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Sichere Rente | 11.02.2020 (editiert am 14.02.2020)

Elefantenblindheit

Der deutsche Sparheroismus an allen Fronten bescherte dem Land eine verwundbare und in keiner Weise zukunftsfähige Industriestruktur, eine dysfunktionale Einkommens- und Vermögensverteilung, eine zerbröckelnde Infrastruktur und zunehmend unter Stress geratende Verkehrs-, Bildungs-, Gesundheits- und Sozialsysteme.

Der Titel dieses Beitrags ist zweideutig. ›Elefantenblindheit‹ könnte sich auf die Blindheit von Elefanten beziehen, die vielleicht ein Thema für die Tierheilkunde wäre. Es geht hier jedoch nicht um ein perzeptives Problem von Elefanten, sondern um ein kognitives Problem von Menschen.

Elefantenblindheit ist also so etwas Ähnliches wie Rot-Grün-Blindheit, nur eben bezüglich der im Raum stehenden Elefanten. Den ferneren Anlass für eine entsprechende Diagnose gab eine ARD-Talkshow. Die Moderatorin Susan Link und fünf geladene Gäste — CSU Generalsekretär Markus Blume, Anja Kohl, die für die ARD von der Frankfurter Börse berichtet, Dorothea Mohn von der Verbraucherzentrale, Christian Achilles vom Sparkassenverband und Sahra Wagenknecht — stritten sich trefflich über herbeizitierte Mäuse, die sie in ihrer Runde vorturnen ließen, ohne die Elefantenherde im Studio wahrzunehmen.

Das allein wäre nur einmal mehr Anlass für das Aufkommen der üblichen Mischung aus Belustigung, Ärger, Verzweiflung und, letzthin, Fatalismus gewesen, die einen anlässlich solcher Ereignisse immer wieder befällt und die wiederum dazu motiviert, solchen TV-Ereignissen noch konsequenter aus dem Weg zu gehen. Um ehrlich zu sein: Ich hatte mir die betreffende Sendung nicht angeschaut und dies erst wegen Jens Berger von den Nachdenkseiten nachgeholt. Womit wir beim proximalen Anlass wären: selbst die Heroen der linken Gegenöffentlichkeit – deren Leidensfähigkeit immer noch groß genug ist, derartiges auf sich zu nehmen, um es dann, mehr oder weniger, treffend zu kommentieren – zeigen schon Zeichen von Schwäche.

Sorgen um die Altersvorsorge

Worum ging es? Zunächst um die allseits bejammerten Null- oder gar Minuszinsen. Dazu fand Paul Steinhardt hier schon einige treffende Worte. Doch vom Thema Zins fand man schnell zu dem, was die Masse des Publikums unmittelbar drückt: zur Altersvorsorge. Womit schon die Mutter aller sich hier herumtreibenden Elefanten im Raum stand: die grundsätzliche Einsicht, dass in einer Gesellschaft, die Euthanasie, den Hungertod und dergleichen ausschließen möchte, immer die, denen man Arbeit noch zumuten kann, für die aufkommen müssen, bei denen dies nicht mehr der Fall ist. Diese Einsicht hat eine Reihe von Korollaren:

  1. Sie gilt unabhängig von der jeweiligen demographischen Situation.
  2. Sie gilt auch ungeachtet des genauen rechtlichen Charakters irgendwelcher Titel (Rentenpunkte, Lebensversicherung, Wertpapiere, …), auf die sich entsprechende Ansprüche gründen und der im Übrigen unmittelbar keinen Einfluss auf die demographische Situation hat.

Wenn man unter diesen Prämissen das Problem der Alterssicherung effektiv, effizient und ohne größere soziale Verwerfungen zu riskieren, lösen möchte, sind vor allem zwei Aufgaben zu bewältigen:

  1. Alles zu tun, um die Gesellschaft der Zukunft in die Lage zu versetzen, neben den Ansprüchen der Arbeitenden auch die der aus dem Arbeitsleben Ausgeschiedenen möglichst umfassend befriedigen zu können.
  2. Die Ansprüche der letzteren vorausschauend in beständige Titel, d. h. solche, bei denen das Risiko der Entwertung oder gar des Untergangs möglichst gering ist, zu fassen und diese Titel so zu verteilen, dass einerseits die im Arbeitsleben erbrachte Leistung sich darin erkenntlich abbildet, ohne andererseits, wenn eine solche nicht oder nicht in hinreichendem Umfang vorliegt, sozialen Notlagen vorgebeugt ist.

