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Aufgelesen | 07.01.2020

Der faustische Pakt mit den fossilen Rohstoffen

Trotz ihrer aktuell schlechten Presse, waren fossile Rohstoffe ein Glücksfall. Ihr Wegfall allerdings stellt die Menschheit vor nie gekannte Herausforderungen.

Die Gier der Menschheit nach fossilen Rohstoffen ist unerschöpflich. Warum sonst gäbe sie jährlich zwischen 300 und 700 Milliarden US-Dollar dafür aus, neue Öl- und Gasvorkommen zu entdecken und ihre Ausbeutung zu verbessern? Warum sind steigende Steuern für Kraftstoff und Heizöl ein sicherer Aufreger? Warum wurden in der modernen Geschichte vielfach Kriege um Kohleminen und später Erdölvorkommen geführt? Hätte Deutschland Russland überfallen, wenn es die kaukasischen Ölfelder nicht gäbe? Hätte Japan Pearl Harbor angegriffen, wenn es nicht darum gegangen wäre, die US-Marine für einen freien Zugang zu den indonesischen Ölfeldern aus dem Weg zu räumen?

Tatsächlich ist unsere Gier nach fossilen Rohstoffen so groß, dass man von einer Sucht sprechen muss – für die es freilich gute Gründe gibt: Fossile Rohstoffe sorgen für die Erfüllung unserer Träume. Sie geben uns die Freiheit schneller Fortbewegung zu Land, zu Wasser und in der Luft. Sie sorgen für Heizung im Winter und gekühlte Luft im Sommer. Ihnen verdanken wir Strom (70 % der Weltstromerzeugung stammen aus Kohle, Erdöl und Gas), der uns wiederum unseren häuslichen Luxus und die Fabriken ermöglicht, in denen hergestellt wird, was wir in den Geschäften kaufen.

Fossile Brennstoffe haben auch unsere Nahrungsmittelproduktion mittels energieintensiver Herstellung von Kunstdünger (Haber-Bosch-Verfahren) und kraftstoffbetriebenen Agrar-Maschinen enorm erhöht. Ist Ihnen bewusst, dass, wenn Sie ein Kilogramm Rindfleisch essen ungefähr genauso viel fossile Rohstoffe verspeisen, wie zur Produktion der notwendigen Futtermittel verwendet wurden?

Fossile Brennstoffe haben uns die organische Chemie, Plastik, Stahl und Zement und alle damit im 20. Jahrhundert erbauten Gebäude beschert, aber auch Kleidung (alle Synthetik-Stoffe werden aus Erdöl- und Gasderivativen hergestellt), Schuhe, Fensterrahmen und Spielzeug, Kaffeemaschinen und Teppiche, Betten und Kühlschränke, TV-Bildschirme und Stühle, Skier und Shampoo, Gabeln und Flugzeuge, Kaffeetassen und Spülmaschinen und natürlich auch Smartphones und die moderne Kommunikationstechnik.

Sie haben Wasserversorgungssysteme und die Kanalisation ermöglicht, die zusammen mit der Nahrungsmittelsicherheit – weit mehr als der medizinische Fortschritt – zu einer Verdreifachung unserer Lebenserwartung zwischen 1800 und 2000 geführt haben.

Fossile Rohstoffe stehen an der Wiege zur modernen Welt. Ohne sie gibt es keine Computer und also keinen Geldverkehr, kein Transportwesen und also keine Nahrungsmittel oder andere Dinge in der Großstadt und auch nicht die Produktivität unserer Arbeit, also unsere Ausstattung mit Maschinen, durch die sich unsere mechanischen Kräfte verhundert-, wenn nicht vertausendfacht haben.

Durch die enorme Steigerung unserer Produktivität ermöglichten die fossilen Brennstoffe lange Studienzeiten, Urlaubs- und Rentenansprüche, das Wachstum der Städte, in denen  80 % der Bevölkerung wohnen (weil menschliche Arbeit auf den Feldern durch Traktoren, Dünger und Pestizide ersetzt wurde), die Globalisierung – Containerschiffe, LKW und Flugzeuge – und die globalen Finanzmärkte (Computer und Elektrizität).

Das tollste aber ist: All das stellt die Natur kostenlos zur Verfügung. Sie glauben das nicht? Und doch ist es so. Genauso wenig wie schon einmal jemand etwas dafür gezahlt hat, dass der Wind weht, haben wir jemals etwas für die Existenz der fossilen Brennstoffe bezahlt. Ganz ohne menschliche Hilfe hat Mutter Natur im Verlauf von Jahrmillionen aus Überresten einstigen Lebens wertvolle Rohstoffe erzeugt. Die Menschheit kam erst viel später.

Der Preis, den wir heute für Erdöl bezahlen, ist nur das, was Menschen anderen Menschen dafür bezahlen, dass sie das Öl aus der Erde holen, dass ihnen das Stück Land über dem Ölfeld gehört oder dass sie das Erdöl transportieren oder damit handeln. Die Natur als eigentlicher Erzeuger hat dagegen noch nie einen Cent gesehen.

Und genau diese Tatsache, dass es so viel leichter ist, Energie aus Kohle, Erdöl oder Erdgas zu gewinnen, zu lagern, zu transportieren und genau dann zu benutzen, wenn wir sie tatsächlich brauchen, als wenn wir Energie aus Holz, Wind oder Wasserkraft  gewinnen ist dafür verantwortlich, dass sich die Menschheit von einer 100%-igen Versorgung mit erneuerbaren Energien zu Gunsten der heutigen Situation verabschiedet hat. Durch fossile Brennstoffe wurde die Energieversorgung, was physikalische Effizienz und ökonomische Kosten anbelangt, grundlegend erleichtert.

