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Kultur | 30.12.2019

Von Bobos, Hipstern und Kosmopoliten

Achtung, es geht um eine Minderheit! Sie ist kulturhegemonial wirkmächtig und stellt sich selbst unter besonderen Artenschutz. Eine polemische Einordnung postmoderner Bürgerlichkeit in Zeiten des Strukturwandels von Ökonomie und Staat.

Sein oder Nichtsein? Diese Frage beantworten heute die sozialen Netzwerke, die Werbeindustrie und Feuilletons der linksliberalen Intellektüllen. Dort erfahren die bedarften und unbedarften Zeitgenossen, was die richtige und erstrebenswerte Lebensform ist. Mehr oder weniger subtil wird definiert, was hipp, modern, nachhaltig, korrekt und moralisch zu sein hat.

Oder anders gesagt, das Sein einer Minderheit bestimmt das Nichtsein der Übrigen. Sie bestimmt, wer dazugehört und wer nicht. Gleichzeitig will sie keine Diskriminierungen. Also schreibt sie sich ihrerseits wiederum den Kampf für die Rechte von allen möglichen Subminderheiten auf die Fahnen – seien sie noch so klein und alle Benachteiligungen, die heute ihren Weg in die Headlines der Massenmedien finden, vielleicht nur gefühlt. Diese Minderheit, ausgestattet mit der Deutungshoheit, ist die Fahnenträgerin der Identitätspolitik.

Gemeint sind der Bobo, Hipster und Kosmopolit – ein relativ neues Phänomen des noch jungen 21. Jahrhunderts, um das sich zahllose politische Kontroversen ranken. Kulturfremde (damit sind keine „Neubürger“ gemeint, sondern alle Alteingessenen mit altindustriellen Habitus – dazu später mehr) oder auch solche, die das Dasein innerhalb dieses Milieus für das selbstverständlichste der Welt halten, werden nun vielleicht fragen, wer oder was zum Teufel ist das, ein Bobo, Hipster oder Kosmopolit?

Nach dem britischen Journalisten David Goodhardt sind es echte oder gefühlte „Anywheres“ – ein international sichtbares Phänomen der sich rapide verändernden westlichen Industriegesellschaft seit den 1970er Jahren. Je mehr das westliche Modell der Wertschöpfung nicht mehr auf klassischen Arbeitnehmertugenden basiert, sondern auf Kreativität, Flexibilität, Innovation und vor allem Wissen als Nummer eins in einer globalen Wertschöpfungskette, unterstützt diese Entwicklung das postmoderne Lebensmodell der Ungebundenheit.

Doch mit diesen Begriffen verhält es sich ähnlich, wie mit dem des Neoliberalismus. Die Klassifizierung wird als Kampfbegriff verschrien, sei nichtssagend, ein Etikett, das man allem anheftet, was einem irgendwie gegen den Strich geht. Sind sie also analytisch zu irgendetwas zu gebrauchen, wenn etwa Bobos wie Neoliberale stets abstreiten, solche zu sein?

Will man diese Begriffe dennoch verwenden, wird zu zeigen sein, dass Bobos, Hipster und Kosmopoliten als Prototyp des Bürgertums des 21. Jahrhunderts eben auch und gerade ein Produkt des Neoliberalismus sind.

Rebellion ist der erste Schritt in Richtung Gentrifizierung

Begreift man den Neoliberalismus als eine Ausdehnung und Radikalisierung von Marktprinzipien, als eine „Vermarktwirtschaftlichung“ der Gesellschaft, dann forciert er auch die Konkurrenzsituation zwischen Menschen. Das verstärkt den Zwang und das Bedürfnis, sich voneinander abzuheben. Der Bobo, Hipster und Kosmopolit steht exemplarisch für diese „Vermarktwirtschaftlichung“, wenngleich er sich bewusst von Segmenten des alten Industrie- und Massenkapitalismus zu distanzieren versucht.

Bobo, Hipster oder Kosmopolit bedeuten, wie die unterschiedlichen Bezeichnungen schon suggerieren, nicht unbedingt das Gleiche – aber es gibt Überschneidungen: Der Zugehörigkeit zu einer bestimmten soziokulturellen Klasse, der aus dieser Klassenzugehörigkeit entspringende Habitus, meist studierend oder mit einem akademischen Abschluss, sich politisch dem liberalen beziehungsweise linksliberalen Spektrum zuordnend und vor allem – vermeintlich über nationalen Identitäten und Zugehörigkeiten stehend. Umso mehr werden von ihm kulturelle, geschlechtliche, sexuelle oder ethnische Identitäten in den Vordergrund gerückt.

