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Konjunktur | 21.02.2020

Die deutsche und europäische Konjunktur im Frühwinter 2019 – 3

Die deutsche und die europäische Rezession gehen inzwischen weit über die Industrie hinaus. Die Reihen der optimistischen Konjunkturforscher lichten sich. Trübe Aussichten für 2020.

Deutlichere Warnhinweise für die Bundespolitik kann es eigentlich nicht mehr geben. Es ist kein Einbruch, sondern mit -10 % schon ein Einsturz, was Deutschlands Bauproduktion im Dezember erlebte. Damit ist in der gesamten EWU – wie die Industrieproduktion (siehe Konjunkturbericht Teil 2) – auch die Bauproduktion deutlich zurückgegangen (Abbildung 1). Frankreich bildet hier keine Ausnahme.

Abbildung 1

In den südeuropäischen Ländern gibt es seit nunmehr 6 Jahren eine konjunkturelle Superflaute. (Abbildung 2). In allen drei Ländern ist die Bauproduktion im Dezember zurückgegangen. Am deutlichsten in Italien (-4,1 %), dessen Produktion nun unter dem Indexwert von 2015 liegt.

Abbildung 2

Auch in den mittel- und osteuropäischen Ländern gab es im Dezember mit Ausnahme Tschechiens nur Verlierer. Ungarn, das bis Anfang 2019 einen rasanten Aufstieg hinter sich hatte, ist die Bauproduktion am deutlichsten zurückgegangen (Abbildung 3). Bulgarien bleibt weiterhin das Schlusslicht mit einem Niveau, das weiter unter dem des Jahres 2009 liegt.

Abbildung 3

In den Niederlanden hat der langjährige ungebrochene Aufschwung endgültig sein Ende gefunden. Österreich zeigt unter heftigen Schwankungen noch keine klare Tendenz, hat aber im Dezember ebenfalls einen Rückgang der Bauproduktion hinter sich (Abbildung 4). Einzig Dänemark und Schweden konnten im Dezember leicht zulegen.

Abbildung 4

Der Einzelhandelsumsatz steigt – oder?

„Einzelhandelsumsatz im Dezember 2019 real 0,8 % höher als im Dezember 2018“ lautet der beschönigende und irreführende Titel der Pressemitteilung des Statistischen Bundesamts. Erst wenn man das „Kleingedruckte“ liest, fällt auf, dass die Rezession im Dezember auch den deutschen Einzelhandel erfasst haben dürfte – nämlich mit -2,2 % im Vergleich zum Vormonat. Das Bundesamt meldet sogar -3,3 %. Tatsächlich kam es trotz leicht steigender Realeinkommen 2019 (um etwa 1,2 %) im Einzelhandel über das ganze Jahr kaum zu einer Belebung (Abbildung 5). Diese Dezember-Trendwende gilt für die gesamte EWU (-1,7 %).

Abbildung 5

Die Entwicklung der gesamten EWU findet sich auch in Südeuropa bestätigt. Im Monat Dezember fielen die Einzelhandelsumsätze in Griechenland, Spanien und Portugal. In Portugal ging es bisher langsam, aber stetig nach oben, was sicher der Politik der Regierung zuzuschreiben ist, die sich die Stützung der Masseneinkommen auf die Fahne geschrieben hat (Abbildung 6). Wie es dort nun im Umfeld der insgesamt rezessiven Entwicklung weitergeht, bleibt abzuwarten.

Abbildung 6

Arbeitslosigkeit im Euroraum weiter unverändert

Die Rezession in der Industrie- und Bauproduktion schlägt sich noch nicht in der Arbeitslosigkeit im Euroraum nieder. Sie liegt in der EWU noch immer bei 7,5 % und damit immer noch so tief wie seit Mitte 2008 nicht mehr (Abbildung 7). Frankreich hält sich trotz der politischen Krisen unverändert zum Vormonat unter der 9-Prozent-Marke. In Italien liegt die Arbeitslosigkeit um 0,6% niedriger als im Vorjahresmonat. Dennoch handelt es sich um Arbeitslosenzahlen auf insgesamt hohem Niveau, vergleicht man sie mit Deutschland. Dort liegt die Arbeitslosigkeit weiter unverändert bei 3,2 %.

Abbildung 7

In Spanien und Griechenland geht der schleppende Rückgang der Arbeitslosenzahlen seit 2014 im Dezember weiter. Portugal hatte nun zum zweiten Mal in Folge wieder einen leichten Anstieg (0,2 %) zu verzeichnen und liegt nun bei 6,9 %.

Abbildung 8

Im internationalen Vergleich wird das hohe Niveau der EWU-Arbeitslosenquote besonders deutlich (Abbildung 8). Die USA liegen stabil unter vier Prozent, Japan gar deutlich unter drei. Beide Länder haben eine aktive Finanzpolitik betrieben, was sich Europa aus rein ideologischen Gründen selbst versagt hat.

Abbildung 9

Leichte Abschwächung, aber noch immer Deflation

Mit Christine Lagarde als neuer Chefin hat sich die EZB eine Überprüfung ihres geldpolitischen Instrumentenkastens und ihres Zielsystems vorgenommen. Hintergrund des Ganzen ist nicht zuletzt, dass die Inflationsrate im Euro-Raum seit Jahren trotz der expansiven Ausrichtung der Geldpolitik das Inflationsziel von knapp unter 2 Prozent verfehlt.

So konnte sich die deflationäre Entwicklung im Euroraum zwar im November und Dezember leicht abschwächen, liegt aber nach wie vor weit unter der Zielinflationsrate der EZB (Abbildungen 9). Insbesondere die Erzeugerpreise der Industrie befinden sich weiter unter der Nulllinie.

Abbildung 10

Auch das zeigt das Versagen Europas, insbesondere aber der Währungsunion. Weil die Arbeitsmarktsituation sich nur äußerst schleppend verbessert und die Arbeitslosenquote im internationalen Vergleich weiter hoch ist, sind die Einkommen bis zuletzt nur wenig gestiegen. Damit fehlt die entscheidende Voraussetzung, um die Kerninflationsrate nahe dem Inflationsziel zu stabilisieren.

In einzelnen Ländern ist aber auch bei den Verbraucherpreisen die Nulllinie ganz nah (Abbildung 11). Allerdings war in sämtlichen Ländern, die sich bisher auf dem besten Wege in die Deflation befanden, nun im zweiten Monat in Folge ein Preisanstieg zu verzeichnen. Auch in Deutschland zogen die Verbraucherpreise um 1,5 % im Vergleich zum Vorjahresmonat an.

Abbildung 11

Ist Corona Schuld?

Die Zahlen insbesondere für Deutschland sind so trostlos, dass das Gerede von einer „technischen Rezession“ nur noch ein Euphemismus sein kann. Die ersten Volkswirte setzen das Wachstum Deutschlands im ersten Quartal 2020 bereits wieder unter die Nulllinie – zum Teil noch unter der Annahme eines boomenden Baus, dessen Produktion aber wie gezeigt im Dezember deutlich eingestürzt ist. Nun sollen es die Auswirkungen des Coronavirus auf die Weltwirtschaft sein, der für die Misere des Exportweltmeisters verantwortlich ist. Jetzt glauben nicht einmal Optimisten an ein stärkeres Wachstum der Konjunktur im Jahresverlauf.

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