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Deutscher Leistungsbilanzüberschuss | 07.02.2020 (editiert am 11.02.2020)

Deutschland ist Weltmeister!

Deutschland hat es wieder einmal geschafft, mit seinen Exportüberschüssen alle anderen Länder weit hinter sich zu lassen. Die Sektkorken lässt man dagegen dieses Jahr öffentlich nicht knallen. Das ist leider aber kein Hinweis, dass man die Probleme um und mit den deutschen Überschüssen inzwischen besser verstanden hat.

Nein, Sie haben kein sportliches Großereignis verpasst, in dem Sportler aus Deutschland zum Sieger gekürt worden sind. Die Rede ist von Deutschlands Leistungsbilanzüberschüssen, die sich im letzten Jahr nach Berechnungen des ifo-Instituts auf 293 Milliarden US-Dollar addierten.

Mit diesem Leistungsausweis haben wir andere Länder überzeugend auf die Ränge verwiesen. Der Gewinner der Silbermedaille, Japan, blieb mit einem Überschuss von 194 Milliarden um gut ein Drittel hinter uns zurück. Die Chinesen als Träger der Bronzemedaille zeigten mit einer Punktezahl von 184 Milliarden, dass sie noch weit davon entfernt sind, uns den Platz an der Sonne streitig zu machen.

Vor diesem Hintergrund mag zunächst einmal überraschen, dass in den deutschen Leitmedien Jubelmeldungen ob dieses glorreichen Siegs vom „Team Deutschland“ ausgeblieben sind. Daraus aber zu schließen, dass in den Redaktionsstuben die Einsicht Einzug gehalten hat, dass die „internationale Wettbewerbsfähigkeit“ nicht das Maß aller Dinge ist, wenn es darum geht, den wirtschaftlichen Erfolg eines Landes zu bewerten, wäre dagegen grottenfalsch.

Der Grund dafür ist vielmehr, dass – wie in nahezu allen Medien pflichtbewusst in der Sache übereinstimmend berichtet wird – „wegen dieser hohen Überschüsse sich Deutschland seit Jahren internationaler Kritik ausgesetzt sieht“:

„Ob EU-Kommission, Internationaler Währungsfonds (IWF) oder US-Präsident Donald Trump – sie alle stören sich daran.“

Was es da zu kritisieren gibt, scheint man tatsächlich nicht zu wissen. Oder man will mit einem solchen Wissen seine Leser nicht auf die Idee bringen, dass die Kritik eines ausgewiesenen „Populisten“ wie Trump an den Exportüberschüssen Deutschlands tatsächlich trifft.

In einem Kommentar der FAZ wird der Leser zunächst einmal darüber informiert, dass man dieser Zahl keine allzu große Bedeutung beimessen sollte. Wenn man sich die Sache nüchtern betrachte, seien die Zahlen das Ergebnis eines nur „schwer durchdringbaren wirtschaftlichen Geflechts“ von „deutschen Bürgern und zu einem noch größeren Teil deutscher Unternehmen“ mit dem Ausland. Ob es nun an der Komplexität dieses Geflechts liegt, dass er sich mit einer politischen Bewertung der Leistungsbilanzüberschüsse schwer tut, kann man dem Artikel nicht entnehmen. Auf jeden Fall aber „irrt, wer meint, dass es in der globalisierten Welt von heute so etwas wie rein deutsche Salden gibt“.

Selbstverständlich ist es vollkommen naiv, so zeigt sich der Autor Niklas Záboji überzeugt, wenn man wie Trump meint, in der globalisierten Welt von heute ließen sich solche Salden „politisch steuern“. Das ist jedenfalls der deutschen Politik völlig unmöglich, wie er folgendermaßen erklärt:

„Denn weder kann die Bundesrepublik eigenmächtig an der Zollschraube drehen, die in der Hoheit der EU-Kommission liegt, noch hat Deutschland Einfluss auf das Verhältnis vom Euro zu anderen Währungen. Auch sind Löhne, Konsum und Staatsausgaben in den vergangenen Jahren schon überproportional gestiegen, andere fundamentale Faktoren wie die Alterung der Gesellschaft wiederum lasen sich nur schwer aufhalten.“

