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Demokratie und Staat | 11.02.2020

Für eine linkspopuläre Alternative

Globalisierungsprozesse schaffen eine neue Konfliktlinie. Es fehlt eine links-kommunitaristische Kraft, die die Bedeutung von nationaler Demokratie und Solidarität hervorhebt.

In Deutschland sind substantielle Teile der Bevölkerung ökonomisch abgehängt. Weitere Teile der Bevölkerung haben den Eindruck, massiv sozial unter Druck zu stehen oder zumindest erhebliche Ängste vor der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung. Trotzdem existiert keine politische Kraft, die die Vertretung dieser Menschen als ihre primäre Aufgabe ansieht.

Es ist klar, dass sich die alten bürgerlichen Parteien CDU/CSU, FDP und die neubürgerliche Partei der Grünen an eine andere Kernklientel wenden. Aber auch die SPD sieht ihre Hauptzielgruppe bereits seit längerem in den erfolgreichen Facharbeitern, höheren Angestellten und Beamten mit jeweils relativ guten Arbeitsverträgen und unter relativ geringem Abstiegsdruck.

Prinzipiell käme Die Linke für eine Vertretung dieser sozialen Gruppen in Frage, sie wird aber nur in geringem Maße als attraktiv angesehen. Zum einen, weil man ihr keine kompetente Wirtschaftsstrategie zutraut, vor allem aber, weil sie in aktuellen Kernfragen (Migration, Europa) andere Positionen einnimmt als diese Klientel. De facto besteht hier eine große Repräsentationslücke im Parteiensystem, die nicht zuletzt zur Wahlenthaltung führt.

Zu einem nicht unerheblichen Teil profitiert auch die AfD von dieser Repräsentationslücke. Letzteres ist jedoch oftmals ein großes Missverständnis, wenn man die neoliberalen Positionen dieser Partei einbezieht. Dieser Einschätzung unterliegt aber eine zu einfache, eindimensionale Wahrnehmung des Parteienwettbewerbs.

Kosmopolitsmus und Kommunitarismus

Traditionell hat die Links-Rechts-Dimension in den vergangenen Jahrzehnten den meisten Parteien (und ihren Wählern) als Bezugsrahmen für die Verortung im politischen System gedient. Menschen haben sich zumeist entweder als „links“, „rechts“ oder in der Mitte des politischen Spektrums verortet.

Ausschlaggebend für die Zuordnung war normalerweise die Wirtschafts- und Sozialpolitik, etwa die Frage, ob der Staat die Verteilung wirtschaftlicher Güter durch Marktprozesse akzeptieren (rechts) oder sozial ausgleichend eingreifen soll (links). Diese sozialpolitische Zuordnung geht in der Regel mit spezifischen Präferenzen in Bezug auf die internationale Politik einher, bei der für rechts eine robuste Wahrnehmung nationaler Interessen eintritt (notfalls auch mit Waffengewalt), während für links die Leitnorm des Internationalismus dominiert, häufig kombiniert mit eher pazifistischen Positionen, weil ja gerade die weniger Privilegierten besonders unter Konfrontationen und Kriegen leiden.

Die traditionelle Dominanz der Links-Rechts-Orientierung soll uns aber nicht davon ablenken, dass es auch andere Dimensionen gibt, die den politischen Wettbewerb strukturieren können. Um die Jahrtausendwende war das beispielsweise die Liberal-Konservativ-Orientierung in der Gesellschaftspolitik. Die rot-grüne Koalition unterschied sich von ihren Vorgängern nicht durch eine linke Wirtschafts- und Sozialpolitik, sondern vielmehr durch eine deutlich liberalere Gesellschaftspolitik, etwa in Gleichstellungsfragen zwischen Männern und Frauen oder in Bezug auf gleichgeschlechtliche Partnerschaften. Die entsprechenden Reformen wurden durch spätere Bundesregierungen nicht zurückgenommen. Diese – früher viel virulentere – Konfliktlinie ist damit inzwischen für den Großteil der Bevölkerung in den Hintergrund getreten.

