Foto: Henrik Klug
Kommentar | 06.11.2019 (editiert am 07.11.2019)

„MAKROSKOP und die Frauen“

Schrecklicher Verdacht: MAKROSKOP ist ein Club alter und mittelalter weißer Männer! Ist der Redakteur ein böser Chauvinist, der Frauen diskriminiert?

Wussten Sie schon, dass die Autorenschaft vom MAKROSKOP männerdominiert ist? Laut Angaben einer „LeserIn“ – auf Wunsch geschrieben in genderneutraler Sprache, um dem „mehrdeutigen“ Rufnamen gerecht zu werden – sind 28 von 30 von der Redaktion aufgeführten festen AutorInnen männlich. Ich habe diesen ungeheuerlichen Befund überprüft – und er stimmt!

Noch deutlicher, schreibt die LeserIn, sei dieses Missverhältnis in den veröffentlichten Leserbriefen zu erkennen: derzeit 77 von 79 Zuschriften, deren Name – anders als bei der LeserIn – eine geschlechtliche Zuordnung zuließe (bei vier von 83 ginge dies nicht), seien von Männern verfasst. Selbst wenn man berücksichtige, so weiter, dass einige der männlichen Leser mehrfach auftauchen, bleibe „das Verhältnis 45 Personen von 47 (bei vermutlich 50 insgesamt) – wobei es zugleich für sich spricht, dass beide Frauen nur mit je einer Zuschrift veröffentlicht sind, die Männer hingegen im Mittel mit über 1,7.“

Diesen schwerwiegenden Vorwurf habe ich aus zeitlichen Gründen nicht überprüft. Als ob die LeserIn dies geahnt hätte, ließ er/sie/es der Redaktion nachträglich ein Portable Document Format zukommen, in dem alle LeserInnenbeiträge seit Bestehen des MakroLogs nummeriert nach Datum und mit Angabe des Klarnamens sowie farblicher Markierung der Geschlechter gelistet waren.

Mein zweiter Gedanke war, dass die von der LeserIn penibel ausgewertete männliche Schreiblust – pardon, Schreibwut – sicher Rückschlüsse darauf ziehen lässt, warum auch der Überschuss an männlichen (MAKROSKOP)Autoren so signifikant ist. Ein gefährlicher Gedanke, ohnehin dürfte der Verdacht der LeserIn in eine gänzlich andere Richtung zielen.

Immerhin, so räumte die LeserIn ein, entziehe es sich seiner/ihrer Kenntnis, wie es bei der Artikelzahl der Autoren im Verhältnis zu denen der beiden regelmäßigen Autorinnen aussehe. Er/Sie/Es freue sich aber, wenn die Redaktion das Thema einmal ergänzend und kommentierend aufgreifen würde.

Gesagt, getan. Schließlich schwingt hier die Annahme mit, so eine Dysbalance zwischen Frauen und Männern bestehe nur, weil MAKROSKOP ein Club alter weißer Männer sei (stimmt übrigens nicht, mittelalte weiße Männer sind auch dabei), der Frauen, ja genau das, gezielt diskriminiert. Hier in der Redaktion würde also von einem bösen Chauvinisten – das bin wohl ich – gnadenlos ausgesiebt, was irgendwie nach Frau klingt. Nur Friederike Spiecker und Jayati Ghosh, weil vom gütigen Heiner Flassbeck protegiert, dringen da wohl durch die gläserne Decke hindurch.

In meiner Antwort gestand ich, dass wir uns natürlich der erdrückenden Beweislast der Zahlen nicht entziehen könnten. In der Tat ist die LeserIn auch nicht die/der Erste, die/der das leidige Thema anspricht. Immer wieder werden wir gefragt, warum so wenige Frauen für uns schreiben. Oder warum, wie während des MAKROSKOP-Kongresses am Samstag in Nürnberg, nur Männer auf dem Podium säßen (Friederike Spiecker musste leider aus privaten Gründen absagen).

Es lässt sich nicht verhehlen, wie viele sich daran stören. Der unbedingte Glaube an die segensreichen Wirkungen der numerischen Gleichstellung ist nun mal Zeitgeist. Deutlich zeigt das die Quote in der Politik: Ohne Doppelspitze geht gar nichts. Es zählt nicht der Inhalt, sondern nur die Geschlechterverteilung. Es kommt nicht mehr darauf an, was gesagt wird, sondern nur noch, von wem es gesagt wird.

Es gibt heute eine mehr oder weniger wie selbstverständlich angenommene Gleichsetzung von quantitativer Männerdominanz und Diskriminierung. So als ob die Uhren seit 1950 stillstünden. Als ob die Verschwörung gegen Frauen hinter jeder Ecke, in jeder noch so kleinen Redaktionsstube lauern würde. Und als ob es nicht auch andere Gründe geben könnte. Unterschiedliche Interessensschwerpunkte zum Beispiel. Oder die von Heiner Flassbeck in Nürnberg angesprochene Doppelbelastung von Frauen durch Beruf und Familie.

Sie werden es kaum glauben: Natürlich würden wir uns über mehr weibliche Beteiligung ungemein freuen, egal ob als Autorin, Rednerin oder Leserbiefschreiberin. Doch was hilfts? So sehr unsere Redaktion aktiv nach weiblichen AutorInnen sucht und auch mehr Leserzuschriften von Frauen selbstverständlich begrüßen würde – potenzielle Autorinnen, Ökonominnen und Kommentatorinnen müssen durch diese sperrangelweit offene Tür schon selbst gehen. Soviel Emanzipation der eigenen Tat sollte man den Frauen sicher zugestehen dürfen, finden Sie nicht auch?

Anmerkung: Die „genderneutrale“ Schreibweise wurde aufgrund der Liebe zur Sprache von der AutorIn und der Redaktion bisher bewusst gemieden und explizit auch nur in diesem Text benutzt.

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