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Aufgelesen | 28.01.2020

Ein Tableau der sozioökonomischen Polarisierung

Niedriglöhne, soziale Entsicherung und wachsende Armut auf der einen, Spitzeneinkommen, Vermögenskonzentration und Steuergeschenke auf der anderen Seite. Deutschland, ökonomisch und sozial tief gespalten, ist eine zerrissene Republik. Warum das so gekommen ist, davon handelt das aktuelle Buch von Christoph Butterwegge.

Wenn ein Werk über die wirtschaftliche, soziale und politische Ungleichheit in Deutschland unter dem Aufmerksamkeit heischenden Titel „Die zerrissene Republik“ erscheint, so könnte man vermuten, es handele sich hier um eine populärwissenschaftlich aufbereitete, zugespitzte Beschreibung aktueller deutscher Zustände bzw. Missstände. Wenn der Autor allerdings Christoph Butterwegge heißt, so dürfte den meisten klar sein, dass man es als LeserIn mit einer fundierten und tiefschürfenden Auseinandersetzung zu tun bekommt.

In der Tat hat sich Butterwegge auf gut 400 Seiten gründlich mit der sozioökonomischen Ungleichheit auseinandergesetzt, die er für das Kardinalproblem der deutschen Gesellschaft hält, und er lässt von Anfang an keinen Zweifel daran, dass diese Ungleichheit 1. ganz überwiegend illegitim ist, 2. ökonomisch determiniert ist und 3. konstitutiv für die Gesellschaft ist, in der wir leben. Warum das so ist und wie es sich mit der Ungleichheit, die sich vor allem im Gegensatz zwischen arm und reich manifestiert, heute und im historischen Verlauf verhält, das wird aus unterschiedlichen Blickwinkeln ausführlich dargelegt.

„Klasse“ als Schlüsselkategorie

Die Auseinandersetzung mit dem Thema lässt sich grob in drei Teile gliedern. Im ersten Teil gibt Butterwegge einen historisch gestaffelten Überblick über die wichtigsten Stammväter von Theorien sozioökonomischer Ungleichheit sowie über Theoretiker der westdeutschen Nachkriegssoziologe und die mit ihnen verbundenen zentralen Erklärungen, Debatten und Befunde zur Entwicklung der Sozialstruktur nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die Gegenwart hinein.

Die Liste der Wissenschaftler mit denen Butterwege sich hier exegetisch auseinandersetzt, ist beachtlich lang, sie reicht von Marx und Max Weber über moderne Klassiker wie Schelsky, Dahrendorf und Habermas bis hin zu aktuelleren Analysen von Oliver Nachtwey und Andreas Reckwitz. Bei der Fülle an referierten Denkern und deren Befunden gerät manche Auseinandersetzung mit ihnen zwar etwas arg kursorisch, immer aber folgt die Darstellung, die Interpretation und die Kritik einer klaren Analyseperspektive, die man als Leitmotiv des gesamten Buches bezeichnen und folgendermaßen umreißen kann.

Für Butterwegge bildet der auf die Arbeiten von Marx und Engels zurückgehende Klassenbegriff weiterhin und ungeachtet aller historischen Veränderungen die „Schlüsselkategorie der Sozialstrukturanalyse“ kapitalistisch verfasster Gegenwartsgesellschaften. Die sozioökonomische Lage eines Menschen in der Gesellschaft wird demnach auch heute noch in erster Linie durch seine Stellung im ökonomischen Produktions- und Reproduktionsprozess festgelegt. Das schließt nicht aus, dass weitere Bestimmungsfaktoren – nicht zuletzt politische Entscheidungen – hinzukommen. Doch bleibt der Klassengegensatz zwischen Arbeit und Kapital für Butterwegge basal. Schließlich produziert er aus sich heraus permanent gesellschaftliche Disparitäten und bildet so die Kernstruktur aller auch aktuellen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Ungleichheiten. Jede ordentliche Sozialstrukturanalyse muss demnach mit einer Klassenanalyse anheben.

