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Theorie | 12.12.2019 (editiert am 17.12.2019)

Studierende protestieren gegen VWL-Lehrinhalte – 3

Die „Copenhagen Business School“ hat auf die Kritik der Studierenden gegen die Darstellung des Bankenwesens an den Universitäten reagiert. Viel gewonnen ist damit leider nicht.

In den ersten beiden Teilen dieser Artikelreihe wurde vom Protest des internationalen Studentennetzwerkes „Rethinking Economics“ und des deutschen „Netzwerk Plurale Ökonomik“ gegen die falsche Darstellung des Banken- und Geldsystems an den Universitäten und in den Lehrbüchern berichtet. Im Mittelpunkt stand dabei die Kritik des deutschen Netzwerkes, die wir als vollkommen berechtigt ansehen.

Die von den beiden genannten Netzwerken initiierte Kampagne wurde von 27 lokalen Studentengruppen getragen, die jeweils einen offenen Brief an ihre Fakultät adressierten. Unterstützung erhielten sie von mehr als 60 Ökonomen und akademischen Institutionen, die die offenen Briefe mit unterzeichneten.

Ausgelöst wurden die Proteste von Studierenden der Universität Maastricht, die bereits im Februar dieses Jahres einen an ihre Fakultät gerichteten offenen Brief veröffentlichten. Dieser stieß jedoch auf wenig Resonanz der Professoren der Universität Maastricht und führte bisher zu keiner Veränderung des Curriculums.

Vermittler von Äpfeln

Im Zuge der internationalen Kampagne reagierten nun jedoch die Professoren für Makroökonomie der „Copenhagen Business School“ mit einer ausführlichen Antwort. Unterzeichnet ist sie von David Jinkins, der im Namen aller Makroökonomen der Abteilung Volkswirtschaftslehre schreibt. Wenn also im Folgenden von David Jinkins‘ Brief die Rede ist, sollte immer in Erinnerung behalten werden, dass Jinkins sozusagen stellvertretend für seine Kolleg(inn)en spricht.

Positiv hervorzuheben ist, dass Jinkins – im Gegensatz zu den meisten anderen kritisierten Ökonomen – überhaupt auf die Einwände der Studierenden eingeht. Er erkennt auch das Problem, dass letztere nicht mit der Darstellung der einzelnen Banken als reine Finanzintermediäre einverstanden sind. Seine Argumentation ist dann allerdings symptomatisch für die herrschende Lehre. Jinkins fordert nämlich dazu auf, zunächst einmal Geld vollständig aus der Analyse herauszuhalten und stattdessen über die“ reale“ Ökonomie nachzudenken:

„Angenommen, ich mache etwas, was andere Menschen heute wertvoll finden und sie bezahlen mich dafür. Da wir von Geld abstrahieren, nehmen wir an, dass sie mich in Äpfeln bezahlen. Ich möchte aber nicht alle diese Äpfel heute essen. Das heißt, ich möchte sie bis zum nächsten Monat sparen. Das Problem ist nun, dass Äpfel schlecht werden. Also möchte ich gern die Äpfel jemandem, der sie heute braucht, im Gegenzug für Äpfel im nächsten Monat geben. Das ist Sparen. Es bedeutet, einen Vertrag abzuschließen, Äpfel heute gegen Äpfel in der Zukunft auszutauschen.

Das Problem mit dem Sparen ist, dass es schwierig ist, Personen zu finden, die Äpfel genau dann benötigen, wenn ich Äpfel sparen will. Es kostet mich Zeit und Mühe, die richtige Person zu finden und zu beurteilen, ob ich ihr wirklich trauen kann, dass sie mir im nächsten Monat Äpfel gibt. Ich bin gern bereit, jemandem einige von meinen Äpfeln abzugeben, wenn er mir hilft, die richtige Person zu finden. Der Vertreter, der mir hilft, jemanden ausfindig zu machen, der meine Äpfel benötigt, ist ein Finanzintermediär. All dieses Gerede über Äpfel klingt vielleicht irrelevant, aber es stellt tatsächlich das Sparproblem dar, dem ich im realen Leben gegenüberstehe“ (Übersetzung der Verf.).

Ein wenig hilfreicher Vergleich

Das ist ein typischer Vergleich, wie er eins zu eins aus einem der neoklassischen Lehrbücher stammen könnte, und entspricht damit genau der Position, die die Studierenden in ihren offenen Briefen kritisieren. Er impliziert die Neutralität des Geldes im Kontext einer Ökonomie, die auf reinem Tauschhandel basiert.

