100 Jahre danach | 30.12.2019

Die verschollenen Lehren des Versailler Vertrages

1919 schreibt John Maynard Keynes ein Buch, in dem er den „Friedensvertrag“ und die dafür Verantwortlichen harsch kritisiert. Zu Recht, wie sich herausstellen sollte.

Ende letzten Monats, am 28. Juni, wurde das 100. Jubiläum des Versailler Vertrages verzeichnet. Anlass zum Jubeln war das natürlich nicht, bedenkt man die verheerenden Konsequenzen, die dieser verfehlte Vertrag zwischen den Siegermächten des 1. Weltkrieges und dem als Alleinschuldigem am Krieg erklärten Deutschen Reich für den weiteren weltgeschichtlichen Verlauf hatte. Es war eher ein Anlass zum Nachdenken darüber, warum man die Lehren aus diesem historischen politischen Versagen erster Ordnung in Deutschland und Europa von heute wieder vollkommen vergessen zu haben scheint.

Am 28. Juni 1919, im berühmten Spiegelsaal des Versailler Palastes, wurde der nunmehr einhundertjährige Versailler „Friedensvertrag“ mit Deutschland unterzeichnet. Als Funken, der das europäische Pulverfass entzündete, hatte genau fünf Jahre zuvor das Attentat auf Erzherzog Franz Ferdinand, dem Thronfolger von Österreich-Ungarn, in Sarajevo den Ersten Weltkrieg ausgelöst. Viele Millionen Soldaten und Zivilisten waren dem kriegerischen Wahnsinn zum Opfer gefallen. Ab dem 11. November 1918 herrschte dann endlich an Deutschlands Westfront Waffenstillstand.

Sechs Monate lang wird dann in Paris verhandelt, wobei Frankreich, Großbritannien und die USA die entscheidenden Siegermächte sind. Deutschland ist nicht zu den Friedensverhandlungen eingeladen und bekommt erst gegen Ende das Resultat zur Zustimmung ohne jegliches Einspruchsrecht vorgesetzt. Darin wird Deutschlands Kriegsschuld erklärt und hohe Reparationszahlungen an die Sieger auferlegt. Deutschland fühlt sich verraten und übergangen. Denn Hintergrund für den Waffenstillstand ist das 14-Punkte-Programm des US-Präsidenten Woodrow Wilson gewesen, das Aussöhnung statt Vergeltung als Leitmotiv der angestrebten Friedensordnung aufzeigte. Das Versailler Friedensdiktat der Sieger wird die Weimarer Republik destabilisieren und den Weg zur Macht für Adolf Hitler bereiten – mit zerstörerischen Konsequenzen, die selbst die Schrecken des Ersten Weltkrieges weit übertreffen.

Keynes Abrechnung mit dem „Friedensvertrag“

Fünfunddreißigjährig nimmt John Maynard Keynes als Vertreter des britischen Schatzamtes, wo er während des Krieges an den Schalthebeln der britischen Staatsfinanzen diente, an den Verhandlungen teil – bis er, vom Verhandlungsverlauf und dem Wirken der wichtigsten Führungspersönlichkeiten angeekelt, von seiner Position zurücktritt. Er kehrt aus Paris nach England zurück und verfasst innerhalb kurzer Zeit sein Buch „The Economic Consequences of the Peace“, in dem er mit dem „Friedensvertrag“ und den dafür Verantwortlichen abrechnet.

Keynes ist in Cambridge und London bereits als außergewöhnlich scharfsinniger Kopf und aufgrund seines 1913 veröffentlichten Buches „Indian Currency and Finance“ als Währungs- und Finanzexperte bekannt. Die Veröffentlichung der „Economic Consequences“ im Dezember 1919 macht ihn auf einen Schlag zu einer weltbekannten öffentlichen Persönlichkeit. Auch und besonders in Deutschland steht Keynes unter Ökonomen und in der breiteren Öffentlichkeit in hoher Gunst und Ansehen. Denn der englische Verhandlungsinsider Keynes schreibt sein Buch als Europäer und Weltbürger, als Ökonom und Moralphilosoph. Für ihn gilt es, durch einen Aussöhnungsvertrag zwischen den Nationen Frieden und Prosperität in Europa zu sichern. Er befürchtet – zu Recht, wie sich herausstellen sollte -, dass das Versailler Siegerdiktat das Gegenteil zur Folge haben würde.

