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Theorie | 02.12.2019 (editiert am 03.12.2019)

Studierende protestieren gegen VWL-Lehrinhalte – 1

Student(inn)en der Volkswirtschaftslehre setzen sich gegen die offenkundig falsche Darstellung der Funktionsweise von Banken an den Universitäten und in den Lehrbüchern zur Wehr. Das ist erfreulich. Aber wie stehen die Chancen auf Veränderung?

Im November haben das internationale Studentennetzwerk „Rethinking Economics“ und das deutsche „Netzwerk Plurale Ökonomik“ offene Briefe an die Professoren der Volkswirtschaftslehre ihrer jeweiligen Universitäten geschrieben, die von den deutschen Medien weitgehend ignoriert wurden. Norbert Häring kommt das Verdienst zu, auf seinem Blog den brisanten Inhalt vorgestellt zu haben. Im Folgenden soll speziell auf den am 07.11.2019 veröffentlichten Brief des Netzwerkes Plurale Ökonomik eingegangen werden, der – ebenso wie der Brief von „Rethinking Economics“ – eine harsche Kritik an der Behandlung des Bankwesens an den Universitäten und in den Ökonomie-Lehrbüchern beinhaltet.

Die Kritik des Netzwerkes Plurale Ökonomik

Das Netzwerk, das sich zum Ziel gesetzt hat, „der Vielfalt ökonomischer Theorien Raum zu geben, die Lösung realer Probleme in den Vordergrund zu stellen sowie Selbstkritik, Reflexion und Offenheit in der VWL zu fördern“ (hier), präsentiert dort zunächst die an den Universitäten vermittelten Lehrinhalte:

„Der Ansatz der ‚leihbaren Geldmittel‘ (loanable funds), auch als Finanzintermediations-Theorie bezeichnet, besagt, dass Banken nur Intermediäre wie andere Nichtbanken-Finanzinstitute sind, die Ersparnisse in Form von Einlagen einsammeln, die dann an bereitwillige Kreditnehmer verliehen werden. Das setzt zwei entscheidende Dinge voraus: Erstens, dass Geld eine knappe Ressource ist, und zweitens, dass Ersparnisse notwendig sind, um Kredite gewähren zu können – woraus folgt, dass Ersparnisse die Investitionen finanzieren.

Nach dem Ansatz des „Geldmultiplikators“ – auch als Theorie der partiellen Reservehaltung („fractional reserve theory“) bezeichnet – sind die einzelnen Banken reine Finanzintermediäre, die nicht individuell Geld schaffen können, die aber zusammen Reserven durch systematisches Weiterverleihen ‚multiplizieren‘ und dadurch Geld schaffen. Jedoch sei die Geldmenge, die geschaffen werden könnte, durch die Menge an Reserven begrenzt, die durch das Angebot der Zentralbank bestimmt werde“ (hier; Übersetzung G.G.).

Die Autoren des Netzwerkes stellen dieser Darstellung ihre Sicht der Dinge entgegen:

„Banken schaffen individuell Geld ‚aus dem Nichts‘, wenn sie einen Kredit gewähren. Wenn eine einzelne Bank einen Kredit gewährt, verlängert sie ihre Bilanz, indem sie gleichzeitig einen Kredit (auf der Aktivseite) und eine Einlage (auf der Passivseite) schafft. Wird ein Kredit zurückgezahlt, so wird dieses Geld wieder zerstört, d.h. von der Bilanz der Bank entfernt und dem monetären Kreislauf entzogen. Die Geldschöpfung an sich ist weder durch Ersparnisse noch durch Reserven begrenzt, sondern vielmehr durch die Kreditnachfrage und durch Profitabilitäts- und Solvenzerwägungen der Banken. Knapp sind nicht das Geld oder die Einlagen, knapp sind ‚gute‘ Kreditnehmer. Dies wird perfekt in der Kreditschöpfungstheorie (‚credit creation‘ theory) dargestellt (auch als ‚Theorie des endogenen Geldes‘ bezeichnet)“ (Übersetzung G.G.).

