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Theorie | 07.02.2020

Makrofundierung der Makroökonomie

Wenn in einer monetären Produktionsökonomie sich notwendigerweise Guthaben und Schulden stets ausgleichen, ist es dann nicht plausibel anzunehmen, dass die Aktiv-Passiv-Relation, wie sie in jeder buchhalterischen Transaktion zum Ausdruck kommt, als unteilbare Basis akzeptiert werden muss?

Im Beitrag ‚Dauerbrenner Leistungsbilanzüberschuss‚ gehen Heiner Flassbeck und Friederike Spieker der Frage der Mikrofundierung makroökonomischer Zusammenhänge in der herrschenden Lehre nach. Sie fragen auch, in welcher Richtung eine Kausalität von Leistungsbilanz und Kapitalbilanz besteht.

Ich möchte auf diese Fragen eingehen, indem ich die Frage einer Makrofundierung der Makroökonomie in den Raum stelle und daraus eine Antwort auf die zweite Frage entwickle. Gleichzeitig möchte ich die geldtheoretische Debatte um einige sachliche Überlegungen erweitern.

Geldtheoretische Bestandsaufnahme und Begriffsklärung

Die Autoren bezeichnen die Zahlungsbilanz vollkommen zurecht als Statistik, die nur dem Namen nach etwas mit einer Bilanz im betriebswirtschaftlichen Sinne zu tun hat und im Rahmen der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) ermittelt wird. Die VGR ist lediglich das statistische Abbild von Stromgrößen, wie etwa Export und Import.[1] Mathematische Statistik und buchhalterische Doppik stellen zwei unterschiedliche Verfahren dar, um numerische Größen zu erfassen. Der wesentliche Unterschied zwischen beiden Verfahren besteht darin, dass in einer statistischen Erfassung die Aktiv-Passiv-Relation der buchhalterischen Doppik aufgebrochen wird.

Gehen wir von Wolfgang Stützel aus, der buchhalterische Identitäten im Zentrum der Betrachtung einer arbeitsteiligen monetären Produktionsökonomie sah. In zwei Sätzen lässt sich die Saldenmechanik vielleicht so zusammenfassen:

  • Wolfgang Stützel hat bewiesen, dass bei der Extrapolation von der einzelwirtschaftlichen zur gesamtwirtschaftlichen Betrachtung Anomalien auftreten (Paradoxa).
  • Einen Zusammenhang mit der Zeit konnte Stützel als Abweichung von der Gleichzeitigkeit von Buchung und Gegenbuchung (Vorsprung- und Nachhinkeffekte) für diese Anomalien zurückführen.

Ebenfalls von buchhalterischen Identitäten geht das vom französischen Ökonomen Bernard Schmitt entwickelten Modell der „Quantumanalyse“ aus, der sich intensiv mit den Problemen des nationalen und internationalen Zahlungsverkehrs beschäftigt hat. Dieses Modell ist in meinen Augen eine wesentliche Ergänzung, die geeignet scheint, die Stützel’schen Paradoxa größtenteils aufzulösen, was in diesem Artikel illustriert werden soll.

MAKROSKOP ist eine der wenigen Plattformen im deutschsprachigen Raum, die sich sachlich und analytisch mit dem Wesen des Geldes beschäftigt. Wesentliche Merkmale wurden in den Vorträgen auf dem Kongress in Würzburg genannt, insbesondere von Paul Steinhardt über G.F.Knapp , die ich nur kurz wiederhole

  • Geld ist eine Institution der Rechtsordnung
  • Geld hat numerische Form, die geeignet ist, Ansprüche zwischen Subjekten zu quantifizieren (i.S.v. eine Zahl zuordnen). Daraus leitet sich seine Funktion als Recheneinheit her.
  • Als Zahlungsmittel ist Geld in der Lage, bestehende Schuldverhältnisse zwischen Subjekten zu tilgen.