Bis heute bleiben Keynes Analyse und Argumentation sehr lesenswert und wertvoll. Auch, weil sich daraus Lehren für ähnliche Situationen ableiten lassen, die in Europa und der Welt relevant bleiben.

Abgesehen von der Kriegsschuldfrage sind die Deutschland aufgebürdeten Reparationszahlungen der Kern des Versailler Vertrages. Sie stehen auch im Mittelpunkt der Analyse von Keynes. Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist der hohe Grad an Wirtschaftsintegration, den Europa vor dem Ersten Weltkrieg erreicht hatte. Das in den 50 Jahren davor erstarkte Deutschland war integraler Bestandteil des europäischen Wirtschaftssystems geworden: „Rund um Deutschland als zentrale Stütze gruppierte sich das übrige europäische Wirtschaftssystem, und vom Wohlstand und Unternehmertum Deutschlands hing der Wohlstand des übrigen Kontinents vornehmlich ab“, schreibt er. Gemeinsame friedliche Prosperität in Europa wiederzubeleben sei daher unmöglich, wenn die Sieger darauf abzielten, Deutschland nachhaltig zu schwächen. Sie würden sich damit letztlich auch selbst schaden

Bestrebungen dieser Art waren aber besonders in Frankreich stark vertreten. Der französische Premierminister Georges Clemenceau ist besessen von der Idee, Deutschland schwer zu bestrafen und den Nachbarn östlich des Rheins auf Dauer klein zu halten. Hintergrund ist nicht nur der rasante wirtschaftliche Aufstieg Deutschlands im späten 19. Jahrhundert, der Frankreichs Wirtschaft längst in den Schatten stellt. Es gab auch zwei historische Präzedenzfälle von französischen Reparationszahlungen nach verlorenen Kriegen.

Sowohl nach den Napoleonischen Kriegen als auch nach dem Preußisch-Französischen Krieg von 1871 waren Frankreich Reparationen aufgebrummt worden. Frankreich hatte beide Male vollständig und vorzeitig gezahlt. Französisches Gold leistete 1871 einen wichtigen Beitrag zur Einführung einer einheitlichen deutschen Goldwährung und wenig später zur Etablierung der Reichsbank als deren „Hüterin“ (gegen Goldabflüsse). Jetzt sollen deutsche Reparationen die französischen Staatsfinanzen, die aufgrund der langen Kriegsanstrengungen natürlich desolat waren, sanieren. Denn Frankreich hat gleichzeitig hohe Auslandsschulden an Großbritannien und die USA.

Das 13-fache der französischen Reparationszahlungen von 1871

Keynes stellt einen historischen Vergleich zu den französischen Reparationen von 1871 an. Er schätzt Deutschlands maximale Belastbarkeit zur Leistung von Reparationen auf 2 Milliarden britische Pfund. Jeweils in Relation zur Größe der jeweiligen Volkswirtschaft gesetzt, sei dieser Betrag das rund Vierfache dessen, was Frankreich nach 1871 leisten musste. Den Umfang der im Versailler Vertrag beschlossenen Reparationspflichten von Deutschland schätzt er dagegen auf rund 8 Milliarden Pfund oder rund das 13-fache der französischen Pflichten von 1871. (Der Text nennt auch französische Kalkulationen in Höhe von 15 Milliarden Pfund.) Keynes vergleicht dies mit den drakonischen Bürden, die Rom nach dem Zweiten Punischen Krieg über Karthago verhängt hatte, was den Verlierer zu einem Vasallen machte.

Keynes betont in seiner Analyse der Praktikabilität deutscher Reparationen insbesondere folgende Faktoren.