Heute wird der Parteienwettbewerb zunehmend von einer alternativen Konfliktlinie strukturiert. Für sie hat sich in der aktuellen politischen Diskussion, etwa bei Wolfgang Merkel und Michael Zürn vom Berliner WZB), die Gegenüberstellung von „kosmopolitisch“ versus „kommunitaristisch“ eingebürgert, auch wenn sie die ursprüngliche Verwendung dieser Begriffe in der politischen Philosophie nicht trifft – ganz abgesehen davon, dass eine solche Einteilung (genau wie bei Links-Rechts) immer eine sehr grobe Vereinfachung darstellen muss.

Kosmopolitische Positionen zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht nur in einer globalisierten Ökonomie, einer kulturellen Liberalisierung und einer liberalen Wirtschaftsregulierung die unvermeidbare Moderne zu lokalisieren suchen. Sie manifestiert sich auch in Formen des Regierens jenseits des Nationalstaats und einer – notfalls mit Waffengewalt erzwungenen – globalen Verbreitung von Demokratie und Menschenrechten. Offene Grenzen sind sehr positiv besetzt, nicht nur in Bezug auf den Handel. In der aktuell zentralen Konfliktlinie der Migration befürworten sie eine große Offenheit und Toleranz, Flüchtlinge werden grundsätzlich als Bereicherung gesehen, nicht als Konkurrenten oder Bedrohung.

Kosmopolitische Positionen werden tendenziell von jenen Menschen vertreten, die etwa aufgrund ihrer hohen formalen Bildung, ihres Berufs, ihrer Lebensphase (Jüngere) und ihrer Mobilität von Globalisierungsprozessen und wirtschaftlichem Strukturwandel eher gewinnen oder meinen zu gewinnen. Sie gehen einher mit einer positiven Kultur von Individualismus, Selbstverwirklichung und gesellschaftlicher Modernisierung. Kosmopoliten leben besonders häufig in den gentrifizierten Großstadtvierteln, sie schätzen neue Erfahrungen und kulturelle Vielfalt.

Kommunitaristische Positionen heben dagegen die Bedeutung von lokaler oder nationaler Demokratie und Solidarität hervor. Eine Solidarität, die aber gerade gegenüber Migranten nicht grenzenlos sein kann, um einen funktionsfähigen Sozialstaat aufrecht erhalten zu können. Letzterer ist aus dieser Sicht jedoch essentiell, um Menschen einen Schutz gegen die Unbilden des Marktes zu bieten. Kulturell betonen diese Positionen die Bedeutung von Vertrautheit, Geborgenheit und sozialem Zusammenhalt sowie der Stabilität von Familie, Heimat und Gemeinschaft gegen ungebremste Modernisierungs- und Liberalisierungsprozesse.

Kommunitaristische Positionen zeigen eine ausgeprägte Skepsis gegenüber der wirtschaftlichen Globalisierung und gegenüber internationalen Institutionen, die nationale Demokratie und wirtschaftspolitische Handlungsspielräume unter Druck setzen, wie beispielsweise TTIP oder die Europäische Union. Grenzen werden aus dieser Perspektive durchaus wichtige Schutzfunktionen für die eigene Gemeinschaft beigemessen. Extreme kommunitaristische Positionen, wie jene rechtsextremistischer und rechtspopulistischer Parteien, gehen sogar so weit, den Schutz der eigenen Gemeinschaft in einen Chauvinismus gegenüber anderen zu wenden, einschließlich von Ausländerfeindlichkeit und Rassismus, bis hin zu völkischen Positionen.

Kommunitaristische Positionen werden eher von jenen vertreten, die sich durch Globalisierungsprozesse – etwa im Bereich der Migration – und wirtschaftlichem Strukturwandel unter Druck sehen und in ihrem Lebenswandel stärker an ihre Region gebunden sind. Sie werden eher von formal weniger gebildeten und älteren Wählern vertreten.

Eine Repräsentationslücke im Parteiensystem

Mit der hier vorgenommenen Differenzierung ergeben sich vier Kombinationen, die den politischen Wettbewerb grundlegend strukturieren. Während allerdings die Kombinationen links-kosmopolitisch, rechts-kosmopolitisch und rechts-kommunitaristisch im deutschen Parteiensystem vertreten sind, fehlt eine links-kommunitaristische Kraft.

