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Aufgelesen | 21.01.2020

Wie die Betriebswirtschaftslehre zur Verrohung der Gesellschaft beiträgt

Das Elend der Betriebswirtschaftslehre ist, dass sie eine autistische Wissenschaft ist. Sie denkt und beschreibt Unternehmen völlig isoliert von ihren ökologischen und sozialen Grundlagen.

Ich schrieb auf Makroskop schon mehrfach über die Absurdität der klassischen Betriebswirtschaftslehre sowie die desaströsen gesellschaftlichen Auswirkungen der sie dominierenden Gewinnmaximierungsthese (z.B. hier). Nun ist ein lesenswertes Buch von Christian Kreiß und Heinz Siebenbrock mit dem Titel „Blenden, Wuchern Lamentieren“ erschienen, das in dieselbe Kerbe schlägt und beschreibt, wie die Betriebswirtschaftslehre zur Verrohung der Gesellschaft beiträgt.

Die Wurzel allen (betriebswirtschaftlichen) Übels

Das Elend der Betriebswirtschaftslehre ist, dass sie eine autistische Wissenschaft ist. Sie denkt und beschreibt Unternehmen völlig isoliert von ihren ökologischen und sozialen Grundlagen. Was völlig fehlt, ist eine Auseinandersetzung mit den Reproduktionsstrukturen der natürlichen Umwelt und der gesellschaftlichen Dimension. Dass eine Wissenschaft, deren Gegenstand ein ökonomisches Konstrukt ist (der Betrieb), das innerhalb komplexer Strukturen hochgradig sowohl in die Natur als auch in die Gesellschaft eingebettet ist, diese Strukturen aber weitgehend außer Acht lässt, nicht zu sinnvollen Aussagen über ihren Gegenstand gelangen kann, ist wenig verwunderlich. Natur kommt lediglich als Input vor, der Mensch als Kostenfaktor (Mitarbeiter) oder Ertragsfaktor (Kunde). Vielleicht ist es dem Umstand geschuldet, dass Christian Kreiß studierter Volkswirt ist, dass er und sein Mitstreiter Heinz Siebenbrock die BWL aus einer gesellschaftlichen (Makro-)Perspektive einer kritischen Analyse unterziehen.

Bereits in der Einleitung machen Kreiß und Siebenbrock klar, auf was sie es abgesehen haben: die Gewinnmaximierung. Jobbefristung, Leiharbeit, Werkverträge, ein wachsendes Prekariat, Umweltzerstörung, Massentierhaltung, Dieselskandal, Pflegenotstand und vieles mehr werden von den Autoren plausibel auf die „Kernaussage der gesamten Betriebswirtschaftslehre“ zurückgeführt: „die Gewinnmaximierung das oberste Ziel aller Unternehmen“. Wenn diese Kernaussage den Elfenbeinturm niemals verlassen würde, wäre es ja nicht weiter schlimm. Die Autoren weisen jedoch darauf hin, dass BWL das Studienfach mit den meisten Studierenden in Deutschland ist und etwa 3 Millionen Menschen mit einer wirtschaftswissenschaftlichen Ausbildung aktiv in Unternehmen, Behörden und Verbänden arbeiten, die die Lehrinhalte in die Praxis tragen und die ökonomische Wirklichkeit prägen. Blenden, Wuchern, Lamentieren seien die Fähigkeiten, die den Betriebswirten von anderen Studenten gern zugeschrieben würden. Als Denk- und Handlungsfolgen der Gewinnmaximierung identifizieren die Autoren Kontrollsysteme (u.a. Anwesenheits-, Arbeitszeit- und Leistungskontrollen), die von tiefem Misstrauen zeugen und einen aufgeblasenen Bürokratieapparat bedingen, fehlerhafte Anreiz- und Beurteilungssysteme, Zahlengläubigkeit und kurzfristiges Denken, Arbeitsverdichtung und Leistungsdruck.

