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Konjunktur | 14.02.2020

Die deutsche und europäische Konjunktur im Frühwinter 2019 – 2

Wir verwenden den Teaser vom Vorjahresmonat, denn alles bestätigt sich – nur auf schlimmerem Niveau: „Die Industrie geht klar bergab. Doch die Finanzpolitik starrt wie das Kaninchen auf die Schlange.“ Jetzt zuckt sie und plant – was sonst – Steuersenkungen.

Schon seit 2018 ist klar, Europa geht in eine Rezession. Seit 2019 ist auch klar – Deutschland noch schneller! Im Dezember ging die deutsche Industrieproduktion um -2,5 % zurück und liegt damit als einziges EWU-Land bereits unter dem Index von 2015 (Abbildung 1). Auch Italien, Frankreich und die EWU insgesamt hatten im Vergleich zum Vormonat deutliche Verluste zu verzeichnen und nähern sich rasant dem Stagnationslevel.

Abbildung 1

Neben dem deutlichen Rückgang im Euroraum (ohne Deutschland) sieht es auch in Großbritannien seit 2019 schlecht aus (Abbildung 2). Immerhin stürzte die britische Industrieproduktion im Dezember nicht noch weiter ab. Abzuwarten bleibt, welche Signale der nun vor dem Vollzug stehende Brexit senden wird.

Abbildung 2

In Südeuropa herrscht Stagnation und schon seit 2017 kein Fortkommen mehr (Abbildung 3). Die griechische Industrie konnte nach langer und deutlicher Talfahrt im Oktober und November zwar wieder einen Zuwachs von 2,6 % verzeichnen, befindet sich damit aber gerade wieder auf dem Niveau von August 2011. Immerhin in Portugal zeigt die Tendenz seit September wieder nach oben, während es in Spanien im gleichen Zeitraum kaum Veränderungen gab.

Abbildung 3

Auch in den kleineren west- und mitteleuropäischen Ländern gibt es klare Rezessionsindizien. Am deutlichsten in Österreich, wo die Industrieproduktion im Vergleich zum Vorjahresmonat November um -6,2 % gesunken ist. Die Niederlande haben das Stagnationslevel erreicht – Tendenz weiter sinkend – und sind wieder dort angelangt, wo sie 2009 standen. Einzig Belgien kann die Rolle des gallischen Dorfes spielen und sich noch gegen den Abschwung stemmen (Abbildung 4).

Abbildung 4

Nordeuropa ist weiterhin schwer einzuordnen. Konnte Dänemark im Dezember 2018 noch einen ganz außergewöhnlichen Zuwachs verzeichnen, der auf Sonderfaktoren zurückzuführen war, gab es seitdem einen deutlichen Abschwung mit großen Ausschlägen. Zwar zog die Produktion im Dezember 2019 um satte 7,5 % an, sie liegt dennoch um -8,1 % niedriger als im Vorjahresmonat (Abbildung 5). Finnland befindet sich weiter auf dem Weg nach oben, Schweden in einer Stagnationsphase auf recht hohem Niveau.

Ganz anders wiederum Norwegen, das tief in die Rezession geschlittert war und sich nun mit deutlichen Zuwächsen in den letzten Monaten (7,6 % seit August) vorerst erholen und wieder über den Index klettern konnte.

Abbildung 5

Die baltischen Länder sind nun endgültig von der europäischen Abschwächung erfasst worden (Abbildung 6). Lettland und Litauen stagnieren, Estland ist im Vergleich zum Vorjahresmonat sogar um -11,5 % eingebrochen.

Abbildung 6

In den mittel- und osteuropäischen Ländern, die sich in den letzten Jahren relativ gut entwickelt hatten, sind die Folgen der Abschwächung nun auch klar zu erkennen. Bei der Abhängigkeit dieser Länder von westlichen Industriefirmen, die hier ihre Produktionsstätten haben, ist das kein Wunder. Wie schon im Vormonat hatten Slowenien (-2,2 %), Ungarn (-4,4 %), Tschechien (-1,1 %) und die Slowakei (-1,5%) im Dezember Rückgänge zu verzeichnen (Abbildung 7). Auch Polen, dessen Industrie im September, Oktober und November noch einmal zulegen konnte, scheint nun ans Ende seiner seit 2013 andauernden Wachstumsphase gekommen zu sein (-3,7 %).

Abbildung 7

Besonders hoffnungslos sieht die Lage in Rumänien aus. Nach einer langen Stagnationsphase von 2018 bis 2019 befindet sich das Land seit April in einem langen Abschwung. Auf noch niedrigerem Niveau stagnieren Kroatien und Bulgarien nun schon seit etwa 3 Jahren. Wobei die Produktion in Kroatien nach wie vor unter dem Niveau von 2009 liegt. In allen drei Ländern ging es auch im Dezember bergab. (Abbildung 8).

Abbildung 8

Auf eine entschlossene Reaktion der EU auf diese bedrohliche Entwicklung wartet man immer noch. Derzeit herrscht Streit über die Finanzierung des Green Deals. Und die Bundesregierung? SPD und Bundesfinanzminister Olaf Scholz fordern, den Abbau des Solidaritätszuschlags um ein halbes Jahr auf diesen Juli vorzuziehen. Zusätzlich will Scholz „ein Paket zur steuerlichen Standortverbesserung vorlegen“. Einen Zeitplan für die Maßnahmen, die ein „Konjunkturimpuls“ sein sollen, gibt es noch nicht. Immerhin redet man erst gar nicht mehr von Konjunkturpolitik.

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