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Konjunktur | 28.01.2020

Die deutsche und europäische Konjunktur im Spätherbst 2019 – 3

Eine Rückkehr zur geldpolitischen Normalität ist bis auf weiteres illusorisch. Immerhin scheinen Einzelhandel und Baugewerbe für einige Hoffnungsschimmer in der EWU zu sorgen.

Die Bauproduktion in der EWU zeigte sich im November von der schlechten gesamtkonjunktuellen Entwicklung unbeeindruckt (Abbildung 1). Vor allem in Deutschland zog die Produktion stark an (2,6%) und befindet sich auf einem historischen Zwischenhoch. Auch in Frankreich stieg die Produktion ähnlich an (2,5%), dort allerdings auf niedrigen und seit 2016 fast unverändertem Niveau. Insgesamt tritt Frankreichs Bauindustrie seit dem Ende der Finanzkrise auf der Stelle und hat seitdem das Produktionsniveau von 2009 nicht mehr erreicht. In der EWU insgesamt stieg die Produktion um leichte 0,7 %.

Abbildung 1

Völlig unverändert ist erwartungsgemäß die Entwicklung der Bauindustrie in Südeuropa. Dort tut sich nun schon seit 6 Jahren nichts Nennenswertes, die Produktion schrammt seit 2014 am Produktionsindex von 2015 (Abbildung 2). Mehr Flaute geht nicht – Portugal im November -1,4 %, Spanien -0,6%. In Italien (-4,1 %) herrscht sogar starker Gegenwind.

Abbildung 2

In Ost- und Mitteleuropa herrscht mehr Bewegung (Abbildung 3). Die rasante Entwicklung der ungarischen Bauproduktion seit Ende 2016 ist zunehmenden Schwankungen ausgesetzt. Nach einem Anstieg im Oktober (3,1 %) bricht dort die Produktion im November um -4,5 % ein. Dennoch hat Ungarn im Vergleich zum Vorjahr ein Zuwachs von 6,8 % zu verzeichnen. Polen konnte die negative Entwicklung der letzten Monate vorerst mit einem starken Zuwachs von 3,1 % stoppen. In Bulgarien und Tschechien setzt sich die Stagnation fort.

Abbildung 3

In den kleineren nördlichen Ländern sind die Verhältnisse sehr unterschiedlich: In den Niederlanden bestätigt sich im November, was sich schon in den Vormonaten angedeutet hatte: das Ende des Baubooms (-0,1 %).

In Österreich gab es nach dem Rückgang im Oktober nun wieder einen Zuwachs. Schweden erholt sich auch im November von einer Konjunkturdelle. Belgien bleibt trotz leichter Zuwächse (1,2 %) unverändert auf der Talsohle (Abbildung 4).

Abbildung 4

Einzelhandel – Noch geht es aufwärts

Nach einem Rückgang im Oktober ist der Einzelhandelsumsatz in der EWU im November wieder gestiegen (Abbildung 5). Es geht vorerst weiter aufwärts (1,0 %), damit ist die gesamtwirtschaftliche Rezession im Einzelhandel noch nicht voll durchgeschlagen. Frankreich, das weiter das Tempo vorgibt, konnte das Absatzvolumen im November um 1,1 % steigern – trotz andauernder Streiks- und Massenproteste im Land. Deutschlands Umsätze stiegen um 2,1 %. Italien hingegen kriegt auch im Einzelhandel seit 10 Jahren keinen Fuß auf den Boden (-0,5 %).

Abbildung 5

Eine leichte Aufwärtstendenz ist nach wie vor auch bei den südlichen EWU-Mitgliedern zu beobachten (Abbildung 6). In Spanien legte der Einzelhandelsumsatz im Vergleich zum Vormonat um 0,7 % zu. Auch Portugal nach einem Einbruch im September zum zweiten Mal in Folge Zuwächse verbuchen (0,9%).

Abbildung 6

Arbeitslosigkeit: Niedrigste Quote seit Juli 2008

In der EWU sind anhand der Entwicklung der Arbeitslosigkeit die Spuren der Rezession auch weiterhin nicht zu erkennen (Abbildungen 7 und 8). So lag die saisonbereinigte Arbeitslosenquote im November 2019 bei 7,5 % und blieb damit unverändert im Vergleich zum Oktober 2019. Das ist zwar die niedrigste Quote, die seit Juli 2008 im Euroraum verzeichnet wurde, doch sie ist relativ. Weiterhin verharrt die Arbeitslosenquote in den letzten Monaten in einzelnen Ländern auf hohem Niveau: In Frankreich bei 8,4%, in Italien, mit einer noch schlechteren Lage konfrontiert, bei 9,7 %. In Deutschland scheint die Arbeitslosenquote mit nach wie vor 3,1 % in Stein gemeißelt zu sein. Unterbeschäftigung und Taschenspielertricks nicht mitberechnet.

Abbildung 7

In Spanien ist der über Jahre andauernde Rückgang der Massenarbeitslosigkeit seit der Finanz- und Wirtschaftskrise in eine Stagnationsphase auf hohem Niveau übergegangen (14,1 %). In Portugal liegt sie – unverändert zum Vorjahresmonat – bei 6,7 %. Griechenland sank die Arbeitslosigkeit auch im Oktober, hier ist eine Stagnationstendenz bisher noch nicht erkennbar.

Abbildung 8

Erstmals wieder ein Anstieg der Preise

Die deflationäre Entwicklung in der EWU konnte im November zumindest kurzzeitig gestoppt werden (Abbildungen 9). Im Euroraum stiegen die Erzeugerpreise in der Industrie und für Verbrauchsgüter im November 2019 gegenüber Oktober 2019 jeweils um 0,2%. Dennoch bewegen sich die Preise weiter jenseits des Inflationsziels der EZB.

Abbildung 9

In Deutschland stiegen die Erzeugerpreise für gewerblicher Produkte im Dezember 2019 mit 0,1 % nur leicht zum Vormonat (Abbildung 10). Deutlicher war der Preisanstieg in Frankreich, Spanien und Italien.

Abbildung 10

In einzelnen Ländern ist aber auch bei den Verbraucherpreisen die Nulllinie ganz nah (Abbildung 11). Allerdings war in sämtlichen Ländern, die sich bisher auf dem besten Wege in die Deflation befanden, ein Preisanstieg zu verzeichnen, allen voran in Griechenland. Deutlich auch in Deutschland, wo die Verbraucherpreise um ganze 1,5 % im Vergleich zum Vorjahresmonat anzogen.

Abbildung 11

Wirtschaftspolitik

Das kurze Auf an der Preisfront dürfte die Zentralbanker durchatmen lassen. Doch das ändert nichts daran, dass der EZB die Hände gebunden sind. Eine Rückkehr zur geldpolitischen Normalität ist bis auf weiteres illusorisch. Immerhin scheinen Einzelhandel und Baugewerbe für einige Hoffnungsschimmer in der EWU zu sorgen.

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