Langjährige Leser von MAKROSKOP werden vermutlich sofort erkennen, dass wir den Einwänden des Netzwerkes Plurale Ökonomik voll und ganz zustimmen. Denn seit vielen Jahren kritisieren wir immer wieder – auf Basis der „Modern Monetary Theory“[1] –  die Erklärung des Geldsystems (Geld und Banken) in der herrschenden Lehre – den Finanzintermediations- resp. „loanable funds“-Ansatz ebenso wie die Theorie der partiellen Reservehaltung bzw. des Geldmultiplikators (vgl. zuletzt hier und hier und die dortigen Hinweise auf ältere Beiträge)[2]. Gleichzeitig haben wir in der Vergangenheit zu zeigen versucht, wie das Banken- und Geldsystem tatsächlich funktioniert (z.B. hier, hier oder hier). Auch da ergibt sich eine grundsätzliche Übereinstimmung unserer Position mit derjenigen des Netzwerkes Plurale Ökonomik.

Dem Netzwerk Plurale Ökonomik ist ebenso zuzustimmen, dass „Theorien, denen ein angemessenes Verständnis von Geld fehlt, wahrscheinlich zu falschen Schlussfolgerungen und Politikempfehlungen führen werden, beispielsweise in Bezug auf Bankenregulierung, Konjunkturzyklen oder das ‚crowding out‘ von Investitionen.“

Zwei Fragen bleiben bei der Kritik der Studierenden allerdings unbeantwortet (was bei der erforderlichen Kürze ihrer Stellungnahme nicht weiter verwunderlich ist): Nämlich erstens, warum sich die Finanzintermediations-Theorie und die Theorie der partiellen Reservehaltung in der Wissenschaft so hartnäckig halten, wenn doch selbst die Deutsche Bundesbank inzwischen von ihnen abgerückt ist (Deutsche Bundesbank 2017) und sie auch empirisch eindeutig widerlegt wurden (Werner 2014).

Zweitens muss gefragt werden, welche Folgen eine „Korrektur“ der herrschenden Sicht des Bankwesens für das übrige (neoklassische) Theoriegebäude hätte und wie damit die Chancen auf Umsetzung z.B. der Forderung stehen, die gängigen VWL-Lehrbücher nicht mehr zu verwenden, „bis die Fehler aufgezeigt und verbessert worden sind.“

Die Neutralitätstheorie des Geldes

Warum sich die herrschende Lehre mit einer realistischen Analyse des Bankenwesens so schwer tut, wird deutlich, wenn man sich anschaut, wie sie generell Geld abhandelt. In der neoklassischen Theorie wird nämlich Geld faktisch erst im Nachhinein einem Modell hinzugefügt, das auf einem reinen Tauschhandel beruht, in dem folglich Produkte direkt gegen andere Produkte getauscht werden (z.B. Äpfel gegen Stiefel). Geld diene nur als „Schmiermittel“ im Wirtschaftsgeschehen – es vereinfache den Tausch und verringere dessen Transaktionskosten. Als reines Tauschmedium habe es keine „realen“ ökonomischen Effekte. Im Prinzip könnte man also eine Volkswirtschaft so analysieren, als ob es gar kein Geld gäbe (vgl. auch Binswanger 2015, S. 167). Da verwundert es nicht, dass in manchen rigorosen neoklassischen Modellen Geld gleich ganz aus der Untersuchung ausgeschlossen wird.

Da Geldeffekte nicht existierten, sei das Geld neutral. Änderungen der Geldmenge beeinflussten nur die nominalen, aber nicht die realen Variablen. Mankiw/Taylor verdeutlichen dies an einem Beispiel:

„Wenn die EZB das Geldangebot verdoppelt, verdoppeln sich das Preisniveau, die Nominallöhne und alle anderen in Geldeinheiten ausgedrückten Variablen. Die realen Größen, wie z.B. Produktionsniveau, Arbeitslosigkeit, Reallohnsätze und Realzinssätze bleiben unverändert. Diese Irrelevanz von Geldmengenänderungen im Hinblick auf reale Größen wird als Neutralität des Geldes bezeichnet“ (Mankiw/Taylor 2018, S. 841; Hervorhebung im Original).

