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Kommentar | 28.11.2019 (editiert am 02.12.2019)

Ray Dalio – wenn der Wahn die Welt regiert

Ray Dalio, der Chef von Bridgewater, dem weltgrößten Hedgefund, will angeblich 100 Milliarden Dollar auf einen Börsencrash im März setzen. Wird es gelingen? Das ist die falsche Frage.

Die Nachrichtenlage ist verwirrend. Hat er oder hat er nicht? Und wenn doch, mit welchem Hebel? Das Finanzportal „Börsengeflüster“ tippt auf 60. Das würde bedeuten, dass sich der Einsatz –geschätzte 1,6 Milliarden Dollar – im für Bridgewater besten Fall 60 mal zurückzahlen würde. Im schlimmsten Fall (dem besten für den Rest der Welt) würde Bridgewater allerdings nur etwa 1% seines Kapitals von gut 160 Milliarden verlieren. Wer genaueres wissen will, kann sich dazu auf den Börsen-Kanälen Dutzende Stunden YouTube reinziehen.

Heißt das, dass die Welt vor einem Börsencrash und einem finanziellen Desaster steht? Nein. Wir stehen nicht davor, sondern schon mitten im Desaster drin. Bridgewater ist zwar global gesehen nur ein Rinnsal. Doch genau das ist das Problem, da noch sehr viele andere irre Megawetten am Laufen sind. Der Vermögensverwalter BlackRock etwa ist mit seinen 5.200 Milliarden Dollar schweren Portfolio gut 30 mal so groß wie Bridgewater. Und auch diese Summe macht nur etwa 8% der weltweit 66.000 Milliarden Dollar „professionell“ verwalteten Vermögens aus.

Auf diesen wiederum sind Wetten – wie die von Bridgewater – im Wert von 670.000 Milliarden Dollar ausstehend. Das ist rund das Achtfache des weltweiten Bruttosozialprodukts. Diese Deals werden von wenigen tausend Leuten gesteuert, über deren Bildschirme dieselben Informationen laufen, die nach (weitgehend) denselben, der Mode unterliegenden Kriterien beurteilt werden. Je schneller man (bzw. das eigene Computerprogramm) darauf reagiert, desto größer ist die Chance, aus den Informationen Gewinn zu schlagen. Dabei geht es um Bruchteile von Sekunden.

So what? Sollen die da oben doch mit ihren Milliarden jonglieren, wenn es ihnen Spaß macht. Nun, so einfach ist es nicht. Erstens beanspruchen die Geldmanager und das Heer der Wissenschaftler hinter ihnen einen im Verhältnis zu ihrer Zahl weit überproportionalen Anteil des BIP. Und wie man weiß: „There is no free lunch.“ Was die einen zu viel haben, fehlt am Ende des Tages den anderen.

Noch schlimmer aber ist, dass die da oben mit ihren Spielen auf die da unten zielen. Etwa wenn sie darauf setzen, dass ein Großunternehmen den Standort verlagert. Oder Personal abbaut. Oder wenn sie Italien, Argentinien oder Griechenland „shorten“ und damit Regierungen abberufen, oder sie zu Sparprogrammen – wie etwa Rentenkürzungen – zwingen und soziale Unruhen auslösen. Der Profit muss ja irgendwo her kommen. There is no free lunch. Man könnte auch von Klassenkampf von oben reden.

Und dann kommt nach das dazu, was die Ökonomen den Moral Hazard nennen: Warum soll ich mich noch mit produktiver Arbeit abmühen, wenn man doch eh nur im Finanzbusiness richtig reich werden kann? Dalio hat zwar sein erstes Geld als Caddie auf dem Golfplatz verdient, doch sein auf 18 Milliarden Dollar geschätztes Vermögen hat er sich nicht wirklich hart erarbeitet. Das ist der Grund, warum die besten Abgänger der Top-Universitäten immer öfter in der Finanzindustrie anheuern, obwohl sie dort das mühsam Gelernte nicht wirklich anwenden können.

Der Hype um Dalio – laut „Börsengeflüster“ ein „Philanthrop“ (Menschenfreund) und „einer der großen Denker der Finanzmärkte“ – zeigt noch ein weiteres Problem auf: In der globalisierten und gehebelten Welt kommt Labern weit vor Liefern. Die Topmanager von Hedgefunds, aber auch von allen anderen an der Börse notierten Unternehmen, wissen, mit welchen Ankündigungen sie die Märkte bewegen und damit Geld machen können, lange bevor die Maßnahmen auch nur in Kraft gesetzt, geschweige denn schon gewirkt haben.

Wahn und Wirklichkeit sind nicht mehr zu unterscheiden – zumindest nicht auf den Feldherrenhügeln der Weltwirtschaft. Diese hat sich eine Corporate Governance verpasst, die man sich so dumm gar nicht hätte ausdenken können. Alle tanzen nach der Pfeife der Finanzwirtschaft, die ihre (unsere) Entscheidungen in Sekundenbruchteilen fällen (fällen müssen), und die sich immer nur für sofort oder spätestens im nächsten Quartal realisierbare Profite interessieren.

Das hat sich natürlich niemand so ausgedacht. Nein, wir sind da einfach reingerutscht – und haben uns an diesen Wahnsinn gewöhnt. Darum diskutieren wir jetzt in den Finanzforen und an den Stammtischen darüber, ob der „große Denker“ bald schon 200 oder nur noch 150 Milliarden Dollar schwer sein wird. Stattdessen müssten wir endlich ernsthaft darüber nachdenken, wie wir noch rechtzeitig aus dieser Sch….. herauskommen.

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