Sowohl die Parteien der großen Koalition als auch die Oppositionsparteien der Grünen, der Linken und der FDP sind fest im kosmopolitischen Lager verankert, von gelegentlichen Absetzbewegungen der CSU einmal abgesehen. Besonders deutlich wird das bei zwei der absoluten Kernfragen der politischen Diskussion in den 2010er Jahren – der Flüchtlingspolitik und der Europolitik. Alle diese Parteien haben im Jahr 2015 die großzügige Aufnahme von Flüchtlingen aus Syrien begrüßt. Alle dieser Parteien unterstützen den Euro als gemeinsame Währung, trotz seiner massiven Krise und seiner katastrophalen Auswirkungen auf Südeuropa. Wir haben daher in vielen grundlegenden politischen Fragen seit Jahren nicht nur eine „große Koalition“, sondern eine „ganz große Koalition“, die eindeutig dem kosmopolitischen Lager zuzuordnen ist.

Die AfD bietet bisher als einzige Partei eine kommunitaristische Alternative, da sie sich klar gegen die Flüchtlingspolitik der Regierung und auch gegen die gemeinsame Währung, dem eigentlichen Anliegen bei ihrer Gründung, stellt. Und da es sich bei der Flüchtlingsfrage um das wichtigste gesellschaftspolitische Thema der letzten Jahre handelt, kann es nicht verwundern, dass diese Partei einen überraschend schnellen Aufstieg genommen hat, trotz ihrer chaotischen Gründungsphase.

Dabei nehmen viele ihrer Wähler sogar in Kauf, dass die AfD auf der anderen wichtigen Politik-Achse einen ihren Präferenzen gegenüber völlig gegenteilige Position einnimmt, indem sie sozialpolitisch rechte Präferenzen vertritt. Eine Analyse beispielsweise der Wählerwanderungen bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern durch infratest dimap zeigt, dass die AfD weit mehr Wähler von eher linken Parteien (Linkspartei, SPD und Grünen) zugelaufen sind als von der CDU.

Durch die Abwesenheit einer links-kommunitaristischen Option fehlt vielen Wählern gerade in der für viele aktuell besonders bedeutsamen Dimension des Parteienwettbewerbs ein politisches Angebot. Auch ein Teil der seit langem rückläufigen Wahlbeteiligung ließe sich nach dieser Interpretation nicht zuletzt dadurch erklären, dass viele Menschen keine Partei finden, die ihren Präferenzen entspricht.

Die Größe der durch die existierenden Parteien nicht abgedeckten Lücke lässt sich am besten mit einer zweidimensionalen Darstellung des Parteiensystems illustrieren, bei der in der Horizontale die Links-Rechts-Dimension abgebildet ist und in der Vertikalen die Kosmopolitisch-Kommunitaristisch-Dimension, auch wenn die existierenden Parteien hier nur grob zugeordnet werden können.

*Die Einordnung der CSU auf der Kosmopolitisch-Kommunitaristisch-Achse ist nicht ganz eindeutig. Einerseits präsentiert die CSU in Bezug auf die Flüchtlingskrise und Integrationspolitik Forderungen, die nicht weit von jenen der AfD entfernt und mitunter offen rassistisch sind (so ihr Generalsekretär Scheuer über einen „fußballspielenden, ministrierenden Senegalesen“). Andererseits ist sie aber bei anderen Fragen, beispielsweise der Europapolitik oder dem Umgang mit Globalisierung wie im Bereich TTIP, weit weniger kommunitaristisch. Auch in der Links-Rechts-Achse ist die Zuordnung nicht immer ganz klar – einerseits positioniert sich die CSU in Bezug auf die Erbschaftssteuer ganz besonders wirtschaftsliberal, andererseits aber stellt ihr Vorsitzender rentenpolitische Forderungen, die sich von den gängigen wirtschaftsliberalen Forderungen abheben. Die Ungenauigkeit in beiden Dimensionen dient dem Ziel, ein möglichst großes politisches Spektrum abzudecken, um in Bayern weiterhin alleine regieren zu können.

Im deutschen Parteiensystem fehlt eine Partei, die linke Positionen in der sozialen Frage mit einer kommunitaristischen Haltung kombiniert. Alle Wähler, denen eine kommunitaristische Positionierung wichtig ist, sind bisher gezwungen, die AfD zu wählen, selbst wenn sie deren Extremismus und die wirtschaftsliberale Positionierung nicht teilen. Eine skeptische Haltung zu Fragen der unkontrollierten Migration, zur real existierenden EU und zur ungebremsten Globalisierung muss aber nicht mit dem Nationalismus und Rassismus der Rechtspopulisten einhergehen.