Nach etwas Nachdenken fällt ihm dann aber doch ein, wie die deutsche Politik das „Problem“, wenn schon nicht beseitigen, so doch erwähnenswert mindern könnte:

„Was allerdings möglich wäre, wäre eine Verbesserung der hiesigen Standortqualität. Dadurch ließe sich die Flucht von deutschem Kapital in die weite Welt zumindest etwas bremsen. Industrievertreter treffen einen wahren Nerv, wenn sie die Digitalisierung der Verwaltung, schnellere Genehmigungsverfahren und eine Senkung der Unternehmensteuer fordern […].“

Leistungsbilanzen und der Außenhandel

Dieses Argument mag für den einen oder anderen kontraintuitiv klingen, ist aber, blickt man allein auf die Leistungsbilanz, richtig. Man kann den deutschen Leistungsbilanzüberschuss tatsächlich durch eine Abnahme deutscher Direktinvestitionen reduzieren.

Um zu sehen, warum das so ist, muss man sich allerdings die Berechnung der Leistungsbilanzsaldos etwas genauer betrachten: Er ist die Summe des Handelsbilanz- und Dienstleistungssaldos sowie der Bilanzsaldos des Erwerbs- und Vermögenseinkommens und des Saldos der sogenannten Transferbilanz.

Werden in einem bestimmten Betrachtungszeitraum (meist ein Jahr) mehr Waren von einem Land A in ein Land B exportiert als anders herum importiert, dann hat Land A – in einer Währung bewertet – mehr Waren aus Land A erhalten als andersherum.

Wie die folgende Grafik zeigt, ist in der wirklichen Welt ein Beispiel für eine solche Beziehung zwischen Ländern die zwischen den USA und Deutschland.

Abbildung 1

In Deutschland wurden damit für Amerikaner mehr Waren produziert als Amerikaner Waren für Deutsche produziert haben. Die Frage, wie eine solche Situation politisch zu werten ist, ist natürlich von einer Vielzahl von Umständen abhängig. Generell aber gilt, dass in einer solchen Situation deutsche Unternehmen einen Vorteil gegenüber amerikanischen Unternehmen haben, der wiederum einen Vor- bzw. Nachteil bei der Beschäftigungssituation nach sich ziehen kann.

Um das zu verstehen, betrachten wir uns einen Zeitraum tin dem die Handelsbilanz zwischen zwei Ländern ausgeglichen war und nehmen wir an, es gebe genau zwei Länder auf der Welt. Wenn es nun einem Land gelingt, in t1 einen positiven Handelsbilanzsaldo zu erzielen, weil er einen amerikanischen Wettbewerber in den USA aus dem Feld geschlagen hat, dann verliert ein amerikanisches Unternehmen zweifelsohne Nachfrager und damit Umsatzerlöse. Prima facie zwingt das das amerikanische Unternehmen, seine Kosten zu senken. Da Lohnarbeiter Kosten verursachen, kann das Unternehmen die geringere Kapazitätsauslastung versuchen zu kompensieren, indem es Arbeitsplätze abbaut.

Das ist – in „a nutshell“ – die Kritik der amerikanischen an der deutschen Politik. Schwer ist es auch nicht zu sehen, wie es den deutschen Unternehmen gelungen ist, Nachfrage nach Deutschland umzuleiten. Sie haben an preislicher Wettbewerbsfähigkeit gewonnen, weil in Deutschland die Lohnentwicklung hinter der Produktivitätsentwicklung zurückgeblieben ist. Wie erfolgreich Deutschland dabei war, zeigt die Entwicklung des sogenannten realen effektiven Wechselkurses (REW) im Vergleich zu anderen Ländern.

Abbildung 2

Wie die folgende Grafik zeigt, ist es Deutschland mit seinem Wechselkursmanagement gelungen, den Exportanteil seiner Produktion eindrucksvoll zu steigern.