Als weiteres Merkmal greife ich auf Grazianis Theorie des monetären Kreislaufs zurück, die bislang leider nur im frankophonen Sprachraum etwas verbreiteter ist. Er führt als weitere Bedingung in ‚The theory of the monetary circuit (1989)‘ an, dass keinem an der Transaktion beteiligten Akteure das Seignorage (=Geldschöpfungs-)Privileg zu Gute kommen darf.

Dann möchte ich das Konzept des Treuhänders einführen. Darunter soll ein Rechtssubjekt zu verstehen sein, das im Namen und für Rechnung Dritter rechtsgültige Geschäfte vornehmen kann. Man beachte bitte auch, dass ein Treuhänder nicht mit dem Modell des selbstsüchtigen und gierigen ‚homo oeconomicus‘ der Lehrbuchökonomie vereinbar ist.

Die Bedeutung der Finanzierung

Das wirft aber auch die traditionellen Vorstellungen von Tausch über den Haufen, bei dem zwei Akteure und zwei Güter involviert sind. Mit dem Konzept Treuhänder können jetzt alle monetären Transaktionen als dreigliedrig aufgefasst werden. Wir haben nur noch ein Gut und drei Akteure, den Käufer, den Verkäufer und, als Treuhänder, eine Bank. Die Verbindlichkeiten der Bank gegenüber dem Käufer sinken um den selben Betrag wie die Verbindlichkeiten gegenüber dem Verkäufer steigen. Man beachte, dass Käufer und Verkäufer glatt gestellt sind, also keine gegenseitlichen schuldrechtlichen Verpflichtungen mehr existieren: Der Eigentumsanspruch am Gut geht vom Verkäufer auf den Käufer über. Der Verkäufer erhält im Gegenzug den Zahlungsmittelanspruch gegenüber der Bank.

Jetzt kann auch die Rolle der Banken in einer Volkswirtschaft verstanden werden; Graziani führt hierzu aus:

„Firms are present in the market as sellers or buyers of commodities and make recourse to banks in order to perform their payments; banks on the other hand produce means of payment, and act as clearing houses among firms. In any model of a monetary economy, banks and firms cannot be aggregated into one single sector.“

Mit anderen Worten Banken unterstützen Produktionsprozesse durch die Bereitstellung von Zahlungsmittel. Ist es dann nicht sinnvoll, Zentralbanken und Geschäftsbanken zu einem nationalen Verrrechnungssystem zusammenzufassen, das wie eine einzige Bank betrachtet werden kann?[2] Die Schablone für ein derartiges Verrechnungssystem kann wie in nachstehender Bilanz abgebildet werden.

Der Posten „Reserves“ umfasst vorrangig die heute mit M0 bis M3 bezeichneten Aggregate, sowie Fremdwährungsreserven und – aus historischen Gründen – Gold. Im Bereich Equity werden die Eigentumsansprüche erfasst.

Abbildung 1
Bilanzstruktur eines nationalen Verrechnungssystems

Damit kann auch die Departementalisierung des Bankensektors erläutert werden. Schmitt unterscheidet zwischen monetärer, finanzieller und Fixkapitalabteilung. Die monetäre Abteilung ist in dieser stark vereinfachten Bilanz nicht abgebildet. Darin wird das sogenannte ‚vehikuläre‘ Geld verbucht. Im Wesentlichen bildet das ‚vehikuläre‘ Geld die Zahlungsabwicklung innerhalb des Bankensektors unter Intermediation der Zentralbank ab, wie es auch heute schon praktiziert wird. In dieser Darstellung einer volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung sind die Abteilungen durch unterschiedliche Hintergrundfarben gekennzeichnet: blau (Finanzabteilung) und grau (Anlagekapitalabteilung). Kaufmännisch vorbelastete Leser wird bei dieser Darstellung einer Bilanz auf volkswirtschaftlicher Ebene mit der Unterscheidung in Finanzierungs- und Fixkapital die strukturelle Analogie der aus der betriebswirtschaftlichen Betrachtung bekannten Unterscheidung in Anlage- und Umlaufvermögen auffallen.

