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Auch in Zukunft Hand in Hand

Der Zusammenhang von Lohnarbeit und Sozialstaat war schon immer sehr eng. Trotz der Rede vom Bedeutungsverlust der Arbeit wird Lohnarbeit der zentrale Vergesellschaftungsmodus bleiben. Ihre Ausgestaltung bleibt daher auch die wichtigste Stellgröße für die Leistungsfähigkeit des Sozialstaats.

Vortrag beim Makroskop-Kongress „(K)eine Zukunft ohne Staat“ am 02.11.2019 in Nürnberg.

Ursprüngliche Präsentation unter diesem Link.

Wege aus der Arbeitsgesellschaft?

Was wird aus dem Sozialstaat? Hat er in seiner derzeitigen Gestalt überhaupt eine Zukunft, fragen sich Befürworter, Kritiker und Gegner gleichermaßen, wenn auch mit unterschiedlicher Stoßrichtung. Dass die Verfechter und Vollstrecker des Neoliberalismus, dass die Wirtschaftsliberalen und die marktradikalen Staatsfeinde den Sozialstaat am liebsten weiter schleifen würden, ist ein offenes Geheimnis. Und wie zur Bestätigung hat der Bundeswirtschaftsminister das Thema „zu hohe Sozialabgaben“ mal wieder aus der Mottenkiste geholt.

Eine andere Form der Infragestellung kommt aus den Reihen progressiver Kritiker, Zweifler und Weiterdenker, die aus der Perspektive der Verheißung, der positiven Utopie argumentieren. Eine Überwindung des traditionellen Sozialstaats gilt hier deswegen als erstrebenswert, weil sie mit der Hoffnung oder Zuversicht verknüpft ist, dass es dank neuer technischer Möglichkeiten in Bälde möglich sein wird, das Joch der Arbeit weitgehend abwerfen zu können. Wenn gesellschaftlicher Reichtum dann nicht mehr qua Lohnarbeit, sondern auf gänzlich andere, auf egalitärere Weise produziert werde, bedürfe es keiner Institution des nachträglichen Ausgleichs durch Umverteilung mehr.

Derartige, auf technologischen Fortschritt, auf die Produktivkraftentwicklung sich stützende (oft von Technikdeterminismus geprägte) Voraussagen zur Zukunft der Arbeit gab es allerdings schon häufig. Ähnlich wie Keynes schon in den 1930er Jahren Überlegungen zu einer möglichen „technologischen Arbeitslosigkeit“ angestellt hatte, fragte Hannah Arendt sich in den 1950er Jahren, ob die „Arbeitsgesellschaft“ (Arendt 1960) in Zukunft ohne Arbeit dastehen könnte. Später wurde diese sogar in Gänze für „faktisch tot“ erklärt. Wer nicht so weit gehen wollte wie André Gorz, der über „Wege ins Paradies“ (1983) sinnierte, der hatte angesichts einer nach der ersten Ölkrise beunruhigend hoch ansteigenden Arbeitslosigkeit zumindest die Krise der Arbeitsgesellschaft ausgerufen (Offe 1983, Dahrendorf 1983). Letzteres wiederholte sich noch einmal zu Zeiten der Massenarbeitslosigkeit der 1990er Jahre. Um eins jedoch gleich vorwegzunehmen: Derartige Prognosen haben sich nie bewahrheitet. Unterm Strich hat es im Zuge eines fortlaufenden Strukturwandels nach technologisch induzierten Entwicklungssprüngen nie weniger, oft sogar mehr Erwerbsarbeit gegeben als zuvor. Die Arbeitsgesellschaft hat zwar krisenhafte Umwälzungen und Umschichtungen durchlebt, auf dem Sterbebett ist sie aber nie gelandet.