Das Märchen von der Beteiligungskultur

Damit steht der zweite Elefant mit seinen Kindern im Raum und unabweisbar damit die Frage nach der Bildung, der Infrastruktur und der weiteren Ausstattung der zukünftigen Gesellschaft. Doch diskutiert wurde stattdessen über Zinsen, über eine, von CSU-Mann Blume ins Spiel gebrachte, staatliche Kompensation für deren Ausfall und den, von Anja Kohl unter dem schönklingenden Titel »Beteiligungskultur« beworbenen Vorschlag, die Bildung von Aktienvermögen als Alternative zu den tradierten Formen der Altersvorsorge wahrzunehmen.

Nur Sarah Wagenknecht kam nach mehreren Anläufen wenigstens so weit, auf einen der Elefanten im Raum hinzudeuten: die gesetzliche, umlagefinanzierte Rente; womit sie sofort eine heftige Reaktion von Kohl auslöste, die glaubte, darauf aufmerksam machen zu müssen, dass dies, schon wegen der demographischen Entwicklung, doch »nicht tragfähig« sei. Woher sie die Zukunft der letzteren so genau kennt und, vor allem, wie sie diese durch Bildung von Aktienvermögen zu beeinflussen gedenkt, verriet sie allerdings nicht.

In der Selbsttäuschung der Frau vom ARD-Börsenstudio tritt eine ebenso weitverbreitete wie tiefsitzende Vorstellung zutage, die dessen ungeachtet eines rationalen Fundaments entbehrt: die, dass durch Investition des Ersparten in irgendwelche Finanzprodukte substantielle Werte geschaffen, vermehrt und in die Zukunft transportiert würden, sei es, indem die Banken es an Kreditnehmer weiterreichten, die damit Investitionen tätigten, sei es, indem ebendies durch den Erwerb von Aktien ausgelöst würde.

Doch nichts davon ist garantiert. Das einzige, was zunächst gewiss ist, ist der Sachverhalt, dass eine Geldersparnis, d.h. wenn innerhalb einer Periode die Einkommen einiger Wirtschaftssubjekte deren Ausgaben übersteigen, das gesamtwirtschaftliche Einkommen, also das aller Wirtschaftssubjekte, um genau diesen Überschussbetrag sinkt, sofern nicht andere Wirtschaftssubjekte ihre Ausgaben um den entsprechenden Betrag über ihre Einkommen erhöhen. Tritt letzteres nicht ein, dann müssen irgendwelche Wirtschaftssubjekte ein entsprechendes Sinken ihrer Einkommen unter das Niveau ihrer Ausgaben, also eine zwangsläufige Verschuldung, hinnehmen. Das ist der, von Keynes als Paradoxon des Sparens bezeichnete, Zusammenhang, dem zufolge »the reactions of the amount of his consumption on the incomes of others makes it impossible for all individuals simultaneously to save any given sums«.[1]

Nichts garantiert, dass sein gesparter Geldbetrag zu einer entsprechenden Investition führt. Sofern ihn tatsächlich Mehrausgaben anderer kompensieren, können diese auch konsumtiver Natur sein. Eine reale volkswirtschaftliche Ersparnis findet innerhalb einer Periode, völlig unabhängig davon, ob irgendwelche Geldbeträge zurückgelegt und eine entsprechende Verschuldung zustande kommt, nur statt, sofern darin Güter entstehen, die in ihr nicht verbraucht bzw. abgenutzt werden, d.h. Vorräte gebildet oder dauerhafte Anlagegüter geschaffen werden.

Das Ausbleiben der Investitionsfunktion von Geldersparnissen ist heute in weiten Bereichen der industrialisierten Welt gegeben, deren Unternehmenssektoren, wie auf MAKROSKOP wiederholt dargestellt, Nettosparer sind, d. h. in denen viele der großen Unternehmen ihre, ohnehin geringen, Investitionen ohne Verschuldung durchzuführen in der Lage sind und zudem auf Bergen von Cash sitzen, mit denen sie nichts rechtes anzufangen wissen. Das bedeutet, dass die Unternehmen für das Geld der Sparer, sowohl in der Form von Fremd- als auch in der Form von Eigenkapital, keinen Bedarf haben. Sofern diese Ersparnis nicht zum Schrumpfen der Wirtschaft führen soll, kann sie nur durch eine Verschuldung des Staates oder durch den externen Sektor, also die Verschuldung des Auslands aufgenommen werden—wobei Deutschland sich durch seine Dumpingpolitik bei den Löhnen bisher in die Lage versetzen konnte, die letztere Option zu wählen.