Diese Trennung entspricht auch der von Lautenbach vorgenommenen Unterscheidung des Begriffs „Kapital“ in Nominal- und Realkapital,[3] wobei nur das Realkapital mit der Produktion in Verbindung gebracht wird:

Wenn volkswirtschaftlich von Kapitalbildung gesprochen wird, so hat man Kapital in diesem Sinne auch als Produktionsbegriff zu verstehen. Gegenüber dem Produktionsbegriff des Kapitals, der an das Objekt, die Substanz, anknüpft und deswegen auch als „reales Kapital“ qualifiziert wird, gibt es noch den Verteilungsbegriff, das „nominelle Kapital“. Das sind alle Vermögenstitel oder Ansprüche, die letztlich eine Beteiligungsquote am volkswirtschaftlichen realen Kapital darstellen.

Finanzierung und Produktion als parallel verlaufende Prozesse

Ganz allgemein kann man Produktion als den zeitintensiven Prozess verstehen, bei dem Materie und Energie unter Einsatz von Arbeit in eine nützliche Form transformiert werden. Man beachte, dass diese Definition keine, wie auch immer geartete ‚Produktionsfunktion‚ voraussetzt. Durch die Dienstleistung der Finanzierung stellen die Banken letztlich Zeit zur Verfügung, in der die Produktionsprozesse stattfinden können.

Vom relativen zum absoluten Tausch

Wie wir oben schon gesehen haben, müssen alle monetären Transaktionen als dreigliedrig augefasst werden. Schmitt führt hier den „absoluten Tausch“ ein. Das Konzept des „absoluten Tausches“ ermöglicht es, ein objektives Maß für den wirtschaftlichen Wert zu formulieren, das von niemandem beeinflusst werden kann. Das Konzept lässt sich am einfachsten am Beispiel einer Lohnzahlung sowie einer Güterzahlung illustrieren. Die Bilanzen der Akteure in einer rudimentären Kreditwirtschaft mit einem Produktionsprozess veranschaulichen die Vermögenspositionen vor und nach einer Lohnzahlung:

Abbildung 2
Vorher: Es besteht nur eine bilaterale Gläubiger-Schuldner-Beziehung zwischen Bank und Produktion.

Das Einkommen des Arbeiters ist das Nettogeldvermögen im Sinne Stützels. Man beachte, dass Stützel bereits den spontanen Geldfluss mit Bezug auf Morris Copeland[4] würdigte (Hervorhebung von mir).

Bei einer Zahlung verläßt Geld den einen Pool, um sofort dem anderen anzugehören. Der Übergang erfordert keine Zeit – auch kein Zeitdifferential! Man könnte sie auch mit Wasserströmen vergleichen; denn im geschlossenen vollen Röhrensystem existieren im Gegensatz zu offenen Kanal- und „Rinnen“-Systemen ebenfalls keine Zeitverzögerungen zwischen den Änderungen des Ausstroms aus einem Pool und den Änderungen des Einstroms in den benachbarten Poolen.

Abbildung 3
Nachher: Produktion und Einkommen werden gleichzeitig ermittelt; die Bankverbindlichkeiten werden von der Produktion auf die Arbeit umgeschichtet

Schmitts Unterscheidung zwischen einer Zahlung (einer Stromgröße) und dem Ergebnis einer Zahlung (Geld-Einkommen, einer Bestandsgröße) bildet die Grundlage, um ein zeitinvariantes Maß für ökonomischen Wert zu ermitteln. Der Geldwert (Einkommen) der Volkswirtschaft liegt im Moment vollständig beim Arbeiter, der Sachwert (Output) vollständig beim Unternehmen. Das ist auch der wesentliche Unterschied zur monetären Kreislauftheorie Grazianis, bei der Geld als positiver Vermögenstitel über die Zeit hinweg Bestand hat, während bei Schmitt Geld bei jedem Zahlungsvorgang durch eine Bank als Aktiv-Passiv-Relation gleichzeitig erzeugt und vernichtet wird.[5]

