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Genial daneben | 18.12.2019

Deflation für alle!

Kaum ist Christine Lagarde im Amt, schon werden in einigen deutschen Medien abstruse Vorstellungen präsentiert. So wird gefragt: Warum sollte eine „Deflation für alle“ kein wünschenswertes Ziel der Geldpolitik sein?

„Bonjour, Madame Lagarde“, so lautet der Titel eines Artikels der Tageschau pünktlich zum Beginn der Amtszeit der neuen EZB-Präsidentin. Während Teile der wirtschaftspolitischen Elite in Deutschland ihre Kritik der EZB-Politik inzwischen etwas moderater formulieren, findet sich bei der Tagesschau ein Kommentar ihres „Börsenexperten“ Klaus-Rainer Jackisch, in dem so ziemlich alles „genial daneben“ geht .

Im Zentrum des Artikels steht die Frage, ob und inwiefern die EZB ihre geldpolitische Strategie revidieren muss. Angesichts der prekären wirtschaftlichen Situation in weiten Teilen des Euroraums und einer Rezession in Deutschland sind solche Überlegungen sicherlich begrüßenswert.

Jackisch erklärt die Ursache der deflationären Tendenzen im Euroraum zunächst wie folgt:

„[Lagarde] will überprüfen lassen, ob die Definition von Preisstabilität, wie sie die EZB verfolgt, noch zeitgemäß ist. Die Zentralbank sieht Preisstabilität als gegeben, wenn die Inflationsrate nahe, aber leicht unter zwei Prozent liegt. Ein Ziel, das seit Jahren nicht mehr erreicht wird. Hauptgrund ist selbstverständlich die Finanzkrise – ihre massiven Folgen bestimmen das Wirtschaftsgeschehen immer noch ganz zentral.“

„Selbstverständlich“ ist die Finanzkrise die Hauptursache für den deflationären Druck! So will er schon gleich von Anfang an den Eindruck erwecken, dass niemand daran jetzt etwas ändern kann. Erstaunlich ist schon an dieser Stelle, dass er bei der Formulierung dieser These relevante Publikationen zur Thematik nicht einmal zur Kenntnis nimmt.

Vom 18. – 20. Juni 2018 zum Beispiel hat sich die EZB bei ihrem Forum on Central Banking in Sintra (Portugal) drei Tage lang mit nichts anderem als dem Zusammenhang zwischen Löhnen und Inflation befasst. Bei der Suche nach den Ursachen der Deflation hätte er in zahlreichen EZB Publikationen nachlesen können, dass „theoretische Modelle in der Regel nicht in Frage stellen, dass auf lange Sicht Arbeitskosteninflation und Preisinflation eng miteinander verbunden sind“. Ähnliche Aussagen finden sich auch in vielen anderen Publikationen, wie zum Beispiel vom IWF.

Eine weitere Ursache für die Deflation entdeckt Jackisch in „der Globalisierung“:

„Sie hat zu einem massiven Wettbewerb rund um den Globus geführt. Das hält die Preise in Schach, drückt sie tendenziell nach unten und senkt damit auch die Inflationsrate“

Wieder etwas, woran man wohl nichts ändern kann.

Und selbstverständlich dürfen Digitalisierung und der technische Fortschritt bei seiner kausalen Erklärung der Deflation nicht fehlen:

„Ein weiterer Einflussfaktor ist die Digitalisierung: Sie führt dazu, dass es heute viel leichter ist, Preise zu vergleichen. Notwendige Informationen dazu werden per Mausklick in Windeseile rund um den Globus geschickt. Was früher Wochen und Monate brauchte, geschieht heute in Sekunden. Wenn man aber sofort weiß, wo ein Produkt am billigsten zu haben ist, verschärft das ebenfalls den Wettbewerb und drückt die Preise.

War ein Toaster, Föhn oder Radio vor wenigen Jahrzehnten noch ein Luxus-Produkt, so ist ihre Produktion heute so billig, dass diese Elektro-Artikel den Kunden beim Discounter nachgeworfen werden – auch deshalb, weil die Sättigung mit diesen Produkten in den industrialisierten Gesellschaften extrem hoch ist. Auch diese Entwicklungen drücken den Preis.“

Nach dieser These sind die Globalisierung, die Digitalisierung und der technische Fortschritt in Japan schon in den 1990er Jahren angekommen, denn dort herrscht seit 30 Jahren Deflation. In Europa sind diese Ursachen wohl erst seit 2010 wirksam geworden.