Und doch nährt ein mit Schlagworten wie „Digitalisierung“, „Künstliche Intelligenz“, „Industrie 4.0“, oder „Sharing- / Gig- / Plattformökonomie“  versehener neuerlicher Technologieschub heute wieder alte Hoffnungen darauf (je nach Erwartungshaltung sind es auch Befürchtungen), dass Jeremy Rifkin mit seiner These vom „Ende der Arbeit“ (1995) doch irgendwie recht behalten könnte: Die Digitalisierung kommt, und mit ihr die Künstliche Intelligenz und die Roboter – und uns geht dank der Automatisierung die Arbeit aus, so lautet verkürzt eine populäre These. Und weil das so ist, sagen die Weiterdenker, muss das Gemeinwesen, müssen Staat und Gesellschaft neu organisiert werden, weg vom alten Gravitationszentrum der Lohnarbeit.

Zu den teils prominent diskutierten Lösungen, den vermeintlich nicht aufzuhaltenden Bedeutungsverlust menschlicher Arbeit gesellschaftlich zu bewältigen, indem Arbeit und Leben neu austariert werden, ohne dass Massenverelendung eintritt, zählen dann beispielsweise das Konzept des bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) oder Maßnahmen zur radikalen Arbeitszeitverkürzung (AZV). Die radikalere Idee, den Gordischen Knoten einfach durchzuschlagen und das Problem, allseitige Wohlfahrt mit weniger menschlicher Arbeit zu sichern, mittels „Aufhebung“ des Kapitalismus zu lösen, hat trotz ihrer Attraktivität (wer wollte nicht von entfremdender Lohnarbeit befreit werden?) dagegen nur noch wenige Anhänger, da sich viele von ihnen auf der Suche nach dem verlustig gegangenen historischen Subjekt der Umwälzung verlaufen haben.

Wie dem auch sei, alle drei Ansätze (von je unterschiedlicher Reichweite) transportieren mehr oder weniger explizit eine Infragestellung des Sozialstaats in seiner historisch gewachsenen Form, wobei vor allem die radikale, die systemüberwindende Variante sich in erster Linie an der die Verhältnisse stabilisierenden Reparaturfunktion einer wohlfahrtsstaatlichen Sozialpolitik reibt. Doch auch für die anderen beiden Ideen AZV und BGE gilt: Diese wie noch weitere zirkulierende Vorschläge laufen implizit oder explizit darauf hinaus, dass dem Sozialstaat in seiner heutigen Form der Boden unter den Füßen weggezogen würde.

Wie groß aber sind die Chancen, dass ein derartiger Systembruch, auf den viele neoliberale Sozialstaatsgegner aus gänzlich anderen Motiven und mit anderer Zielsetzung seit Jahrzehnten hinarbeiten, auf politischer Ebene vollzogen wird? Oder stimmt bereits die implizite Grundannahme nicht mehr, dass der sozioökonomische und der politische Wandel der letzten Jahrzehnte die Fundamente des Sozialstaats weitgehend unangetastet gelassen hat? Hat der Systembruch womöglich schon längst stattgefunden, weil der fortwährende Sozialabbau den Punkt des Umschlags von Quantität in Qualität bereits erreicht hat?

40 Jahre Sozialabbau und Restrukturierung, aber kein Systembruch

Tatsächlich muss man im Rückblick auf die vergangenen gut 40 Jahre Sozialpolitik konstatieren, dass der Sozialstaat nach und nach ausgehöhlt worden ist – um etwas zurückhaltender zu formulieren als kritischere Stimmen, die von „Kahlschlag“ (Müller 2010) und „Demontage“ (Butterwegge 2006) sprechen. Das Thema Sozialabbau zieht sich jedenfalls wie ein roter Faden durch eine ganze Reihe von Legislaturperioden. Erste Einschnitte gab es bereits unter der sozial-liberalen Regierung Schmidt (1974/75 bis 1982). Unter der Regierung Kohl (ab 1982) ging es dann mehr und mehr zur Sache. Doch blieb es einem Sozialdemokraten (1998-2005) vorbehalten, den bislang umfangreichsten Sozialabbau in der bundesdeutschen Geschichte durchzuführen.

