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Soziales | 07.02.2020 (editiert am 11.02.2020)

Persönlichkeitsentwicklung wird den Kapitalismus nicht retten

Lösen trendige Konzepte persönlicher Selbstoptimierung die Verteilungsprobleme des Kapitalismus? Müssen wir alle nur das richtige Mindset haben, um erfolgreich zu sein? Persönlichkeitsentwicklungscoaches wollen uns genau das glauben machen.

Eine Ausbildung machen oder studieren? Verschwendete Zeit! In den Jahren solltest Du Dir lieber Dein eigenes Business aufbauen. Verkaufen, Du musst verkaufen. Auch Dich selbst – denn jeder Mensch ist ein Produkt! Multilevel Marketing, Online Marketing, Vertrieb: Dort kannst Du als Persönlichkeit wachsen und sogar zum „echten Mann“ werden!

Genau dieser Tenor wird auch in Deutschland immer lauter. Wie so vieles kommt er aus den USA. Wenn dieser Trend an Ihnen bisher vorbeigegangen ist, fallen Sie möglicherweise nicht in die primäre Zielgruppe. Vor allem junge Männer sollen von der neuen Persönlichkeitsentwicklungswelle angesprochen werden. Ein Konzept wird angepriesen, dass Dich bei Anwendung finanziell frei machen und Deine Ketten als moderner Sklave sprengen soll.

Der moderne Sklave tausche seine Arbeitszeit gegen Geld, anstatt seine Produktivität zu erhöhen, um besser bezahlt zu werden. Produktivitätssteigerungen erreicht man nicht nur, indem man den klassischen Taschenrechner gegen Excel eintauscht, sondern vor allem, indem andere Menschen oder Maschinen für einen arbeiten.

Anders formuliert: Um den Status des modernen Sklaven zu entkommen, brauchst Du unter Dir moderne Sklaven.

„Den Zweiten deklassieren“

Dass nicht jeder so finanziell frei werden kann, wie das die Gurus der Szene – wie etwa Dirk Kreuter, Bodo Schäfer, Karl Ess, Mehmet Göker oder Torben Platzer – suggerieren, ist logisch, wird aber kaum erwähnt. Der Wert der Geldmenge X wird schließlich nicht automatisch größer, wenn A im Wettbewerb über B triumphiert. Wenn jeder sich als Produkt zu 10 Prozent besser verkauft, verändert sich am Ranggefüge der Gesellschaft – nun, nichts. Kann jeder gleichzeitig 10 Prozent mehr verdienen? Nein!

Mehmet Göker, der Deutschland aufgrund eines Haftbefehles gegen ihn nicht betreten darf, ist der ehemals erfolgreichste deutsche Verkäufer privater Krankenversicherungen. Er gehört zu den Coaches, die nicht verschweigen, dass dort, wo es Gewinner gibt, auch Verlierer geben muss. Er findet Gefallen daran, heroisiert diesen Prozess:

„Ich wollte nicht der Erste sein, ich wollte der Allererste sein. Den Zweiten deklassieren.“

Verschiedene Coaches bieten daher Seminare und/oder Coachings an, damit auch Du „finanziell frei“ werden kannst.

Nimmt man die Persönlichkeitsentwicklungsszene unter die Lupe, gibt es viele Themen, die eine Analyse wert wären. Das transportierte Männlichkeitsbild oder das Moralverständnis wären eine eigene Geschichte wert.

Dein Mindset entscheidet über Deinen Erfolg

Hier soll aber auf das drängenste Problem des real existierenden Kapitalismus eingegangen und die Frage aufgeworfen werden, ob individuelle Selbstoptimierung dieses Problem lösen können. Denn das sozioökonomische Kernproblem des westlichen Kapitalismus besteht in der Vermögensverteilung. Kann ein individuelles mentales Reset dieses Problem lösen?

Liegt also alles nur am richtigen Mindset? Mit Mindset ist hier der Lebensentwuf eines Individuums in all seiner Komplexität gemeint.

Geht es nach den Führern der Szene, entscheidet jedenfalls Dein Mindset allein über Deinen Erfolg. Auch das Problem der Vermögensverteilung müsste sich also so lösen lassen – sofern man es natürlich überhaupt als Problem sieht. Nach ihrem Selbstverständnis  tun die Gurus der Szene jedenfalls etwas gegen die auseinandergehende Schere von Arm und Reich.

„Der Arme geht durch die Stadt und sieht nur das Negative und bezieht das dann noch auf sich und sein Leben. Der Reiche geht durch die Stadt und sieht Potential und Möglichkeiten und wundert sich, warum sonst niemand bislang auf die Idee kam. Deswegen gehe einmal spazieren und mache dir Notizen, wo du investieren und erfolgreich werden kannst.“

Einer der alten Hasen der Szene, Bodo Schäfer, bringt die extreme Fokussierung auf das Mindset zur Erklärung von individuellen und gesellschaftlichen Ergebnissen auf den Punkt:

„Die Reichen sind eine Gruppe von Menschen mit bestimmten Glaubenssätzen, mit bestimmen Emotionen und mit bestimmten Handlungen … Die Armen sind eine Gruppe mit bestimmten Glaubenssätzen, Emotionen und Handlungen.“

Versucht man bei Betrachtung der Aussagen verschiedener „Coaches“ aus der Szene die drei bestimmenden Faktoren des persönlichen Erfolges herauszufiltern, landet man bei: Mut, Disziplin, Wissen.