Seine Inflationstheorie und die daraus abgeleitete These aber wirft weitere Fragen auf. Wie lassen sich damit die relativ hohen Inflationsraten vor 2009/10 in Südeuropa erklären? Und warum ist der Deflationsdruck in den USA nicht so hoch wie in Europa? Hatten die Amerikaner etwa keine Finanzkrise?

Fällt Jackisch tatsächlich nicht auf, dass – trotz der von ihm behaupteten „massiven“ Zunahme des „globalen Wettbewerbs“ – die Gewinne der Unternehmen massiv gestiegen sind? Ist ihm möglicherweise entgangen, dass „die Globalisierung“ signifikant mit einer höheren „Regionalisierung“ einhergegangen ist und es neben Exportmärkten auch so etwas wie Binnenmärkte gibt? Und haben etwa die Löhne, die im Discounter gezahlt werden, keinen Einfluss auf die Preise im Vertrieb?

Nebst all diesen unbeantworteten Fragen, ist zudem offensichtlich, dass der Börsenexperte das Konzept der „Inflation“ überhaupt nicht verstanden hat. Wüsste er zum Beispiel, was in die Berechnung von Inflationsraten eingeht, würde er niemals argumentieren, dass sinkende Preise für Toaster und Radios die Inflation insgesamt geringer ausfallen lassen muss.

Es ist zwar richtig, dass es eine fallende Tendenz für Preise solcher Güter gibt. Jedoch werden gänzlich neu entwickelte technische Produkte, die auf den Markt kommen, tendenziell mit einem höheren Preis einhergehen, da die Entwicklungskosten gedeckt werden müssen und der Unternehmer außerdem einen monopolistischen Vorsprung gegenüber anderen Herstellern genießt. Darüber hinaus gehen auch Dienstleistungen in die Preisberechnung mit ein und bei ihnen zeigt sich eine Tendenz zu kontinuierlichen Preissteigerungen.

Die gewöhnlichen Inflationsindikatoren (CPI oder HICP) reflektieren die Preisentwicklung eines „Einkaufkorbs“, der nebst langlebigen Gütern wie Kleidung, Waschmaschinen, Computer etc., Alltagsgegenstände beinhaltet, wie Lebensmittel, Zeitungen und Benzin, sowie Dienstleistungen, Versicherung und Mietwohnungen. Dieser Einkaufskorb wird konstant angepasst, um die Entwicklungen in der realen Wirtschaft und Änderungen des Konsumverhaltens abzubilden. Es ist somit ziemlich unsinnig, anhand einiger Güter zu argumentieren, dass „Globalisierung“ und „technischer Fortschritt“ als „gravierende Ursachen“ den deflationären Druck erklären.

Wo es an einem theoretischen Grundverständnis fehlt, muss man natürlich zu falschen Schlussfolgerungen kommen:

„Das Knapp-Zwei-Prozent-Ziel ist also kaum noch zu erreichen, eine Diskussion, ob die Definition noch zeitgemäß ist, daher mehr als überfällig. [Es] ergibt (…) keinen Sinn, einem Gespenst nachzujagen, das ohnehin nicht zu erreichen ist.“

Anstatt sich daher an der Quadratur des Kreises zu versuchen, schlägt er vor, sich einfach mit der Situation abzufinden und rät der EZB, ihre Geldpolitik an der Realität zu orientieren. Die muss einfach nur ein neues Inflationsziel definieren:

„Für die Bevölkerung hätte eine Neu-Definition des Inflationsziels gravierende Folgen. Diese Mal allerdings positive. Denn würde die EZB die angestrebte Inflation etwa bei 1,5 Prozent oder gar nur einem Prozent definieren, wäre dieses Ziel in der gegenwärtigen Situation natürlich viel leichter zu erreichen. Derzeit beträgt die Inflationsrate 1,0 Prozent. Das wiederum müsste eine Änderung der Geldpolitik nach sich ziehen. In dem Moment, in dem das Inflationsziel erreicht ist, haben außerordentliche Maßnahmen und niedrige Zinsen keine Berechtigung mehr. Die Korrektur des Inflationsziels könnte also der Schlüssel für eine Normalisierung der Geldpolitik werden. Konkret hieße das: Es gäbe wieder Zinsen auf dem Sparbuch, Versicherungen, Pensionskassen und damit die Altersvorsorge würden entlastet, aus dem überhitzten Immobilienmarkt würde etwas Luft herausgenommen und auch die Übertreibungen am Aktienmarkt könnten zurück gehen.“

Hier wird nicht nur der evidente Zusammenhang zwischen Löhnen und Inflationsraten missachtet, sondern auch noch angenommen, dass eine restriktivere Geldpolitik keine Auswirkungen auf die gegenwärtige Inflationsrate von knapp 1 % hätte. Wenn es schon mit so außergewöhnlichen geldpolitischen Maßnahmen nur so geringe Inflationsraten gibt, dann müsste es, bei leicht restriktiveren Maßnahmen eine massive Deflation geben. Doch Jackisch glaubt, dass die EZB sofort die Zinsen erhöhen könnte und die Inflation dennoch bei 1% bliebe!

Zum Abschluss setzt Jackisch noch einen oben drauf:

„Die Korrektur wäre nicht ganz ungefährlich, weil man mit derartigen Änderungen keine großen Erfahrungen hat. Aber sie ist notwendig, weil die EZB eine Politik machen muss, die sich an den realen wirtschaftlichen Verhältnissen ausrichtet und nicht an einer theoretischen Zahl aus vergangenen Zeiten.

Die nächsten Wochen dürften also spannend werden. Lagarde hat bereits angekündigt, umgehend mit der Überprüfung der Strategie zu beginnen. Allzu lange wird sie also nicht fackeln. Mal sehen, wie sehr sie diese Woche den EZB-Rat in Schwung bringt.“

Lieber Herr Jackisch:

  1. es gibt keine theoretische Grundlage für das 2 % Ziel – es ist ein reines ideologisches Konstrukt, das von der Bundesbank übernommen und auf die EZB übertragen wurde.
  2. Um Vorschläge zu machen, die sich an „realen wirtschaftliche Verhältnisse“ ausrichten, braucht man ein theoretisches Grundverständnis.
  3. Da Lagarde einen soliden Chefökonomen an Ihrer Seite hat, wird eine Neuausrichtung des Inflationsziels auf 1%, die nichts anderes als eine „Deflation für alle“ wäre, reines Wunschdenken bleiben.
  4. Falls man„Deflation für alle“ als ein wünschenswertes Ziel der Geldpolitik erachtet, sollte man beachten, dass dies den ohnehin mickrigen wirtschaftlichen Fortschritt der Eurozone gänzlich abwürgen würde.

In Deutschland wird häufig vergessen, dass es nicht die Inflation war, die uns in das dunkelste Kapitel der Geschichte unseres Landes stürzte, sondern die Deflationspolitik des Reichskanzlers Brüning. Während rechtsextremistische Kräfte bei den Wahlen 1924 – also direkt nach der Hyperinflation – bei nicht einmal 7 % lagen und die NSDAP 1928 gerade einmal 2,6 Prozent der Stimmen gewinnen konnte, gewann die NSDAP vor allem dank Brünings Sparpolitik inmitten der Weltwirtschaftskrise im September 1930 18,3 % und im November 1932 33,1 % der Stimmen.

Wo die wahre Gefahr liegt, sollte entsprechend leicht zu verstehen sein. Entsprechend leichtsinnig ist es, nach der Deflation in Deutschland nun Deflation für alle zu fordern. Mit ein wenig mehr Geschichtsbewusstsein würden sich Journalisten davor hüten, solche Ratschläge an die Bevölkerung herauszugeben.

In dem Sinne erlaube ich mir das „Bonjour Madame Lagarde“ durch ein „pardonnez-nous – on vous a accueilli avec des bêtises allemandes“ zu ergänzen.

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