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Deutschland schnürt den Gürtel am engsten

Deutschland wird 2019 wieder einmal Exportweltmeister sein. Leider geht in der Analyse der Medien einiges durcheinander. Versuch einer Richtigstellung.

276 Milliarden Dollar wird der deutsche Leistungs­bilanzüberschuss 2019 wohl betragen, berichtet die ZEIT. Es folgen Japan und China mit jeweils 188 und 182 Milliarden Dollar. So weit, so schlecht. Dann allerdings wird im gleichen Bericht behauptet:

„Eine Leistungsbilanz zeigt an, dass das betreffende Land mehr produziert als verbraucht hat. Weist ein Land einen Leistungsbilanzüberschuss auf, so führt es mehr aus, als es selbst an fremden Waren und Dienstleistungen nachfragt.“

Das klingt bekannt, weil es so oder so ähnlich schon unzählige Male in den Medien behauptet wurde. Die Aussage ist dennoch falsch. Es wird die Leistungsbilanz mit der Handels- und Dienstleistungsbilanz verwechselt.

Internationale Wirtschaftsbeziehungen und ihre statistische Erfassung

Die Zahlunsgbilanz erfasst alle wirtschaftlichen Transaktionen von Inländern und Ausländern innerhalb eines bestimmten Zeitraums (meist ein Jahr). Die rein finanziellen Transaktionen (bspw. Aktien­käufe) werden aus­schließlich in der Kapitalbilanz verbucht, der Kauf von Waren und Dienst­leistungen mit Geld oder per Kredit wiederum in der Handels- bzw. Dienstleistungsbilanz und nicht direkt in der Leistungsbilanz.

Dem „Abfluss“ eines Gutes steht einem Zufluss an „Kapital“ entgegen. Spricht man von „Kapital“, dann ist in diesem Kontext bei einem Zufluss konkret ein Zuwachs von Forde­rungen gegen­über „dem Ausland“ oder bei einem „Abfluss“ einer Reduktion von Verbindlichkeiten gegenüber „dem Ausland“ gemeint.

In der Leistungsbilanz werden dann die Zahlen aus der Handels- und Dienstleistungsbilanz, den Arbeits- und Kapitaleinkommen sowie den sogenannten laufenden Übertragungen aggregiert. Im Jahr 2018 beispielsweise verzeichnete Deutschland einen Überschuss in der Leistungsbilanz von 246 Milliarden Euro und einen Überschuss in der Handelsbilanz von 222 Milliarden. Die Dienstleistungsbilanz lag im Defizit mit 20 Milliarden Euro. Dazu kamen noch die Primäreinkommen (grenzüberschreitend gezahlte Arbeitsentgelte und ebenfalls grenzüberschreitend erwirtschaftete Einkommen aus Vermögensanlagen) von 92 Milliarden Euro und die Sekundäreinkommen (grenzüberschreitende Zahlungen, denen keine unmittelbaren Leistungen des Auslands gegenüberstehen, wie Zahlungen an supranationale internationale Organisationen) in Höhe von -48 Milliarden Euro.

Deutsche Kredite finanzieren keine Exporte

Aus der Handels- und Dienstleistungsbilanz lässt sich also entnehmen, ob ein Land mehr produziert als es verbraucht hat. Dabei schlägt sich jeder Export auch in der Kapitalbilanz nieder. Allerdings ist es nicht so, wie es das ifo-Institut darstellt: Keineswegs werden zur Finanzierung der deutschen Exporte Kredite aus Deutschland gleich mitgeliefert. Die Bundesbank hat in ihren „Banking Statistics“ noch nicht einmal eine Kategorie „Kredite an Personen oder Unternehmen im Ausland“. Fragmente von Daten lassen den Schluss zu, dass deutsche Banken kaum Kredite an Haushalte und Unternehmen im Ausland vergeben.

