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BIP und Energie | 28.02.2020

Alles deutet auf einen Rückgang des Wachstums hin

Das Wirtschaftswachstum in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts hat großen Wohlstand erzeugt. Der Anstieg des Bruttoinlandsprodukts pro Kopf korrelierte dabei mit einer Zunahme des Energieverbrauchs pro Kopf.  Wo liegt der Zusammenhang?

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) misst in Geld ausgedrückt den Gesamtwert aller Waren und Dienstleistungen, die innerhalb eines Jahres in einem Land als Endprodukte hergestellt wurden. Das BIP der Welt steigt kontinuierlich seit circa 2 Jahrhunderten, unterbrochen nur durch Krisen und Kriege. Abbildung 1 zeigt, dass der Anstieg des BIP pro Kopf mit dem Energieverbrauch pro Kopf korreliert hat. Ist der zunehmende Energieverbrauch also der Maßstab für das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts oder umgekehrt?

Wie die oben genannte Definition zeigt, ist das BIP der Versuch, den Verlauf der wirtschaftlichen Entwicklung mit Hilfe statistischer Daten – ausgedrückt in Geldeinheiten – nachzuzeichnen. Ob dies tatsächlich immer gut gelingt, ist eine andere Frage.

Wirtschaften als Stoffwechsel mit Hilfe von Energie

Wirtschaftliche Entwicklung ihrerseits besteht physikalisch aus einer Vielzahl von Transformationsprozessen, bei denen Stoffe ihren physikalischen Zustand – angefangen bei Transporten von einem Ort zum anderen – mit Hilfe von Energie wechseln. „Wirtschaft“ ist Veränderung der physikalischen Welt, also der Zustandsformen von Materie, mit Hilfe von Energie. Energie ist somit die Grundlage jedes Wirtschaftsprozesses – angefangen bei den Jägern und Sammlern, die für ihre Streifzüge durch die Natur mit Hilfe der Photosynthese umgewandelte Sonnenenergie (in Form von Pflanzen und Tieren) zu sich nehmen mussten.

Übertragen auf unsere Kurve bedeutet das: Wirtschaftswachstum hängt in der Tat davon ab, dass regelmäßig immer mehr Energie zur Verfügung steht als im entsprechenden Vorgängerzeitraum. Die Grenzen der Energieerzeugung waren und sind so auch die Grenzen des Wirtschaftens.

Von Holz zu Kohle zu Atomkraft zu …?

Die industrielle Revolution startete mit der Holzverbrennung für Dampfmaschinen, als die Wälder kahl wurden, kamen zunächst Kohle dann Erdöl, Erdgas und Atomkraft hinzu. Keine Energieart wurde durch die nächste ersetzt, sondern immer nur durch neue Formen der Energiegewinnung ergänzt. Vom vorindustriellen Einsatz ausschließlich erneuerbarer (einschließlich Holz) führte ein langer und überaus erfolgreicher Weg zu den fossilen Energien.

Der zukünftige Verzicht auf fossile Energien könnte daher ganz einfach sein – wenn wir bereit sind, ins vorindustrielle Zeitalter zurückzukehren (unter dem kleinen Vorbehalt, dass sich die Menschheit seit damals mindestens um das 7-fache vergrößert hat).

Ernsthaft betrachtet steht die Menschheit vor dem Problem, gewollt und natürlich sinkende Energievorräte so zu verteilen, dass sie möglichst sinnvoll – zum Beispiel für die Herstellung neuer Energietransformatoren – eingesetzt werden.

Der Markt wird es richten?

Wer wäre dafür scheinbar besser prädestiniert als der Markt, der nach üblicher Vorstellung für optimale Ressourcenallokation steht: Ressourcen werden am besten da verbraucht, wo die höchsten Preise für sie erzielt werden – der Nutzen ihres Einsatzes ist dort offenbar relativ am größten.

Doch ist das Konzept des relativ größten „Nutzens“ tatsächlich die Lösung des Energieproblems? Die Profite jener Firmen, die für die Förderung fossiler Energieträger und/oder den Verbrauch und damit für den Ausstoß von Treibhausgasen verantwortlich sind, waren und sind sehr hoch. Es existiert daher kein „natürlicher“ Marktanreiz, irgendetwas an der Förderung und Verwendung fossiler Energieträger zu ändern.

Zweifel sind also erlaubt, ob die Allokation der Energievorräte „über den Markt“ der Weisheit letzter Schluss ist.

Wären die Nationalstaaten Unternehmen …

Solange keine wundersamen neuen Energietransformatoren oder Energieproduktivitätssteigerungen in Sicht sind, die Wachstum vom heutigen Niveau aus auch ohne fossile Energien – ganz abgesehen von der Endlichkeit anderer Rohstoffe – ermöglichen, deutet somit alles auf eine dauerhafte Stagnation oder sogar auf einen notwendigen Rückgang des Welt-BIP.

Die öffentliche Energieversorgung ist Sache der Nationalstaaten. Wären sie Unternehmen, verlöre jeder Unternehmenschef seinen Job, der auf die Idee käme, die Prioritäten der Energieversorgung nicht möglichst selbst zu steuern.

Im nächsten Teil betrachten wir, wie die Alternative zur Marktlösung für das 21. Jahrhundert aussieht.

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