  • Erstens steht Deutschland zur Schuldbegleichung nur ein geringes leicht übertragbares Vermögen zur Verfügung. Daher wäre das Gros der Reparationen aus entsprechend hohen laufenden Handelsbilanzüberschüssen zu bewerkstelligen, musste also verdient werden (was auch Gegenstand der späteren Diskussion zum sogenannten „Transferproblem“ wird). Keynes setzt hierbei jährliche deutsche Überschüsse von 100 Millionen Pfund für eine dreißigjährige Periode an. Da Deutschland vor dem Krieg Handelsbilanzdefizite in Höhe von rund 75 Millionen Pfund hatte, war der erforderliche Umschwung in der deutschen Handelsbilanz zur Bewältigung des realwirtschaftlichen Transfers also noch entsprechend größer.
  • Zweitens würden es anderen Bestimmungen des Versailler Vertrages und das Verhalten der Siegermächte Deutschland schwer bis unmöglich machen, seine Exporte wiederherzustellen, geschweige denn im notwendigen Umfang zu erhöhen. Deutschland muss seine Kolonien und Handelsflotte sowie Teile seines Staatsgebiets abtreten. Vielfältige Handelsbeschränkungen der Sieger würden den Import deutscher Güter erschweren oder verhindern. Also würde die Anpassung stark von einer Drosselung der deutschen Importe abhängen. Da Deutschland auch Währungsabwertungen als Mittel versagt sind, läuft dies letztlich auf das hinaus, was man heute in der Eurozone als „interne Abwertung“ bezeichnet: Lohn- und Preisdeflation zur Verbesserung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit.

Der springende Punkt ist, dass eine erzwungene Anpassung von Deutschland auch eine entsprechende Anpassung der Transferempfängerländer erfordert. Letztere wollen Deutschland zwar einerseits ausbluten, aber andererseits die notwendigen eigenen Anpassungen eben nicht zulassen. Ein Versuch, der nicht funktionieren kann und nur viele Verlierer erzeugt.

Die Problematik wird umschifft, indem man einerseits Deutschlands Reparationsverpflichtungen in der Folgezeit mehrfach neu verhandelt und de facto stark reduziert und andererseits Deutschlands Zugriff auf Auslandskredite eine neue „Blütezeit“ erfährt. So entsteht das folgende Karussell: Wall Street vergibt Kredite an Deutschland, Deutschland leistet (reduzierte) Reparationszahlungen an Frankreich und Großbritannien, und diese zahlen ihre eigenen Kredite an Amerika zurück. Eine Deflation wird so vorerst vermieden, Amerikas Kreditboom macht es möglich. Selbst Deutschland erfährt in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre einen Aufschwung – verbunden mit wachsenden Auslandsschulden.

Die Folgeentwicklungen lassen sich kurzfassen: Wall Street Crash, Weltwirtschaftskrise, Brüning, Hitler, die Totale Niederlage und Untergang des Deutschen Reiches.

Lehren aus dem Versailler Desaster

Interessanter ist was dann folgt: nach dem Zweiten Weltkrieg handeln die wichtigsten Entscheider im von Keynes 1919 formulierten Geiste der Versöhnung, Kooperation und Solidarität. Man hat aus dem Versailler Desaster Lehren gezogen. Man erschafft eine Weltordnung, um gemeinsame Prosperität zu organisieren; wobei Keynes als britischer Vertreter am Bretton Woods Abkommen sogar aktiv mitwirkt. Und seine 1936 in der General Theory veröffentlichten bahnbrechenden wirtschaftstheoretischen Erkenntnisse beeinflussen die Wirtschaftspolitik der nächsten Jahrzehnte maßgeblich.

Diesmal geht es nicht darum, dem deutschen Verlierer erdrückende Reparationen aufzuerlegen. Vielmehr erfolgt die Unterstützung zum Wiederaufbau (Marshallplan) und die gezielte Re-Integration der jungen deutschen Republik in das europäische Wirtschaftssystem. Die Währungsreform vom 20. Juni 1948, also noch zu Besatzungszeiten, zieht einen Strich unter die Staatsschulden des Deutschen Reiches. Die Bundesrepublik Deutschland macht einen Neustart ohne Schulden, beginnt binnenwirtschaftlich quasi mit einem „sauberen Blatt“. Mit dem Londoner Schuldenabkommen von 1953 werden dann auch die deutschen Auslandsschulden aus der Vorkriegszeit halbiert und zeitlich weit gestreckt.

Deutschland und Europa scheinen sich nun auf einem gesicherten Pfad gemeinsamer Prosperität und immer tieferer Kooperation und Integration zu bewegen – bis zur globalen Krise von 2008. Zunächst handelt die internationale Gemeinschaft richtig. Sofort, im Herbst 2008, beginnt man im Rahmen der G-20 eine international koordinierte wirtschaftspolitische Reaktion auf die Krise zu organisieren, sowohl geld- aus auch fiskalpolitisch. Keynes hatte in den frühen dreißiger Jahren Vorschläge für ein solches Handeln gemacht. Nur durch koordiniertes Vorgehen lassen sich Trittbrettfahrerverhalten und das Entstehen internationaler Ungleichgewichte verhindern.