Abbildung 3

Sobald man diese Zusammenhänge verstanden hat, fallen einem viele Möglichkeiten ein, wie man Handelsbilanzsalden abbauen kann. Mein kleines obiges Modell lässt unmittelbar an Lohnerhöhungen in Deutschland denken. Wer auf diesen Vorschlag hin argumentiert, dass die Löhne in Deutschland aber doch von den Tarifpartner und keineswegs vom Staat festgelegt werden, will täuschen. Dem Staat stehen viele Möglichkeiten offen, das Lohnniveau zu heben. So zum Beispiel durch höhere Mindestlöhne, Lohnerhöhungen im öffentlichen Dienst, ein Erhöhung der Tarifbindung mithilfe von Allgemeinverbindlichkeitserklärungen und auch durch die Begrenzung der Möglichkeiten von Arbeitsmigration.

Leistungsbilanzen und Primäreinkommen

Der Handelsbilanzsaldo lässt zweifelsohne am ehesten Aussagen über den Außenhandel und damit möglicherweise verbundenen Problemen zu. Schwieriger wird schon eine Interpretation der Dienstleistungsbilanz, weil es hier sehr viel schwerer zu bestimmen ist, von welchem „Staatsangehörigen“ die Leistung wirklich erbracht wurde.

Sieht man von dieser Schwierigkeit ab, ist es aber gerechtfertigt, diese beiden Salden zu aggregieren, da deren Bestimmung auf der gleichen Methodologie beruht. Die Zahlen sind letztlich Ausdruck von Güterströmen, die man nicht in einem Maß, wie Stücken oder ihrem Gewicht messen oder mit einem einheitlichen Maß nicht sinnvoll aggregieren kann. Gemessen wird daher z.B. nicht die Stückzahl von Autos oder die Beratungsleistungen in Stunden, sondern mit dem Preis, den ein Gut beim Verkauf erzielen konnte.

Während auf diese Weise also Güterströme zwischen Ländern bewertet werden, ist das bei den beiden anderen genannten Bilanzen nicht der Fall. Hier wird vielmehr Auskunft über bestimmte Geldströme gegeben.

So spricht man im Falle der „Bilanz- und Vermögenseinkommen“ von Primäreinkommen. Als Primäreinkommen zählen unter anderem Zins- und Dividendenzahlungen auf Geldvermögen. Dazu gehört auch Gewinn aus sogenannten Direktinvestments. Die FAZ erklärt am Beispiel von Direktinvestments richtig, dass Primäreinkommen nichts mit irgendwelchen Güterströmen von einem ins andere Land zu tun haben:

„Wenn Autohersteller wie Volkswagen Direktinvestitionen in China tätigen und ihre Fahrzeuge dort sowohl produzieren als auch absetzen, fließt zunächst Kapital aus der Bundesrepublik ab. Der Rückfluss von Erlösen der VW-Tochtergesellschaft an die Konzernzentrale in Wolfsburg wird bilanziell wiederum als Primäreinkommen verbucht.“

In der Leistungsbilanz werden damit also Zahlen aggregiert, die recht wenig miteinander zu tun haben. Daher ist auch der Informationswert von Grafiken wie der folgenden vom ifo-Institut recht begrenzt.

Abbildung 4

Jedenfalls scheint es so zu sein, dass es zwischen der Leistungsbilanz und den „Kapitalexporten“ keinen so engen Zusammenhang gibt, wie meist behauptet wird. Auf jeden Fall kann man „Kapitalexporte“ nicht mit im Ausland investierten Geldvermögen gleichsetzen. Denn der Leistungsbilanzsaldo der USA ist negativ und die USA hat nach dieser Sprachregelung „Kapital“ importiert. Da aber hinter dem Begriff der Primäreinkommen zu großen Teilen Zins-und Dividendenzahlungen auf ausländische Vermögenstitel stecken, zeigt sich, dass sogar ein Land, das kein „Kapital“ exportiert hat, es doch geschafft hat, „Kapital“ ins Ausland zu transferieren und darauf sogar eine Rendite erhält.

Wie ich an anderer Stelle schon ausführlich erläutert habe, besteht einfach kein direkter Zusammehang zwischen einem positiven Handelsbilanzsaldo und einem „Auslandsvermögen“, wenn man darunter das in ausländische Titel, wie etwa Anleihen und Aktien, investierte „Kapital“ versteht. 

