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Debatte | 21.01.2020

Autoritärer Linksliberalismus

Haben Gestus und Positionen des linksliberalen Milieus zum Aufstieg der Rechten beigetragen? Die eigenen Privilegien glaubt man jedenfalls zu genießen, weil man mit Komplexität halt besser umgehen könne als die auf der anderen Seite und dies selbstverständlich, »wegen eines offeneren Weltbilds«.

Dieser Frage näherkommen sollte jüngst ein Streitgespräch in der taz zwischen Naika Foroutan, Professorin für Integrationsforschung und Gesellschaftspolitik an der Berliner Humboldt-Universität, und Wolfgang Merkel, Direktor der Abteilung Demokratie und Demokratisierung am Wissenschaftszentrum Berlin und Professor für Politikwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität.

Merkel, der diesbezüglich einen Zusammenhang sieht, geht dabei durchaus taktisch geschickt auf Foroutan ein, die keinen Anlass für eine kritisiche Selbstreflektion der Linken erkennen kann. Doch er unterlässt es, die Anmaßung, die den Kern ihrer Argumentation ausmacht, in Frage zu stellen, etwa, wenn er Folgendes ausführt:

»Menschen, die Begrifflichkeiten wählen, die nicht unseren Diskurshöhen entsprechen, werden abgewertet. Wer sich in der Geschlechterfrage nicht zeitgemäß ausdrückt oder bei der Immigration offene Grenzen ablehnt, gilt schnell als Sexist oder Rassist.«

Dass sich immer mehr Bürger von der Linken abwenden und rechts wählen, führt Merkel also auf kulturelle Dissonanzen in der Kommunikation zurück: ein durch jene Dissonanzen ausgelöstes, vorschnelles Moralisieren auf der einen und ein ebensolches Gefühl, nicht akzeptiert zu werden, auf der anderen Seite.

Das ist sicher nicht falsch, aber auch nicht hinreichend, um die fraglichen linksliberalen Positionen angemessen zu würdigen. Denn es geht um mehr als die Frage, wie streng oder milde der Blick von der beanspruchten Diskurshöhe auf den »gewöhnlichen Pöbel« zu sein hat. Nämlich darum, wie gerechtfertigt dieser Anspruch überhaupt ist. Beispielhaft hierfür steht die Auseinandersetzung mit der Forderung nach einer »gendergerechten Sprache«.

Gestohlene Autorität

Eines der Merkmale des autoritären Charakters ist die Unfähigkeit, zwischen Fakten und Normen beziehungsweise den Status ihrer Gültigkeitsansprüche zu unterscheiden. Er glaubt, dass den von ihm vertretenen Normen die Gültigkeit von unbezweifelbaren Fakten zukomme, weil sie ihren Ursprung in einer – noch weniger zu hinterfragenden – Autorität hätten. So etwa Naika Foroutan, wenn sie diese Behauptung aufstellt:

»Es ist keine moralische Hybris, für Klima- oder Migrationsgerechtigkeit und geschlechtergerechte Sprache einzutreten. Soll man jetzt sagen, die Erde ist eine Scheibe, weil sich jemand bevormundet fühlt, wenn man ihm sagt, dass die Erde rund ist?«

Dass die Erde keine Scheibe sei, hat – dank der, über Jahrtausende währenden, Mühen von Wissenschaftlern, Seefahrern und Astronauten – den Status einer Tatsache. Doch genau einen solchen Status kann die Forderung nach einer »geschlechtergerechten Sprache« keineswegs beanspruchen. Sie ist kein ein Faktum, sondern eben eine Forderung, und als solche nicht einmal besonders einleuchtend.

Die, mit Sternchen, Doppelpunkten oder kapitalem Binnen-I operierende, zwanghafte Vermeidung der korrekten Pluralformen entspringt auch einem magischen Unverständnis von Sprache. Sie hängt dem Glauben an, dass Worte außerhalb ihrer historisch herausgebildeten Bedeutung eine geheimnisvolle Beziehung zu den Gegenständen unterhielten, die sie bezeichnen, und diese sogar beeinflussen könnten.

Sicher spiegeln sich in sprachlichen Formen historische und aktuelle Realitäten, also auch Herrschaftsverhältnisse. Doch stellt der Versuch, solche via Sprache aufzuheben oder gar umzudrehen, ein äußerst kühnes Unterfangen dar, das scheitern muss, sofern es nicht bereit ist, sich in Orwell’sche Dimensionen zu steigern.

