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Debatte Kapitalexporte | 21.01.2020 (editiert am 22.01.2020)

Können sich Kapitalexporte überhaupt rentieren?

Werner Vontobel wendet sich zu Recht gegen eine Wirtschaftspolitik, die auf Exportüberschüsse zielt. Seine Begründung aber, sie rechneten sich einfach nicht, beruht auf einer fehlerhaften Interpretation von Bilanzpositionen von Zentralbanken. Eine Replik.

MAKROSKOP bietet eine alternative Sicht auf wirtschaftspolitisch relevante Sachverhalte. Während z.B. im Mainstream des Wirtschaftsjournalismus Exportüberschüsse meist nicht problematisiert, sondern ganz überwiegend gerechtfertigt werden, argumentieren wir auf MAKROSKOP, dass sie auf ein ernsthaftes Problem internationaler Wirtschaftsbeziehungen verweisen.

Daraus darf man jedoch nicht schließen, dass alle Argumente gegen Exportüberschüsse von uns als korrekt erachtet werden, noch dass sich alle Autoren von MAKROSKOP bei der Beurteilung solcher Argumente einig wären.

Bestes Beispiel dafür ist der letzte Beitrag Werner Vontobels zu diesem Thema. Vontobel argumentiert darin, dass die im Zusammenhang mit Exportüberschüssen entstehenden „Kapitalexporte“, wie eine neuere Studie des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) belegte, sich für Deutschland und die Schweiz hinten und vorne nicht gerechnet hätten. Ergo:

„Diesem Schicksal könnten sie nur entgehen, wenn die ihre Guthaben endlich einfordern, in dem sie Importüberschüsse zulassen.“

Aussagen nach diesem Muster meinte ich schon in einer Vielzahl von Artikeln als „sinnlos“ erwiesen zu haben (z.B. hier). Werner Vontobel konnte ich damit offensichtlich nicht überzeugen. Und wenn ich ihn nicht überzeugen konnte, dann ist die Wahrscheinlichkeit doch recht groß, dass meine Erklärungen auch bei anderen Lesern nicht fruchteten. Deshalb will ich es mit diesem Stück noch einmal etwas anders versuchen.

Ewige Wahrheiten in Geldwirtschaften

„Sinnlos“ heißt in diesem Zusammenhang allerdings keineswegs, dass ich Vontobel und anderen, die so argumentieren, vorwerfen würde, wirres Zeug von sich geben. Solche Aussagen sind durchaus verstehbar, wenn man Schlüsselbegriffe wie etwa den des „Sparens“ und des „Verschuldens“ so wie sie verwendet. Diese Verwendungsweise aber, so meine Kritik, führt zu einer falschen Beschreibung und Erklärung von geldwirtschaftlichen Phänomenen, wie etwa dem des sogenannten „Kapitalexports“.

In einer Geldwirtschaft gibt es Zusammenhänge, deren Feststellung keiner empirischen Analyse bedarf. So z.B. gilt in einer Geldwirtschaft, dass wenn eine Gruppe von Wirtschaftssubjekten über einen bestimmten Zeitraum einen Einkommensüberschuss ausweist, der „Rest“ aller anderen Wirtschaftssubjekte notwendig einen exakt gleich großen Ausgabenüberschuss ausweisen muss.

Solche Gruppen von Wirtschaftssubjekten kann man anhand beliebig vieler unterschiedlicher Eigenschaften von Wirtschaftssubjekten bilden. So kann man z.B. Wirtschaftssubjekte nach ihrer Haarfarbe kategorisieren. Wobei sich hier natürlich die Frage stellt, wie man die Haarfarbe von Unternehmen bestimmen will. Vor allem wird man mir aber die Frage stellen, was dieses absurde Beispiel soll?

Zunächst einmal demonstriert es, dass selbst für die absurdesten Gruppen von Wirtschaftssubjekten saldenmechanische Zusammenhänge unverändert gelten. Haben wir erstmal beispielsweise die Gruppe rothaariger Wirtschaftssubjekte bestimmt und stellen wir empirisch fest, dass sie einen Einnahmen- bzw. Ausgabenüberschuss von x in einer Periode t erzielten, dann wissen wir auch, dass der Rest der Wirtschaftssubjekte in t exakt einen gleich großen Ausgaben- bzw. Einnahmeüberschuss von x erzielt hat.

