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Marktgläubige Untergangsfantasien | 07.02.2020 (editiert am 14.02.2020)

Die falschen Propheten

Wenn Untergangsprognosen Hochkonjunktur haben, so war dies stets ein Ausdruck verschärfter, sozioökonomischer Konfliktlagen. Wo die Warnrufe jedoch gerade von jenen kommen, deren Denkschema die Krisenstimmung erst heraufbeschworen hat, sind ernsthafte Zweifel geboten.

An Untergangsfantasien mangelt es der menschlichen Geschichtsschreibung wohl ebenso wenig, wie an den dazu passenden Heilsbotschaften. Schon die überlieferten Mythen und Weltreligionen bieten in dieser Hinsicht eine Fülle an apokalyptischen Endzeitbeschreibungen, deren Kommen so unausweichlich wie deren Sinn und Zweck ebenso notwendig sei.

„Weh, weh, du große Stadt Babylon, du starke Stadt, in einer Stunde ist dein Gericht gekommen!“ beschwört so beispielsweise schon der Jünger Johannes in seinen Offenbarungen ein überraschend weltliches Untergangsszenario:

„[D]ie Kaufleute auf Erden werden weinen und Leid tragen um sie, weil ihre Ware niemand mehr kaufen wird.“ (Kap. 18: Vers 10-11).

Dass einzelwirtschaftliche Blindheit damit oftmals als Vorbote volkswirtschaftlicher Malaise erscheint, konnte der Apostel damals offenbar bereits erahnen, wenn auch das Lösungsszenario dagegen umso mystischer anmutet:

„Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen.“ (21:1).

Mit ein wenig gutem Willen lässt sich Johannes damit zum Crash-Propheten des Neuen Testaments deklarieren. Und damit auch zu jener Gattung an kritischen Geistern, deren Mahnworte heutzutage wieder besonders stark mit hohen Rängen auf einschlägigen Bestsellerlisten korrelieren. Ob nun vom drohenden „Weltsystemcrash“ die Rede ist, vom „Draghi-Crash“ oder gar vom „größten Crash aller Zeiten“, ist dabei eigentlich unwesentlich. An der nötigen Aufmerksamkeit mangelt es den Alarmschlagenden jedenfalls kaum.

Lieber sehenden Auges in den Untergang

Denn zeichnen sich am geschichtlichen Horizont nicht gerade wieder Krisenphänomene nahezu biblischen Ausmaßes ab? Noch nie dagewesene Schuldenberge und Nullzinsen. Wirtschaftliche Verschwendungssucht bei unseren europäischen Nachbarn. Ja eine Horde Untoter sogar!

Nun mag sich zwar die Weltdeutung in den zurückliegenden Jahrhunderten zunehmend säkularisiert haben. Die Ängste vor dem Untergang sind jedoch auch in den zurückliegenden Jahrhunderten zunehmender Prosperität und wissenschaftlicher Fortschritte geblieben. Stets tauchen sie zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Stellen des öffentlichen Diskurses wieder auf, weil sie immer schon von innerpsychischen Bewältigungsmustern des Menschen herrühren, auf die in Phasen des Ausgeliefertseins gegenüber diffusen, oftmals nur abstrakt wahrgenommenen Ungewissheiten zurückgegriffen wird.

Denn was im Alltag sonst nur als spontane, partikulare Kränkung erfahren werden könnte – berufliche oder biografische Widrigkeiten, Probleme im sozialen Umfeld, bis hin zu den kafkaesken Gängelungen innerhalb bestimmter Institutionen – löst sich im Degenerationsszenario zumindest auf in etwas Sinnhaftes. Und wo die Enttäuschung und Wut im Alltagskontext oft wirkungslos verpufft, da bettet sie das Narrativ des Untergangs in etwas Höheres ein. Eine kollektive Kränkung! Schnell wird der Crash damit zum fantasierten Trostbild, das mehr ersehnt, als noch gefürchtet wird: Lieber sehenden Auges in den Untergang, als ein „Weiter so!“ im Bestehenden.