So ist der Hipster aus jenem Beziehungsgeflecht hervorgegangen, zu dem auch jenes Milieu gehört, das der Soziologe Richard Lloyd in seiner Ethnografie des Chicagoer Stadtteils Wicker Park „Neo-Boheme“ bezeichnet hat: eine Künstler-Szene, deren Mitglieder ihren Lebensunterhalt in Bars und Cafés verdienen und gleichzeitig unbewusst ein Milieu bilden, in dem der „Spätkapitalismus“ – also das Geschäft mit Design, Werbung, Webdesign und der sogenannten „Erfahrungsökonomie“ – floriert.

Längst sind bohemeresque Tugenden, die Kreativität des antibürgerlichen Künstlers als Idealtypus einer antibourgeoisen Gegenwelt zur Primärtugend in der Dienstleistungsgesellschaft, der Ökonomie 2.0, der digitalen Transformation, des Start-Up-Kapitalismus mit vermeintlich flachen Hierarchien geworden. Einer Ökonomie, die im Sinne der oben angerissenen Intensivierung des Vermarktlichungsprozesses unentdeckte Nischen der Dienstleistungsökonomie nutzbar machen soll. Jeder soll ganz besonders individuell und rebellisch sein, um als Trendsetter Maßstäbe zu setzen.

Der Bobo ist der Archetypus dieses Arbeitskraftunternehmers geworden. Als Freelancer oder Selbständiger ohne Angestellte erzielt er nach Erkenntnissen des Bundesverbands „Selbständige Wissensarbeit“ Nettoeinkommen von durchschnittlich 4700 Euro im Monat. Doch mehr als die Hälfte von ihnen hat laut einer Erhebung des Allensbach Instituts ein Problem, das ihnen gehörig auf die Nerven geht: Der Sozialstaat könnte sie unerwartet als sozialabgabenpflichtige Arbeitnehmer einstufen.

Diese zahlungskräftige Klientel hat im Zuge der Gentrifizierung der hippen, subkulturellen angesagten Künstlerviertel die Künstlerkultur teilweise adaptiert oder nachgeahmt. Daraus entstanden die sogenannten „bourgeois bohémiens“, kurz Bobos. Die vibrierende Gegenkultur als wichtiger Bestandteil angesagter Stadtquartiere wird zum Element der kapitalistischen Immobilienentwicklung. Die Rebellion ist der erste Schritt in Richtung Gentrifizierung.

Während Kosmopoliten als sozioökonomische Speerspitze die Weltbürgerlichkeit auch beruflich leben und mal hier mal dort ihren Lebensmittelpunkt haben, Grenzen für obsolet und störend halten, kann der Bobo seinen Berliner Kiez monatelang nicht verlassen und sich trotzdem transzendent transnational fühlen. In Mitte, Prenzlauer Berg oder Neukölln hat er die Möglichkeit, diesem Gefühl Ausdruck zu verleihen. In Kreuzberg gibt es „Eateries“, die eine deutschsprachige Karte aus Prinzip nicht anbieten. Bestellt und serviert wird der Latte nur noch in Englisch.

Der Bobo kann also ganz Kosmopolit sein, ohne das Leben eines Kosmopoliten zu führen. Allerdings bringt ihm der Konsum kultureller Güter und die Werbeindustrie die Illusion dieses Lebens nahe. Wichtig ist, dass dieses postnationale Feeling mit einer Brise fairen Handel und regionalen Gemüse, also nachhaltigem Konsum, gewürzt wird. Dass das kein Klischee, sondern ein Trendsetter ist, zeigt sich schon im Sortiment der Supermärkte: mittlerweile jedes zweite Produkt ist gleichzeitig „bio“, „nachhaltig“ und irgendwie „fair“.

Nicht, dass der Fokus auf ethischen Konsum, Nachhaltigkeit, Umweltbewusstsein und fairen Handel verwerflich wäre. Der Bobo aber tendiert zu glauben, er könne die Welt durch seinen individuellen Konsum – und nur seinen Konsum – besser machen, während ihm jeglicher staatliche Zwang, Steuern, Regeln und Gesetze bestenfalls suspekt sind. Lieber achtet er auf seinen ethischen Kontostand, als womöglich durch den Staat seinen finanziellen Kontostand gefährdet zu sehen.