Offenkundig soll hier wieder die übliche Geschichte erzählt werden: Ich habe Äpfel (Geld) übrig, die ich im Moment nicht brauche und deshalb sparen will. Andere Personen dagegen könnten jetzt gut Äpfel (Geld) brauchen, haben aber keine. Wie finden wir jetzt zusammen? Durch die Banken: Sie sammeln die Ersparnisse privater Haushalte und Unternehmen ein und vergeben sie in ihrer Funktion als Finanzintermediäre in Form von Krediten an andere Unternehmen und Haushalte, die sie gern in einem bestimmten Zeitraum verwenden möchten, aber selbst gerade über keine entsprechenden Mittel verfügen.

Wer so argumentiert, steht sofort vor einem Problem: Wenn die von Jinkens beschriebene Funktion von Banken als bloßen Finanzintermediären stimmte, wäre es praktisch unvermeidlich, dass zumindest gelegentlich Engpässe bei den Ersparnissen auftreten (vgl. auch Binswanger 2015, S. 22). Warum beobachtet man das in der Realität nicht? Oder kennt jemand den Fall, dass eine Bank einem ihrer Kunden einen Kredit mit dem Verweis auf zu wenig eingesammelte Ersparnisse verweigert hat? Also etwa mit den folgenden Worten:

„Es tut uns wirklich leid, aber wir können Ihnen momentan keinen Kredit geben, obwohl wir Sie für uneingeschränkt kreditwürdig halten. Bei uns sind nämlich gerade die Ersparnisse unserer Kunden ausgegangen. Bitte gedulden Sie sich noch einige Zeit, bis wieder Ersparnisse bei uns eingegangen sind. Wir geben Ihnen dann sofort Bescheid.“[1]

Dass so etwas in der Realität nie vorkommt, zeigt, dass Jinkins‘ Beispiel nicht zur Erläuterung der Funktionsweise von Banken taugt.

Verwunderlich ist außerdem, dass Jinkins zunächst zustimmend McLeay et al. (2014) zitiert, um darauf aufbauend dann die folgende Schlussfolgerung abzuleiten:

„Dass das Geschäftsmodell von Banken auf Verbindlichkeiten wie Sparkonten und Einlagen angewiesen ist, verdeutlicht die Rolle von Banken als Finanzintermediäre.“

Tatsächlich aber lautet das Fazit bei McLeay et al. ganz anders:

„Die Geldschöpfung in der realen Welt unterscheidet sich von manchen populären, aber irrigen Annahmen – Banken agieren nicht einfach als Intermediäre, die Einlagen verleihen, welche Sparer bei ihnen einzahlen, und sie „vervielfachen“ auch nicht Zentralbankgeld, um neue Kredite und Einlagen zu schaffen“ (S. 14; Übersetzung der Verf.).

In Wahrheit hatten McLeay et al. in dem von Jinkins zitierten Abschnitt nur festgestellt, dass das Geschäftsmodell einer Bank darauf beruhe, dass sie einen höheren Zinssatz für ihre Kredite erhalte, als sie auf ihre Einlagen auszahle. Dies bedeutet aber keineswegs zwingend – wie Jinkins offenbar meint –, dass Geschäftsbanken Intermediäre sind, die Einlagen einwerben, um sie dann an Kreditnehmer auszuleihen.

Banken und Kundeneinlagen

Natürlich stellt sich hier die Frage, warum die Banken an Kundeneinlagen interessiert sind, wenn sie doch bei der Kreditvergabe gar keine Bankeinlagen weiterreichen. Wie wir bereits an anderer Stelle erklärt haben, gibt es dafür mehrere Gründe:

Erstens haben Banken deshalb Interesse an möglichst vielen Kundenkonten, auf die möglichst viel Giralgeld von den Kunden anderer Banken überwiesen wird[2], weil ihnen zusammen mit den empfangenen Überweisungen (genauer: mit einem Netto-Zustrom an Giralgeld) von diesen Banken sozusagen „gratis“ zusätzliche Reserven zufließen, für die sie ansonsten – wenn sie sich die Reserven von anderen Geschäftsbanken auf dem Interbankenmarkt oder von der Zentralbank leihen würden – einen Zins zahlen müssten (vgl. auch Binswanger 2015, S. 38f) – jedenfalls unter normalen Umständen.

Banken benötigen Reserven für den Zahlungsausgleich untereinander[3] (sofern die Zahlungsvorgänge zwischen den Banken nicht über privat geführte Korrespondenzkonten verrechnet werden[4]), darüber hinaus aber auch zur Erfüllung ihrer Mindestreservepflicht, zur Befriedigung des Bedarfs ihrer Kunden an Bargeld (die Zentralbankguthaben der Banken lassen sich jederzeit in Form von Bargeld abfordern), zum Tausch gegen benötigte Devisen, zur Bedienung und Rückzahlung von Krediten anderer Banken oder der Zentralbank, zum Kauf von Staatsanleihen vom Staat und zur Ermöglichung von Steuerzahlungen ihrer Kunden (zu den letzten beiden Punkten vgl. ausführlicher hier).

