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US-Konzerne auf dem Weg in die Gemeinwohl-Ökonomie?

Dass der Shareholder Value als Orientierung für unternehmerische Entscheidungen nicht taugt, wird schon seit langem moniert. Jetzt kommt selbst von den wichtigsten CEO’s der US-Wirtschaft die Forderung, sich stattdessen am Stakeholder-Value-zu orientieren. Die Gemeinwohl-Ökonomie bietet dafür entsprechende Berichts- und Steuerungs-Instrumente an.

Neue Einsichten der US-Konzern-Lenker …

Im August 2019 trat der Business Round Table der USA, eine wirkmächtige Interessenvertretung der US-amerikanischen Wirtschaft, mit einer eventuell epochalen Nachricht an die Öffentlichkeit. Der Shareholder-Value sei nicht mehr der alles entscheidende Leitstern der internationalen Konzerne. Sie würden sich allen Stakeholdern verpflichtet fühlen und Wert für alle schaffen wollen [1]:

„Die Amerikaner verdienen eine Wirtschaft, die es jedem Menschen ermöglicht, durch harte Arbeit und Kreativität erfolgreich zu sein und ein Leben mit Sinn und Würde zu führen…

Wir anerkennen eine grundlegende Verpflichtung gegenüber allen unseren Stakeholdern

  • Unseren Kunden einen Mehrwert zu bieten. Wir werden den traditionellen Vorsprung amerikanischer Unternehmen fortsetzen, die Erwartungen der Kunden zu erfüllen oder überzuerfüllen.
  • In unsere Mitarbeiter zu investieren. Das beginnt damit, sie fair zu entlohnen und weitere Leistungen zu bieten. Dazu gehört auch, sie durch Training und Ausbildung zu unterstützen, um ihnen zu helfen, neue Fähigkeiten für eine sich schnell verändernde Welt zu entwickeln. Wir fördern Vielfalt und Integration, Würde und Respekt.
  • Wir gehen fair und ethisch korrekt mit unseren Lieferanten um. Wir sind bestrebt, den anderen Unternehmen, ob groß oder klein, die uns bei der Erfüllung unserer Aufgaben unterstützen, als gute Partner zu dienen.
  • Wir unterstützen die Gemeinschaften, in denen wir arbeiten. Wir respektieren die Menschen in unseren Gemeinden und schützen die Umwelt, indem wir nachhaltige Praktiken in allen unseren Unternehmen anwenden.
  • Langfristige Wertschöpfung für Aktionäre, die das Kapital bereitstellen, das es den Unternehmen ermöglicht, zu investieren, zu wachsen und innovativ zu sein. Wir verpflichten uns zu Transparenz und wirksamem Engagement mit Aktionären.
  • Jeder unserer Stakeholder ist unverzichtbar. Wir verpflichten uns, für alle von ihnen Werte zu schaffen, für den zukünftigen Erfolg unserer Unternehmen, unserer Gemeinden und unseres Landes.”

Alles was Rang und Namen hat, ist auf der Liste der 200 Unterschriften zu finden: die bekanntesten Personen sind Jeffrey P. Bezos, Amazon, Tim Cook, Apple, Jamie Dimon JPMorgan, daneben viele Konzerne, die auch hierzulande bekannt sind:  Chevron, The Coca-Cola Company, Exxon Mobil, Fox, Goldman Sachs, IBM, Johnson & Johnson, Lockheed Martin, Northrop Grumman, SAP, UPS, 3M. Einige Konzerne aus Deutschland haben auch unterschrieben: Bayer USA, Siemens USA.

Dass sich das Bekenntnis nur an Amerikaner*innen wendet, soll nur angemerkt sein.  Aber was ist dieses Bekenntnis wert?

Ist es der Beginn einer Wende zu einem faireren Kapitalismus? Ist es ein Resultat der heftigen Kritik aus Zivilgesellschaft und Politik an den Geschäftspraktiken der internationalen Konzerne? Ist es ein Public Relations Manöver? In der öffentlichen Reaktion überwiegen Skepsis und Misstrauen, gekoppelt mit Hoffnung “schön wär’s”.

Die New York Times[2] kommentiert gleich am nächsten Tag:

„Wenn der Business Roundtable es ernst meint, dann sollte er morgen mit seinem ganzen Gewicht Gesetzesvorschläge unterstützen, die den Plattitüden des Vorstandes die Zähne des Gesetzes zeigen.“

Die Zeitung weist auch auf die mangelnde Konsistenz der Erklärung hin:

„Vom Runden Tisch wurde nicht erwähnt, dass die Vergütung von Top-Managern eingeschränkt werden soll, ein enorm kontroverses Thema, weil die 100 höchstbezahlten Geschäftsführer das 254-fache des Median-Einkommens ihrer Mitarbeiter verdienen.”

