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Aufgelesen | 24.01.2020 (editiert am 27.01.2020)

Eine kurze Geschichte der neuen Weltmacht

Wer schützt die Welt vor den Finanzkonzernen? Das fragt Jens Berger im Titel seines neuen Buches und bleibt uns eine Antwort schuldig. Sein Buch aber zeigt eindrucksvoll, warum es dringend einer Antwort auf diese Frage bedarf.

Noch ist nicht ganz klar, wer im kommenden Jahr als Kanzlerkandidat der Union in die Bundestagswahl ziehen soll. Momentan sieht es jedenfalls so aus, als ob sich Annegret Kramp-Karrenbauer um Kopf und Kragen quatscht. Und das fast täglich ein bisschen mehr. Ein anderer lauert daher schon auf seine Chance: Friedrich Merz – Millionär zwar, aber trotzdem, wie er versichert ein typischer Vertreter der Mittelschicht. Zwei eigene Flugzeuge hin oder her, wer etwas genauer hinschaut, erkennt leicht, er ist einer von uns.

Merz ist daneben bis auf weiteres allerdings auch Cheflobbyist bei BlackRock und will das expressiv verbis auch bleiben.  BlackRock ist eine amerikanischeFondgesellschaft, die fast sieben Billionen US-Dollar an Vermögen verwaltet und dadurch eigentlich bei allen großen Konzernen der Welt Anteilseigner ist.

Jens Berger eröffnet sein neue Buch mit einem Vorwort, das er mit »Frühstück mit BlackRock und Co.« überschreibt. Ohne dass wir es wüssten, ist Blackrock schon beim Duschen, Zähneputzen und Frühstück mit dabei. Ob Axe von Unilever, Colgate von Colgate-Palmolive, Cornflakes von Kelloggs, Jeans von Levi Strauss, Shirts von Ralph Lauren oder eben ein Konto bei Facebook oder Twitter, überall mischt BlackRock mit. Solche Fondsgesellschaften, auch Vanguard oder State Street, sind so die heimlichen Herrscher der Welt: Und aus deren Reihen soll eventuell unser nächster Bundeskanzler kommen?

Erfinder der »Massenvernichtungswaffen«, aber keine Heuschrecke

Der mögliche Kanzlerkandidat erzählt derweil schon mal vom Wohlstand für alle Bürger, kauften sie nun endlich mehr Aktien – eines seiner Lieblingsthemen. Was seinen Dienstherrn durchaus sehr viel Wohlstand beschert, bietet Merz ganz ungeniert als ein politisches Programm an. Aber was für Heuschrecken gut ist, ist noch lange kein Konzept für ein intaktes Gemeinwesen.

Wobei Jens Berger eines gleich richtigstellt: Heuschrecken sind diese Fondsgesellschaften ganz sicher nicht. Ja, sogar ganz im Gegenteil: Heuschrecken sind eher Hedgefonds, die lädierte Unternehmen kaufen, zerlegen, ja zerschlagen sie und dabei satte Gewinne absahnen. Sie ziehen dabei tatsächlich wie Heuschrecken von Wiese zu Wiese. BlackRock und Co. tun das nicht.

Trotzdem wird auch in den Medien noch immer von diesen Fondsgesellschaften gerne als Heuschrecken gesprochen – wenn denn überhaupt von ihnen gesprochen wird. Wie Berger berichtet, kommen diese Gesellschaften als Thema in deutschen Medien so gut wie gar nicht vor. Erst mit Friedrich Merz kam BlackRock prominenter aufs Tapet.

Fondgesellschaften handeln nicht kurzfristig. Jedenfalls nicht so, wie es Heuschrecken zu tun pflegen. Sie wirken als Bank – auch wenn sie keine sind und auch keine sein wollen. Denn das würde bedeuten, sie müssten sich dann mit der Bankenaufsicht und ihren Regularien herumschlagen, die in den USA übrigens smarter als bei uns ist. Man fungiert lieber als Schattenbank, lässt die Finger von synthetischen Papieren, spekuliert nicht besonders aggressiv und meidet Geschäfte mit fremdfinanzierter Hebelung.

Das verwundert ein bisschen, denn der Gründer von BlackRock, Larry Fink heißt der Mann, gilt als der Erfinder sogenannter »finanzieller Massenvernichtungswaffen« – den Collateralized Debt Obligations (CDO). Damals war Fink noch bei der First Boston tätig. Die Massenvernichtungswaffen fielen dem Wunderkind der Branche später jedoch auf die Füße, da er Milliarden verlor. Er wollte daher fortan sichere Gewinne einstreichen. Große Gewinne natürlich. Aber ohne die toxischen Nebenwirkungen der Heuschrecken-Branche.