Die Liste der Einschnitte und Leistungskürzungen ist lang. Im Bereich der Rentenversicherung wurde das Rentenniveau abgesenkt und die Regelaltersgrenze von 65 auf 67 Jahre angehoben. Zudem wurde eine Teilprivatisierung der Altersvorsorge (Stichwort Riesterrente) durchgesetzt. Im Gesundheitswesen wurden immer wieder Leistungen gestrichen bzw. gekürzt (Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall, Sterbegeld, Zahnersatz, Sehhilfen) oder mit einer obligatorischen finanziellen Selbstbeteiligung versehen (Zuzahlungen bei Arznei-, Hilfs-, Verband- und Heilmitteln, bei häuslicher Krankenpflege, Krankenhausbehandlung und Rehabilitation). In der Pflegeversicherung wurden Eigenanteile von vornherein zum Prinzip erhoben.

Hinzu kommen Steuerreformen, die eine gewollte Umverteilung nach oben bewirkt haben. So wurden die Körperschaftssteuer und der Spitzensteuersatz bei der Einkommensteuer gesenkt. Die Gewerbekapitalsteuer wurde ebenso abgeschafft, wie die Vermögensteuer ausgesetzt wurde. Mittlerweile wird in kaum einem anderen Industrieland Vermögen so gering und Einkommen auf Arbeit so hoch besteuert wie in Deutschland (vgl. Fratzscher 2019).

Last but not least wurde auch an die für den Sozialstaat so konstitutive Qualität der Beschäftigungsverhältnisse die Axt gelegt. Eine neoliberale, angebotsorientierte Arbeitsmarktpolitik ist in hohem Maße mitverantwortlich für die Erosion des Normalarbeitsverhältnisses, die Ausbreitung atypischer und prekärer Beschäftigung und einen der europaweit größten Niedriglohnsektoren. Kurzum: Die politische Deregulierung des Arbeitsmarktes hat im Zuge einer weitreichenden Flexibilisierung von Beschäftigung eine Entwertung und Entsicherung (Prekarisierung) von Arbeit bewirkt. Für die sozialstaatliche Leistungserbringung ergibt sich hier übrigens gleich ein doppeltes Problem: Auf der Einnahmeseite fehlen Beiträge, zugleich müssen auf der Ausgabenseite für mehr Arbeitnehmer existenzsichernde Unterstützungsleistungen wie Wohngeld oder ergänzende AlG 2-Zahlungen (Aufstocker) aufgebracht werden.

Nicht nur ist das soziale Netz löchriger geworden. Begleitet wurden die Leistungskürzungen immer wieder von Strukturreformen, die zum Ziel hatten, Marktmechanismen, Konkurrenz und betriebswirtschaftliche Effizienz zu Organisationsprinzipien der sozialstaatlichen Leistungserbringung zu erheben. Dies ist in so erheblichem Umfang gelungen, dass analytische Schlussfolgerungen, es handele sich hier um nicht weniger als eine Restrukturierung des Sozialstaats (Butterwegge 2006), um einen tiefgreifenden Umbau des Wohlfahrtsstaates, oder um einen „Systemwandel“ (Bosch 2015:3) nicht von der Hand zu weisen sind.

Und doch: Der fundamentale Systembruch ist bisher ausgeblieben. Der Neoliberalismus in der Politik hat die Architektur des Sozialstaats zwar beschädigt, seine tragenden Säulen aber nicht zerstört. Die Erwerbsarbeit bildet auch weiterhin die Basis des deutschen Sozialstaats, der sich trotz vielfältiger Steuereinnahmen (die ja zu großen Teilen von Arbeitnehmern entrichtet werden) ganz überwiegend auf die Einnahmen aus sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung stützt. Mit 60,9 Prozent entfallen nahezu zwei Drittel aller Leistungen auf die fünf Zweige der Sozialversicherung, deren Budgets sich überwiegend aus den Sozialbeiträgen der Beschäftigten und ihrer Arbeitgeber speisen (BMAS 2019). Trotz nicht geringer Bundeszuschüsse zur Renten- und Krankenversicherung besteht insgesamt also ein erhebliches Übergewicht der Beitragsfinanzierung gegenüber der Steuerfinanzierung. Etwas überspitzt könnte man daher sagen, der Sozialstaat ist immer noch ein Sozialversicherungsstaat.