Auch ohne Freund des konjunkturell proliferierenden Totalitarismusverdachts zu sein: Der Versuch, die Welt durch zwanghaftes Sprachdesign in eine vermeintlich angezeigte Ordnung zu bringen, hat etwas Totalitäres. An diesem Punkt scheint, nimmt man die Äußerungen von Frau Foroutan als Maßstab, der autoritäre Linksliberalismus angekommen zu sein.

Eine gelingende Kommunikation ist ein wesentliches Moment gesellschaftlicher Entwicklung. Sowohl die autoritäre Sprachzensur unter dem Vorwand der Inklusion als auch die Verdrängung der deutschen Sprache im Namen eines vermeintlichen Kosmopolitismus ist verheerend.

Lernen oder Gehirnwäsche?

Mit dem Verlust — oder der Enteignung — der eigenen Sprache geht mehr verloren als nur diese allein. Das menschliche Weltverständnis bildet sich zusammen mit dem Organismus in einem prinzipiell unabgeschlossenen Prozess, der normalerweise mit dem Ende der Teenage-Jahre eine gewisse Reife erreicht — eine Reife, mit der sich auch ein Niveau der Sprachfertigkeit einstellen sollte, die zur selbständigen Teilnahme an der entsprechenden Zivilisation befähigt.

Spracherwerb ist eine Funktion eines sich ausbildenden Organismus, insbesondere des sich entwickelnden Gehirns. Sprache bildet deshalb eine internalisierte und inkarnierte Gestalt von Heimat. Reife, mündige Menschen können sicher noch etwas dazulernen und dabei ihre Sprache entwickeln, doch diese in ihren Grundstrukturen umzubauen, ist bedeutungsgleich mit Gehirnwäsche.

Der menschlichen Sprache beziehungsweise ihrem organischen Fundament ist ein – wahrscheinlich evolutionär wohlbegründeter – konservativer Zug zu eigen, der eine recht hohe Anpassungsfähigkeit des Sprachgebrauchs nicht ausschließt. Ein gutes Beispiel dafür ist das ist das Wort ›Atom‹ für die Grundeinheiten der Elemente. Seit den antiken Atomisten wandelten sich in den nahezu zweieinhalb Jahrtausenden bis heute die Vorstellungen von den Atomen grundlegend. In besonderem Maße war dies innerhalb der letzten 125 Jahre der Fall, während derer sich die entsprechenden Modelle zeitweise im Rhythmus von wenigen Jahren entscheidend änderten, bis hin zur Aufgabe des namengebenden Merkmals: Atome sind nicht a-tomos, nicht nichtteilbar.

Doch niemand, auch niemand unter den Physikern, sah sich dazu motiviert, für diese Gegenstände nun einen neuen Namen zu fordern, sie etwa in Zukunft nicht mehr Atome, sondern nur noch Tome zu nennen. Ganz ähnlich erging es auch einigen fundamentalen Größen der Physik: die Relativitätstheorie veränderte das Verständnis davon, was Masse, Impuls und Energie sind und wie sie in Beziehung zueinanderstehen, doch blieb die Physik bei den bewährten Namen und Grunddefinitionen. Ganz ähnlich ist das auch mit Alltagsbegriffen wie ›Wagen‹. Unsere Vorfahren vor tausend Jahren hatten nicht die geringste Vorstellung von der Vielfalt dessen, was heute darunterfällt.

Was lässt sich daraus über Maurer, Schaffner und Physiker lernen? In diesen Pluralformen bildet sich sicher auch ab, dass jene Kollektive früher nahezu ausschließlich aus Männern bestanden, genauer jedoch der Sachverhalt, dass die weibliche Form deshalb zu einer zusätzlichen Markierung, nämlich dem Suffix ›-in‹ führte, deren Integration in die Pluralform jedoch nur unaussprechliche Monstrositäten hervorbringt. Insofern drücken sich in der oft als generisches Maskulinum bezeichneten Pluralform gesellschaftliche Verhältnisse und damit auch Herrschaftsverhältnisse aus, die man allerdings durch neue Bezeichnungen kaum ändern wird.

Die wesentlichen Aspekte von Diskriminierung hängen heute viel weniger mit der von privilegierten Frauen und Männern der akademischen Mittelschicht thematisierten Genderfrage, sondern viel mehr mit der Klassenfrage zusammen. Hier erscheint es angezeigt, an die Gendersternchen Ockhams Rasiermesser anzulegen.