Geldwirtschaften sind keine Subsistenzwirtschaften

Die Vorstellung, dass Sparen Werte schafft und erhält, überträgt in unangemessener Weise die Verhältnisse einer Agrargesellschaft, deren Mitglieder größtenteils Selbstversorger sind, auf eine monetäre Tauschwirtschaft mit hoher Arbeitsteilung. Die Bauern, die Vorräte für den Winter und Saatgut für das nächste Frühjahr aufhoben, waren zu einer realen Ersparnis fähig. Doch dieser Zusammenhang überträgt sich nicht in eine Geldwirtschaft. Zudem wussten die Bauern jedoch auch, dass sie keine Vorräte für ihr Alter anhäufen konnten, sondern dann darauf angewiesen waren, dass ihre Nachkommen bzw. die Dorfgemeinschaft für sie sorgten.

Das ist in einem erweiterten Sinne immer noch so, doch scheint gerade dieses Wissen verlorenzugehen zugunsten des, zwar weithin propagierten, dessen ungeachtet jedoch irrationalen, Glaubens an eine Mechanik der Kapitalmärkte, die alle dazu in die Lage versetzte, ›selbstverantwortlich‹ für sich alleine zu sorgen. CDU-Veteran Norbert Blüm, an dem noch die Merkmale eines wahren Konservativismus kenntlich sind, die Roberto De Lapuente kürzlich hier aufzählte, erkannte völlig korrekt, dass »hinter diesen Behauptungen […] nicht nur eine sozialpolitische Krise, sondern ein Kulturkrise auf[leuchtet]«. Blüm weiß als wahrer Konservativer, dass die Conditio humana, in diesem Fall konkret die Abhängigkeit aller und besonders der Schwachen von der Gesellschaft, nicht so einfach aufzuheben ist.

Die wahren Erben der K-Sekten des späten 20. Jahrhunderts, die um ihres Glaubens Willen alles auf den Kopf stellen wollten, finden sich heute eher in der neoliberalen Front, die den Mainstream der Politik und der Medien durchzieht. Bei den Grünen gibt es da sogar biographische Kontinuitäten. So verwundert nicht, dass Anja Kohl in diesen Dingen, zwecks Durchsetzung der von ihr beworbenen »Beteiligungskultur«, emphatisch eine fundamentale Veränderung des Weltbilds wie des Verhaltens aller Beteiligten anmahnte.

Geldfiktionen der Linken

Der Glaube, dass Geld eine Substanz wäre, die von den Sparern zu den Banken und von diesen weiter zu den investierenden Unternehmen verschoben würde, ist, selbst in der politischen Linken, insbesondere ihren sich für marxistisch haltenden Teilen, weit verbreitet. Auch Jens Berger von den Nachdenkseiten glaubt, dass man das Sparen vereinfachend so beschreiben könne:

»Hierbei leiht man der Bank gegen Zinsen Geld, das die Bank gegen höhere Zinsen als Kredit an andere Haushalte und vor allem die Wirtschaft weitergibt.«

In einer Anmerkung versucht er dann, mit Hinweis auf einen MAKROSKOP-Beitrag von Günter Grunert, die »Vereinfachung« zu erklären und macht dadurch alles noch schlimmer:

»Der Umfang der möglichen Kreditvergabe ist jedoch von den Kapitalquoten abhängig und hier kommen die Kundeneinlagen ins Spiel, die von den Banken benötigt werden, um die Reserveanforderungen und die Kapitalquoten zu erfüllen.«

Tatsächlich benötigen Banken weder für das eine noch für das andere Kundeneinlagen. Reserven kann nur die Zentralbank selber schaffen und den Banken durch Kredit oder sogenannte Repo-Geschäfte, d.h. Kauf von Anleihen mit vereinbartem Rückkauf, zur Verfügung stellen. Entsteht eine Kundeneinlage durch Bareinzahlung oder Überweisung von einer anderen Bank, dann fließen der Bank tatsächlich Reserven zu. Das ist für die Banken insofern attraktiv, als sie diese für Barauszahlungen an ihre Kunden, Überweisungen derselben auf Konten bei anderen Banken nutzen, am Interbankenmarkt verleihen oder wenigstens zinsbringend auf ihrem Reservekonto parken können — wobei genau dieser Zinsertrag gegenwärtig nicht mehr gegeben ist.