Der Fokus des Hipsters wiederum, der allerdings im Bobo aufgehen kann oder umgekehrt, liegt vor allem auf der optischen Sichtbarwerdung progressiv-modernen und urbanen Lebens. Der Avantgardismus des eigenen Seins offenbart sich in der Kleidung, die optimalerweise dem ersten Anschein nach fern jeglicher Massenproduktion aus zweiter Hand erworben oder getauscht wird. Nichtsdestotrotz verhält es sich hier so wie mit der Ernährung – längst hat die Hipster-Mode den Mainstream erreicht.

„Der zeitgenössische Hipster“, schreibt Mark Greif in der Essaysammlung Hipster – Eine transatlantische Diskussion, „scheint also aus einer verworrenen Ahnenreihe von Jugendbewegungen hervorgegangen zu sein, die alle versucht hatten, ihre Unabhängigkeit von der Massenkultur zu wahren, eine Alternative zu dieser zu bilden, bevor sie dann doch integriert, gedemütigt und zerstört wurden.“ Doch das Hipstertum ist dabei – im Gegensatz zu manchen seiner Ahnen – nicht einmal mehr subversiv.

Feiern gegen schlechte Weltanschauung

Entsprechend findet der Bobo oder Hipster seine ökologische Nische längst nicht mehr nur in New York oder Berlin, wenn auch dort die am weitest fortgeschrittene Gattung anzutreffen sein mag. Ebenso gut lässt sich das Phänomen im südhessischen Darmstadt, meinem Wohnort, beobachten. Eine teils provinziell anmutende 160.000 Einwohner Stadt, deren kulturelle Enklaven gegen diesen Eindruck einen erbitternden Krieg führen.

Die modernen, meist grün wählenden Einwohner in den angesagten, teureren Stadtvierteln geben sich angestrengt aufgeklärt, progressiv, kultiviert und urban. Man will ein buntes und weltoffenes Darmstadt. Das Stadtkulturmagazin „P“ berichtet von den „Favoriten des Monats“, darunter – eine wohl ungewollte Reminiszenz an die DDR – „Feiern gegen schlechte Weltanschauung“. Am Osthang, einer Veranstaltungshochburg der Szene, gibt es „Kleidertausch-Partys“, „Nachhaltigkeits-Ausstellungen“ und „Globales Frühstück“.

Der Kampf gegen die falsche Weltanschauung und für einen progressiv-nachhaltigen Fußabdruck neigt dazu, in einem Wettbewerb untereinander zu münden. Ein gegenseitiges Beäugen und Abgleichen, ob man selbst und der andere die ungeschriebenen Regeln des eigenen Milieus auch gewissenhaft genug befolgt. Eine Mutter, die am Spielplatz vor den Kindern auf das Display ihres Handys schaut, oder – mindestens genauso schlimm – ihren kleinen Zögling mit einer glutenkontaminierten Brezel abspeist, setzt sich hier der Gefahr der Exkommunizierung aus.

Jede Gemeinschaft besteht aus Normen und Regeln. Hier wird man mit den Regeln einer neuen Bürgerlichkeit konfrontiert, die in ihrer gespielten Lockerheit den Muff und die Spießigkeit des altkonservativen Bürgertums abgelegt haben will, nur um dabei selbst wieder spießig zu sein. Es ist die konservierte Jugendkultur der jetzt Mittdreißiger und -vierziger, gemischt mit einer nachfolgenden Jugend, deren Subkultur jetzt schon versteinert, weil seltsam steril ist. Ein Neopuritanismus, dessen angestrengt zur Schau getragene modische und kulturelle Weltgewandtheit als zivilisatorischer Avantgardismus begriffen wird. Dahinter aber verbirgt sich eine rigide Humorlosigkeit und Überkorrektheit, ein neuartiger pedantischer Moralismus, der für mich, obwohl selbst Teil dieser Welt und in einem grünen, bildungsbürgerlichen Elternhaus sozialisiert, zunehmend verstörend wirkt.

Diese grüne Avantgarde der postmodernen, vermeintlich weltoffenen Bürgerlichkeit beansprucht für sich, die Spitze der Intellektualität zu bilden. Schließlich hat sie die Meinungsführerschaft und Deutungshoheit in der Publizistik inne. Sie berichtet als Journalist und Redakteur oder wird von diesen als ihresgleichen befragt. Sie erstreckt sich hinein in die politischen Eliten der Parteien und Administrationen. Diese Selbstreferenzialität kommt in einem politischen Konsens zum Ausdruck, der offene Grenzen befürwortet, mehr Europa will sowie Klimawandel und Rechtspopulismus für die größten Bedrohungen der Menschheit hält.

