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Debatte | 03.02.2020 (editiert am 11.02.2020)

Konservativ werden: In fünf Schritten

Die SPD muss wieder sozialdemokratisch werden. Das ist eine Erkenntnis, die nicht sonderlich neu ist. Was leider viel zu selten gefordert wird: Die Union muss endlich wieder konservativ werden. Beides bedingt einander und täte einer demokratischen Alternativkultur gut.

Wer erinnert sich an den letzten Bundestagswahlkampf? Niemand? Kein Wunder – er fand ja irgendwie auch nicht statt. Zu ähnlich waren und sind sich die Angebote. Gemeinhin wirft man das besonders den Sozialdemokraten vor. Sie hätten die Sozialdemokratie inhaltlich aufgegeben, tragen sie nur noch namentlich vor sich her. Ob sich das unter dem neuen Vorstandsgespann ändert, müssen wir momentan noch abwarten. Bis dahin ist diese These jedoch weiterhin nicht falsch.

Bei der Union sieht es nun aber auch nicht ganz soviel besser aus. Mit dem Konservatismus ist es bei ihr nicht sehr weit her. Sie ist es nicht, auch wenn sie immer wieder so tut, als sei sie die Lordsiegelbewahrerin dieser politischen Denkschule. Dabei wäre die Existenz einer konservativen und einer sozialdemokratisch-progressiven Partei so existenziell wichtig für eine intakte Demokratie. Man mag als Konservativer progressive Ansichten oder als Progressiver konservative Ansichten nicht teilen: Aber dass es eine andere Seite der Medaille gibt, die nicht ignoriert werden kann, tut jeder seriösen Betrachtung gut.

Achso … ich bitte das nicht falsch zu verstehen: Ich unterstelle der Union nicht, dass sie sozialdemokratisiert und daher nicht mehr konservativ ist. Diese häufig zitierte These ist ausgemachter Schwachsinn. Nein, die Union hat ein ganz anderes Problem: Sie will nicht, wie es dem Wesen und dem Wortursprung gemäß ist, als bewahrende Kraft auftreten, sondern massiv verändern.

Konservative Revolution? Von wegen!

Veränderung ist natürlich nicht schlecht. Muss sein. Geht auch gar nicht ohne sie. Die Frage ist nur, ob eine konservative Kraft die Menschen verändern wollen muss. Bis vor einigen Jahren galt ja für den Konservatismus: Er nimmt die Menschen so wie sie sind. An ihnen richtet er ihr Gesellschaftsbild aus. Aber mit dem Liberalismus, speziell mit dem Wirtschaftsliberalismus und dem Libertarismus in Fragen der Ordnung, Bürokratie und Organisation, hat man sich von diesem konservativen Pragmatismus verabschiedet. Plötzlich wollte man den Menschen formen, ihn anpassen. Er sollte mobil, flexibel und opferbereit werden, sich ohne Kontrollmechanismen bewegen.

Der natürliche Impuls des Menschen beipielsweise, seinen Wohlstand zu mehren, vulgo auch als Gier betitelt, wurde von Konservativen doch nie geleugnet oder verklärt. Man zuckte mit den Achseln und sagte: So isser halt, der Mensch! Ändern kann man ihn nicht – aber eindämmen. Jetzt soll er allerdings den Gürtel enger schnallen, sich an Einschnitte nicht nur gewöhnen, sondern sie lächelnd aufnehmen. Überhaupt blieb ja kein Stein auf dem anderen. Man modifizierte die Republik, trug ab, zerschoss die öffentliche Ordnung: Die ureigenste Domäne des Konservatismus.

Das alles geschah, als die Konservativen zu Neocons wurden. Und Neocons sind nicht konservativ. Sie sind Bilderstürmer der liberalen Ideologie, große Veränderer, die im konservativen Mäntelchen auftreten, um ihre komische, rückwärtsgewandte »Progression« zu etablieren. Erhalten, pflegen, gar die Schöpfung kultivieren: All das hat man in den Hintergrund delegiert, gar abgeschafft. Von wegen »konservative Revolution«!

Friedrich Merz, dieser Tage als der Paradekonservative gefeiert, der die vermeintlich weichgespülte Merkel-Union retten könnte, ist das Belegexemplar dieses verirrten Konservatismus‘. Der Mann ist nämlich gar nicht konservativ im traditionellen Sinne. Er ist ein Liberaler durch und durch, ein Atomisierer der Verhältnisse, dem nichts heilig ist. Und heilig waren dem Konservatismus durchaus gewisse Dinge.

Fünf Schritte zum Konservatismus

Nein, was uns fehlt auf der politischen Bühne, das sind akzentuierte Gegensätze, verschiedene Perspektiven im Grundsätzlichen. Sich im Wahlkampf die Attitüde von Pseudogegensätzlichkeit zu geben, reicht einfach nicht aus. Daher muss man auch als progressiver Charakter Interesse daran haben, dass der Konservatismus zurückfindet in seine klassischen Bahnen. Fünf Schritte sollte man den irrlichternden Konservativen deswegen anraten:

  1. Erkläre nicht, dass Menschen umdenken müssen. Der klassische Konservatismus war da unbeweglich, für ihn war die Conditio humana kaum veränderbar. Einen neuen Menschentypus zu schaffen, kam im letzten Jahrhundert meist aus der anderen Ecke. Sei anders als die, die ändern wollen!
  2. Wenn Du die gesellschaftlichen Dynamiken umsteuern willst, komm‘ nicht mit Freiwilligkeitslösungen an. Das ist liberale Kontrollverweigerung. Regle, steuere, sprich‘ dich für Gesetze aus. So handelt man als Konservativer. Sei Kontrollfreak!
  3. Hüte dich, »Anything goes!« zu summen. Als Konservativer sollte man wissen: Ein Gemeinwesen verträgt es eben nicht, dass jeder tun oder lassen kann, was er will. Der Libertarismus macht aus dieser Losung ein Lebensgefühl. Konservative sollten nicht fühlig, sondern griffig sein. Sei spießig!
  4. Hör auf damit, den Staat zur Ursache des Problems zu machen. Man muss als Konservativer heute die weltliche Macht nicht mehr auf Gott und dessen irdisches Stellvertretertum zurückführen um zu erkennen: Ohne staatliche Ordnung machen wir das Chaos zur neuen Ordnungskraft. Sei etatistisch und ordentlich!
  5. Wenn du als Konservativer schon keine ganz große Empathie für Arme und Alte hast: Vertrete wenigstens von oben herab die paternalistische Ansicht, dass nicht jeder seines Glückes Schmied sein kann. Du musst ja nicht gleich emanzipatorisch ticken: Das ist das Geschäft der Progressiven, mit denen du dich streiten sollst. Sei Paternalist!

Sagt das den Konservativen, wo Ihr sie trefft. Also denen, die vorgeben, welche zu sein. Denn es besteht ein öffentliches Interesse daran, dass er sich wieder auf seine Qualitäten besinnt. Nein, bevor man das wieder falsch versteht: Ich erkenne mich in dieser Haltung nicht selbst. Jedenfalls nicht in allem, was der Konservatismus so bereithält. Darum geht es auch gar nicht. Sich aber am Anderen, am Andersdenkenden messen zu müssen, das halte ich nicht für eine Bürde, sondern für einen fundamentalen Wesenszug einer Regierungsform, die um Kompromisse ringen muss. Das ist nicht immer einfach, aber bildet den Facettenreichtum komplexer Sachverhalte ab.

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