Im gleichen Artikel wird darauf hingewiesen, dass die Shareholder diese neue Orientierung teilen müssen, damit eine solche neue Orientierung gelingen kann .

„Damit Unternehmen ihre hochgesteckten Versprechen wirklich einlösen können, brauchen sie auch die Wall Street… Solange die Anleger nicht anfangen, die Unternehmen an ihrer sozialen Wirkung statt an ihren Quartalsrenditen zu messen, könnten sich systemische Veränderungen als schwer durchsetzbar erweisen.”

… nicht alle Shareholder heissen das gut …

Die Investoren[3] selbst meldeten sich am gleichen Tag noch zu Wort und bestanden auf dem bisher geltenden Vorrang der Shareholder-Interessen.

„Die BRT-Erklärung spricht von Verpflichtungen gegenüber einer Vielzahl von Stakeholdern, wobei die Aktionäre an letzter Stelle stehen und die Aktionäre lediglich als Kapitalgeber und nicht als Eigentümer bezeichnet werden. Council for Institutional Investors ist der Ansicht, dass Vorstände und Manager den Fokus auf den langfristigen Shareholder Value legen müssen. Um langfristigen Shareholder Value zu erzielen, ist es entscheidend, die Stakeholder zu respektieren, aber auch eine klare Rechenschaftspflicht gegenüber den Unternehmenseignern zu haben. Rechenschaftspflicht gegenüber allen bedeutet Rechenschaftspflicht gegenüber niemandem“.

Den Investoren, die im Council for Institutional Investors zusammengeschlossen sind, wird allerdings von einflussreichen Vertretern der eigenen Zunft widersprochen. So hat z.B. Larry Fink[4] den Wandel zu einer Stakeholder-Verantwortung bereits im Januar 2018 in einem Brief an die Unternehmen gefordert. Seine Investmentfirma Black Rock ist die weltgrößte ihrer Art und hält Anteile an allen Dax-Unternehmen.

„Die Gesellschaft verlangt, dass Unternehmen, sowohl öffentliche als auch private, einem gesellschaftlichen Zweck dienen[5]. Um langfristig erfolgreich zu sein, muss jedes Unternehmen nicht nur finanzielle Leistungen erbringen, sondern auch einen positiven Beitrag zur Gesellschaft leisten. Unternehmen müssen allen ihren Stakeholdern, einschließlich Aktionären, Mitarbeitern, Kunden und den Gemeinden, in denen sie tätig sind, nützen“.

Von Rechtsgelehrten gibt es ebenfalls Unterstützung für ein verantwortungs-orientiertes Verhalten der Konzernlenker*innen. In der Financial Times[6] weist Martin Lipton, Mitinhaber einer auf Unternehmensrecht spezialisierten Anwaltskanzlei in London, auf die sog. Business Judgement Regel[7] hin:

„In jeder US-Jurisdiktion ist es den Organen erlaubt, mit ihrem „geschäftlichen Urteilsvermögen“ die ESG-Grundsätze zu verfolgen, um langfristigen Unternehmenswert zu schaffen. Umfassend informierte Verwaltungsräte sind auch befugt, den Ruf des Unternehmens zu schützen und mit den Anlegern über langfristige Bedrohungen durch soziale und ökologische Themen zu sprechen. ”

Wie ist diese Auseinandersetzung einzuschätzen? Die Interessengegensätze werden deutlich, widersprüchliche Aussagen sind nicht verwunderlich. Eine realistische Auffassung könnte sein, dass die Stakeholder-Erklärung der bedeutendsten internationalen Konzerne ein neues Kapitel in der Entwicklung des Kapitalismus aufschlägt. Die Veränderungen in Gesellschaft und Natur sind zu offensichtlich bedrohlich und können nicht länger geleugnet werden. Die hellsichtigsten Vertreter der Kapital-Interessen suchen eine neue Balance.

Progressive Kräfte greifen die Idee auf

Darin können und müssen sie beim Wort genommen werden. Die Herausforderung ist existenziell. Es steht letztlich die demokratische Verfassung der westlichen Staaten zur Disposition. Darauf weist die New York Times hin[8]:

„Die Demokratie ist in Gefahr. Wenn die Demokratien der Welt nicht wieder ein sichereres Leben für die Arbeiter- und Mittelschicht bieten, werden sie vielleicht nicht mehr lange Demokratien sein. Stabilität hat einen Preis, und jemand wird dafür bezahlen müssen. Warum nicht die Menschen mit dem Geld? Die 400 reichsten Amerikaner – die oberen .00025% der Bevölkerung – besitzen jetzt mehr von den Reichtümern des Landes als die 150 Millionen Erwachsenen in den unteren 60% der Vermögensverteilung. Der Anteil der 400 hat sich seit den 1980er Jahren verdreifacht, … Der Reichtum hat sich an die Spitze verschoben. Es wurde der Mittelschicht weggenommen. Es macht die Menschen ängstlich. Die Angst öffnet Demagogen die Tür. Es ist nicht kompliziert.“