Zweitens sinkt mit einer steigenden Zahl von Kundenkonten tendenziell der Bedarf einer Bank an Reserven: Denn die Differenz im Zahlungsverkehr zweier Banken, also die Differenz zwischen den Überweisungen von einer Bank A zu einer Bank B und umgekehrt von Bank B zu Bank A, wird am Ende des Tages in Reserven beglichen, die der defizitären Bank abgezogen und der anderen Bank gutgeschrieben werden. Je mehr Kundenkonten nun eine Bank hat, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Überweisungen hausintern (d.h. vom Konto des Kunden X bei der Bank A auf das Konto des Kunden Z bei derselben Bank A) vorgenommen werden können, also keine Reserven für den Zahlungsausgleich erforderlich sind, da lediglich die Girokontenstände der beiden Kunden verändert werden müssen. Im (theoretischen) Extremfall, in dem es einer Bank gelänge, sämtliche Bankkonten eines Landes auf sich zu vereinen, brauchte diese Bank gar keine Reserven zum Zweck des Zahlungsausgleichs mehr.

Drittens nutzen Banken häufig die Girokonten der Kunden – gewissermaßen als „Einstiegsprodukt“ – dazu, diese Bankkunden für andere Dienstleistungsprodukte zu gewinnen (sogenanntes „Cross-Selling“) und langfristig an das Kreditinstitut zu binden.

Spar- und Termineinlagen

Es bleibt noch die Frage, warum die Banken versuchen, Spar- und Termineinlagen einzuwerben, also z.B. ihre Kunden davon zu überzeugen, Sichteinlagen in Spareinlagen zu transformieren. Schließlich muss eine Bank ihren Kunden ja üblicherweise einen Zins auf deren Spareinlagen zahlen. Jedoch haben Sichteinlagen den Nachteil, dass sie jederzeit an andere Banken abfließen oder von ihren Inhabern in Bargeld umgewandelt werden können, was beides für sich genommen einen Verlust an Zentralbankgeld bedeutet. Die Banken kalkulieren deshalb so, dass die Kosten der Spareinlagenakquise unterhalb der zu zahlenden Zinsen auf dem Interbankenmarkt liegen, und versuchen damit ihre Profitabilität zu optimieren.

Hinzu kommt, dass Sichtguthaben in den verschiedenen Ländern in der Regel mindestreservepflichtig sind, während Spar- oder Terminguthaben nur geringen oder gar keinen Mindestreservevorschriften unterliegen. Aus diesen Gründen bieten die Geschäftsbanken ihren Kunden verzinste Spar- und Termineinlagen an, die gleichsam „eingefrorene“ Sichteinlagen darstellen. Auf diese Weise wird ein kurzfristiger Abfluss von Reserven verhindert, was den Banken eine größere Planungssicherheit gibt.

Sind die Unterschiede eher marginal?

In den beiden letzten Abschnitten seines Antwortschreibens bemüht sich Jinkin, die Unterschiede zwischen der Theorie des Mainstreams und der seiner Kritiker herunterzuspielen. Man liege doch gar nicht so weit auseinander: „[…] ich vermute, unsere Meinungsverschiedenheit ist kleiner, als Sie vielleicht ursprünglich gedacht haben.“

So sei etwa das von den Studierenden kritisierte Modell des Geldschöpfungsmultiplikators als „vereinfachende Metapher in einem Einführungskurs der Volkswirtschaftslehre“ zu verstehen. Es unterscheidet sich jedoch nach Jinkins nicht wesentlich von komplizierteren, dafür aber präziseren und detaillierteren Darstellungen. Ob man es verwende, sei eher eine „pädagogische Entscheidung“. Jedoch kann eine Theorie wie die des Geldmultiplikators, die den Kreditvergabeprozess in einer monetären Ökonomie vollkommen falsch darstellt, keine Simplifizierung der tatsächlichen Gegebenheiten sein.

Es braucht an dieser Stelle nicht noch einmal ausführlich auf die ebenfalls von Jinkins behandelte Frage eingegangen zu werden, ob und wie die Zentralbank die Geldmenge steuern kann oder soll, da dieses Thema bereits in Teil 2 dieser Artikelreihe besprochen wurde.