Auf den Gütermärkten findet ein ‚Absoluter Tausch‘ in umgekehrter Richtung statt. Ein Unternehmen wird immer versuchen, einen Aufschlag auf seine Produktionskosten zu legen und ein Angebot zu diesem erhöhten Preis machen, um einen Gewinn zu erzielen. Wenn ein Käufer (also der Verbraucher) ein Gut zu diesem Preis erwirbt, so legt er im Moment des Kaufaktes die Identität von Tauschwert (dem nominellen Kaufpreis) und Gebrauchswert (den individuellen Nutzen) fest. Der Eigentumsübergang am Gut ist vollzogen, das Guthabendepot des Käufers um den Kaufpreis verringert. Esoterische Annahmen, wie sie die Grenznutzenschule trifft, sind dabei vollkommen irrelevant. In unserer einfachen Beispielökonomie stellen sich die Bilanzen bei einem angenommenen Aufschlag von 25% (125% von 800 sind gerade 1000) folgendermaßen dar:

Abbildung 4
Einkommen ist vollständig absorbiert; Es bestehen auch keine Schuldverhältnisse

Schmitt spricht ‚Kapital‘ die Eigenschaft ab, produktiv[6] zu sein. Ökonomisch produktiv ist einzig Arbeit. Fixkapitalgüter unterstützen jedoch die Produktion als Produktionsmittel. Schmitt spricht daher auch von instrumentellen Gütern. Der realwirtschaftliche Aspekt ergibt sich daraus, dass diese Güter als Objekte der realen Welt sowohl einer technologischen wie auch physikalischen Abnutzung unterliegen. Aus diesem Wertverlust ergibt sich die Erfordernis der Amortisation, worunter die Ersatz- wie auch Neubeschaffung von Fixkapitalgütern zusammengefasst ist:

“Amortisation derives essentially from the need to restore fixed capital to its former level”[7]

Die Lehrbuchökonomie ist bekanntlich der Auffassung, dass buchhalterische Identitäten rein tautologisch seien. Schmitts Analyse zeigt jedoch unmissverständlich auf, dass unter buchhalterischer Sicht auf nationaler Ebene eine Anomalie auftritt, die jedoch durch die hier skizzierte Departementalisierung der Banken behoben werden kann:

Die Trennung von monetärer und Finanzabteilung verhindert das Entstehen einer Kreditinflation. Banker können jetzt zu jedem Zeitpunkt den tatsächlichen Finanzierungsbedarf erkennen. Die Trennung von Finanz- und Fixkapitalabteilung verhindert die Bildung von ‚anonymisierten Finanzkapital‚, das heute global vagabundieren kann. Gleichzeitig wird auch deutlich, wie Banken im reformierten System ihrer Treuhänderfunktion gerecht werden: Die in der Fixkapitalabteilung registrierten Profite stellen Einkommensansprüche auf die Produktion von Amortisationsgütern dar. Eine Departementalisierung verhindert eine derartige Veruntreuung.

Nun wird auch klar, dass eine Politik des ‚Schwarzen Null‘ zu kurz gefasst ist, da sie die Aufgabe der Finanzierung unnötig auf den staatlichen Sektor beschränkt. Es wird auch deutlich, dass sowohl eine nachfrageorientierte, wie auch angebotsorientierte Wirtschaftspolitik inflationär wirken. Eine nachfrageorientierte Politik führt zu einer Verbraucherpreisinflation, wie man in den 1970ern gesehen hat, eine angbotsorientierte Politik zu einer Inflationierung der Assetpreise, wie man sie heute auf den Aktien- und Immobilienmärkten beobachten kann.

Das ist ein systematischer Fehler, dessen Ursache letztlich in der unsachgemäßen Anwendung einer Exponentialfunktion durch die von der neoklassischen Theorie dominierte Lehrbuchökonomie verortet werden kann.

Die Rolle des Profits

Aber auch der Gewinn kann nun neu interpretiert werden. Ein Gewinn, sowohl einzel- als auch gesamtwirtschaftlich, entsteht gerade dann, wenn ein Investitionsgut länger produktiv genutzt werden kann, als zu seiner Finanzierung notwendig war, vorausgesetzt, die Einnahmen zur Kompensation des Verschleißes werden erwirtschaftet.