Wir halten fest: Die Aussage, dass deutsche Kredite die Exporte ins Ausland finanzieren, ist falsch. Auch der Ifo-Aufsatz, auf den sich der ZEIT-Artikel stützt, ist in dieser Hinsicht nicht besonders erhellend. Das Wort „Kapital“ wird dort übrigens nicht ein einziges Mal erwähnt. Umso mehr fragt man sich, warum der ZEIT-Artikel diesen Begriff überhaupt ins Spiel bringt. Nicht-Ökonomen wissen normalerweise nicht, was mit „Kapital“ genau gemeint ist. Inakzeptabel ist in dem Ifo-Artikel allerdings das völlige Verschweigen der Frage, wie es das Ausland bewerkstelligt hat, mehr Güter von uns zu kaufen, als wir von ihnen.

Exporte sind schlecht und Importe gut?

Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht wäre es wünschenswert, wenn wir in Deutschland unsere Produktion auch konsumieren würden. Wenn wir etwas exportieren, um dafür Güter aus dem Ausland zu importieren, die wir selbst nicht herstellen können, dann ist gegen den internationalen Handel nichts einzuwenden. Bei der kritischen Diskussion der deutschen Handelsbilanzüberschüsse geht es aber nicht um die Infragestellung des internationalen Handels, sondern darum, dass die Deutschen im Endeffekt auf Konsum verzichten und im Gegenzug Nettoforderungen gegen das Ausland aufbauen. Auch das ist an sich nicht problematisch. Problematisch ist, dass der Aufbau solcher Nettoforderungen nicht dort stattfindet, wo der Konsumverzicht anfällt.

Die Zahlungsbilanz erfasst alle wirtschaftlichen Transaktionen zwischen Inländern und Ausländern innerhalb eines Zeitraums. Da es aber in der wirklichen Welt kein „Deutschland“ gibt, das exportiert und importiert, muss bei der Interpretation der Zahlungsbilanz genau hingeschaut werden. Tun wir das, dann stellen wir fest, dass der Unternehmenssektor in den letzten Jahren – vor allem vor der Krise von 2008/09 bis ins Jahr 2014 – durch einen geringen Lohnanstieg zum Nettosparer geworden ist. Gleichzeitig haben die geringen Lohnzuwächse dafür gesorgt, dass das Reallohnwachstum unter dem Produktivitätswachstum lag.

Was sagt uns der deutsche Leistungsbilanzüberschuss?

Der deutsche Leistungsbilanzüberschuss und seine Zusammensetzung deutet darauf hin, dass viele Arbeitnehmer in Deut­schland aufgrund von relativ niedrigen Löhnen den Gürtel enger schnallen als sie müssten und weniger konsumieren als sie produzieren. Die Differenz entfällt auf die Gewinne von Unternehmen, die nicht zu mehr Konsum und damit zu mehr Importen führen. Der deutsche Leistungs­bilanz­über­schuss ist ein pathologisches Symptom für einen aus dem Ruder gelaufenen Vertei­lungs­konflikt, der das Ausland in immer mehr Schulden stürzt. Jeder Euro an deutschen Exportüberschüssen bedeutet einen gleich hohen zusätzlichen Aufbau von Nettoforderungen gegenüber dem Ausland.

Solange die Schuldenzunahme beim Staat liegt, dieser eine eigene Währung hat und damit kein Risiko eines Zahlungsausfalls existiert, wäre das ganze kein Problem. Steigt aller­dings die private Verschuldung an und rutschen Haushalte und Unternehmen immer weiter ins Defizit, wird das Ausland die deutschen Güter und Dienstleistungen irgendwann nicht mehr kaufen können. Ob der nächste Crash dann gleich wieder in eine große Finanzkrise übergeht, hängt davon ab, wie die Finanzverpflechtungen der Banken und Finanzmarktteilnehmer aussehen. Und ob beziehungsweise welche Maßnahmen der Staat zur Stabilisierung von Wirtschaft und Finanzmarkt ergreift.

Zu hoffen ist, dass diesmal in Europa keine Zinsen erhöht werden und keine Austeritätspolitik betrieben wird, sondern die die EZB die Zahlungsfähigkeit aller ihrer Mitgliedsstaaten ohne Wenn und Aber garantiert und die nationalen Regierungen mit einer Erhöhung der Staatsausgaben – Stichwort: Green New Deal – das Be­schäf­tigungsniveau stabilisieren.

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