Die Notwendigkeit einer linkspopulären Position

Viele Hinweise sprechen dafür, dass ein nicht geringer Teil der deutschen Bevölkerung links-kommunitaristische politische Präferenzen hegt. Stichworte sind hier etwa mangelnde soziale Gerechtigkeit und Abstiegsängste, die Vorbehalte gegenüber einer kosmopolitischen Europa- und Migrationspolitik, die sehr geringe Wahlbeteiligung der sozial Schwachen und die strukturelle Überrepräsentation der Interessen der oberen Mittelschichten und Gebildeten in den Parlamenten.

Da die bestehenden Parteien derzeit nicht in der Lage sind, die links-kommunitaristische Ecke des Parteienspektrums auszufüllen, liegt es nahe, hier eine neue politische Position zu formulieren. Eine solche Positionsentwicklung sollte auch verhindern, dass große Teile der Bevölkerung ihre politischen Vorstellungen nicht repräsentiert sehen und daher nicht mehr zur Wahl gehen oder sogar aus Verzweiflung die AfD wählen, obwohl auch diese Partei von ihren Präferenzen recht weit entfernt liegt und damit ungewollt zum Aufstieg neoliberal-nationalchauvinistischer Positionen beitragen.

Da Mitte-Links- und Mitte-Rechts-Parteien bei wichtigen Themen (Europa, Migration, Globalisierung) eine Variante derselben Politik anbieten, sind die Rechtspopulisten bisher in dieser Hinsicht die einzige deutliche Alternative. Eine Alternativposition zum dominanten Kosmopolitismus lässt sich aber auch auf der linken Seite des politischen Spektrums formulieren. Da eine solche Position viel näher an den Nöten der ärmeren und der abstiegsbedrohten Bevölkerung anknüpft, als die kommunitaristisch-wirtschaftsliberale Kombination der AfD, sollte eine solche Position potentiell sogar weitaus erfolgreicher sein, auch wenn sie jene (kleineren) Teile der AfD-Wählerschaft, die national-chauvinistisch oder sogar rassistisch orientiert sind, nicht ansprechen wird.

Gerade die Tatsache, dass viele ältere Wähler der unteren und mittleren Bevölkerungsgruppen überproportional kommunitaristische Werte teilen, spricht für das Potential dieser Positionierung, da Wahlen in Deutschland immer stärker von den Älteren dominiert werden – bereits jetzt ist mehr als die Hälfte der Wahlberechtigten über 50, 1990 waren das erst 43 Prozent.

Besonders erfolgversprechend sollte eine links-kommunitaristische Position sein, wenn sie im Gegensatz zu den populistischen Parolen und Ressentiments der AfD praktisch realisierbare Alternativen formulieren kann. Ohne solche Alternativen läuft die linke (wie rechte) Kritik an den bestehenden Verhältnissen auf Dauer leer. Notwendig ist daher die Formulierung eines konkreten, positiven Projektes zur Verbesserung der Lebensumstände breiter Bevölkerungsgruppen. Damit ein solches Projekt auch politische Realisierungschancen hat, sollte es so formuliert werden, dass es nicht nur Verbesserungen für die Ärmsten der Armen bringt, sondern auch für andere Bevölkerungsgruppen, insbesondere die untere Mittelklasse, potentiell attraktiv ist.

Essentiell ist hier eine überzeugende wirtschaftspolitische Strategie, jenseits der Fokussierung auf Umverteilung durch den Sozialstaat. Auch eine bloße Ablehnung von starker Migration und dem Euro reicht dafür nicht aus, denn diese Ablehnung enthält noch kein positives Alternativprojekt.

Eine linkspopuläre Position könnte ein solches politisches Projekt darstellen. Ich bezeichne diese Position als „links“, weil der Fokus ganz klar auf den Bedürfnissen der ärmeren Bevölkerungsgruppen liegt. Gegen eine Unterstützung durch das aufgeklärte Bürgertum sollte es keine Einwände geben, die Priorität aber liegt klar bei den Interessen der ärmeren Bevölkerungsschichten und der Verbesserung von deren Lebenssituation.

Eine solche Position wäre früher wohl kaum als eindeutig „links“ eingeordnet worden – allenfalls als klassisch sozialdemokratisch – aber der öffentliche Diskurs ist in den letzten 40 Jahren durch den Siegeszug des Neoliberalismus weit nach rechts gerückt.