Das ist aber nicht jene Intellektualität, wie man sie einst verstanden haben mag – ein undurchsichtiges, dorniges Gestrüpp aus gedanklichen Abzweigungen, mit tiefen Wurzeln, wildwüchsigen Ranken geistiger Freiheit und Provokation, die das Denken strapazieren und herausfordern. Es ist vielmehr eine brave, cleane, stromlinienförmige Intellektualität, mehr Distinguität, die lediglich der eigenen eitlen Zierde dient und dabei hilft, sich gegenseitig zu versichern, in einer Welt der Gut-Böse-Dichotomie auf der richtigen Seite zu stehen. Was die richtige Seite ist, lernt man, wenn nicht auf dem Weg zum G8-Abitur, dann doch in den Bologna-reformierten, zu politisch korrekten Ausbildungsstätten verkommenen Universitäten, in denen eine erwachsene und nüchterne Wissenschaftlichkeit in Rückzugsgefechte mit ideologisch einwandfreien Safe-Spaces samt integrierten Frauenbeauftragten und Elternabenden verwickelt ist.

In den Supermarkt führten schon alle Wege der 68er

Frankfurt. Die größte Stadt im Rhein-Main-Gebiet. Hier sind die Szeneviertel – kulturell bereichert von einer linken Subkultur, hohem Migrationsanteil und einer starken Antifa – Beweis einer fortgeschrittenen supranationalen Weltgesellschaft, die sich die Bobos immer so sehr gewünscht haben, um sich endlich ihres verhassten Deutschseins entledigen zu können. Links, oder was davon übriggeblieben ist, ist hier in seiner Popcorn-Variante Lifestyle, Konsumprodukt und längst im Mainstream des postmodernen Bürgertums verankert. Heißt, man ist auch hier tolerant, bunt, divers und multikulturell eingestellt. Wobei die Toleranz nur bis an die Grenze der Gleichgesinntheit reicht. Schon die in diesem Milieu aufgegangene Linke der 70er und 80er Jahre wusste schließlich, dass die Internationalisierung der kapitalistischen Produktionsweise im Zeichen des Freihandels die „nationalen Absonderungen und Gegensätze der Völker“ zum Verschwinden bringen würde.

Damit es dann doch nicht ganz so gleichförmig wird, konsumiert man „Kultur“ aus aller Herren Länder. Heißt, so wie die Globalisierung zur Öffnung geführt hat und dazu, dass Kulturen sich in den urbanen Zentren vermischen, sieht man diese „Vielfalt“ nicht länger als Problem, sondern als Aufforderung zur kulturellen Vervielfältigung der Identität, Grenzüberschreitung und kulturkapitalistischen Verwertung.

In diesen Prozessen, sagt die in Darmstadt lehrende Politologin Cornelia Koppetsch, drücke sich das gewandelte Selbstverständnis eines großen Teils der deutschen politischen Linken aus. „Das Gerede von der Emanzipation der Arbeiterklasse war überwiegend rhetorische Übung zur Wahrung und Festigung der politischen Legitimation eines individuellen politischen Aufstiegs.“

Ein Aufstieg, den der sich seit den 1960er Jahren herausbildende diversifizierte Konsumkapitalismus kulturell alimentiert hat. In den Supermarkt, so der Philosoph Peter Sloterdijk, führten schon alle Wege der 68er. Man will sich von allen anderen abheben, es bildet sich die Subkultur von der Subkultur. Der Vielfalt, in der man sich selbst- und seinen Körper verwirklichen kann, werden vom Markt kaum noch Grenzen gesetzt. Das Tattoo ist vom Exklusions- zum Inklusionsmerkmal geworden. Die individuelle Rebellion ersetzt den kollektiven Klassenkampf.

Doch die Performance und zur Schaustellung der eigenen Einzigartigkeit ist ein ewiger Wettlauf mit der Zeit. Der Singularität des Hipsters im Nacken sitzt der Atem des sich alles aneignenden Massenkonsums, das Allgemeine und Standardisierte. Sich an der Spitze des Wettlaufes zu befinden, unterscheidet den Hipster vom gewöhnlichen Konsumenten der vulgären Schichten auf den hinteren Plätzen, auf die man gerne mit Verachtung zurückblickt. Es geht „um Abgrenzung, Narzissmus und ein Gefühl der Überlegenheit, dass man mit kleinen Unterschieden produziert“, schreibt etwa Mark Greif.