Doch der „Keynes Moment“ währt nur kurz. Schon im Jahr 2010 beginnt alles zusammenzubrechen. Deutschland übernimmt in Europa die Führung. Die Griechenlandkrise wird zum Vorwand genommen, Europa zur permanenten Sparpolitik zu vergattern. Deutschlands Europartner sollen durch „interne Abwertung“ ihre Wettbewerbsfähigkeit wiederherstellen. Deutschland kann sich allerdings unmöglich irgendwie selbst anpassen – man hatte ja das immer gültige Erfolgsmodell der Über-Wettbewerbsfähigkeit bei Dauer „Schwarzer Null“ entdeckt.

Die Ähnlichkeiten zum Versailler Desaster sind nicht zu übersehen. Der Sieger bestimmt, Verlierer haben ihre alleinige Schuld durch alleinige Anpassung anzuerkennen. Für seine Sünden muss man bluten. Griechenland liefert das krasseste Beispiel einer solchen Ausblutung, erfährt eine Große Depression, soll aber jetzt bis in alle Ewigkeiten hohe Haushaltsüberschüsse zur Schuldenrückzahlung erzielen. Wolfgang Schäuble geriert sich wie der intellektuell und moralisch versteinerte Georges Clemenceau: Vergeltung, Abstrafung, Kleinhauen. Angela Merkel übernimmt den Part von David Lloyd George: gewieft, aber opportunistisch, gewillt alles abzunicken, was die eigene Macht erhält. Barack Obama schließlich ist die Reinkarnation von Woodrow Wilson: der Mann, der zunächst viel Hoffnung erweckt hatte. Bei der Abwicklung der Eurokrise ist er zwar nicht unmittelbar anwesend. Aber auch sein Abgang bedeutete den Eintritt Amerikas in eine Epoche der Selbstherrlichkeit (America First) und die Abkehr von internationaler Verantwortung. Das macht die Verarbeitung der hausgemachten Eurokrise, die Reform des dysfunktionalen Euroregimes, und überhaupt das Zurückfinden der europäischen Partner auf einen gemeinsamen Kurs von Kooperation und Solidarität um einige Dimensionen schwerer.

Spinnt man diese historischen Parallelen weiter fort, drohen wahrhaft düstere Zeiten. Und die Anzeichen dafür sind nicht schwer auszumachen und mehren sich fast täglich.

Eine zweifache Ironie der Geschichte ist an dieser Stelle zu betonen. Hier ist die Erste: Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Versuch, Deutschland zu riesigen Handelsbilanzüberschüssen zu verdonnern, für Europa und die Welt zum Verhängnis. Deutschland lieferte zwar nicht. Aber der Konflikt darüber forderte Blutzoll in extremer Höhe und endete im totalen Zusammenbruch. Unter dem Euro sollte Deutschland nun schließlich die im Versailler Vertrag geforderten riesigen Handelsbilanzüberschüsse einfahren – aber nur, um dadurch Europa erneut ins Chaos zu stürzen.

Damit eng verbunden ist eine weitere Ironie: Seine Kritik am Versailler Wahnsinn ebnete den Weg für Keynes Ansehen in Deutschland zu Lebzeiten. Heute dagegen ist Keynes in Deutschland verpönt, und der spezifische Anti-Keynesianismus, der die deutsche Wirtschaftspolitik krankhaft beseelt, ist maßgeblicher Faktor hinter der krass verfehlten Wirtschaftspolitik Europas zur Überwindung der Krise. Wie nur ist es möglich, dass ein Land wie Deutschland, das nach den beiden Weltkriegen als Verlierer so unterschiedliche Erfahrungen gesammelt hat, im Ernstfall nicht die richtigen Lehren zieht, sondern die Euroverlierer sogar noch bestrafen will? Wie konnten die Lehren des Versailler Vertrages ausgerechnet in Deutschland verschollen gehen?

Wer aus seiner Geschichte nichts lernt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen. Heißt es.

Dieser Artikel erschien zuerst auf MAKROSKOP am 11.Juli 2019.

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