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Konjunktur | 20.12.2019 (editiert am 09.01.2020)

Die deutsche und europäische Konjunktur im Herbst 2019 – 3

Die sich verschärfende Deflationsgefahr in Europa zeigt, dass die EZB die Kontrolle über die Inflationsentwicklung verloren hat. Hier bestätigt sich die ungute Tendenz der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung.

Die Bauproduktion in der EWU ist nach einem Anstieg im September im Oktober wieder leicht gefallen (Abbildung 1). Das gilt auch für Deutschland, dass im Oktober einen Rückgang von 2,8% zu verzeichnen hat und für Frankreich. Damit dauert die Stagnation im Baugewerbe nun schon fast ein Jahr an.

Abbildung 1

Auf noch niedrigerem Niveau sind die Stagnationstendenzen in Südeuropa. Dort schrammen sie seit 2014 am Produktionsindex von 2015 (Abbildung 2). Einzig Spanien konnte einen leichten Anstieg der Bauproduktion im Oktober vermelden. Für Portugal ist die leichte Aufschwungsphase seit Jahresbeginn beendet.

Abbildung 2

Mehr oder weniger Stagnation auch in Ost- und Mitteleuropa (Abbildung 3). Einzig und allein Ungarn ist eine auffällige Ausnahme. Nach einem kurzem Einbruch auf hohem Niveau zieht die Produktion in Ungarn im September und Oktober wieder stark an.

Abbildung 3

In den kleineren nördlichen Ländern sind die Verhältnisse sehr unterschiedlich: In den Niederlanden geht es immer noch tendenziell aufwärts, auch wenn die Bauproduktion im Oktober leicht zurückging.

In Österreich scheint der Aufschwung seit 2017 nun langsam zum Erliegen zu kommen. Der scharfe Einbruch in Schweden konnte zumindest im Oktober gestoppt werden. Belgien bleibt unverändert auf der Talsohle (Abbildung 4).

Abbildung 4

Einzelhandel – Ende der Dynamik?

Der Einzelhandelsumsatz in der EWU ist im Oktober leicht gesunken (Abbildung 5). Es zeichnet sich das Ende der Dynamik seit 2016 ab. Die Rezension scheint langsam aber sicher auch den Einzelhandel zu erfassen. Frankreich, das noch das Tempo bestimmt, stagniert seit September. Wohl auch, weil die Löhne und Gehälter erheblich unter Druck sind. In Deutschland war im Oktober ein erster deutlicher Einbruch der Umsätze zu verzeichnen. In Italien ist die Dynamik unverändert nicht existent.

Abbildung 5

Auf einem ähnlich schwachen Niveau wie Italien befinden sich die Einzelhandelsumsätze der südlichen EWU-Mitglieder. In Spanien gibt es keine Veränderung zum Vormonat, während Einzelhandelsprimus Portugal den Einbruch im September wieder wettmachen konnte. Griechenland kann sich erstmals leicht von der Stagnation auf Krisenniveau lösen. (Abbildung 6).

Abbildung 6

Bei den Arbeitslosenzahlen macht sich die Rezension (noch) nicht bemerkbar.

In der EWU sind anhand der Entwicklung der Arbeitslosigkeit die Spuren von Rezession und Stagnation auch weiterhin nicht zu erkennen, auch wenn sich der Sinkflug der Arbeitslosenquote verlangsamt (Abbildungen 7 und 8). In Frankreich stagniert die Entwicklung in den letzten Monaten auf einem hohen Niveau von über 8%. Italien, in einer noch schlechteren Lage, konnte im Oktober wieder einen Rückgang der Arbeitslosenzahlen vermelden.

In Deutschland verharrt die Arbeitslosigkeit knapp an der 3%-Marke. Dort zeigt insbesondere die sinkende Zahl der offenen Stellen an, dass die Konjunktur klar im Abschwung ist. Darüber kann auch nicht hinwegtäuschen, dass im 3. Quartal 2019 die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland mit 45,4 Millionen ihren höchsten Stand nach der Wiedervereinigung erreichten.

Abbildung 7

In Portugal und Spanien geht der über Jahre andauernde Rückgang der Massenarbeitslosigkeit seit der Finanz- und Wirtschaftskrise in eine Stagnationsphase auf hohem Niveau über. In Griechenland sank die Arbeitslosigkeit auch im Oktober, hier ist eine Stagnationstendenz noch nicht erkennbar.

Abbildung 8

Deflationäre Tendenzen verschärfen sich weiter

Die deflationären Tendenzen in der EWU verschärfen sich weiter. (Abbildungen 9 und 10). Die Erzeugerpreise sind deutlich unter die Nulllinie gestürzt. Und auch die Verbraucherpreise bewegen sich im Oktober weiter weg vom Ziel der EZB.

In Deutschland lagen die Verbraucherpreise im November 2019 um 1,1% höher als im November 2018. Wie das Statistische Bundesamt mitteilt, hatte die Inflationsrate − gemessen am Verbraucherpreisindex (VPI) – im Oktober 2019 ebenfalls bei +1,1% gelegen. Im Vormonatsvergleich zum Oktober 2019 sanken die Verbraucherpreise im November 2019 allerdings deutlich um 0,8%.

Abbildung 9

In einzelnen Ländern ist aber auch bei den Verbraucherpreisen die Nulllinie ganz nah oder haben diese sogar, wie im Falle Griechenlands, bereits unterschritten. Auch Spanien und Italien befinden sich auf bestem Wege in die Deflation.

Abbildung 10

Wirtschaftspolitik

Die besorgniserregende Lage an der Preisfront zeigt, dass die EZB die Kontrolle über die Inflationsentwicklung verloren hat und ihre Geldpolitik längst an ihre Grenzen stößt. Eine europäische Wirtschaftspolitik ist (noch?) nicht existent. In Deutschland werden die Gewitterwolken der Rezession von der Politik weiter ignoriert, obwohl man bereits im Regen steht.

Abzuwarten bleibt, welche Auswirkungen jene Maßnahmen haben werden, die 2020 für den Klimaschutz auf den Weg gebracht werden sollen. Geplante Struktur- und Investitionsmaßnahmen, etwa im Bereich von Offshore-Windenergie, Gebäudesanierung oder Hilfen für Kohleregionen, könnten für Entlastung der bisher einsam agierenden EZB sorgen.

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