Linksliberaler Fronleichnamsumzug

Bei aller Schwierigkeit, sich vorzustellen, worin eigentlich die Gerechtigkeit in der Gendergerechtigkeit liegen könnte, ist doch immerhin bekannt, wie sich die Verfechter derselben deren Operationalisierung vorstellen. Das Gleiche lässt sich von der »Klima- oder Migrationsgerechtigkeit« nicht sagen.

Nach Jahrzehnten der Beschäftigung mit Fragen soziotechnischer Systeme muss ich ehrlich gestehen, dass ich nicht weiß, was Klimagerechtigkeit ist. Fiat justitia et pereat mundus – Es soll Gerechtigkeit geschehen, und gehe die Welt darüber zugrunde – scheint hier die Devise zu sein.

Tatsächlich haben wir es hier mit vielfach ineinander verwobenen und rückgekoppelten Zusammenhängen des Erdsystems sowie – schwer vorhersehbaren und noch schwerer steuerbaren – sozialen und politischen Dynamiken zu tun. Die bescheidene Frage ist die nach der Durchsetzbarkeit von erkennbar zur Milderung der absehbaren Gefahren beitragenden Maßnahmen.

Vielleicht macht man es am besten, so wie die derzeitige Bundesregierung im Falle des Klimathemas: etwas, was sich danach anhört, egal, was dabei herauskommt. Noch näher liegt der Verdacht, dass es bei solchen ebenso wolkigen wie anmaßenden Formeln nicht um machbare Lösungen geht, sondern um Virtue Signaling. Der dünne aber groß aufgeblasene Leib der linksliberalen Moralität wird, wie in einer Monstranz beim Fronleichnamsumzug, herumgetragen, um allseits den gebotenen Kniefall mit anschließender Bekreuzigung einzufordern. Es werden Nachbeten und devote Unterordnung gefordert:

»Was ist so schlimm daran, andere zu belehren? Lernen ist auch ein Treiber menschlicher Existenz.«

Wer auch nur über ein wenig pädagogische Erfahrung verfügt, weiß, dass Belehrung nicht zwangsläufig Lernen zur Folge hat. Dieses ist auch kein »Treiber menschlicher Existenz« — das kann man eher von der Neugier sagen —, sondern eine Funktion des Lebensvollzugs.

Fremd scheint Foroutan auch jegliche differenzierte sozialwissenschaftliche Betrachtung zu sein: ihre Phrase von »unserer Gesellschaft«, die angeblich »gebildeter und reicher« werde, meint bestimmt nicht die Hälfte der Deutschen, deren Einkommen seit Jahrzehnten stagnieren oder sogar sinken. Nicht gemeint können jene sein, denen davon immer weniger übrigbleibt, weil die Mieten laufend steigen, und deren Kinder in Schulen gehen, deren Gebäude sichtbar verfallen, deren Lehr- und Betreuungskräfte meist durch die Fülle der Aufgaben überfordert sind und in denen immer mehr Unterricht, sofern er nicht ausfällt, von unqualifiziertem oder auch nur halbqualifiziertem Personal erteilt wird.

Dessen ungeachtet unterstellt Foroutan denen, die sich gegen die Zumutungen des linksliberalen Zeitgeistes auflehnen, nur sinistre, eigensüchtige Motive, nämlich »auf alten Rechten und Privilegien zu beharren.«

Das ist die Standardparole, die seit Jahrzehnten die Durchsetzung neoliberaler ›Reformen‹ begleitet, so, wie jetzt wieder in Frankreich. Was ist genau gemeint mit »alten Rechten und Privilegien«? Das »Privileg«, unter anständigen Bedingungen und zu einem Lohn zu arbeiten, von dem man leben kann?

In diesem Zuge wird die Feststellung, dass die politisch geförderte Zuwanderung – bei anscheinend ebenfalls politisch gewolltem Ausbleiben einhegender und kompensierender Maßnahmen – Lohn, Arbeits- und Lebensbedingungen für wachsende Bevölkerungskreise weiter verschlechtert, schnell als Äußerung eines »historisch und strukturell verankerten Rassismus« abgetan.