Zu beachten ist auch, dass es keinen Zwang zum „Wachstum“ mehr gibt, da der Verschleiß, der bei realen Objekten aus physikalischen Gründen zwangsläufig auftritt, durch Wartung und Instandhaltung teilweise kompensiert werden kann, so dass der ursprüngliche „Gebrauchswert“ über einen längeren Zeitraum erhalten bleiben kann. Auf diese originelle Weise bestätigt sich das Say’sche Theorem.

Das meiste Kapital besteht heute überwiegend aus „institutionalisierten Kapital“ oder „nominellen Kapital“, wie Lautenbach es nennt, das in Form von Aktien gehandelt wird. Diese Kapitalgesellschaften können nun selbst als Treuhänder interpretiert werden, bei denen Finanzierung und operativer Betrieb des Produktionsprozesses getrennt sind. Auf der Aktionärsversammlung treffen die Aktionäre die endgültige Entscheidung über die Verwendung des Gewinns, der entweder als Dividendeneinkommen an die Aktionäre ausgeschüttet oder im Produktionsprozess zurückbehalten wird, so dass Erhaltungs- oder Erweiterungsinvestitionen finanziert werden können. Die Aktionäre müssen bedenken, dass eine Zahlung von Dividenden die Nutzungsdauer verkürzen kann.

Internationale Zahlungen

Die Analyse von Schmitt zeigt auch, dass aus Sicht der Rechnungslegung auf internationaler Ebene eine Anomalie auftritt.

Im internationalen Kontext kann eine alternative Interpretation für die Eurozone gegeben werden. Die Fehlkonstruktion der EURO-Zone, die man auch als ‚deutschen Merkantilismus‚ bezeichnen kann, würde durch den Wechsel von der derzeitigen Praxis des bilateralen Clearings zu einem multilateralen Clearing innerhalb des Systems der nationalen Zentralbanken der Eurozone korrigiert werden. Mit anderen Worten, die EZB wird als Clearingstelle der nationalen Zentralbanken fungieren, wie es die gegenwärtigen nationalen Zentralbanken bereits für die nationalen Geschäftsbanken tun.

Dazu sind keine zusätzlichen gesetzlichen Änderungen notwendig. Der EZB-Rat kann im Rahmen des Trans- European Automated Real-time Gross-settlement Express Transfer system (TARGET2), wie es im ersten Teil des ‚Blue Book‚ festgelegt ist, beschliessen, dass ‚Cross-border TARGET payments are processed via the national RTGS systems and exchanged directly on a bilateral basis between NCBs [national central banks][8] auf eine multilaterale Basis gestellt werden. Technisch gesehen müsste dafür auf der Ebene der nationalen Notenbanken eine Trennung zwischen inländischen und ausländischen Zahlungen vorgenommen werden, wobei die Targetsalden in der Auslandsabteilung bei den nationalen Notenbanken verbucht werden. Die Auslandsabteilungen der nationalen Notenbanken bilden dann zusammen mit der EZB einen eigenständigen Bilanzierungskreis.

Insbesondere der deutsche Finanzminister dürfte darüber nicht sehr erfreut sein, müsste er doch die enormen Targetüberschüsse mit deutschen Staatsanleihen hinterlegen. Gemildert wird dies durch Möglichkeit, dass jetzt die bürokratischen Monströsität ESM abgewickelt und in die EZB integriert werden kann.

Schließlich kann die Frage beantwortet werden, in welcher Richtung eine Kausalität zwischen Leistungsbilanz und Kapitalbilanz besteht: Es gibt keine; es handelt sich lediglich um eine Koinzidenz, die durch das Ignorieren des buchhalterischen Charakters des Geldes verursacht wird und zu einer statistischen Korrelation führt. Der IWF hat ein Konzept der „Simulation“ der doppelten Buchführung auf Länderebene entwickelt, das in der nunmehr 6. Auflage des Handbuchs zur Zahlungsbilanz und zum Auslandsvermögensstatus[9] vorliegt. Dies war hauptsächlich durch die Beobachtung motiviert, dass