Der Bobo und Hipster hat demzufolge nicht nur nichts mit dem altbackenen Konservatismus der Christdemokratien zu tun. Sondern er kann, selbst wenn man sich irgendwie als „links“ definiert, auch nichts mit dem altindustriegesellschaftlichen Traditionalismus und Solidarismus der Sozialdemokratie anfangen. Handelt es sich bei beiden Relikten einer niedergehenden Ordnung doch um ein befremdliches Syndikat aus „alten weißen Männern“, die als „Besitzstandswahrer“ im verhassten Nationalstaat dem moralischen Universalismus der neuen Zeit entgegen stehen.

„Nehmt euch vor diesen Kosmopoliten in Acht“

Doch das generiert Widersprüche. Auf der einen Seite gebietet der moralische Universalismus, eigene Bedürfnisse für das Wohl des Fremden hintenanzustellen. Auch der Kosmopolitismus schließt in seiner starken Form als moralische Position jede Art von Bevorzugung aus. Andererseits stellt das neue Linkssein des Bobos das Individuum und individuelle Rechte im Sinne grenzenloser Selbstverwirklichung ins Zentrum und setzt sie prinzipiell absolut. So reicht der Universalismus des Bobos oder Kosmopoliten immer nur so weit, wie die eigenen Interessen und Privilegien nicht beschnitten werden. Auch er ist Besitzstandswahrer. Es geht dem Bobo also, wie es auch Katja Kipping in ihrem Buhlen um diese Wählerklientel verdeutlichte, „um eine Haltungsfrage und nicht um eine unmittelbare Umsetzungsperspektive.“

Neu ist dieser Befund freilich nicht. Schon Rousseau wusste von dieser Haltung zu berichten:

„Nehmt euch vor diesen Kosmopoliten in Acht, die in ihren Schriften aus weiter Ferne Pflichten herholen, deren Erfüllung sie in bezug auf ihre eigene Umgebung verächtlich zurückweisen. Ein solcher Philosoph liebt die Tataren, um dessen überhoben zu sein, seine Nachbarn zu lieben.“

In Verkennung dieser Doppelmoral will der Bobo jenen Besitzstand wahren, denen er solchen, die etwa von den Folgen der Migration betroffen sind, in seiner „richtigen Haltung“ moralisch abspricht. Wohl klingt die wenig durchdachte Easy-Jet-Philosophie, das Konzept der Grenzenlosigkeit, für einen vom Elternhaus finanziell gepäppelten Erasmus-Studenten völlig anders als für einen Arbeitslosen.

Aber schlimmer noch. Wer den radikalen aber nur für andere zu befolgenden moralischen Universalismus nicht teilt, wie etwa der vom Strukturwandel betroffene Industriearbeiter im Ruhrgebiet oder der Lausitz, der einst in der Sozialdemokratie sein zu Hause hatte und sich nun um den hohen Migrationsanteil in seinem abgehängten Stadtviertel sorgt, der ist Menschenfeind, Antidemokrat, Demokratiefeind und Rassist. Wobei „Demokratisch“ längst zu einer Chiffre für das Monopol der einzig legitimen und etablierten Weltanschauung, nämlich eines vagen universalistischen Humanitarismus verkommen ist.

Es ist ein Versuch, die sich auf allen Ebenen vollziehende Spaltung der Gesellschaft – materiell, kulturell und geographisch – zusätzlich mit noch mehr Spaltung und moralischer Ausgrenzung zu überwinden. Wie hochgradig schizophren, undemokratisch und gefährlich das ist, hat sich zuletzt in Sachsen und Brandenburg gezeigt. Doch es lenkt von tieferliegenden Problemen ab, an denen die Klasse des Bobos nicht unschuldig ist.

Beim moralischen Universalismus dieses neuen Bürgertums handelt es sich im Kern letztlich um eine hedonistische Logik. Gesellschaft ist dann, etwas zugespitzt, nur eine große Wunschbefriedigungsapparatur für die Einzelnen. Und nur ihm Rahmen dieser Logik darf sich – aus Sicht des Bobos – das politische und damit auch staatliche Handeln bewegen.

Nicht nur Kunst, sondern auch Politik werden also vom Bobo und Kosmopoliten konsumiert: Das Individuum handelt nach seinen Wünschen und Interessen, strebt nach Glück und Selbstverwirklichung. Es ist eine kosumistische Definition der Freiheit. „Die bürgerlichen Tugenden“, sagt der Philosoph Michael Sandel, „höhlen sich zugunsten einer individualistischen Freiheit der Selbstoptimierung aus, die den Staatsbürger am Ende entmächtigt.“

Der Artikel wurde ursprünglich auf MAKROSKOP am 6. September 2019 veröffentlicht.

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