Progressive Kräfte in der US-Politik greifen in diese Auseinandersetzung ein. Elisabeth Warren, die Senatorin aus Massachusetts, bringt einen ‚Accountable Capitalism Act‘ in die Diskussion, mit dem Unternehmen mit Umsätzen über einer Milliarde US-Dollar verpflichtet würden, die Interessen von Mitarbeiter*innen, Kund*innen und der Gemeinden zu beachten. Die Financial Times[9] geht dieser Idee nach und weist darauf hin

“Mess- und Bewertungskriterien sind die empfindliche Seite…”

Die Absicht, die Wertschöpfung der Konzerne in der Stakeholder-Value-Perspektive auszudrücken, muss noch die Hürde nehmen, diese Dimensionen der Wertschöpfung mess- und bewertbar zu machen. Die bisherige Erfolgsmessung des Shareholder Value ist vergleichsweise einfach. Der Erfolg ist in Finanzkennzahlen mess- und bewertbar. Wenn diese Vereinfachung als eine unzulässige Verengung des Blicks zurückgenommen wird, muss der Erfolg des Unternehmens unter Einbezug der Wertschöpfung für Kund*innen, Mitarbeiter*innen, Lieferant*innen, die Gesellschaft, die Natur und die Eigentümer*innen dargestellt werden.

Daran wird von verschiedenen Seiten bereits mit Hochdruck gearbeitet. Der Artikel der Financial Times weist darauf hin:

„Einige sehen eine Chance in der Notwendigkeit besserer Daten: EY’s Geschäftsführer, Mark Weinberger, prognostiziert, dass die Aufgabe, solche Kennzahlen für Kunden zu bewerten, eines Tages ein ebenso wichtiges Geschäft für seine Big Four Wirtschaftsprüfer sein wird, wie es heute die Finanzprüfung ist. Aber niemand hat bisher einen Weg gefunden, den Zweck so einfach zu messen, wie das Endergebnis einer Gewinn- und Verlustrechnung“.

… und in Deutschland?

In Deutschland gibt es von Seiten der Konzerne den Ansatz des Value-to-Society, der von BASF in Zusammenarbeit mit PWC entwickelt wird und den in der Value Alliance eine Anzahl von Dax-Konzernen unterstützen.[10] Value-to-Society arbeitet daran, die wirtschaftlichen Aktivitäten ganzheitlich monetär darzustellen. Die Wertschöpfung für Lieferanten, Kunden, Eigentümer, Gesellschaft, Mitarbeiter und der Naturverbrauch werden in Euro ausgedrückt und z.T. grob geschätzt. Für qualitative Merkmale der Wertschöpfung wie z.B. menschenrechtliche Aspekte gibt es allderdings keine plausible Monetarisierung, deshalb werden diese Aspekte einfach nicht mit berücksichtigt.[11]

In dieser Situation ist es angemessen, den Ansatz der Gemeinwohl-Ökonomie aufzugreifen. Das unternehmens-ethische Bewertungsmodell der Gemeinwohl-Ökonomie[12] (GWÖ) stellt eine umfassendere Sichtweise zur Verfügung, die auch die qualitativen Aspekte darzustellen ermöglicht. Die GWÖ ist eine Entwicklung aus der Zivilgesellschaft und wird seit 2011 von Unternehmen angewendet, die das Eigentümer-zentrierte Wirtschaftmodell als unangemessen empfinden.

Neben die Finanzbilanz wird die Gemeinwohl-Bilanz gestellt. Die Finanzbilanz gibt Rechenschaft über die finanziellen Resultate bei der Verfolgung des Unternehmenszwecks. Die GW-Bilanz gibt Rechenschaft, wie die Wertschöpfungspartner des Unternehmen behandelt werden. Merkmale der Wertschöpfung, die einer monetären Bewertung nicht zugänglich sind,  werden durch ein Punktesystem in die Darstellung eingeführt. Die GWÖ misst die Praktiken der Unternehmen an den Beiträgen zu ethischen Werten, die in demokratischer Verfassungen festgeschrieben sind: Menschenwürde, soziale Gerechtigkeit und Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit sowie Transparenz und demokratische Mitwirkung.

… was braucht es, um erfolgreich zu sein?