Häufig redet man anstatt von Überschüssen in die eine oder andere Richtung gerne vom „Sparen“ oder „Verschulden“. Aus diesem Sprachgebrauch und auf Basis von eher gewohnteren Klassifikationen von Wirtschaftssubjekten, werden dann Aussagen wie die abgeleitet, dass sich in „normalen“ marktwirtschaftlichen Zeiten die Unternehmen in Deutschland bei den Haushalten verschuldet hätten, während heute diese Rolle vom Ausland übernommen werde.

Während man mit Bezug auf die Gruppe rothaariger Wirtschaftssubjekte trotz dieses (problematischen) Sprachgebrauchs kaum auf die Idee kommen würde, dass es ein Wirtschaftssubjekt mit roten Haaren gibt, das in einem kreditähnlichen Verhältnis zu einem Wirtschaftssubjekt steht, das nicht rothaarig ist, sieht das bei einer Klassifikation entlang der Nationalität von Wirtschaftssubjekten leider ganz anders aus.

Eine Welt ohne Kapitalexporte

Da wird dann, wie man am Beispiel des Textes von Vontobel studieren kann, aus einer Gruppe von Wirtschaftssubjekten schnell ein Großsubjekt mit Namen „Deutschland“ oder „Schweiz“, das automatisch mit dem Verkauf eines Wirtschaftsguts „Kapital“ ins Ausland exportiert und nun Grund hat, sich darüber zu ärgern, „zwischen 1999 und 2017 bloß eine reale Rendite von bloß 2,24%“ erreicht“ zu haben.

An dieser Stelle ist allerdings zu betonen, dass Begriffe wie „Deutschland“ und „Schweiz“ in diesem Kontext lediglich als ein Name für eine Gruppe von ganz unterschiedlichen Wirtschaftssubjekten zweier Rechtsräume fungieren. Aus der Aussage, Deutschland hat mehr Waren und Dienstleistungen ins Ausland geliefert als andersherum, kann daher keineswegs geschlossen werden, Deutschland sei nun ein Gläubiger gegenüber dem Rest der Welt und der Rest der Welt ihr Schuldner geworden.

Gerade wenn wir auf die realwirtschaftliche Ebene reflektieren, wird offensichtlich, wie fehlgeleitet dieser Sprachgebrauch in Wirklichkeit ist. Um das zu sehen, bauen wir uns ein kleines Modell. Wir unterstellen, dass es (1) in unserer Wirtschaftswelt nur zwei Länder A und B gibt, (2) es in jedem Land genau ein Unternehmen, sagen wir U in A und C in B, gibt, das von jeweiligen anderen ausschließlich einen Typ Ware kauft bzw. verkauft und (3) Geldscheine in einer Währung mit dem Wert von 1 Pablo das einzige Zahlungsmittel sind und alle Kaufverträge bar abgewickelt werden.

Hören wir nun, dass Land A einen Exportüberschuss gegenüber Land B habe, können wir dann schlussfolgern, dass C von U einen entsprechend hohen Kredit erhalten hat, um sich den entsprechenden „Warenüberschuss“ auch  leisten zu können?

Keineswegs. Im Gegenteil, diese Möglichkeit habe ich mit meinen Annahmen ausgeschlossen. Ist damit in meinem kleinen Modell vielleicht ein Exportüberschuss gar nicht möglich?

Klar ist aufgrund unserer Annahmen jedenfalls, dass wenn der Exportüberschuss von A über t x beträgt, U Waren an C in einem Wert verkauft hat, der um genau x höher war als der Wert der Waren, den C an U verkauft hat. Und U hat zweifelsohne mehr Geldscheine von C erhalten als er an C  transferiert hat. Sagen wir x sei 10, dann hat C 10 Geldscheine mehr zu U als umgekehrt U zu C getragen.

Woher hat er aber dann die 10 Geldscheine her? Nun, die kann er z.B. aus dem Verkauf von Waren an inländische Kunden erhalten haben. Oder aber er hat Realvermögen, wie etwa ein Grundstück, verkauft oder er kann vielleicht sogar einen Barkredit aufgenommen haben.