Grundsätzlich stellt die Beschaffung von Reserven bei der gegenwärtigen Politik der Zentralbanken kein wirkliches Problem dar und die Anforderungen an die Mindestreserven sind ohnehin sehr gering (1% der dafür relevanten Passiva im Euroraum) und in vielen Ländern, wie z. B. in Großbritannien, nichtexistent. Solange eine Bank über genügend Eigenkapital verfügt und Sicherheiten ausreichender Bonität stellen kann, wird sie auch Reserven erhalten.

Entstehen Einlagen durch Kreditgewährung oder den Ankauf von sonstigen Vermögensgegenständen durch die Bank (die, mit einem Kredit verbundene, Rückzahlungsforderung ist natürlich auch ein Vermögensposten), fließen dieser dadurch keine Reserven zu. Das gleiche gilt auch, wenn Einlagen durch Überweisung innerhalb einer Bank entstehen. Letzteres ist selbstverständlich mit der spiegelbildlichen Auflösung einer anderen Einlage verbunden. Das gilt, nicht für die einzelne Bank, aber für das gesamte Bankensystem, natürlich auch bei Überweisungen zwischen verschiedenen Banken. Berücksichtigt man, dass Bargeld letzten Endes nur durch Auszahlung von Einlagen in Umlauf kommt, Überweisungen immer schon, irgendwo im Bankensystem vorhandene, Einlagen voraussetzen und selbst überwiegend — die Schaffung durch den, von Banken getätigten, Erwerb von sonstigen Vermögensgegenständen bildet eine sehr seltene Ausnahme — durch Kredit entstehen, dann könnten, wenn, wie Jens Berger behauptet, die Existenz von Einlagen Voraussetzung für die Vergabe von Krediten wäre, nahezu keine Einlagen zustande kommen, weil diese damit eine Bedingung ihrer eigenen Entstehung wären.

Zudem sind Kundeneinlagen als Mittel zur Erfüllung der Anforderungen an das Eigenkapital völlig ungeeignet. Einlagen sind immer Verbindlichkeiten der Bank, also Forderungen ihrer Kunden gegen sie. Sie entstehen, schließt man den trivialen Fall des Passivtauschs, der bei einer Überweisung innerhalb der Bank stattfindet, aus, immer durch eine Bilanzverlängerung: auf der Aktivseite wird beim Kredit eine Rückzahlungsforderung, bei der Überweisung ein Zuwachs an Reserven und beim Erwerb sonstiger Vermögengegenstände deren Wert verbucht, während auf der Passivseite die Forderung des Kunden gegen die Bank — nichts anderes ist sein Guthaben — eingetragen wird. Die Eigenkapitalquote verringert sich dabei, weil ein unverändertes Eigenkapital dann einem gewachsenen Bilanzvolumen gegenübersteht.

Wenn Jens Berger, auf einen kritischen Leserbrief hin, wiederholt, dass »Banken […] aber schon Kundeneinlagen [brauchen]; wenn auch nicht direkt, um Kredite zu vergeben, sondern indirekt, um die Kapitalquoten zu erfüllen, die nötig sind, um Kredite zu vergeben«, liegt er damit doppelt daneben. Dahinter steht eine weitgehende Unklarheit über die mit den Bankgeschäften verbundenen, bilanziellen Vorgänge. Durch einen Passivtausch oder eine Bilanzverlängerung wird niemand reicher. Doch genau das müsste exakt eintreten, damit, was für eine Verbesserung der Kapitalquote nötig wäre, das Eigenkapital zunehmen würde. Der Glaube, dass Kundeneinlagen die Eigenkapitalquote einer Bank erhöhen könnten, basiert auf der Geldillusion, also der Vorstellung, dass Geld eine werthaltige Substanz sei, die, wenn man sie zur Bank trage, diese irgendwie reicher mache. Doch das ist nicht der Fall — eine Einsicht, die, wie ich an anderer Stelle gezeigt habe,[2] auch prominenten marxistischen Autoren wie Wolfgang Fritz Haug und Michael Heinrich schwerfällt.

Aktien sind kein Rettungsanker

Jetzt, wo das Sparen mangels Zinsertrags nicht mehr attraktiv erscheint, sollen die Aktien es richten, die Rendite gleich doppelt, durch Wertsteigerung und Dividende versprechen. Sahra Wagenknecht wies völlig zurecht auf das, mit Investitionen in Aktien verbundene, Risiko hin. Die Börsenkurse kennen nicht nur den Weg nach oben und die, die gerade eine abschüssige Strecke erwischen, wenn sie sich mit einem Aktienpaket zur Ruhe setzen möchten, haben denkbar schlechte Aussichten.