Doch sind nicht nur die Strukturen des Sozialversicherungssystems im Kern intakt geblieben (Blank 2019). Auch seine prinzipielle Fähigkeit zur (kompensatorischen) sozialen Umverteilung hat sich der Sozialstaat trotz der Leistungsbeschneidungen erhalten, wenn auch nicht im notwendigen Maße ‒ und notwendig ist sie mehr denn je, wie EUROSTAT-Zahlen zur Armutsgefährdung zeigen. Ohne Sozialleistungen wären im Jahr 2018 in Deutschland 24,0 Prozent der Menschen in Privathaushalten armutsgefährdet gewesen (ohne Rentenzahlungen sogar 42,0%). Nach Umverteilung waren es noch 18,7 Prozent.

Das letzte Beispiel darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es nicht mehr gelingt, die Ungleichheit der Markteinkommen über staatliche Umverteilungsinstrumente wenigstens in ökonomisch sinnvollem Maße (vgl. dazu Grigoli u.a. 2016) auszugleichen, von den Bedürfnissen der Menschen nach materieller Sicherheit, Wohlstand und Teilhabe ganz zu schweigen. Bei den verfügbaren Jahreshaushaltseinkommen (inkl. Transferzahlungen wie ALG 1 und 2 oder Kindergeld) hat sich die Schere zwischen unteren und oberen Einkommensschichten zuletzt wieder dermaßen geöffnet, dass die soziale Ungleichheit einen neuen Höchststand erreicht hat (Spannagel/Molitor 2019).

Neue Bedrohungen?

Bis heute hat nicht nur die historische Allianz von Lohnarbeit und Sozialstaat allen Umbrüchen und Angriffen sowie manchen sinnvollen Reformansätzen standgehalten, auch die Grundlagen sozialstaatlicher Leistungserbringung sind trotz zahlreicher Einschnitte und marktorientierter Strukturreformen anscheinend immer noch von Beharrungstendenzen geprägt, die auf tiefer liegende institutionelle Resilienzen verweisen. Gleichzeitig legen Befunde zunehmender Armutsgefährdung sowie steigender Einkommens- und Vermögensungleichheit nahe, dass der Sozialstaat nur noch sehr begrenzt in der Lage ist, durch Umverteilung des erarbeiteten gesellschaftlichen Reichtums für sozialen und ökonomischen Ausgleich zu sorgen. Und als wären die Anforderungen an das sozialstaatliche Leistungsvermögen nicht schon hoch genug, zeichnen sich technische, ökonomische und soziale Veränderungen ab, die unter den gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen und politischen Verhältnissen durchaus als zukünftige Bedrohungen angesehen werden können. Zumindest ist es eine offene Frage, wie krisenhaft die mit den Schlagworten „Digitalisierung“, „demografischer Wandel“ und „sozial-ökologische Transformation (Energiewende“) belegten Umstrukturierungsprozesse ablaufen werden.

Eins aber ist klar: Von interessierter Seite vorgebrachte Forderungen nach unvermeidlicher Anpassung an vermeintlich alternativlose Entwicklungen entbehren jeder rationalen Grundlage. Auch bei der digitalen wie der ökologischen Transformation handelt es sich um generell gestaltungsoffene Prozesse, die zunächst zwischen Arbeit und Kapital ausgehandelt werden müssen und können. Konflikte sind dabei programmiert, etwa wenn es darum geht, Arbeitslosigkeit zu vermeiden und bei der Qualität von Arbeitsplätzen keine Abstriche zu machen. Eine prozessbegleitende wie -steuernde politische Gestaltung flankiert den sozialverträglichen Umbau von Arbeit und kann einer Spaltung in Umstrukturierungsgewinner und -verlierer entgegenwirken. Das zusätzliche Abfedern durch staatliche Maßnahmen (z.B. Weiterbildung, Kurzarbeit) stellt den Sozialstaat allerdings vor weitere Belastungen. Ob die neue digitale Arbeitswelt dann der Sozialversicherung, die am traditionellen abhängigen Beschäftigungsverhältnis anknüpft, tatsächlich die Grundlage entziehen wird (Ebert 2018:36), ist noch keine ausgemachte Sache.