Die Absicht, den Kapitalismus zu reformieren und die Unternehmen zu einem stärkeren Beitrag zur Bewältigung der gesellschaftlichen und ökologischen Krisen zu bewegen, hat auch das Konzept der Triple Bottom Line[13] von John Elkington verfolgt. Danach sollen die Dimensionen Ökologie-Soziales-Ökonomie gleichgewichtig beachtet werden. Auf dieses Konzept beruft sich die gesamte Nachhaltigkeits-Szene. Allerdings wurde in der Praxis der Anwendung stets das ökonomische Interesse vorrangig beachtet.

John Elkington hat seinen Ansatz im Juni 2018 öffentlich zurückgezogen[14], weil er die missbräuchliche Anwendung und den Mangel an Wirkung beklagte.

Die TBL war (und ist noch immer) dem Missbrauch preisgegeben, weil sie kein verbindliches, ganzheitliches, messendes und wertendes Berichtsrahmenwerk geschaffen hat und weil die Gesetzgebung nicht tätig geworden ist, um dem Prinzip der TBL allgemeingültige Kraft zu geben.  Wie zu Beginn dieses Artikels in Bezug auf die Stakeholder-Value-Verkündung festgestellt wurde ist es nötig, “Gesetzesvorschläge zu unterstützen, die den Plattitüden des Vorstandes die Zähne des Gesetzes zeigen ”.

Diese Gefahren sind der Gemeinwohl-Ökonomie bewusst. Sie legt einen Berichtsrahmen vor, der die Nachhaltigkeitsleistung ganzheitlich erfasst, bewertet und auditiert.  An das Ergebnis einer Gemeinwohl-Bilanz können und sollen Rechtsfolgen geknüpft werden, z.B. steuerpolitischer oder förderungspolitischer Art. Damit würden wirksame Anreize für die allgemeine Verbreitung und Durchsetzung dieser innovativen Unternehmensführung geschaffen.

Es ist offen, ob die Idee eines ethisch begründeten Bewertungsrahmens sich in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik verbindlich durchsetzen wird. Letztlich ist das eine Frage der Auseinandersetzung unterschiedlicher Interessen und des Einsichtsvermögens der Machtgruppen in der Wirtschaft. Eine Wirtschaft, die sich am Gemeinwohl orientiert, kann für alle eine Zukunftsbasis schaffen. Auch wenn – und gerade weil – sie der Tätigkeit der Konzerne neue Impulse geben würde.

 


Anmerkungen & Literatur

[1]https://opportunity.businessroundtable.org/wp-content/uploads/2019/12/BRT-Statement-on-the-Purpose-of-a-Corporation-with-Signatures.pdf

[2] New York Times, Feeling Heat, C.E.O.s Pledge New Priorities, Aug. 20, 2019

[3] Council of Institutional Investors Responds to Business Roundtable Statement on Corporate Purpose https://www.cii.org/aug19_brt_response

[4] Larry Fink, Jan. 2018 https://www.blackrock.com/corporate/en-no/investor-relations/larry-fink-ceo-letter

[5] Nebenbemerkung: Larry Fink hat die Forderung nach einem ‚Purpose‘ noch weiter zugespitzt. Ein Unternehmen soll einem gesellschaftlich sinnvollen Zweck dienen: „Ohne gesellschaftlich sinnvollen Zweck kann kein Unternehmen, weder öffentlich noch privat, sein volles Potenzial erreichen. Es verliert letztlich die Lizenz der wichtigsten Stakeholder.“  Seit diesem Brief sind Erklärungen, dass der Konzern einem Purpose dient, von vielen Firmen zu hören. Beispiel Adidas: Trough Sport we have the Power to change Lifes. Das führt meist nur zu marketing-tauglichen Erklärungen, die im Geschäft ohne Wirkung bleiben. Diese Diskussion wird hier nicht weiter verfolgt.

[6] Financial Times, September 18, 2019, Martin Lipton: Directors have a duty to look beyond their shareholders

[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Business_Judgement_Rule

[8] New York Times, November 12, 2019  Michael Tomasky: A plea to the billionaires

[9] FT Jan 4, 2019. Andrew Edgecliffe-Johnson: Beyond the bottom line: should business put purpose before profit?

[10]https://www.handelsblatt.com/unternehmen/management/bilanzierung-konzerne-gruenden-werteallianz/v_detail_tab_comments/24918648.html?ticket=ST-36749745-GkyfTlVvoqHOPVhrE2Qc-ap3

[11]https://www.basf.com/…/we-create-value/BASFs_Value-to-Society_Method_Paper.pdf  page 5

[12]https://www.ecogood.org/de/unsere-arbeit/gemeinwohl-bilanz/gemeinwohl-matrix/

[13]https://www.controlling-wiki.com/de/index.php/Triple_Bottom_Line

[14]https://hbr.org/2018/06/25-years-ago-i-coined-the-phrase-triple-bottom-line-heres-why-im-giving-up-on-it

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