Als Basis für eine zuverlässige Alterssicherung taugen Aktien nicht. Doch das ist nicht alles. Sollen Aktien zunehmend zur Alterssicherung dienen, dann stößt damit eine wachsende Nachfrage auf einen Markt mit äußerst geringer Angebotselastizität. Das gleiche gilt auch für die, als weitere Alternative zum traditionellen Sparen beworbene, Investition in Immobilien. Der Nachschub an, hinreichend werthaltigen, Unternehmensanteilen ist ähnlich begrenzt wie der an bebaubarem Boden. In beiden Fällen unterstützt eine wachsende Nachfrage die ohnehin schon im Gang befindliche Blasenbildung.

In diesem Zusammenhang kommt den als ETF (Exchange Traded Funds) bezeichneten Indexfonds eine besondere Bedeutung zu. Solche Fonds bilden breite Börsenindizes wie z. B. den DAX, die S&P 500 und den NASDAQ 100 oder spezifische, enger gefasste, Indizes ab. Da solche Fonds Papiere nicht aufgrund von deliberierten Entscheidungen kaufen bzw. verkaufen, sondern, der Entwicklung des zugrundeliegenden Index folgend, entsprechend der dort, meist anhand der freien Marktkapitalisierung, vorgenommenen Gewichtung, automatisch per Computer Orders erteilen, bergen sie ein Risiko für die Finanzstabilität. Sie stehen nämlich nicht als unbeteiligte Beobachter außerhalb des Marktes, sondern beeinflussen diesen durch ihre eigene Aktivität — und zwar im Sinne einer positiven Rückkopplung, die mit der zunehmenden Bedeutung solcher Fonds stärker wird. Damit wirken sie prozyklisch. Weil explizit verwaltete Fonds überwiegend keine bessere Performance aufweisen als ihre Vergleichsindizes und ETFs diesen gegenüber, als Folge der Automatisierung der Investitionsentscheidungen, mit wesentlich geringeren Kosten arbeiten, erfreuen sie sich wachsenden Zuspruchs und entsprechend einer steil ansteigenden Kapitalisierung. Der Tenor der ARD-Talkshow, die diese Form der Kapitalanlage auch noch mit einem Einspieler bewarb, wird diese Entwicklung noch weiter befeuern.

Aktienkäufe schaffen meist kein Eigenkapital

Geht mit dem Sparkonto die Vorstellung einher, dass das dort angesammelt Geld den Unternehmen als Kredit, d.h. als Fremdkapital, für ihre Investitionen zufließe, so mit der Investition in Aktien, dass man dadurch für entsprechende Zwecke Eigenkapital zur Verfügung stelle.

Doch führt der Erwerb von Aktion zur Vermehrung des Eigenkapitals und entsprechenden Investitionen?  Das wird meist nicht der Fall sein, weil der überwiegende Teil der, an der Börse gehandelten, Anteile nicht von dem betreffenden Unternehmen, sondern von Dritten angeboten werden. Die Unternehmen haben davon selbst nichts. Ihre Manager können sich vielleicht über Kurssteigerungen freuen, die üblicherweise ihre Boni anheben. Ein hoher Börsenkurs gilt zwar als Schutz gegen Übernahmen, doch trifft dies nur bedingt zu.

Geld aus Aktienverkäufen fließt den Unternehmen höchstens bei Neuemissionen bzw. Kapitalerhöhungen vor. Doch selbst in diesen Fällen dienen die eingesammelten Mittel kaum irgendwelchen Investitionen. Die IPOs (Initial Public Offerings), mit denen vor allem Startups der Internet-, Medien und Hightech-Branchen von sich reden machen, haben überwiegend den Zweck, die Gründer und die Venture-Kapitalisten, die dort schon früh direkt investiert haben, zu bereichern, und Kapitalerhöhungen finden meist statt, wenn das Eigenkapital gefährlich ausgedünnt ist. Im letzteren Falle geht es dann eher um die Konsolidierung des Unternehmens, um die Kosten von Umstrukturierungen inklusive Entlassungen und den Abbau von Verbindlichkeiten. Andererseits fließt durch Dividendenzahlungen und vor allem durch Aktienrückkäufe meist mehr Geld von den Unternehmen zurück an die Anleger als umgekehrt. Für die USA zeigte Doug Henwood, dass der Saldo der Kapitalflüsse im 20. Jahrhundert seit den 1930ern aus Unternehmenssicht negativ war.[3]