Richtig ist zwar, dass sich bei der Überweisung von einem Land an ein anderes – bei einem positiven Saldo der Zahlungsströme – „Nettoforderungen“ gegenüber dem Ausland ergeben. Hier handelt es sich aber um Forderungen zwischen Banken in unterschiedlichen Ländern. Im Fall der Überweisung über das Target2-System der EZB handelt es sich dabei um Forderungen bzw. Verbindlichkeiten nationaler Zentralbanken gegenüber der EZB, die irreführend als „Auslandsvermögen“ bezeichnet werden.

Sobald man all diesen konzeptuellen Wirrwarr aufgelöst hat, erkennt man rasch, wie absurd der Vorschlag der FAZ zur Reduktion des deutschen Leistungsbilanzüberschusses ist. Der Leistungsbilanzüberschuss reduziert sich zum Beispiel automatisch dann, wenn die korrekt als deutsches Auslandsvermögen bezeichneten Titel (z.B.Aktien und Anleihen) keine Rendite mehr abwerfen. Warum aber sollte das daraus resultierende geringere Leistungsbilanzdefizit Deutschlands die Nachfrage nach Gütern von Unternehmen im Ausland erhöhen und so das wirkliche Problem von Exportüberschüssen einer Lösung zuführen?

Selbst dann, wenn sämtliche Primäreinkommen Deutschlands aus Direktinvestments deutscher Unternehmen stammen würden – die man mit den von der FAZ angemahnten unternehmerfreundlichen politischen Reformen zu einer Rückkehr nach Deutschland bewegen könnte –, könnte das wirkliche Problem von Leistungsbilanzüberschüssen so nicht gelöst werden. Im Gegenteil, der Leistungsbilanzüberschuss Deutschlands würde sogar noch weiter steigen.

Der Grund ist einfach der, dass Gewinne, aus denen Dividenden bezahlt werden, in der wirklichen Welt kleiner sind als der Umsatz. Wenn nun aber der Umsatz, den etwa die amerikanische Konzerntochter von VW in Chattanooga im Bundestaat Tennesse mit der Produtkion und dem Verkauf von VW Passat in den USA gemacht hat, nun wieder in Wolfsburg produziert werden, dann schlagen sie in der Leistungsbilanz mit dem vollen Verkaufserlös als Warenexporte zu Buch. Beträgt die Umsatzrendite 5% und der Umsatz 100 Geldeinheiten (GE), dann führt die Rückverlagerung zwar zu einer Reduktion von 5 GE, aber erfordert, dass VW in Wolfsburg nun 100 GE mehr VW Passat in die USA verkaufen wird. Damit aber steigt netto der deutsche Leistungsbilanzüberschuss um 95 GE.

Umbau der deutschen Wirtschaftsstruktur

Nun mag man der Meinung sein, dass es keinen Grund gibt, die stark auf den Export fokussierte Wirtschaftsstruktur Deutschlands umzubauen. Man könne doch das Problem einfach dadurch lösen, dass Deutschland mehr Güter aus dem Ausland bezieht. Stellt man sich aber die Frage, warum denn jetzt Deutsche nicht schon mehr Waren aus dem Ausland kaufen, wird man als Antwort geben müssen, dass in manchen Bevölkerungskreisen das Einkommen dazu nicht ausreicht bzw. im Vergleich zu ausländischen Waren deutsche Waren einfach günstiger sind.

Wenn wir nun, wie von mir vorgeschlagen, in Deutschland die Löhne kräftig erhöhen, dann wird notwendig der reale effektive Wechselkurs Deutschlands steigen und damit deutsche Exportgüter an preislicher Wettbewerbsfähigkeit einbüßen. Dieser Nachfrageausfall aber kann nur durch den deutschen Binnenmarkt kompensiert werden. Um diesen Umbau der deutschen Wirtschaft zu bewerkstelligen, sind, wie Heiner Flassbeck und Friederike Spiecker richtig festhalten, staatliche Investitionen in die „Infrastruktur, „Umwelt“ und „Bildung“ nötig.

 

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