Die globale Mittelschicht inthronisiert sich selbst

Die jüngste, etwa von einem Vertreter der deutschen Hochsoziologie wiederholte Erzählung geht ungefähr so: Die Industriegesellschaft sei von der Wissensgesellschaft abgelöst worden. Der globalisierte, kognitive Kapitalismus habe Bedingungen geschaffen, in denen das Verlangen der Minderqualifizierten nach anständiger Arbeit und sozialer Sicherheit, weil unerfüllbar, einfach nicht mehr zeitgemäß sei [Reckwitz 2019, 304]. Auch Foroutan scheint diese Geschichte zu glauben. Dagegen sei die Anhängerschaft des Linksliberalismus, die globale akademische Mittelklasse, ideal positioniert, um in der neuen Welt Schlüsselpositionen einzunehmen:

»Die globalisierte Welt wird immer komplexer. Damit können sich Linksliberale möglicherweise schneller anfreunden. Und zwar nicht aufgrund ihres Status oder Einkommens, sondern vor allem wegen eines offeneren Weltbilds.«

Die eigenen Privilegien glaubt man jedenfalls zu genießen, weil man mit Komplexität halt besser umgehen könne als die auf der anderen Seite und dies selbstverständlich, »wegen eines offeneren Weltbilds«. Damit lässt es sich anscheinend gut leben, selbst wenn man mit allen Bemühungen, die Validität der eigenen Position darzutun, exakt das Gegenteil erreicht.

Einig sind sich Foroutan und Merkel darin, für »kosmopolitische Werte« einzustehen. Vielleicht ist dies der passende Ort, um den ursprünglichen Kosmopolitismus gegen seine falschen Freunde ebenso wie gegen seine vermeintlichen Gegner zu verteidigen. Denn das, wofür der Begriff heute beansprucht beziehungsweise was unter ihm bekämpft wird, hat mit dem Kosmopolitismus der Aufklärer des 18. Jahrhunderts und insbesondere dem Immanuel Kants wenig zu tun. Kant sprach nicht von Werten, sondern von einer verbindlichen, völkerrechtlichen Ordnung.

Der Völkerbund, dessen Idee Kant in seiner Schrift Zum ewigen Frieden entwickelte, ist einer von als Staaten organisierten Völkern, die sich in ihrer Integrität gegenseitig unbedingt respektieren. Den Bürgern der jeweils anderen Staaten wird dabei zwar Hospitalität, das heißt ein Besuchs-, doch kein Gastrecht eingeräumt. Ein solches kann ein Staat unter von ihm gesetzten Bedingungen gewähren. Insbesondere kann jeder Staat Ausländer auch ausweisen, sofern dies ohne Gefahr für deren Leben möglich ist.

Als Weltbürger ist man nach Kant zunächst Bürger eines Staates, das heißt Mitglied eines Volkes und Bewohner eines konkreten Stücks Erde. Der Kosmopolitismus Kants eignet sich als Begründung weder für den Menschenrechtsimperialismus der westlichen Regime-Change-Enthusiasten noch für die No-Border-Parolen der Linksliberalen oder gar für das propagierte Ende des Nationalstaats. Der Idee eines Weltstaats konnte Kant wenig abgewinnen. Man sollte ihn wieder lesen.

Mit Respekt für fremde Länder und Völker hat das, was der Linksliberalismus für Kosmopolitismus hält, ohnehin wenig zu tun. Vielmehr bedeutet dies die Einebnung sich immer weiter ausbreitender Zonen durch die Latte Macchiato-Kultur der westlichen Mittelklasse. Nichts verabscheut diese so sehr wie alles, was nicht ihrem Bilde entspricht. Reste vergangener Zivilisationen taugen dann noch als Hintergrund fürs Selfie. Seine wichtigsten Helfer sind Starbucks, Airbnb, Ryanair, Uber & Co.

Die so oft und gerne bemühte Klimagerechtigkeit ist dabei nicht mehr als eine hohle Phrase, die man gerne gegen die in Feld führt, die unterhalb des eigenen, eingebildeten, Diskursniveaus, vor allem aber des eigenen, realen Flugniveaus am Boden bleiben. Seine Protagonisten sind weltläufig, sofern sie überall sich selbst, ihresgleichen und die Requisiten finden, deren sie bedürfen. Dagegen wäre weltweit die Besinnung auf die Erde mit ihren konkreten Orten zu setzen – und das, was an ihnen, wie die eigene Sprache, Heimat geben könnte.


Taz 2020: Linksliberale und Identitätspolitik. Ist die Linke am Rechtsruck schuld? Ein Streitgespräch zwischen Naika Foroutan und Wolfgang Merkel über Kosmopolitismus, Privilegien und Klimafragen. taz, 14. Januar 2020 https://taz.de/Linksliberale-und-Identitaetspolitik/!5652406/.
Reckwitz, Andreas 2019: Das Ende der Illusionen: Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne. Berlin: Suhrkamp.

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