Mit der Beteiligungskultur die Zukunft verspielen

Bereits am Ausgangspunkt unserer Überlegungen, also der Aufgabe, Vorsorge für die Unterstützung der aus dem Arbeitsprozess ausgeschiedenen Mitglieder einer Gesellschaft zu treffen, war deutlich geworden, dass dafür die Ausstattung mit realem Kapital, die gesellschaftliche Infrastruktur im weitesten Sinne und der Bildungsstand der Bevölkerung ausschlaggebend sind. Das sind die Faktoren, von denen die Leistungsfähigkeit einer Gesellschaft abhängt und damit ihre Fähigkeit, jene Aufgabe zu bewältigen. Ganz offenkundig bieten die Ansätze der kapitalgedeckten Alterssicherung, ob mit Sparbuch, mit Kapitallebensversicherung oder mit Wertpapieren, dafür keine Gewähr.

Ganz im Gegenteil motiviert der kontraktive Effekt, den alle Formen der Geldersparnis auf die Wirtschaft haben, die Unternehmen eher dazu, von Investitionen Abstand zu nehmen. Das Gleiche gilt auch vom Sparen des Staates, das heute nicht weniger angepriesen wird als das der Privathaushalte. Wenn in der Folge auch noch die Unternehmen sparen, dann ergibt sich das Rezept für eine tiefe Depression, der Deutschland bisher nur durch seine exorbitanten Leistungsbilanzüberschüsse entging, die im letzten Jahr schon wieder bei 7,5% des BIP lagen (vgl. dazu hier und hier).

Der deutsche Sparheroismus an allen Fronten bescherte dem Land — neben der zunehmenden Antipathie der Nachbarn, denen er vor allem eine tiefe Krise bescherte — bisher vor allem eine völlig schräge, unerhört verwundbare und in keiner Weise zukunftsfähige Industriestruktur, eine, nicht minder schräge Einkommens- und Vermögensverteilung, eine zerbröckelnde Infrastruktur und zunehmend unter Stress geratende Verkehrs-, Bildungs-, Gesundheits- und Sozialsysteme.

Realkapital und die gesetzliche Rente

Als Grundlage für eine funktionierende Alterssicherung taugt das nicht. Vielleicht sollte man es einmal umgekehrt versuchen: mehr Geld ausgeben. Im Einzelnen ginge es um ein Rentensystem für alle auf der Basis des Umlageverfahrens, steigende Löhne, Sozialbeiträge und damit auch Renten für die Mehrheit, Investitionen in öffentliche Infrastruktur, Forschung und Bildung, schließlich eine Industriepolitik, die die heutigen Verzerrungen beseitigt und zukunftsfähige Entwicklungen anstößt. Es spricht viel dafür, dass die Mehrheit im Lande dann entspannter dem Alter entgegensehen könnte.

Weshalb, trotz offenkundiger Unwirksamkeit und sogar Schädlichkeit, in allen sogenannten Qualitätsmedien — die ARD-Talkshow war nur ein herausragendes Beispiel — bei völliger Elefantenblindheit wieder massiv für die kapitalgedeckte Alterssicherung, diesmal mit Aktien, geworben wird, ist eine andere Frage. Anscheinend nimmt man dort die Verpflichtung zur unabhängigen Recherche und Berichterstattung ebenso wenig ernst wie die zu eigenständigem Denken und entsprechender Urteilsbildung.

Wenn die Linke dem wirksam entgegentreten will, muss sie sich, woran sie bisher, wie der Fall des, ansonsten ja sehr verdienstvollen, Jens Berger zeigt, öfters scheitert, allerdings auch um ein Verständnis und eine korrekte Darstellung der finanziellen Zusammenhänge bemühen.

 


Literatur

[1] Keynes, John Maynard 2013 [1936]: The General Theory of Employment, Interest and Money. Cambridge: Cambridge University Press (The Collected Writings of John Maynard Keynes; Bd. VII), S. 84
[2] Fischbach, Rainer 2016: Mensch — Natur — Stoffwechsel: Versuche zur politischen Technologie. Köln: PapyRossa.
[3] Henwood, Doug 1998: Wall Street: How it Works and for Whom. London: Verso, S. 72-76

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