Ähnlich verhält es sich beim Thema demografischer Wandel. Unstrittig ist, dass die in das erwerbsfähige Alter eintretenden Kohorten in naher Zukunft deutlich kleiner sein werden als diejenigen, welche aus Altersgründen vom Arbeitsmarkt verschwinden. Der daraus resultierende Rückgang der Bevölkerung im Erwerbsalter lässt die Sozialsysteme nicht unberührt. Horrorszenarien, die sich fast immer auf Prognosen zur Entwicklung der Erwerbstätigenzahlen berufen, sind allerdings doppelt fragwürdig, denn erstens sind Prognosen, die auf dem Fortschreiben demografischer Trends beruhen, mit einer nicht geringen Irrtumswahrscheinlichkeit behaftet. Zweitens ist nicht die Anzahl von Erwerbstätigen entscheidend, sondern die Zahl der von ihnen tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden, wobei beides ganz erheblich von der Entwicklung der Erwerbsbeteiligung erwerbstätiger und erwerbsfähiger Personen abhängt. Da hier noch ungehobenes Potenzial bei Frauen und Älteren schlummert, ist es im Verein mit einer moderaten Zuwanderung prinzipiell möglich, das Gesamtarbeitsvolumen in Deutschland auch 2030 auf dem heutigen Stand zu halten (vgl. BIB 2019). Auch hier zeichnet sich also ab, dass wie bisher auf abhängiger Beschäftigung beruhende sozialstaatliche Antworten möglich sind, zu denen auch eine Anhebung der Beitragssätze zur Rentenversicherung gehört.

Noch gar nicht diskutiert sind hier Szenarien einer Bewältigung der Transformationsprozesse auf Basis einer Wiederertüchtigung des Sozialversicherungsstaates. Schon lange wird für die Sozialversicherungen eine Ausweitung der Beitragszahler als erfolgversprechende Reformoption sowohl für die Kranken- und Pflegeversicherung (Bürgerversicherung), als auch der Rentenversicherung (Erwerbstätigenversicherung) ins Spiel gebracht. Allein schon die Einbeziehung von Beamten in die gesetzliche Rentenversicherung würde nachweislich einen erheblichen Entlastungseffekt hervorrufen (vgl. Burret/Moog 2019). Bei der Krankenversicherung wäre es ähnlich.

Gleiches gilt in besonderem Maße für die politische Gestaltung von Erwerbsarbeit, ist doch die Qualität der Beschäftigungsverhältnisse direkt mit der Leistungsfähigkeit des Sozialstaats verknüpft. Wenn man allein bedenkt, dass Tarifflucht und Lohndumping laut aktuellen Berechnungen des DGB zu Ausfällen bei Sozialversicherungsbeiträgen und Steuern von etwa 40 Milliarden Euro pro Jahr führen, so wird deutlich, welches Potenzial verschenkt wird. Eine Arbeitsmarktpolitik, die die Ordnung auf dem Arbeitsmarkt wiederherstellt, die prekäre Beschäftigung zurückdrängt, das Normalarbeitsverhältnis (inkl. einer gut entlohnten großen Teilzeit) stärkt, Tarifflucht unterbindet, Dumpinglohnmodelle (bei Leiharbeit, Werkverträgen, Scheinselbstständigkeit) konsequent verhindert, stärkt die Basis des Sozialstaats.

