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Ikone der Inkompetenz

Gedankenlosigkeit und kostenlose Gedanken, wohin man schaut. Ist Angela Merkel am Ende doch nur die Rache der DDR für ihren Untergang?

Von Angela Merkel sei er enttäuscht, erzählt ein zweifellos CDU-naher ostdeutscher Unternehmer. Immer wenn er an Windparks vorbei an die Ostsee fahre, denke er, dass der Kanzlerin als gelernter Physikerin doch klar sein müsse, dass das große Problem der Erneuerbaren in der fehlenden Speicherkapazität  liege. Liefen die Windräder gut, müsse Deutschland Geld dafür bezahlen, damit das Ausland überschüssigen Strom abnehme, für den dort eigentlich kein Bedarf besteht. Der Verkäufer zahlt dem Käufer Geld.

Bei deutschen Staatsanleihen ist es genauso, nur mit umgekehrten Rollen. Die potentiellen Kreditgeber verlangen vom deutschen Staat keine Zinsen, sondern nehmen Negativzinsen in Kauf, bezahlen dem deutschen Staat also Geld dafür, dass er sich bitte, bitte verschulden möge.

Die Kanzlerin ist strikt dagegen. Denn: Geld ist gut, Schulden sind schlecht. Was für eine mathematisch bewanderte Naturwissenschaftlerin darauf hinausläuft zu sagen, das Ja in der Aussagenlogik gefalle ihr besser als das Nein. Den (durchaus langwierigen) Weihnachtseinkauf der Kanzlerin muss man sich folglich so vorstellen: Haben Sie das binäre System der Logik ohne Nein?

Dass ausgerechnet die Verkörperung politischer Gedankenarmut als Bundeskanzlerin nahezu eine Epoche geprägt und entsprechend verheerende Spuren auf praktisch allen Feldern der Politik des einstigen „Modell Deutschland“ (ja es gab diesen Begriff – und mit den üblichen Abstrichen und gewissermaßen posthum nicht einmal zu Unrecht) und der Europäischen Union hinterlassen hat, ist ihr persönlich nur zum Teil und insofern anzulasten, wie man ein Symptom für die Ursache verantwortlich machen kann.

Die Ursache dieser Kanzlerschaft wie auch der Gerhard Schröders ist schließlich der neoliberale Gesellschaftsvertrag, wie er in krassem Gegensatz zu den Warnungen des Club of Rome in den 70ern (oder als Reaktion auf seit den 70ern schwindende Energieverbrauchzuwachsraten) ab den 80ern auch in Deutschland Einzug hielt.

Statt die Konsumparty abzusagen, wie dies einzelne Konservative und nüchterne Vertreter der grünen Gründergeneration gefordert hatten, sollte sie jetzt (erst Recht) losgehen.

Galt auf der einen Seite hinfort das Primat der Wirtschaft und das Ende der Politik als Arena  zur Austragung gegenläufiger Interessen (dass es „der Wirtschaft“ gut geht, reicht für die Partei- und Wahlprogramme aller Parteien), verschwand auf der anderen Seite der politische Bürger hinter der Rolle des Konsumenten.

Ein Ende dieses Systems des Konsumismus (der Wunsch oder die Wirklichkeit individuellen Konsums verdrängt alle anderen Aspekte gesellschaftlichen Miteinanders – Konsum ist das neue Menschenrecht) und der politischen Narkose (mit aktueller Inkarnation Angela Merkel) ist nicht in Sicht. Der kulturelle Verlust der Idee einer öffentlichen Debatte, die diesen Namen verdient, scheint unumkehrbar.

Im Gegenteil sind werbegetriebener Lifestyle und Konsum identitätsbegründend wie nie zuvor – die individuell sinnstiftenden Bereiche des tertiären Sektors boomen.

Die Alltagserfahrungen aller hippen Konsumenten decken sich dabei überraschend gut mit den sog. wissenschaftlichen Erkenntnissen bzw. Prämissen der Wirtschaftswissenschaften: Geld ist eine begrenzte Ressource, Konsum (Energie und Rohstoffe – besteht da ein Zusammenhang?) gibt es ohne Ende. Dass es mit Rücksicht darauf, dass es sich im ersten Fall um reines Menschenwerk, im zweiten um Naturgegebenheiten handelt, genau anders herum sein könnte, kommt kaum jemand – und schon gar nicht der „Wissenschaft“ – in den Sinn. Warum auch – läuft doch.

Dass die Enttäuschung schmerzhaft werden könnte, schwant sicher so manchem und natürlich: Dass diese Ahnung soweit gehen könnte, eine inkompetente Politikergeneration in den Ruhestand zu schicken, stünde zu hoffen. Gut möglich aber auch, dass die Schüler – und Studentenproteste gegen den Klimawandel in Deutschland genau das sind: Ein Aufforderung an die Politik, den Klimawandel als Bedrohung unseres Tertiärsektor-Lifestyles zu verhindern. Pech nur, dass der ausgerechnet in den Gesellschaften mit dem höchsten Pro-Kopf-Energieverbrauch gepflegt wird (der boomende Tertiärsektor, zu dem z.B. auch das Transportwesen – Internetbestellungen – und das energiefressende „Streaming“ gehören, ist alles andere als „immateriell“).

Gedankenlosigkeit und kostenlose Gedanken, wohin man schaut: Mit seiner Aussage im Kollegenkreis, die  Energiepolitik der Bundesregierung erscheine ihm planlos, holt sich unser ostdeutscher Unternehmer vom Anfang eine deutliche Abfuhr: „Mensch wir sind doch nicht mehr in der Planwirtschaft!“

 

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