Die Mütter aller Blasen

Seine neue Lebensaufgabe war nun: Das Risiko messbar machen. Das sollte mit Aladdin erreicht werden. Der kam nicht aus der Flasche, dessen Geist kam und kommt noch immer aus einer Megawatt-Stromanbindung. Aladdin ist ein riesiges Rechenzentrum im US-Bundesstaat Washington; der Name ist ein Akronym für Asset, Liability, and Debt and Derivative Investment Network. Anfang der Neunziger, nachdem Fink BlackRock gründete, ging man daran, Risikoanalysen zu automatisieren. Was heute alle Finanzunternehmen machen, war damals noch hochgradig innovativ.

Bis heute verkauft sich BlackRock als Holdinggesellschaft. Das sei aber Unfug, erklärt Berger. Zum Zeitpunkt der Drucklegung seines Buches, so schreibt er, hatte BlackRock »1.978 aktiv gemanagte Investmentfonds und 679 Indexfonds aufgelegt […] die amerikanische Finanzaufsicht SEC listet mehr als 2.000 Finanzunternehmen, die unter dem Dach von BlackRock registriert sind.«

Man bietet also schlicht Finanzprodukte an – allerdings ohne als Bank qualifiziert zu werden. Die Lobbyzentrale des Unternehmens setzt alles daran, dass das so bleibt. Als Bank würde der Konzern für systemrelevant erklärt. Damit verbunden wäre der Aufbau eines Eigenkapitalpuffers. Das vermeidet man lieber. Wozu auch? Schließlich geht BlackRock einen vermeintlich sicheren Weg, spekuliert nicht wild, sondern hat das Risiko zu einer Messgröße gemacht. BlackRock kommt nicht in die Krise – es profitiert von Krisen.

Das zeigte sich in der Finanzkrise. Damals wurde BlackRock zum »Staat im Staate«, Regierungen gaben bei den Schattenbankern Risikoanalysen strauchelnder Banken in Auftrag und boten dem Unternehmen damit Einblicke in die Strukturen der Konkurrenz. Ob dabei die internen chinesischen Mauern immer standfest waren, darf selbstverständlich bezweifelt werden.

Die nächste Krise kommt jedoch bestimmt. Der Aktienmarkt stellt dabei die Mutter aller Blasen dar. Insbesondere Indexfonds und börsengehandelte Fonds (ETFs) haben darauf einen problematischen Einfluss. Der »Aktienkurs aller in diesen Indizes vertretenen Unternehmen [ist] durch die künstliche und nicht selektive Nachfrage […] überbewertet.« Mit einer tatsächlichen Wertsteigerung oder einer freien Nachfrage hat das nichts zu tun, erklärt der Autor überzeugend.

Es rettet uns kein höheres Wesen …

Natürlich erzählt Jens Berger über mehr als nur über BlackRock. Allerdings geraten die Abschnitte zu Vanguard und State Street etwas kürzer. Dafür komprimiert er nochmal das Geschäft der Finanzbranche, gibt einen Überblick über deren Toxizität und bietet seinen Lesern quasi eine kurze Geschichte einer neuen Weltmacht an. Das Thema ist nicht zu unterschätzen, denn zu BlackRock selbst findet man wenig Literatur, zu Vanguard und State Street eigentlich gar keine. Heimliche Herrscher. Sie aus der Heimlichkeit, ja dieser Heimeligkeit herauszuholen, das ist der Anspruch des neuen Buches von Jens Berger – und den erfüllt er mit Bravour.

»Wie schützen wir uns vor den Finanzkonzernen?« Der Autor gibt auf diese selbst eine sehr kurze Antwort in Form von sechs stichpunktartig  aufgelisteten politischen Forderungen. Schiebt aber direkt nach, dass diese Vorschläge nicht realistisch seien. Es rettet uns kein höheres Wesen – und schon gar nicht das niedere Wesen der Politik.

Insofern hat Berger die Frage, die der Titel seines Buches ist, nicht beantwortet. Oder halt eben doch: Wer schützt uns? – Niemand! Letztlich sind wir da angelangt, wo der Punk schon Anfang der Achtzigerjahre seinen Fokus hatte: Bei der Parole »No future!« Die Finanzbranche macht Politik – ob politische Maßnahmen notwendig sind, um uns vor ihnen zu schützen, das entscheiden ohnehin nicht gewählte Politiker, sondern die Konzernautokraten selbst.

Nun wissen wir also alle, wie diese Fondgesellschaften ticken, wirken und uns einschränken. Was wir dagegen machen können: Weiterhin Ratlosigkeit. Berger ist bekanntlich ein Realist, vielleicht musste daher sein letztes Ratgeberkapitel so kurz ausfallen. Ob sein Buch einen Bundeskanzler Merz verhindern wird, darf auch schwer bezweifelt werden. Mit der Aufklärung ist das nämlich so eine Sache. Sage aber nachher keiner, er hätte es nicht wissen können …

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