In unserem kleinen Modell scheint also ein Exportüberschuss ganz unproblematisch auch ohne einen „Kapitalexport“ möglich zu sein. Die Frage, wie sich denn die „Kapitalexporte“ von A nach B gerechnet haben, dagegen bliebe im Rahmen dieses kleinen Modells völlig unverständlich. Ganz offensichtlich hat niemand aus A irgendetwas nach B transferiert, was man selbst mit äußerst viel Fantasie als „Spargeld“ bezeichnen könnte.

U aus A hat schlicht mehr Waren an C aus B geliefert als andersherum. Unser U in A hat nun sicherlich Geld, das er dann in der nächsten Periode zum Kauf von Waren verwenden kann. Keineswegs aber kann er damit nur Waren von C aus B kaufen. Von wem er was kauft und ob er überhaupt Waren kauft, bleibt ganz ihm überlassen.

Freilich kann er damit auch ein „Auslandsvermögen“ erwerben. Er könnte sich z.B. Anleihen eines Unternehmens M aus B kaufen. Besitzt U ein solches Auslandsvermögen, dann lässt sich durchaus fragen, wie sich dieses denn gerechnet hat. Aber ein solches Auslandsvermögen kann sich nicht nur aufbauen, wer in einem Land mit Exportüberschüssen lebt. Jeder, der über in Pablo denominierte Geldscheine verfügt, kann sich Anleihen von beliebigen Unternehmen aus B kaufen, wenn das nach in A und B geltenden Gesetzen erlaubt ist.

Gut, mag man nun sagen, in diesem kleinen Modell stimmt die Aussage ja. Das Modell ist aber nun alles andere als ein Abbild der Wirklichkeit. Da stimmt zwar, aber zu zeigen wäre von den Kapitalexporttheoretikern, welche abweichenden Eigenschaften der wirklichen Welt dazu führen könnten, dass aus einem simplen Einkommensüberschuss von U in A und einem damit einhergehenden Ausgabenüberschuss von C in B eine kreditähnliche Beziehung zwischen A und B entstehen sollte?

Geld-Schuld- und Lieferscheine

Wie aber lässt sich dann erklären, dass man unter Ökonomen nicht nur an die Existenz von solchen „Kapitalexporten“ glaubt, sondern nun sogar eine empirische Studie vorliegt, die sogar nachweist, dass sie sich nicht rechnen?

Dieser Wunderglaube lässt sich tatsächlich leicht erklären. Erweitern wir dazu unser kleines Modell um zwei Geldboten. Anstatt, dass U und C ihre eigenen Mitarbeiter mit Geldsäcken auf die Reise schicken, hätten die klugen Herrscher von A und B ein staatliches Geldbotensystem etabliert. Wann immer U Geld zu C  oder C Geld zu U zu transportieren habe, käme ein Geldbote mit einer schönen Uniform bei ihm vorbei und hole die Säcke voll Geld bei ihnen ab.

Der Geldbote aus A und der aus B träfen sich zu einer fest vereinbarten Zeit an einem fest vereinbarten Ort und übergäben die Geldsäcke aneinander. Sie bestätigten sich die Übergabe durch entsprechende Lieferscheine, die ebenfalls auf 1 Pablo lauteten. Habe der Geldbote aus A z.B. an den aus B während t 40 Geldscheine übergeben und der aus B an den aus A 50, dann sind nun in A zweifelsohne 10 mehr Geldscheine und 10 mehr Lieferscheine.

Nun mögen sich Geld- und Lieferscheine verdammt ähnlich sehen, zwischen den beiden Arten von Dokumenten muss man dennoch offensichtlich streng unterscheiden. Vor allem darf man aus der Tatsache, dass sich sowohl auf den Geld- als auch den Lieferscheinen eine Zahl mit einem Währungszeichen befinden, nicht schließen, A sei nun um 10 Pablos reicher geworden. Und vollkommen absurd wäre es, wenn der Herrscher aus A nun glauben würde, er können mit dem Lieferscheinüberschuss in B einkaufen gehen.