„die globale Kapitalfluss-Diskrepanz zeigt, dass die verzeichneten Kapitalabflüsse relativ unterbewertet sind.“[10] (Übersetzung des Autors)

Die IWF-Statistiker registrierten diese Residualgröße unter „Nettofehler und -auslassungen“, was sie hauptsächlich auf Unzulänglichkeiten bei der Datenerhebung und -übermittlung zurückzuführten. Schmitt schlägt eine weitere Erklärung vor, die das Problem der Kapitalflucht adressiert.[11] Ich habe einige Beispielberechnungen durchgeführt und kann bestätigen, dass die Anwendung von Schmitts Analyse in der Lage ist, die Residualgröße erheblich zu reduzieren und zu glätten.

Die Unterscheidung zwischen exogenem und endogenem Geld wird überflüssig. Aus der Sicht des einzelnen Akteurs ist Geld exogen, wie es vom nationalen Buchhaltungssystem zur Verfügung gestellt wird. Aus der Perspektive einer Volkswirtschaft als Ganzes ist es endogen, da das nationale Verrechnungssystem in die ökonomische Analyse integriert ist.

Dies stellt eine grundsätzliche Herausforderung für das konventionelle ökonomische Denken dar, bietet aber einen ernstzunehmenden Ansatz dafür, den mikrofundierten, wettbewerbsorientierten Ansatz gänzlich aufzugeben und durch einen kooperativen Ansatz zu ersetzen, der das Gesetz der doppelten Buchführung respektiert. Das wäre eine gewaltige Herausforderung. Aber wir müssen nicht von Grund auf neu aufbauen. Es gibt verschiedene Schulen ökonomischen Denkens, die wertvolle Beiträge zu einem stabileren und konsistenteren Finanzsystem leisten können.

Weiterführende Verweise:

 


Literatur & Anmerkungen

[1] Ein ähnliches Ergebnis bei der unangemessenen Anwendung statistischer Methoden im Bereich der Produktion hat Anwar Sheikh vor mehr als 40 Jahren in Laws of Production and Laws of Algebra: The Humbug Production Function beschrieben, wo er zu dem Schluss kommt, dass „the so called empirical strength of production function analysis is in reality nothing more than a statistical reflection of the (unexplained) constancy of income shares.“
[2] Dass eine Regierung durch die Emission von Staatsanleihen auch aktiv in das nationale Verrechnungssystem eingreifen kann, soll vorerst unberücksichtigt bleiben.
[3] Lautenbach, Wilhelm. „Kapitalbildung und Sparen“. Verein zur Beförderung des Gewerbefleißes von 1821, 28. Oktober 1937. http://www.saldenmechanik.info/files/saldenmechanik/Lautenbach_-_Kapitalbildung_und_Sparen.pdf .
[4] Stützel, Wolfgang. „Volkswirtschaftliche Saldenmechanik: Ein Beitrag zur Geldtheorie“. Mohr Siebeck, 2011; S. 57 Fußnote 1
[5] Cencini, Alvaro. Macroeconomic Foundations of Macroeconomics. London; New York: Routledge, 2005, S. 108
[6] Bernard Beaudreau verdeutlicht in „ The trouble with distribution theory “ die Unmöglichkeit einer Produktivität in physikalischem Sinne.
[7] Cencini, Alvaro. Macroeconomic Foundations of Macroeconomics. London; New York: Routledge, 2005. S. 142
[8] European Central Bank, Hrsg. Blue Book, Vol. I Payments and Securities Settlement Systems in the European Union . Bd. 1. Frankfurt am Main, 2007, S. 34
[9] International Monetary Fund, Hrsg. Balance of payments and international investment position manual. 6th ed. Washington, D.C.: International Monetary Fund, 2009.
[10] International Monetary Fund, Hrsg. Final Report of the Working Party on the Measurement of International Capital Flows. Washington, D.C: International Monetary Fund, 1992.
[11] Cencini, Alvaro. Macroeconomic Foundations of Macroeconomics. London; New York: Routledge, 2005, S. 239-244

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