Wie treffsicher und überzeugend eine Gesellschaftstheorie, eine Sozialstrukturanalyse ist, das bewertet Butterwegge von diesem theoretischen Standpunkt aus. Dabei wird er nicht immer allen gesellschaftskritischen Theoretikern gerecht, vermag es auf der anderen Seite aber sehr überzeugend, den ideologischen und affirmativen Charakter von Schichtungstheorien herauszustellen. Dies gilt insbesondere für Mittelschichtstheorien, lässt aber auch die kulturalistischen und Milieutheorien der spät- und postmodernen Mainstreamsoziologie in einem zweifelhaften Licht erscheinen.

Wie man Klassen unsichtbar macht

Ein zweiter Abschnitt des Buches widmet sich zunächst den Änderungen der Sozialstruktur und der Art und Weise, wie in öffentlichen Diskursen die Ausprägungen sozialer und ökonomischer Ungleichheiten im Zeitverlauf thematisiert wurden, um anschließend mit den Themen Einkommen, Vermögen, Bildung und Gesundheit exemplarisch zu zeigen, wie sich sozioökonomische Disparitäten in der Gesellschaft manifestieren.

In den Kapiteln zur öffentlichen Wahrnehmung und Diskussion sozialer Ungleichheit spannt Butterwegge den Bogen von der unmittelbaren Nachkriegszeit bis zu gerade erst vergangenen Einwürfen und Debatten etwa um die Sozialisierungsforderungen des Juso-Bundesvorsitzenden Kevin Kühnert oder das CDU- bzw. regierungskritische Video des YouTube-Videobloggers Rezo. Indem die Darstellung sich an das Phasenmodell der Wahrnehmung sozialer Disparitäten von Hans-Ulrich Wehler anlehnt, wird deutlich, wie sich mediale und politische Diskurse im Zeitverlauf so geändert haben, dass, so Butterwegge, der fortbestehende Klassencharakter der Gesellschaft aus dem Blick geriet.

Mit eigenen Erklärungen und Analysen hält Butterwege sich mal mehr (Wahrnehmungsdiskurse), mal weniger (Erscheinungsformen) zurück. Stattdessen, wie auch zur Untermauerung eigener Positionen, lässt er eine Reihe von WissenschaftlerInnen und JournalistInnen zu Wort kommen. Damit das Ganze nicht beliebig wird, ordnet er deren Befunde und Ansichten nicht nur historisch, sondern auch in einen Argumentationszusammenhang ein, wobei er da nicht mit kritischen Kommentaren spart, wo die referierten Aussagen eher ideologische Ziele denn Erkenntnisgewinn verfolgen. Als Ordnungs- und Bewertungsmaßstab dient wieder oben genanntes Leitmotiv.

US-Amerikanisierung des Rheinischen Kapitalismus

Der dritte Abschnitt widmet sich schließlich den Ursachen und den Aspekten aktueller sozioökonomischer Ungleichheiten. Und hier nimmt das Buch noch einmal Fahrt auf. Am Beispiel der ausführlich geschilderten Arbeitsmarkt- und Steuerreformen sowie des Umbaus der Sozialversicherungssysteme wird sehr konkret nachvollziehbar, wie die neoliberale Aushöhlung wohlfahrtsstaatlicher Arrangements, wie der Sozialabbau in den letzten Jahrzehnten – man könnte sagen geradezu systematisch – vorangetrieben worden ist.

