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Klimadebatte | 29.11.2019 (editiert am 03.12.2019)

Wann erreicht der Klimawandel die Wirtschaftswissenschaften?

Die Erkenntnis macht sich breit, dass die Erde an den Folgen unserer Wirtschaftsweise zugrunde geht. Nur wenn die Wirtschaftswissenschaften aufhören, Märchen zu erzählen, kann ein gesellschaftlicher Wandel eingeleitet werden, der den Menschen eine lebenswerte Welt belässt.

In einem bemerkenswerten Interview mit dem Magazin der New York Times attestiert der in Kanada lehrende Umweltwissenschaftler Vaclav Smil den akademischen Wissenschaften einschließlich der Ökonomie ein fundamentales Versagen, wenn es darum geht, die auf der Hand liegende Tatsache der Endlichkeit des natürlichen Systems Erde zur Kenntnis zu nehmen.

Die komplexe moderne Gedankenwelt habe sich von den natürlichen Lebensgrundlagen abgekoppelt und genüge sich selbst. Dies sei umso erstaunlicher, als schon einfachste naturwissenschaftliche Überlegungen („Kindergarten-Biologie“) die Unhaltbarkeit des derzeitigen Zivilisationsmodells offenbarten.

Damit schließt Smil an die dezidierte Ökonomie-Kritik des Mitglieds des Haut Conseil du Climat der französischen Regierung, Jean-Marc Jancovici, an. Die moderne Volkswirtschaftslehre ignoriere vorsätzlich, dass das Gesamtsystem aller Volkswirtschaften und damit jede Volkswirtschaft im Einzelnen in einem nicht beliebig erweiterbaren materiellen Haushalts- und Energierahmen stehe. Angesichts der Klimaerwärmung als Folge der forcierten Emission von Treibhausgasen und dem dadurch notwendigen vorzeitigen Abschied von fossilen Energieträgern (und Rindfleisch) gälte es, die nationalen Volkswirtschaften hinsichtlich der Energieerzeugung und des -verbrauchs quasi betriebswirtschaftlich und nichts desto trotz mit volkswirtschaftlichem Sachverstand neu zu organisieren. Da dabei insbesondere (aber nicht nur) auf Grund der besonders vorteilhaften energetischen Eigenschaften der fossilen Rohstoffe (nicht umsonst habe die einst „erneuerbar“ versorgte Menschheit als Startsignal des modernen Kapitalismus den Wechsel zu den Fossilen vollzogen) Wohlstandsverluste unausweichbar seien, müsse dieser Wohlstandsverlust möglichst gerecht verteilt werden. Je mehr der Gedanke der Gleichheit in einer Gesellschaft verankert sei, desto größer die Chancen für einen sozialverträglichen Wandel – und damit für einen Wandel überhaupt. Dass ein solcher Wandel eine führende Rolle des Staates voraussetze, liege auf der Hand.

Die Vorstellung, dass die insbesondere mit Hilfe der Fossilen erzielten Produktivitäts- und Wohlstandsfortschritte der letzten 200 Jahre (wäre das chinesische Wirtschaftswunder ohne den Aufstieg des Landes zum größten Kohleverbraucher weltweit möglich gewesen?) teilweise (oder größtenteils?) zurückgegeben werden müssen (siehe zu den weitreichenden wirtschaftlichen Folgen eines spürbaren Rückgangs des Fleischkonsums auch Smil im zitierten Interview), ist zweifellos beängstigend.

Noch beängstigender aber ist die Vorstellung, dass diese Angst dazu führt, dass die Wirtschaftswissenschaften nun erst Recht dabei bleiben, das Märchen zu erzählen, von dem Greta Thunberg vor der UNO sprach.

Die von Smil kritisierte Selbstreferenz der Wissenschaften und ihr Abstand zu den Fakten der realen Welt verkörpern die Wirtschaftswissenschaften in geradezu paradigmatischer Weise.

An der Fähigkeit der Wirtschaftswissenschaft zur kritischen Selbsterkenntnis bemisst sich daher auch der mögliche Grad der Zuversicht für einen Wandel insgesamt.

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