Hervorzuheben ist aber noch einmal, dass hier ein fundamentaler – und nicht nur ein geringfügiger – Unterschied zwischen der Sichtweise der Neoklassik und derjenigen etwa der „Modern Monetary Theory“ besteht (vgl. auch Mitchell/Wray/Watts 2019, S. 153ff): Anders als in den neoklassischen Lehrbüchern behauptet, kann nämlich in der realen Welt die Zentralbank nicht die Geldmenge kontrollieren. Die Giralgeldmenge wird „endogen“ durch die Nachfrage nach Bankkrediten und durch die Bereitschaft der Banken, Kredite zu gewähren, bestimmt (was dann wieder zur Schaffung von Depositen führt). Dagegen behauptet die Neoklassik fälschlicherweise, dass die Geldmenge exogen ist und durch den Geldschöpfungsmultiplikator in Interaktion mit der Geldbasis, die nach neoklassischer Auffassung unter der Kontrolle der Zentralbank steht, determiniert wird (wobei die Geldmenge ein Mehrfaches der Geldbasis bildet).

Diese und andere theoretische Differenzen sind gravierend und führen auch zu ganz unterschiedlichen Schlussfolgerungen für die Wirtschaftspolitik, wie in Teil 2 dieser Artikelreihe gezeigt wurde. Doch die Makroökonomen der Copenhagen Business School versuchen zu beschwichtigen: Wir liegen mit unseren Positionen doch eng beieinander, kein Grund also für uns, die Lehrinhalte zu überarbeiten und neu zu gestalten. Für die Studierenden, die sich mit solchen Reaktionen hoffentlich nicht abspeisen lassen, bleibt noch viel zu tun.


[1] Da hilft der Verweis auf das Wirken des „Geldschöpfungsmultiplikators“ wenig. Denn auch die Theorie der partiellen Reservehaltung betrachtet jede einzelne Bank als bloßen Finanzintermediär, der nicht über die Fähigkeit verfüge, Geld zu schaffen. Auch das Argument, dass im Fall ausgehender Ersparnisse bei den Banken eben die Zentralbank einspringt, zieht nicht: Die Geschäftsbanken können sich nicht bei der Zentralbank Zentralbankgeld (in Form von Reserven) leihen und dieses dann an Nichtbank-Unternehmen oder private Haushalte weiterverleihen, wie wir auf Makroskop schon oft erklärt haben (vgl. etwa hier) und wie dies erst vor kurzem auch die Bank of England, die britische Zentralbank, noch einmal ausdrücklich hervorgehoben hat. Die britische Zentralbank kritisiert die herrschende Sicht zur Kreditvergabe der Banken – insbesondere das Geldschöpfungsmultiplikator-Modell – wie folgt: „[…] sie ignoriert, dass Zentralbankgeld entweder gar nicht an Nichtbanken verliehen werden kann (Reserven) oder nicht an Nichtbanken verliehen wird (Bargeld)“ (Jakob/Kumhof 2019, S. 10; Übersetzung durch die Verf.).
[2] Unter einer „Überweisung von Giralgeld“ von einer Bank A zu einer Bank B ist hier – isoliert und etwas vereinfacht betrachtet – zu verstehen, dass Bank A Zentralbankgeld verwendet, um Bank B zu beauftragen und dafür zu bezahlen (bzw. zu „entschädigen“), dass B gegenüber dem Überweisungsempfänger eine Verbindlichkeit in Form einer Sichteinlage eingeht. Bank A verliert bei dieser Transaktion die Sichteinlage des überweisenden Kunden und gleichzeitig verringert sich ihr Zentralbankguthaben; bei Bank B erhöhen sich umgekehrt ihre Zentralbankguthaben und ebenso die Sichteinlagen des Überweisungsempfängers.
[3] Isoliert betrachtet bedeutet eine Überweisung an eine andere Bank einen Abfluss an Reserven. Dennoch ist es nicht richtig, dass jede Überweisung eines Kunden der einen Bank zu einem Kunden einer anderen Bank stets von einem entsprechenden Reservetransfer begleitet wird. Zum Zahlungsausgleich werden nur Reserven benötigt, wenn über einen bestimmten Zeitraum eine Bank an eine andere in der Summe mehr an Überweisungen tätigt, als die andere in entgegengesetzter Richtung. Vgl. dazu die folgenden Ausführungen.
[4] Dies geschieht zwar recht oft, aber ein großer Teil der Verrechnungen zwischen den Banken wird immer noch über Zentralbankkonten (insbesondere bei der Abwicklung der Zahlungen hoher Beträge) vorgenommen, nicht zuletzt, weil bei den Zentralbanken keinerlei Kredit- und Liquiditätsrisiken existieren. Darüber hinaus kann eine Bank, die Zentralbankgeld benötigt, natürlich auf sofortigem Zahlungsausgleich bestehen.

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