Als „populär“ bezeichne ich diese Position aus einer ganzen Reihe von Gründen. Zunächst geht es um eine klare Gegenüberstellung zu kosmopolitischen Positionen. „Links-kommunitaristisch“ wäre daher eine naheliegende Begriffsoption, zumindest aus einer politikwissenschaftlichen Perspektive. Der schottische Publizist Justin Reynolds spricht auch von einem „progressive communitarianism“. Allerdings ist der Begriff des Kommunitarismus für breite gesellschaftliche Debatten zu abstrakt. Wie gesagt, ist er in Bezug auf die wissenschaftliche Verwendung in den Debatten in der Politischen Theorie und Philosophie zudem auch etwas irreführend.

Zudem bietet sich der Begriff des „Populären“ auch insofern an, als dass er eine Abstufung auf der oben dargestellten Kommunitarismus-Achse signalisieren kann. Eine weniger radikale Position als die jener extremen Kommunitaristen, die aus national-chauvinistischer Perspektive eine Volksidentität postulieren.  Die Assoziation mit dem „Populären“ bietet sich weiterhin an, weil eine linkspopuläre Position nicht linksintellektuell motiviert ist (wie beispielsweise große Teile der westdeutschen Linkspartei). Stattdessen ist sie generell weniger an den Interessen der Bessergestellten orientiert, wenn auch nicht mit Ressentiments gegenüber „den Eliten“ geladen.

Populär versus populistisch

“Populär“ hebt sich aber auch von „populistisch“ ab. Zunächst gerät die letztere Bezeichnung immer mehr zu einem pauschalen Kampfbegriff gegen alles, was vom kosmopolitisch-neoliberalen Konsens der etablierten Parteien abweicht. Er lädt damit immer weniger zur positiven Identifikation ein, auch wenn diese Dichotomie natürlich absurd ist. Zumal sie im Regelfall sogar noch weiter zugespitzt wird, zur moralistischen Gegenüberstellung von „guten Demokraten“ und „bösen Populisten“. Diese primitive Gegenüberstellung verweist im Übrigen darauf, dass nicht nur rechte Positionen populistisch argumentieren, sondern auch liberale. Dass die Gegenseite ähnlich moralistisch zugespitzt argumentiert – „gutes Volk“ gegen „böse Elite“ – macht die Sache nicht besser.

Weiterhin deutet der Begriff „populär“ in Bezug auf das obige Schaubild eine weniger radikale Verortung auf der Kommunitarismus-Dimension an als „populistisch“. Linkspopulär ist nicht chauvinistisch, ausländerfeindlich oder rassistisch. Die linkspopuläre Verteidigung des demokratischen Nationalstaats gegen Hyper-Globalisierung und EU-Eingriffe ist klar von der rechtspopulistischen Hervorhebung völkischer Identitäten zu unterscheiden.

„Populär“ bedeutet in Gegenüberstellung zu „populistisch“ zudem auch, dass ein pluralistisches Politikverständnis zugrunde liegt, das nicht in den Kategorien von „Volk“ versus „Elite“ denkt, sondern der Vertretung unterschiedlicher Interessen. Eine linkspopuläre Partei beansprucht nicht die Vertretung der Interessen „des Volks“, sondern jene der sozioökonomisch „unteren“ Bevölkerungshälfte, also der in Bezug auf ihre wirtschaftliche Situation weniger gut gestellten und der sich in Zukunft von einem sozialen Abstieg bedroht sehenden Bevölkerungsgruppen. Bei diesen Bevölkerungsgruppen ist es dann – im Gegensatz zu den (Rechts-) Populisten – auch vollkommen egal, welche Hautfarbe sie haben und in welchen Ländern ihre Vorfahren lebten.

In der Tat benennt auch eine linkspopuläre Position schwere Verfehlungen der politisch und ökonomisch Führenden. Insbesondere die Superreichen und die mit ihnen verknüpften Denkfabriken sowie ihre Kooperationspartner in Politik und Medien stehen hier zu Recht im Fokus der Kritik. Das ist aber etwas anderes, als pauschal alle Entscheidungsträger in Wirtschaft, Politik, Medien und Verwaltung unter Korruptionsverdacht zu stellen.