Persistenz des deutschen Sozialmodells

Mit dem Hinweis auf die Reformbedürftigkeit des Arbeitsmarkts schließt sich der Kreis zur Eingangsfrage, die jetzt folgendermaßen beantwortet werden kann: Nicht Erwerbsarbeit an sich hat an Bedeutung verloren und damit die traditionelle Sozialstaatsarchitektur ins Wanken gebracht bzw. ihren Fortbestand in Frage gestellt. Strukturell geschwächt wird der Sozialstaat vielmehr durch den anhaltenden Verlust an qualitativ guter und gut bezahlter Arbeit. Die historische Allianz aus Lohnarbeit und Sozialstaat hat damit an Bindungskraft verloren, von einer Auflösung ist sie aber noch weit entfernt. Daran wird selbst die Digitalisierung nichts ändern, auch weil sie eben nicht das „Ende der Arbeit“ einläutet (vgl. Südekum 2019).

Drei ganz unterschiedliche Aspekte seien abschließend genannt, die für eine Persistenz des deutschen Sozialmodells (mit den Sozialversicherungen als zentralem Baustein) sprechen. Zum einen lehrt ein Blick auf die materiellen Grundlagen jeder menschlichen Gesellschaft, was für Marx noch selbstverständlich war, als er seine Kritik am Gothaer Programm der SPD formulierte: Die Natur und die sie umformende Arbeit sind und bleiben die Quellen allen gesellschaftlichen Reichtums. Da Kapital aus sich heraus keine Werte gebiert, ist und bleibt Arbeit auch zukünftig das Zentrum jeder Produktion und jedes Konsums. Ohne Zugriff auf seine Quellen ist eine Verteilung des Wohlstands schlicht nicht möglich.

Das deutsche Sozialmodell ist bisher von vergleichsweise großer Kontinuität geprägt gewesen, im Positivem wie im Negativen (Reformstau). Der oben dafür gewählte Begriff der institutionellen Resilienz verweist auf den Aspekt einer für die Entwicklung von Institutionen charakteristischen Pfadabhängigkeit, die ihren Schatten auch auf alle zukünftigen Reformbedarfe wirft, die einer politischen Gestaltung unterliegen. Künftig zu erwartende Sozialstaatsreformen dürften daher auch weiterhin ganz überwiegend dem bewährten Muster inkrementeller Neujustierungen entsprechen.

Nicht zuletzt steht die Arbeitsgesellschaft im Bewusstsein der allermeisten Menschen weiterhin derart hoch im Kurs, dass von einer Legitimationskrise keine Rede sein kann. Versprechungen eines leistungslosen Grundeinkommens steht die große Mehrheit skeptisch bis ablehnend gegenüber, wie das gerade gescheiterte Volksbegehren in Österreich erneut bestätigt hat. Ankündigungen politischer Vorhaben, etwas für die „hart arbeitenden Menschen“ zu tun, kommen dagegen immer noch gut an. Allenfalls entlädt sich Ärger darüber, dass genau das nicht geschieht. Und selbst mit so unsinnigen Sprüchen wie „sozial ist, was Arbeit schafft“ gelingt es weitgehend mühelos, den Menschen Sand in die Augen zu streuen.

Nein, die Arbeitsgesellschaft ist noch lange nicht am Ende. Arbeit in Form der Lohnarbeit bleibt weiterhin der zentrale Modus der Vergesellschaftung. Und als solche bildet sie auch weiterhin die Basis des deutschen Sozialstaats.

 


Literatur

Arendt, H. (1960): Vita activa oder Vom tätigen Leben, Stuttgart.

BIB – Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (2019): Alterung und Arbeitsmarkt: Auswirkungen weniger dramatisch als vielfach befürchtet. Policy Brief v. Sept. 2019, Wiesbaden.
https://www.bib.bund.de/Publikation/2019/pdf/Policy-Brief-Alterung-und-Arbeitsmarkt.pdf?__blob=publicationFile&v=6

Blank, F. (2019): Sozialversicherung: Die Strukturen sind intakt. WSI-Blog „Work On Progress“, Eintrag vom 27.09.2019.
https://www.boeckler.de/wsi_blog_121850.htm