Zwar räumen Mankiw/Taylor ein, dass Änderungen der Geldmenge nach Ansicht der meisten Volkswirte für kurze Zeiträume (ein bis zwei Jahre) durchaus Effekte auf reale Größen hätten. Jedoch gelte:

„Für eine Untersuchung langfristiger Änderungen in der Volkswirtschaft bietet die Neutralität des Geldes […] eine geeignete Beschreibung der Welt, in der wir leben“ (Mankiw/Taylor 2018, S. 842).

Die Quantitätstheorie

In dieser Betrachtungsweise verkörpert die sogenannte Quantitätstheorie die Theorie neutralen Geldes mit dem Fehlen von Geldeffekten (vgl. Anderegg 2007, S. 154), denn unter quantitätstheoretischen Gesichtspunkten wirkt sich Geld prinzipiell weder positiv noch negativ auf Produktion, Beschäftigung, Realzins etc. aus. Zwar bestimmt hier die Geldmenge das Preisniveau, aber sie verändert nicht die relativen Güterpreise. Um dies an einem simplen Beispiel zu verdeutlichen: Wenn z.B. vor dem gestiegenen Preisniveau der Preis eines Apfels einen Euro und derjenige einer Tafel Schokolade zwei Euro betrug, so kostet mit dem neuen Preisniveau jetzt ein Apfel zwei Euro und die Schokolade vier Euro. Nur die relativen Austauschverhältnisse zwischen den Gütern aber werden als Ausdruck der realen Werte betrachtet und nur sie seien daher entscheidend für die Darstellung und Analyse der ökonomischen Gegebenheiten.

Was besagt nun die Quantitätstheorie des Geldes? In der Quantitätstheorie (in ihrer ursprünglichen Form) wird davon ausgegangen, dass in der Volkswirtschaft das Produktions- und Arbeitskräftepotenzial voll ausgelastet und die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes konstant ist. Unter diesen Prämissen lässt sich zeigen, dass ein Geldmengenwachstum direkt einen Anstieg des Preisniveaus bewirkt. Oder genauer: „ […] Änderungen der Geldmenge (M) durch die Zentralbank [führen] zu einer proportionalen Änderung des nominalen Werts der Produktion (P x Y)“ (Mankiw/Taylor 2018, S. 843; P bezeichnet das Preisniveau und Y das Produktionsniveau). Steige also beispielsweise die Geldmenge um 5 Prozent, sei ein Anstieg des Preisniveaus um ebenfalls 5 Prozent die Folge (zur Kritik insbesondere der zugrundeliegenden Annahmen siehe hier).

Es kann hier nicht auf die Unterschiede zwischen der alten, von Irving Fisher entwickelten Quantitätstheorie, der auf Alfred Marshall zurückgehenden sog. Cambridge-Version und etwa der Neoquantitätstheorie von Milton Friedman eingegangen werden (vgl. dazu z.B. Sener 2016, S. 22ff). Diese Varianten differieren nicht wesentlich bezüglich der theoretischen Herleitung des proportionalen Zusammenhangs zwischen Geldmenge und Preisniveau. Wichtig ist in diesem Zusammenhang allein, dass alle Spielarten der monetären Neoklassik auf der Quantitätstheorie des Geldes beruhen.

Wer oder was aber legt die Geldmenge fest? In der neoklassischen Theorie wird Geld als exogene Variable betrachtet, deren Quantität entweder durch das vorhandene Angebot an einer knappen Ware (wie z.B. Gold) oder aber – wenn es sich um „Fiat-Geld“ handele – durch den Staat bestimmt werde (die Angebotsknappheit wird damit staatlicherseits durchgesetzt).

Wie läuft dies technisch ab, beispielsweise im Euroraum?

„Mit dem Verkauf von Wertpapieren nimmt die EZB Geld aus dem Markt und verknappt  damit die Geldmenge. Durch den Ankauf von Wertpapieren gibt die EZB Geld in den Markt und vergrößert auf diese Weise die Geldmenge. Wenn zudem ein Teil des zusätzlichen Geldes bei den Banken eingezahlt wird, die diese Einlagen als Reserven halten, kommt der Geldschöpfungsmultiplikator ins Spiel, sodass die Wirkung dieser Offenmarktgeschäfte auf die Geldmenge noch stärker ausfällt“ (Mankiw/Taylor 2018, S. 835f).