Nun ist damit aber natürlich nicht gesagt, dass sozioökonomische Probleme auf der Welt wahnhafte Einbildungen wären. Dass gerade die wirtschaftlichen Ungleichgewichte in Europa, wie die grassierenden Ungleichheiten zwischen Arm und Reich kein Anlass zur Sorge wären. Oder dass auch eine jahrelange Hausse auf den Finanzmärkten nicht zunehmend unheilschwanger wirkt. Ein zukünftiger Crash ist unter diesen Voraussetzungen jedenfalls keineswegs undenkbar (hier zuletzt anschaulich dargelegt).

Nur wo beginnt die fundierte Mahnung und wo verschiebt sie sich in allzu schrille Register? Oder um erneut biblisch zu sprechen: Womit geben sich die Wölfe im Schafspelz zu erkennen?

Die Ursünden der EZB

Die wohl populärste falsche Fährte beginnt hierzulande meistens dort, wo sie direkt auf das gekränkte Gemüt der deutschen Sparerseele abzielt. Denn in welcher Welt kann es schon richtig sein – so die aus Kleinsparersicht keineswegs unbegründete Empfindung –, dass man jenen, welche den Cent ehren, gar mit nomineller Geldentwertung droht, während umgekehrt des Schuldners Unvernunft bereitwillig gefördert wird? Für die sparenden deutschen Haushalte mag die EZB und ihre Geldpolitik als Sündenbock daher nur allzu naheliegend sein. Aufgekündigte Sparbücher, das Damoklesschwert der Strafzinsen, erhöhte Kontoführungsgebühren und Negativrenditen die niederen Resultate ihres Schaffens.

An dieser Stelle wäre nun sicherlich der makroökonomische Zusammenhang aufzuklären, innerhalb dessen die Entscheidungen der EZB, in Anbetracht ihres geldpolitischen Mandats, nur als logisch notwendige Schritte erscheinen können. Doch anstatt diese bereits hier als Teil eines breiteren, politökonomischen Institutionengefüges darzustellen, deren Tun nicht zuletzt auch von dem Tun – oder besser gesagt: dem Lassen – der politischen Akteure abhängt, bedienen die Crash-Propheten zuallererst einmal die Gefühlsklaviatur enttäuschter Sparwünsche. Wobei als Ursünde freilich nur das Schuldenmachen benannt zu werden braucht.

Daher kommen wohl auch die derzeit hochgefragten Wirtschaftsjournalisten Marc Friedrich und Matthias Weik auf die glorreiche Idee, in ihrem neuen Buch die absoluten Schuldenstände der Welt aufzusummieren und zum Menetekel des drohenden Untergangs aufzublasen.[1] Lässt man nämlich die jahrelang kumulierten Vermögensbestände der Weltwirtschaft einfach weg (sowohl die Reingewinne, wie auch das in Substanzwerten gebundene Kapital der Unternehmen), dann lassen sich gedanklich leicht schwindelerregend hohe Schuldenstände konstruieren, die scheinbar mit nichts in der realen Welt gedeckt sind. Dass nur weniger das Schulden machen, als das Sparen wollen eigentlich das Problem der Welt von heute ist, mag dann beim Kleinsparer bereits wie unbekanntes, extraterrestrisches Rauschen klingen.

Marktgläubige mit falscher Zunge

Wirklich interessant an diesem Beispiel ist aber umso mehr, dass derart neoliberales Denken sogar überall dort Krisentendenzen ausmachen kann, wo es diese gar selbst heraufbeschworen hat. Denn wo im Namen wirtschaftlicher Vernunft und unter deutschem Diktat das Sparen für Europa zur Pflicht wurde, da stottert nun schlussendlich, jetzt wo unsere europäischen Nachbarn denselben Weg mit Müh und Not einschlagen, die Konjunktur. Nur wer dann bei bereits schwächelnder Konsumtion und geringem Investitionsvolumen ernsthaft fordert, dass Sparen wieder rentabel und Schulden machen wieder teurer werden müsse, der plädiert letztendlich für nichts Geringeres als für eine Verschärfung der Krise.