BMAS – Bundesministerium für Arbeit und Soziales (Hg.) (2019): Sozialbudget 2018, Bonn.
https://www.bmas.de/SharedDocs/Downloads/DE/PDF-Publikationen/a230-18-sozialbudget-2018.pdf;jsessionid=8A79FF89C7528D1FB5ABF022A96FCA08?__blob=publicationFile&v=2

Bosch, G. (2015): Das deutsche Sozialmodell in der Krise. IAQ-Forschung2015-02, Duisburg.
http://www.iaq.uni-due.de/iaq-forschung/2015/fo2015-02.pdf

Burret, H./ Moog, S. (2019): Einbeziehung von Beamt_innen in die Gesetzliche Rentenversicherung. WiSo direkt, Nr. 20, Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn.
http://library.fes.de/pdf-files/wiso/15742.pdf

Butterwegge, C. (2006): Krise und Zukunft des Sozialstaates, 3. Auflg., Wiesbaden.

Dahrendorf, R. (1983): Wenn der Arbeitsgesellschaft die Arbeit ausgeht. In: Matthes, J. (Hg.): Krise der Arbeitsgesellschaft? Verhandlungen des 21. Deutschen Soziologentages in Bamberg 1982, Frankfurt/M., S. 25–37.

Ebert, T. (2018): Krise der Sozialsysteme ‒ Konzepte für die Zukunft. In: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hg.): Herausforderungen des Sozialstaats im sozialen Wandel. Heft 75 der Reihe „Deutschland und Europa“, Stuttgart, S. 32- 37.
http://www.deutschlandundeuropa.de/75_18/sozialstaat.pdf

Fratzscher, M. (2019): Vermögensteuer: Eine Neiddebatte hilft nicht weiter. In: DIW Wochenbericht, 86. Jg., Nr. 36, S. 640.
https://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.676243.de/19-36-4.pdf

Gorz, A. (1983): Wege ins Paradies: Thesen zur Krise, Automation und Zukunft der Arbeit, Berlin.

Grigoli, F./ Paredes, E./ Di Bella, G. (2016): Inequality and Growth: A Heterogeneous Approach. IMF Working Paper 16/244.
https://www.imf.org/~/media/Websites/IMF/imported-full-text-pdf/external/pubs/ft/wp/2016/_wp16244.ashx

Keynes, J. M. (2007): Wirtschaftliche Möglichkeiten für unsere Enkelkinder. In: Reuter, N. (Hg.): Wachstumseuphorie und Verteilungsrealität: Wirtschaftspolitische Leitbilder zwischen gestern und morgen, Marburg, S. 135-147.
https://www.attac.de/fileadmin/user_upload/Kampagnen/jenseits-des-wachstums/Keynes%20Enkelkinder.pdf

Müller, S. (2010): Chronik eines Kahlschlags: Die Demontage des deutschen Wohlfahrtstaates. Le Bohémien, Artikel vom 13.10.2010.
https://le-bohemien.net/2010/10/13/chronik-eines-kahlschlags/

Offe, C. (1983): Arbeit als soziologische Schlüsselkategorie? In: Matthes, J. (Hg.): Krise der Arbeitsgesellschaft? Verhandlungen des 21. Deutschen Soziologentages in Bamberg 1982, Frankfurt/M., S. 25–37.

Rifkin, J. (1995): Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft, Frankfurt/M.

Spannagel, D./ Molitor, K. (2019): Einkommen immer ungleicher verteilt: WSI-Verteilungsbericht 2019, WSI-Report Nr. 53, Düsseldorf.
https://www.boeckler.de/pdf/p_wsi_report_53_2019.pdf

Südekum, J. (2019): Ende der Arbeit? Arbeitsmarkt im Zeitalter der Robotik. In: Die politische Meinung, 64 Jg., Nr. 559, S. 75-78.
https://www.kas.de/documents/258927/7504706/75_S%C3%BCdekum.pdf/9e305a3f-a871-980f-daee-11e17cf691cc?version=1.0&t=1573037633135

 

 

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