Der ökonomische Zynismus

Die Lektüre des Buches macht auch deshalb großen Spaß, weil die Autoren immer wieder auf die Stilblüten von Managern und BWL-Professoren hinweisen. „Olaf Winkelhake erläutert: »Unternehmen, die ihre Absatzmärkte in Teilmärkte mit hoher und niedriger Zahlungsbereitschaft segmentieren können, haben die Chance über das Instrument der Preisdiskriminierung die Deckungsbeiträge zu erhöhen.« Preisdiskriminierung als Chance? Auf diese Wortwahl voller Zynismus kommt wohl nur ein BWL-Professor!“ Eine Leistung des Buches liegt darin, dass die Autoren es schaffen, einem gewahr werden zu lassen, wie selbstverständlich und alltäglich ein zutiefst zynisches ökonomisches Denken geworden ist, das nur eine Größe kennt: Profit. Es ist völlig normal geworden, dass wir alles und jeden nach seinem ökonomischen Wert beurteilen. Die Kunden werden manipuliert und abgezockt, Informationen zurückgehalten und verschleiert, die Produktlebensdauer verkürzt, Lieferanten und Arbeiter ausgepresst und erpresst.

Das sei natürlich alles kein Zufall, so die Autoren. Ein philosophisches Denken, das ausschließlich auf dem Prinzip des Eigennutzes aufbaue, müsse notwendigerweise zu einer Aufhebung aller Moralvorstellungen führen. Eine Weltanschauung, die auf Materialismus und Utilitarismus aufbaue, könne Moral nicht begründen, sondern nur abbauen. Mit dieser These zertrümmern die Autoren en passant 200 Jahre ökonomisches Denken, das seit Adam Smith auf der metaphysischen These basierte, der Egoismus des Einzelnen komme durch die unsichtbare Hand des Marktes dem Gemeinwohl zu Gute. Aber nicht nur das: Kreiß und Siebenbrock stellen die heilige Kuh der Wirtschaftswissenschaften in Frage: den Markt. Die These, dass Märkte richtig und fair funktionierten, treffe nicht annähernd zu. Märkte trügen in ihrer heutigen Form zu Machtasymmetrien, Umweltzerstörung und sozialen Schieflagen bei. Um das zu schreiben, braucht es einiges an Rückgrat, da man sich mit einer Kritik am Marktprinzip im ökonomischen Mainstream komplett diskreditiert. Die Kritik am Markt ist dadurch natürlich nicht weniger zutreffend.

Was ist zu tun?

Die Autoren wünschen sich, dass zukünftige Absolventen nicht mehr Blenden, Wuchern, Lamentieren, sondern Begreifen, Wertschöpfen, Leben wollen. Ihr Buch ist neben der kritischen Analyse der theoretischen und praktischen Missstände ein Manifest für eine menschengerechte, umweltfreundliche Wirtschaft und eine lebenswerte, soziale und hoffnungsvolle Zukunft. „Wie schön das Wirtschaftsleben sein könnte, wenn nicht mehr der Profit herrschte, sondern stets nur der Ausblick auf den Konsum“, zitieren die Autoren an einer Stelle Rudolf Steiner. Kreiß und Siebenbrock möchten das Dogma der Gewinnmaximierung aus den Lehrbüchern, Köpfen und Herzen der Ökonomen verbannen (und gehen also davon aus, dass auch neoklassische Ökonomen ein Herz haben). Wenn der geistige Boden bereitet sei, sollen Gesetze dafür sorgen, dass Unternehmen, die nicht ihre Gewinne maximieren, vor Übernahme und Zerschlagung geschützt werden können. Unternehmen sollen zukünftig Kundenbedürfnisse befriedigen und nicht Renditeerwartungen.

