigt habe, dass in fast allen anderen Länder die 50er und 60er Jahre (und Teile der 70er Jahre) dadurch gekennzeichnet waren, das die Zinsen weit unterhalb der Wachstumsrate lagen.

Abbildung 1

Für Deutschland ist das offenkundig bis Mitte der siebziger Jahre der Fall (Abbildung 2). Dieser einfache empirische Befund bedeutet, dass offensichtlich im Vereinigten Königreich die monetären Bedingungen weit schlechter waren als in den Wirtschaftswunderländern. Mit dem Anwerfen der Druckerpresse und beliebiger Verschuldung des Staates hat das offenbar wenig zu tun. Hingegen erfreute sich das „solide“ Deutschland äußerst günstiger monetärer Bedingungen, die mit dem hohen Wachstum (dem „Wirtschaftswunder“, das es allerdings in vielen anderen Ländern mit ähnlich günstigen monetären Voraussetzungen auch gab) einhergingen.

Abbildung 2

Man sieht, ein Blick auf die Fakten lohnt. Für Wissenschaftler sollte dieser Blick auf die Fakten selbstverständlich sein, weil man sie sonst einfach nicht braucht. Die Presse sollte lernen, dass man wesentlich besser vorbereitete Journalisten braucht, wenn man, was man in diesem Fall unterstellen kann, sich einmal kritisch mit dem ökonomischen Mainstream auseinandersetzen will.

P.S.: Das Wort vom „Maß halten“ von Ludwig Erhard, das Sinn auch erwähnt, bezog sich auf den privaten Konsum und die Löhne, die zu Erhards Zeiten, wie die Abbildung 3 eindeutig zeigt, extrem stark stiegen. Erhard wollte also das extrem hohe Tempo des „Geldausgebens“ etwas verlangsamen, mit bewusster Zurückhaltung hatte das gerade nichts zu tun. Auch hier liegt Sinns Meinung weit jenseits der Realität, weswegen man sie als das nehmen sollte, was sie ist: Die Meinung einer Person, die ohne jede Autorität aus Richtung der Wissenschaft daherkommt, weil sie vollkommen losgelöst von den Fakten ist.

Abbildung 3

 

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