Zum Vorantreiben braucht es handelnde Akteure, und so ist es nicht überraschend, dass Butterwegge wenig von Sachzwangerklärungen hält, in denen die Globalisierung oder der technologische Wandel schicksalhaft aber unvermeidlich zugeschlagen haben. Auch ist die soziale Spaltung der Gesellschaft für ihn nicht einfach ein abzuleitendes Resultat aus ökonomischen Veränderungen. Grundsätzlich, und das wird der Autor nicht müde immer wieder einzustreuen, ist zwar die sozioökonomische Ungleichheit aufgrund der für den Kapitalismus essentiellen unterschiedlichen Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel konstitutiv. Die konkrete Ausprägung ökonomischer, politischer und sozialer Disparitäten ist aber letztlich Resultat politischer Entscheidungen, herbeigeführt durch ParteipolitikerInnen (und ihren Einflüsterern und Stichwortgebern), die bis heute einer fatalen Ideologie der Entfesselung ökonomischer Kräfte folgen, und damit die Verantwortung tragen für die Polarisierung der Gesellschaft in Arme und (Hyper-) Reiche.

Butterwegge nutzt zur Charakterisierung der politisch induzierten De- und Re-Regulierungsprozesse die Chiffre der „US-Amerikanisierung“. Das mutet ein wenig nach populistischer Phrase an, kann und sollte aber eher als substanzielle Metapher verstanden werden für den Umbau des deutschen Wohlfahrtsstaatsmodells nach angelsächsischem und us-amerikanischem Muster. Dieser Prozess kann in der Tradition des maßgeblich von Peter Hall und David Soskice entwickelten „Varieties of Capitalism“-Ansatzes idealtypisch gefasst werden als mutwillig eingeleitete und stetig vorangetriebene Transformation des so genannten „Rheinischen Kapitalismus“ als eines Typus‘ der koordinierten Marktwirtschaft mit regulierten Arbeitsmärkten zu einem Kapitalismustyp der angelsächsischen liberalen Marktwirtschaft mit weitgehend flexibilisierten Arbeitsmärkten.

Dieser aktuell voranschreitende und zumindest teilweise bereits erfolgreiche Wechsel vom sozialpolitisch eingehegten Kapitalismus zum neoliberalen, marktradikalen Kapitalismustyp zeichnet sich durch eine zunehmende Ökonomisierung zuvor staatlich und korporatistisch regulierter Politikfelder ebenso aus, wie er sich immer weiter in die Sozialstruktur, in die unterschiedlichen Lebensbereiche, ja selbst in die Raumstruktur einschreibt, um schließlich auch das soziale Klima zu vergiften, was sich etwa in der Abwertung und Verächtlichmachung von Arbeitslosen und anderen EmpfängerInnen von Hartz IV-Leistungen äußert.

Ein exzellentes Buch für eine breite Leserschaft

Auch wenn Butterwegge im letzten Drittel des Buches stringenter entlang von Ursache-Wirkung-Beziehungen argumentiert, liegt die Stärke des Buches weniger in seinen analytischen Qualitäten als in der mit großer Spielübersicht und souverän präsentierten Materialfülle, die von seinem grundlegenden kritisch-analytischen Standpunkt zusammengehalten und mal mehr argumentativ, mal mehr kritisch-interpretatorisch aufbereitet wird.

Mit der großen Zahl an aufgerufenen Themen haben sich einige Redundanzen in die Schilderungen eingeschlichen, deren Vermeidung aber nicht immer sinnvoll gewesen wäre, zu offensichtlich sind schließlich die Interdependenzen und Kongruenzen zwischen den Phänomenen und Entwicklungen. Sie hinter den Details hervortreten zu lassen ist sicherlich ein Verdienst des Buches. Weil Butterwegge dabei weitgehend darauf verzichtet, die den präsentierten Zusammenhängen zugrunde liegenden, notwendig vorhandenen inneren Bezüge theoretisch-analytisch noch stärker herauszuarbeiten, ergibt sich ein flüssig und eingängig geschriebener Text, der eine breite Leserschaft jenseits des akademischen Fachpublikums ansprechen kann.

Das präsentierte Bild einer innerlich zerrissenen Republik ist ein reichhaltiges Tableau zum Thema strukturelle Ungleichheiten in Deutschland, bei dem man sich angesichts der Fülle an durchgearbeiteten Themen, Autoren und Publikationen nur noch ein Personen- und Sachregister gewünscht hätte, denn das Buch ist eines, das man immer mal wieder zu Rate ziehen wird.

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