Kommentar | 07.01.2020

Das kommende Jahrzehnt des Populismus

Eines lässt sich auch ohne große visionäre Kraft prognostizieren: Das neue Jahrzehnt wird so turbulent weitergehen, wie das alte geendet ist. Konflikte und Spaltungen werden zunehmen und sich potenzieren. Materiell und kulturell. Dem Aufstieg des Populismus wird sein Fortgang folgen.

Von den „zornigen Zwanzigern“ spricht Sascha Lobo im Spiegel und prognostiziert verschärfte Generationenkonflikte. Zentral: Konflikte zwischen Konservativen, für die Regeln und Gewohnheiten der Vergangenheit unverändert gelten und Progressiven, „die die Insignien von Erfolg und bürgerlichem Glück aus dem 20. Jahrhundert nicht nur ignorieren, sondern ablehnen oder sogar bekämpfen.“ Für Lobo kulminiert das Ganze, reichlich überdimensioniert, in „Holozän versus Anthropozän“.

Es ist die medial-großbürgerliche Geschichte von konservativen – sprich alten, männlichen und SUV-fahrenden – Klimasündern und progressiven – sprich jungen, weiblichen und freitags demonstrierenden – Klimaschützerinnen. Dahinter freilich gären – gänzlich unbeachtet – die Sorgen des realen Alltagsdaseins. Sorgen jener Menschen, die überlegen müssen, wie sie mit ihrem Einkommen alle Ausgaben für einen Monat decken können. Oder jenen, die ihre Flexibilität tagtäglich durch das Zurücklegen weiter Strecken zu ihrem Arbeitsplatz mit ihrem Diesel-Kleinwagen unter Beweis stellen müssen. Jener Menschen, die den Zusammenbruch ihrer holozänen Welt nicht nur abstrakt, sondern ganz real erleben. Weil die „materiell fixierte Haltung“ von der Lobo spricht, Notwendigkeit und kein Luxus ist.

Die „Überbetonung des Dinglichen“ ist für sie vielmehr die Dringlichkeit des Dinglichen. Das Anthropozän, das Lobo heraufbeschwört, also die Welt, in der angeblich „das Nichtdingliche, das Virtuelle, das Digitale offensiv und rücksichtslos voranschreiten“, ist für sie eine andere, schwer nachvollziehbare, und sogar bedrohliche Sphäre. Vielmehr gilt für sie die „Überbotschaft des Bürgertums im ausgehenden 20. Jahrhundert“ – „Du bist dein Job“ – genauso im 21. Jahrhundert. Ganz einfach, weil sie ohne Job nichts sind.

Das Ende der Arbeitsgesellschaft ist die große Illusion derjenigen, die es sich leisten können, den Insignien von Erfolg und bürgerlichem Glück abzuschwören. Weil sie vermögende Eltern haben, oder eine teure Eigentumswohnung im gentrifizierten Stadtzentrum besitzen, von der aus sie schnell mit dem Fahrrad ihr crowdfinanziertes Öko-Startup erreichen. Wer dort noch arbeitet, natürlich, der tut dies selbstbestimmt in flachen Hierarchien, Halbtags und mit flexiblen Arbeitszeiten. Mit anderen Worten: Erst der Wohlstand macht die (gefühlte) Wohlstandsentsagung möglich.

Schon das deutet an, dass Progressivismus und Konservatismus mehr sind als ihre bloße Reduzierung auf die Frage, ob der Mensch nun zum geologischen Faktor geworden ist oder nicht. Sie ersetzt nicht das Politische. Der fatale Irrtum ist, dass die Klimafrage die sozioökonomische Frage hätte obsolet werden lassen. Vielmehr gelten auch für das Anthropozän die politischen Implikationen einer Welt, die der westliche (Neo)Liberalismus in den letzten vier Jahrzehnten das Dach weggerissen hat. Nur weil die „Klimakrise“ medial alles zu überdecken scheint, heißt das nicht, dass die Krisen einer unbehausten Welt verschwunden wären – allen voran die Teilkrisen um Arbeit, Sicherheit und Stetigkeit.

Das zeigt, dass sich diese Teilkrisen nicht unabhängig voneinander lösen lassen. Progressivismus beruht auf Voraussetzungen. Er muss eine Antwort auf diese Krisen finden, um auf fruchtbaren Boden zu fallen. Die Einforderung von Offenheit und Veränderung darf nicht zum Selbstzweck werden, der nur den Starken dient, die sich auf der moralisch richtigen Seite wähnen.

Alles erfordert Maß, Mäßigung und Abwägung. Zwischen den Errungenschaften und Gewissheiten des Alten und den Chancen des Neuen. Zwischen dem Bewahrenden, das Halt und Stetigkeit gibt und dem nützlichen Fortkommen, das Antworten auf neue Herausforderungen bietet.

Konservatismus und Progressivismus liegen also jenseits der ideologischen Einteilung in das nur bedingt Orientierung bietende politische Koordinatensystem aus „Links“ und „Rechts.“ Und sie sind auch keine unversöhnlichen Gegenpole. Vielmehr ist der Konservatismus die Grundlage des Strebens nach Veränderung und Verbesserung: Seine Beschäftigung mit der Vergangenheit und ihre verschlungenen Verbindungen mit der Gegenwart – erst recht in unserer gegenwartsfixierten Welt -, seine Rücksichtnahme für Traditionen, Verhaltensweisen und Wissensformen, die sich bewährt haben, sind für Gegenwart und Zukunft von unverzichtbarem Nutzen. Sie zu ignorieren, zu verteufeln oder hinwegzufegen versuchen, wie es die Revolutionäre des Anthropozäns gerne tun, um die freie, grenzenlose Welt zu verwirklichen, führt nicht zur Befreiung und Erlösung des Menschengeschlechts, sondern in neues Unheil.