Bei Offenmarktgeschäften kauft die Zentralbank Wertpapiere endgültig (sog. „Outright-Geschäfte“) oder nur für eine gewisse Zeit („befristete Transaktion“) an und schreibt der jeweiligen Geschäftsbank den entsprechenden Betrag als Sichteinlage auf deren Zentralbankkonto gut.

Geldmengensteuerung und Geldschöpfungsmultiplikator

Daraus wird von der Neoklassik gefolgert, dass die Zentralbank die Geldmenge durch die Bereitstellung erforderlicher Reserven (Reserven sind Einlagen bei der Zentralbank – also elektronisches Zentralbankgeld – plus der Bargeldbestand der Geschäftsbanken) steuere. Sie sei zu dieser Steuerung in der Lage, weil eine Geschäftsbank, bevor sie ein Darlehen geben könne, zunächst Reserven benötige, von denen sie einen einen kleinen Teil bei der Zentralbank hinterlege. Die Geschäftsbank habe dann die Möglichkeit, im Umfang ihrer Überschussreserven (d.h. ihrer frei verfügbaren Reserven) Kredite zu gewähren.

Erhöhe die Zentralbank das Angebot an Reserven, so reagiere das Bankensystem insgesamt entsprechend der Theorie der partiellen Reservehaltung mit einer Erhöhung von Krediten und Einlagen um ein recht stabiles Vielfaches (vgl. z.B. Brunner 1968). Möglich werde dies durch das Wirken des sog. „Geldschöpfungsmultiplikators“, der Veränderungen in der Geldbasis (der Summe aus den Einlagen bei der Zentralbank und dem Bargeld, das die Zentralbank in Umlauf gebracht hat) in Veränderungen der Geldmenge übertrage.

Durch eine Veränderung des Mindestreservesatzes[3] könne die Zentralbank die Größe dieses Geldschöpfungsmultiplikators beeinflussen: Ein höherer Mindestreservesatz führe zu einem niedrigeren Multiplikator und umgekehrt. Sei etwa der Geldschöpfungsmultiplikator = 10 (bei einem Mindestreservesatz von 10 Prozent), könnten die Banken aus jeder zusätzlichen Geldeinheit an Reserven, die dem Bankensystem zugeführt werde, letztlich zehn Geldeinheiten an zusätzlichen Einlagen schöpfen – damit sei die Obergrenze erreicht. Werde der Mindestreservesatz von der Zentralbank z.B. auf 15 Prozent angehoben, dann sinke der Geldschöpfungsmultiplikator unter 10 (zur Kritik an der Geldschöpfungsmultiplikator-Theorie siehe z.B. hier und hier).

Im Ergebnis werde also das Wachstum der Geldmenge von der Zentralbank exogen gesteuert: Da die Zentralbank die Geldbasis kontrollieren könne, sei sie in der Lage, auch die Geldmenge zu kontrollieren.

Warum das aber nicht richtig ist, wird im zweiten Teil erklärt.


Anmerkungen & Literatur

[1] Die Kritik kommt darüber hinaus auch von anderer Seite. Vgl. etwa McLeay et al. 2014, Häring 2015, Werner 2016 oder Lindner 2016.

[2] Auch außerhalb von MAKROSKOP haben wir die herrschende Lehre zu Geld und Banken immer wieder attackiert. Vgl. z.B. hier oder hier.

[3] Die Geschäftsbanken müssen eine gewisse Mindesteinlage auf ihrem Zentralbankkonto halten – die Mindestreserve. Die Höhe der Mindestreserve errechnet sich aus den reservepflichtigen Verbindlichkeiten der jeweiligen Geschäftsbank (z.B. täglich fälligen Kundeneinlagen). Multipliziert man die reservepflichtigen Verbindlichkeiten mit dem Mindestreservesatz, so ergibt sich der Betrag, den eine Geschäftsbank als Einlage bei der Zentralbank halten muss.

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