Auf der persönlichen Ebene beginne alles mit einem verantwortungsvollen Umgang mit den uns anvertrauten Gütern. Jeder müsse sich fragen, welche Produkte er wirklich brauche. Die Autoren zitieren Joseph Beuys, der 1985 sagte, dass wir 90 Prozent aller Produkte, die käuflich zu erwerben sind, nicht brauchen und sie sogar schädlich sind. Es ist ein Aufruf, auf Unnötiges zu verzichten und weniger zu konsumieren. Die wirklich benötigten Produkte sollten möglichst lange genutzt werden sowie umweltfreundlich und fair produziert sein. „Slow consumption“ nennen es die Autoren. Es geht um einen Ausweg aus Hektik, blindem Aktionismus und Konsumismus hin zu Entschleunigung, Innehalten, höherem Bewusstsein und Bescheidenheit.

Auf Unternehmensebene arbeiten Kreiß und Siebenbrock mit einer Reihe von Positivbeispielen, darunter die Grameen Bank, die GLS Bank sowie die Volks- und Raiffeisenbanken (der Fokus auf Banken ergibt sich eventuell daraus, dass Kreiß 9 Jahre als Bankier gearbeitet hat), zudem die Stiftungen Carl Zeiss und Bosch sowie die Genossenschaft Mondragón Corporación Cooperativa. Aus den Beispielen leiten die Autoren einige Ansätze ab, die sie unter dem Begriff „Faires Management“ subsumieren. Hierbei geht es um Mitarbeiterbeteiligung, erfüllende Arbeitsplätze, Wertschätzung, Nachhaltigkeit, Vertrauen, Transparenz und Fairness. Zudem wird die Gemeinwohl-Bilanz, über die Günter Grzega und ich auf Makroskop geschrieben haben, als Instrument empfohlen. Der Kern der Gemeinwohlökonomie ist die Bewertung der nicht-monetären betrieblichen Faktoren – operationalisiert durch die Erstellung einer Gemeinwohl-Bilanz. Diese hat den Anspruch die Werte der Gesellschaft zu den Werten der Wirtschaft zu machen. Gesellschaftliche Interessen sollen zur Grundlage der unternehmerischen Entscheidungen gemacht werden, das Gemeinwohl zum Maßstab für die Beurteilung von Unternehmen.

Auf volkswirtschaftlicher Ebene schlagen Kreiß und Siebenbrock unter anderem ein bedingungsloses Grundeinkommen, die Einführung von »Freigeld« oder »fließendem Geld«, die Begünstigung von Unternehmen mit positiver Gemeinwohl-Bilanz, die Abschaffung der steuerlichen Abzugsfähigkeit von Werbeaufwendungen, die Einführung einer Lohnobergrenze, ein Verbot von Unternehmensspenden an politische Parteien, eine Erhöhung der Erbschaftssteuer, eine zeitgemäße Grund- und Unternehmenssteuer und eine Reduktion der Arbeitszeit vor.

Fazit

Bernd Kreiß und Heinz Siebenbrock haben ein lesenswertes Buch geschrieben, das eine Abrechnung mit der vorherrschenden Betriebswirtschaftslehre darstellt. Das Buch ist (im besten Sinne) populärwissenschaftlich und polemisch, also nicht um wissenschaftliche Sachlichkeit und Neutralität bemüht, was dem Lesevergnügen sehr zuträglich ist. Das Werk ist an einen breiten Leserkreis adressiert und kann problemlos ohne betriebswirtschaftliche Vorbildung gelesen und verstanden werden. Die gewählte Form wird es mit sich bringen, dass sich die Autoren weniger innerhalb ihrer Zunft, sondern vielmehr in der (ökonomieskeptischen) Bevölkerung Gehör verschaffen. Es kann damit zu einer wirklich überfälligen Debatte über die Inhalte der wirtschaftswissenschaftlichen Studiengänge beitragen, jedoch nicht ein neues Paradigma in der BWL begründen. Das ist aber auch gar nicht notwendig, da es bereits zahlreiche alternative betriebswirtschaftliche Theorien gibt, die der Neoklassik und der Gewinnmaximierungsthese fundamental widersprechen. Sie müssten an den Universitäten nur endlich Berücksichtigung finden.

 

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