Längst sind die Lehren aus der ersten großen Krise des Hyperliberalismus seit den 1920er Jahren vergessen. Die Rückkehr der Teilkrisen Arbeit, Sicherheit und Stetigkeit resultieren maßgeblich aus der Entbettung des Kapitalismus. Aus mehreren Gründen, die zu einer bis heute andauernden Allianz aus Progressivismus und Neoliberalismus führte, wurde die wirtschaftspolitische Ordnung der Nachkriegszeit seit Mitte der 70er Jahren auf den Angeln gehoben.

Übersehen wird gerne, dass der Postmaterialismus mit seinen Umwelt- und neuen sozialen Bewegungen, seiner Überbetonung von Befreiung und Selbstverwirklichung überhaupt nur in den westlichen Wohlfahrtstaaten eine Grundlage haben konnte. Diese Grundlage in Form des Wohlfahrtsstaates und als dessen Voraussetzung der eingebettete Industriekapitalismus mit seinen Grenzen, Kapitalverkehrskontrollen, regulierten Finanzmärkten, regulären Beschäftigungsverhältnissen samt Kündigungsschutz sowie starken Flächentariflöhnen, ist heute weggebrochen.

Damit ist das „Überdingliche“ zum Fetisch jener verkommen, die auf den Schutz des Wohlfahrtstaates meinen verzichten zu können. Allen Botschaften der Gutbetuchten, der „Progressiven“, der Gewinner der umwälzenden Veränderungen zum Trotz: Hierum wird sich die Konfliktachse drehen, die bereits im vergangenen Jahrzehnt zutage getreten ist – allen voran durch die Gelbwesten. Sie dürften nur ein Vorbote für das gewesen sein, was uns im neuen Jahrzehnt erwartet: Das Dingliche, das Materielle kehrt mit aller Macht auf die politische Bühne zurück. Mit ihnen immaterielle Forderungen, ohne die Befreiung und Selbstverwirklichung nicht denkbar wären: Sicherheit und Stetigkeit.

Der raue Wind der Globalisierung wurde zum Schicksal erklärt, als die Schranken für das Kapital geöffnet wurden. Standortverlagerungen, das Wegbrechen ganzer Industrien, die freie Bewegung von Kapital, Gütern und Menschen wurden zum Wohlstandsversprechen. Die Aufgabe des Wohlfahrtsstaates, der Verlust von Sicherheit und Heimat wurden als verkraftbare, ja notwendige Kollateralschäden gesehen. Ohne „dingliche“ Gegenleistung wurden Flexibilität, Anpassungsfähigkeit und Eigenverantwortung gefordert. Traditionen, Gewohnheiten, Sicherheiten wurden mit Reformstau, Verkrustung und Verweigerung gleichgesetzt. Bewährtes wurde aus ideologischen Gründen aufgegeben.

Überhaupt „Reform“. Das Wort sollte Anfang des neuen Jahrtausends im Zuge der Agenda-Politik seinen einst progressiven Sinngehalt verlieren. Ob Strukturreform, Rentenreform oder Gesundheitsreform – stets verhieß es für die Betroffenen nichts Gutes. Immer war damit ein Rückbau von staatlichen Leistungen gemeint. Reform bedeutet heute Liberalisierung, heißt Privatisierung, heißt – im Klartext – Enteignung der Allgemeinheit.

Die Verlierer der neuen Ordnung sind zahlreich. Sie waren den Schmähungen der Gewinner ausgesetzt – deren Vokabular vielfältig: ob Besitzstandswahrer, Sozialschmarotzer oder Modernisierungsverweigerer. Es ist diese Saat, die nun sprießt und dem Hyperliberalismus um die Ohren fliegt.

Doch längst nicht nur die Verlierer und die, die sich so fühlen, spüren langsam die Kälte dieser neuen Welt, in der die Ellbogen spitzer werden, der Ton rauer und Freundschaften unverbindlicher. Immer mehr sehnen sich in einer Gesellschaft, die immer schnelllebiger wird, in der sich alles rapide zu verändern scheint, nach Geborgenheit und Verlässlichkeit. Dieses Grundbedürfnis ist ein immaterielles, das in der Tat nicht nur durch materielle Wohlstandsgewinne wettgemacht werden kann. Es ist die Gegenerzählung zum Ungebunden sein.

Hier hat der Konservatismus seine natürlichen Anknüpfungspunkte. Verschwindet er aus dem parteipolitischen Angebot, ist gleichsam der Weg frei für den Rechtspopulismus. Auch das Anthropozän und der Kampf gegen den Klimawandel müssen darauf eine Antwort finden. Dafür braucht es einen transparenten Plan. Das ist möglich. Denn eigentlich stehen Sicherheit, Ordnung und Umweltschutz im Rahmen eines grünen Wohlfahrtsstaates, der öffentliche Daseinsfürsorge mit einer geförderten Industrie für neue emissionsarme Technologien kombiniert, in keinem Widerspruch.

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