Aus diesem Paradox meint sich der marktgläubige Dogmatiker aber argumentativ zu befreien, indem tief in die kommunikative Trickkiste gegriffen wird. Beispielhaft demonstriert das der Degussa-Ökonom Dr. Markus Krall (ebenfalls designierter Crash-Prophet). Denn wie es sein Denkschema will, nimmt jedwede Krisendynamik erst bei preisverzerrenden, staatlichen Interventionen ihren Anfang, so dass sich selbst die aus neoliberaler Politik entsprungenen Krisenphänomene am Ende gar als Folge staatlichen Fehlverhaltens darstellen lassen.[2] Eifrig zeigt der Marktgläubige daher schnell mit dem Finger überall dahin, wo es nur entfernt nach Interventionismus riecht, wo er vorher aber doch selbst noch heimlich gezündelt hatte. Mit dem (un)schönen Nebeneffekt nur, dass sich in einer derart zirkulären Argumentationskette schließlich die Prophetie des Propheten ganz von selbst erfüllt: Der Crash kommt und er erscheint auch noch als einzige Lösung.

Wem die wirtschaftliche Krise so aber vollends zur Heilsbotschaft mutiert, von dem kann man wohl auch kaum noch hilfreiche Zukunftsvisionen erwarten. So beschwört Krall für die Zeit nach dem Crash nur das Zeitalter der großen Freiheit herbei, nachdem die Menschheit endlich für ihr „sozialistisches Experiment“ gebüßt und die EZB ihr Babylon erlebt haben mag. Bei Friedrich und Weik wird dagegen nur höchst nebulös von dem nächsten Schritt auf der Stufe des Bewusstseins und einem Heilsbringer namens KI schwadroniert.

Wo die Diagnose also schon derart bruchstückhaft ausfiel, da kann es auch kaum wundern, wenn sich auch die Lösungsvorschläge umso mehr in mystisches Dunkel hüllen. An diesem Punkt wird den Autoren wohl wie dem Jünger Jesu offenbar, dass wer sich der beschriebenen Krisensymptome beinahe genüsslich bedient, wohl kaum seinen Anhängern noch das kommende Übel ersparen wollen kann. Er kann es ihnen dann aber umso mehr als Erlösung schmackhaft machen.

Die Crash-Sehnsucht ist hausgemacht

Der literarische und rhetorische Erfolg der Crash-Propheten ist daher eher zu bedauern, als er notwendige Mahnung wäre. Zu viele (neoliberale) Nebelkerzen befinden sich unter ihnen, welche die Sicht auf ökonomische Problemlagen zusätzlich trüben, als erhellen könnten. Das wiederum ist jedoch nicht den Alarmisten selbst zuzuschreiben, sondern letztendlich nur das Resultat einer langandauernden Diskursarmut in Deutschland, die den Markt für Katastrophenmeldungen stetig neu anfacht.

Wie das funktioniert, das war erst kürzlich wieder zu beobachten bei hart aber fair, wo erneut grandios verpasst wurde, die Rolle der EZB gerade auch im Kontext deutscher, lohnpolitischer Versäumnisse (fast möchte man Sünden sagen!) zu erhellen. Wieder einmal blieb die EZB am Ende nur als Prügelknabe der Nation, so dass sich auch nahezu alle einig waren: Die Nullzinsen seien nun für lange Zeit so hinzunehmen. Wer für die Rente sparen wolle, der könne dafür aber nun endlich lernen wie private Vorsorge richtig gehe. Über die Aktienmärkte nämlich. Was auch sonst?

Fast will man sich in einer derart diskursiven Leere den Crash noch möglichst schnell herbeiwünschen – auch wenn der jüngste Tag dann, wenn er denn kommt, vielleicht doch nicht die beste aller Lösungen gewesen sein wird.

 


Literatur

[1] Friedrich, Mark; Weik, Matthias (2019): „Der größte Crash aller Zeiten. Wirtschaft, Politik, Gesellschaft – Wie Sie jetzt noch Ihr Geld schützen können.“ Köln: eichborn.
[2] Krall, Markus (2017): „Der Draghi-Crash. Warum uns die entfesselte Geldpolitik in die finanzielle Katastrophe führt.“ München: FBV.

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