Eine linkspopuläre Position sieht sich aber auch in der Pflicht, Vorschläge zu machen, wie eine solche Korrumpierung in Zukunft vermieden werden kann. Der bloße Austausch des aktuellen Führungspersonals durch andere Politiker ist sicher keine Lösung, diese Menschen würden sich genauso schnell korrumpieren lassen wie ihre Vorgänger. Aber durch eine systematische Trennung zwischen wirtschaftlichen und politischen Funktionsträgern kann man beispielsweise institutionell die Ansatzpunkte für Korruption und für eine Ausrichtung der Politik auf die Wünsche der wirtschaftlich Mächtigen langfristig reduzieren.

„Populär“ setzt sich in seinem Politikverständnis auch dahingehend von „populistisch“ ab, weil es der repräsentativen Demokratie weitaus positiver gegenüber steht. Populistische Parteien beschwören oftmals den direkten Zugang charismatischer Persönlichkeiten zum Volk und die Bedeutung der direkten Demokratie, unter Umgehung der vermittelnden Institutionen von Medien, Parteien und Parlamenten. Eine linkspopuläre Position verfolgt ein weniger elitär-hierarchisches Politikverständnis – und weiß zudem um die noch geringere Beteiligung der armen Bevölkerungsgruppen an Volksabstimmungen, im Vergleich zu Wahlen.

Auch hier verhalten sich inzwischen übrigens gerade liberale Parteien zunehmend populistisch. Sie spitzen die Politik – unter Umgehung der innerparteilichen Demokratie – neuerdings auf charismatische Führungspersönlichkeiten zu, wie etwa in Frankreich bei Präsident Macron oder in Österreich bei der Verwandlung der ÖVP in einen „Sebastian-Kurz-Wahlverein“ und bei der SPÖ mit der Christian Kern-One-Man-Show „Plan A“.

Zudem bedeutet „populär“ im Gegensatz zu „populistisch“ aber auch, dass diese Position keine Protestplattform darstellt, sondern lösungsorientiert ist. Statt Dauerkritik, Scheinlösungen und Slogans („Grenzen dicht“) muss eine linkspopuläre Position potentiell realisierbare Lösungen vorlegen, auch bei extrem komplizierten Problemen wie der Massenmigration. Es geht einer linkspopulären Position ja schließlich um die konkrete Verbesserung der Lebenssituation der ärmeren Bevölkerungsschichten im Rahmen der realen Machtverhältnisse. Sie muss daher auch bereit sein, Koalitionen einzugehen, um ihre Anliegen durchsetzen zu können.

Schließlich unterscheidet sich „populär“ im Unterschied zu „populistisch“ auch durch den Verzicht auf die manipulative Vereinfachung politischer Positionen. Während es explizit wünschenswert ist, Politik so einfach und verständlich zu kommunizieren und pointiert zuzuspitzen, dass die reale Komplexität politischer Probleme deutlich reduziert wird (ein großer Vorzug vieler „populistischer“ Politiker), ist es gleichzeitig sehr problematisch, bei dieser Erzählung die Nachteile bevorzugter politischer Optionen (etwa einer protektionistischen Handelspolitik) „populistisch“ unter den Tisch fallen zu lassen.

Auch hier sollte allerdings nicht verschwiegen werden, dass gerade neoliberal-kosmopolitische Positionen oftmals besonders häufig „populistisch“ argumentieren, etwa mit dem „alternativlosen“ Beharren auf die Notwendigkeit einer Unterwerfung an die Finanzmarktlogik in der Eurokrise.

Eine linkspopuläre Position muss daher auf überpointierte Aussagen verzichten, zugunsten von konkreten Lösungsvorschlägen und ihren erwarteten Wirkungen. Statt dem opportunistischen Fischen kurzfristiger (negativer) Emotionen geht es um die solide Erarbeitung einer kohärenten politischen Position, insbesondere auch in der Wirtschaftspolitik. Das würde ihre Profilierung wahrscheinlich langsamer vorangehen lassen als bei der „Denkzettelpartei“ AfD, deren Provokationen von den Medien begeistert-geekelt aufgenommen wurden, dafür aber umso nachhaltiger sein.

Bei dem Artikel handelt es sich um eine gekürzte Version des in unserem Dossier „Markt und Staat neu denken“ veröffentlichen Beitrags von Andreas Nölke.

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