Unsere Sucht nach fossilen Rohstoffen ist also kein Zeichen von Unvernunft  – ganz im Gegenteil. Die Nutzung fossiler Rohstoffe bedeutet, dass uns Energie immer dann zur Verfügung steht, wenn wir sie brauchen und nicht nur, wenn der Wind weht oder die Sonne scheint, wenn Bäume wachsen oder Wasserläufe mit genügend Gefälle (früher für Wassermühlen heute für Hydroelektrizität) vorhanden sind. Fossile Rohstoffe müssen nicht am Förderort verbraucht werden. Holz kann gelagert aber schwer transportiert werden und fließendes Wasser oder Wind hat noch niemand gespeichert.

Wenn die fossilen Brennstoffe so eine tolle Sache sind, warum sich dann Gedanken machen? Weil die andere Seite der Medaille natürlich darin besteht, dass der Vorrat fossiler Rohstoffe endlich ist und sie wesentlich für den Klimawandel verantwortlich sind. Das Konzept der Endlichkeit einer nicht erneuerbaren Ressource folgt dabei dem einfachen Grundsatz, dass man den Kuchen nicht gleichzeitig essen und behalten kann. In dem Maße, in dem man eine Ressource verbraucht, deren Herstellung Jahrmillionen braucht, steht endgültig weniger von ihr zur Verfügung.

Es ist ein einfache mathematische Tatsache, dass Entnahmen aus einem endlichen Vorrat  bei der Menge Null beginnen (wie das in ferner Vergangenheit der Fall war), um am Ende wieder bei der Menge Null zu enden, um dazwischen einen absoluten Entnahmehöhepunkt (engl.: „peak“) zu erreichen. Das betrifft übrigens nicht nur Öl und Gas, sondern alle Metallerze, Phosphate oder z.B. auch Pottasche (Kaliumkarbonat).  Die einzige Frage, die sich stellt, ist (abgesehen davon, dass man den Höhepunkt  aus Umweltgründen auch politisch festlegen kann) die nach dem Zeitpunkt, dem dann erreichten Niveau und den damit verbundenen Konsequenzen.  Die Erdölförderung in der Nordsee hat ihren Höhepunkt schon 2000 überschritten, für die konventionelle Erdölförderung (außer Teersand und Schieferöl) war dies 2006 der Fall – wir sprechen also nicht von science fiction.

Wenn fossile Rohstoffe verbrennen, entsteht wegen des darin hauptsächlich enthaltenen Kohlenstoffs Kohlendioxid – Verbrennung ist eine spezielle Form der Oxidation. Weil Oxide stabile Moleküle sind, die sich nur langsam abbauen, reichert sich Kohledioxid in der Luft an und fängt dadurch von der Erdoberfläche reflektiertes infrarotes Licht ab, was zur Erderwärmung führt. Dieser Vorgang wurde schon vor 200 Jahren durch Joseph Fourier beschrieben und ist solide Wissenschaft.

Solide Wissenschaft ist auch, dass sich die Erde im Zeitraum seit der letzten Eiszeit nur um 5 Grad Celsius erwärmt hat. Eine Temperaturerhöhung um mehrere Grad Celsius innerhalb nur eines Jahrhunderts wird daher sicher zu Kriegen führen, weil unsere sesshafte Spezies nicht in der Lage sein wird, sich kurzfristig an eine derart radikale Veränderung der klimatischen Bedingungen, wie sie seit Jahrtausenden herrschen und alle bekannten Zivilisationen geprägt haben, anzupassen.

Die moderne Welt beruht also auf einem faustischem Pakt. Erdöl & Co. ermöglichen zwar ein Leben wie im Paradies, sobald wir uns aber erst einmal an sie gewöhnt haben, verschwinden sie und wir zahlen obendrein einen enormen umweltpolitischen Preis für ihren Genuss.

Wenn ich hier die ganze Zeit von Öl, Gas und Kohle und fossilen Rohstoffen spreche, scheint die Unterscheidung einfach. Aber wussten Sie, dass Teile dessen, was als Erdöl erfasst wird, aus Gasfeldern stammt und umgekehrt? Oder dass überhaupt niemand genau weiß, wieviel Erdöl gefördert werden kann, weil es keine zentralisierte Information zum Thema gibt?

Dass Erdöl in Barrel, also einer Volumeneinheit und nicht in KWH oder Joule gemessen wird, sodass niemand überhaupt sagen kann, welchen Energiegehalt die geförderten Mengen tatsächlich haben? Dass die bestätigten Erdölreserven im Mittleren Osten 1980 380 Milliarden Barrel und 2016 810 Milliarden Barrel mit einer zwischenzeitlichen „Produktion“ von 280 Milliarden betrugen, ohne dass zwischenzeitlich größere neue Vorkommen entdeckt wurden?

Sie verehrter Leser sollten nicht eine Sekunde daran glauben, dass Sie sich den mühevollen Weg eigenen Lernens ersparen könnten, weil die Mächtigen dieser Welt sich in Energiefragen auskennen und sie für uns alle lösen werden. Ich persönlich habe diese Fragen seit 2003 mit 5 oder 6 französischen Regierungen und Dutzenden von Parlamentariern diskutiert  – glauben Sie mir: Wenn es um Fragen der Technik geht – und bei Energie geht es hauptsächlich um Technik – wissen die politisch Verantwortlichen genauso viel oder so wenig wie der Durchschnittsbürger.

Der Text ist eine leicht gekürzte Version des Vorworts zum Buch von Bernard Durand: „Petroleum, natural gas and coal“ .

Der Text wurde von Erik Jochem vom Englischen ins Deutsche übersetzt.

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