Nun mögen die Herrscher wissen wollen, wie sich denn die Anleihenkäufe ihrer Untertanen im Ausland so gerechnet haben. Klar ist, dass die mit dieser Aufgabe Betrauten nach Dokumenten Ausschau halten würden, auf denen eine Zahl mit einem Währungszeichen steht. Eben nach den entsprechenden Anleihen. Anleihen nun sind Schuldscheine, die ihren Emittenten verpflichten, das erhaltene Geld zurückzuzahlen und zusätzlich an den entsprechenden Gläubiger einen Zins zu bezahlen.

Sagen wir, es gäbe genau zwei Schuldscheine, einen den ein Wirtschaftssubjekt in A zugunsten eines Wirtschaftssubjekts in B emittiert hat und umgekehrt. Beide Schuldscheine lauteten auf 10 Pablos und berechtigten ihre Inhaber zur Zahlung von 10% Zinsen. Wie hoch ist dann die Rendite des gesamten Auslandsvermögens in A und B?

Sie werden keine Schwierigkeit haben, hier die richtige Antwort zu geben. Fragen Sie nun aber die Ökonomen vom IfW, lautet die Antwort nicht 10% in beiden Ländern, sondern 5% in A und 10% in B.

Ein geldtheoretisch versierter Kritiker von Exportüberschüssen würde sich an dieser Stelle nicht freuen, sondern wissen, dass diese Antwort nicht stimmen kann. Der Fehler ist leicht zu entdecken. Unsere Renditerechner haben einfach jedes Dokument, das von einem Ausländer kommt, als Schuldschein qualifiziert. Sie haben also zu den Schuldscheinen von B, die ein Wirtschaftssubjekt in A hält, auch noch die von Geldboten aus B ausgestellten Lieferscheine (genauer, den Überschuss an Lieferscheinen) zum Auslandsvermögen einfach dazu gerechnet.

Einen solch simplen Fehler machen kompetente Ökonomen des IfW nicht? Schauen wir uns zur Beantwortung dieser Frage deren „Figure 6“ etwas genauer an.

Da steht, was man alles zusammengerechnet hat, um die Höhe des deutschen Auslandsvermögens zu berechnen. Da stehen aber u.a. neben „Loans“ auch „Target2 claims“.

Sicher, der Ausdruck „claim“ schickt die Renditerechner auf die falsche Fährte. Die Zahlen auf der Aktivseite der Bilanz einer Zentralbank unter dieser Rubrik berechtigen aber eben weder die Bundesbank, die Bundesregierung, geschweige denn uns Bundesbürger dazu, irgendetwas von irgendjemanden im Ausland einzufordern, weil dessen Zentralbank auf ihrer Passivseite die gleich hohe Target-Zahl stehen hat. Die Targetsalden dokumentieren eben keine kreditähnliche Beziehung, sondern sie sind als Lieferscheine von Geldboten zu interpretieren, die in der wirklichen Welt Zentralbanken genannt werden.

Mit dieser Meinung stehe ich keineswegs allein. Die Deutsche Bundesbank hat dankenswerter darüber aufgeklärt, dass „in der Debatte um Targetsalden Behauptungen aufgestellt [wurden], die schlicht falsch sind“. Sie spricht ausdrücklich von „vermeintlichen Risiken in Zahlungsverkehrssystemen wie Target“ und erklärt, dass dieser falsche Eindruck darauf beruhe, dass die entsprechenden Aktiva der Bundesbank fälschlicherweise so gelesen werden, als ob „die Bundesbank über Target-2-Salden einzelnen Euro-Staaten Kredit gegeben“ habe.

Die Moral von der Geschicht‘

Freilich, all diejenigen, die zwar selbst kein Auslandsvermögen besitzen, aber meinten, Aktiva „ihrer“ Zentralbank seien Ausweis eines „Volksvermögens“, das ihnen irgendwie auch gehört, mögen sich nun genau so enttäuscht fühlen, als hätten sie ihr Auslandsvermögen verloren. Andererseits müssen sie sich nun aber, wenn sie in ihrem privaten Vermögen keine Wertpapiere halten, die sie zu Zahlungen aus dem Ausland berechtigten, nun auch keine Sorgen mehr um ihr Auslandsvermögen machen.

 

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