Auffällig ist, dass die „Verhältnisse“ von der Persönlichkeitsentwicklungszene als relativ unwichtig betrachtet werden. Maximal das negative, antikapitalistische Umfeld wird noch als Stolperstein erwähnt. Vermögen beziehungsweise materielles Kapital spielt hingegen nahezu gar keine Rolle für den persönlichen Erfolg. Das Motto lautet: Mit harter Arbeit und viel Wissen wirst Du vom Tellerwäscher zum Millionär.

„Harte Arbeit ist die Grundlage, um gutes Geld zu verdienen.“

Die Kraft der Kapitalrendite

Auf Pikettys Datensammlung und Analysen mich beziehend, lässt sich festhalten, dass in den letzten drei Jahrhunderten die Kapitaldividende r immer größer als das Wirtschaftswachstum g war. Insbesondere mit dem Ende der Nachkriegszeit geht die Schere von r und g wieder stark auseinander.[1]

Sowohl Europa als auch die USA verzeichnen einen Zuwachs des realen Bruttoinlandproduktes pro Kopf in den letzten Jahrzehnten. In Deutschland steigerte sich das BIP pro Kopf von 1990 bis 2014 von 32.337 auf 45.132 US-Dollar (siehe hier und hier). Auch mit dem real verfügbaren Einkommen der Haushalte in Deutschland ging es in diesem Zeitraum steil bergauf – aber eben nicht für alle. Während das real verfügbare Einkommen des oberen Dezils – also der einkommensstärksten obersten zehn Prozent der Haushalte Deutschlands  – sich von 1991 bis 2014 um 25 Prozent erhöhte, verlor das unterste Dezil 9 Prozent.[2] Ist diese Entwicklung eine Folge fehlenden Mutes, fehlender Disziplin, fehlenden Wissens des unteren Dezils?

Wird dieser Trend nicht umgekehrt, drohen massive gesellschaftliche Verwerfungen. Der demokratische Gedanke gesellschaftlicher Teilhabe eines Jeden – er bliebe nur noch formal über politische Wahlen bestehen, aber immer weniger sozioökonomisch und somit de facto auch weniger politisch. Laut einer Studie der Princeton University ist die USA eine Wirtschaftseliten Demokratie geworden (vgl. dazu hier, S. 564 ff.).

Entgegen der marxistischen Theorie glaubt Piketty, dass eine ungleiche Kapitalverteilung – oder präziser eine ungleiche Verteilung der Produktionsmittel – nicht die ultimative Erklärung für alle diese Probleme ist. Auch Wissen und Fähigkeiten sind wichtige Variablen.[3] Aber lösen Konzepte persönlicher Selbstoptimierung das Verteilungsproblem des real existierenden Kapitalismus? Müssen wir nur alle früh aufstehen, uns nicht von unserem Smartphone ablenken lassen, richtig Gas geben und Optimismus zeigen? Oder ist nicht möglicherweise die Kraft der Kapitalrendite ein Faktor, der einer „leistungsgerechten“ Gesellschaft mit adäquater Unterstützung für die weniger Erfolgreichen im Wege steht?

Ende des Aufstiegsmythos

Es hilft erneut ein Blick in die Welt der Daten und ökonomischen Analysen. Die Studie Income Inequality and Stock Market Returns arbeitet heraus, dass eine erhöhte allgemeine Aktienrendite die Einkommensungleichheit vergrößert. Logisch, wer am Existenzminimum lebt, kann kaum vom Aktienmarkt profitieren.

In der Studie Capital Gains and the Distribution of Income in The United States wird die auf Piketty beruhende These, dass (Eigen)Kapital eine sehr wichtige Variable für finanziellen Erfolg ist, weiter untermauert. Seit den 1980er Jahren ist die Vermögensakkumulation in den USA durch Kapitalgewinne vorangetrieben worden. 8 Prozent des nationalen Einkommens dieses Zeitraums entspringen Kapitalgewinnen. Wurde die Vermögenakkumulation zuvor primär durch Zusammenspiel von Sparen und Investieren in Gang gehalten, so beruht sie seit den 1980er Jahren auf einem Wertanstieg von Vermögenwerten.[4] Genau an diesen Vermögenswerten wie Immobilien oder Aktien sind die unteren Dezile der Gesellschaft de facto nicht beteiligt. Von immateriellen Vorteilen wie kulturellem Kapital, Bildung, Quersubventionierung oder Plattformmacht ganz zu schweigen.

Auch in Deutschland zeichnet sich eine steigende Vermögensungleichheit ab. Der exponentielle Anstieg bei den Immobilienpreisen wird auch den Vermögensbesitzern zu Gute kommen, nicht dem 40 Stunden pro Woche prekär arbeitenden Paketboten. Sich mit harter Arbeit ein Vermögen zu erkämpfen, ist daher für die breite Masse kein realisierbares Projekt.

Der Erfolg sei den Selfmade-Millionären, zu denen auch viele der erwähnten Coaches und Verkaufstrainer gehören, gegönnt. Aber spätestens dann, wenn man sich einmal die erste Million hart erarbeitet hat, wird aus einem zuvor halbwegs fairen Wettkampf ein Monopoly Spiel. Und genau dieses Monopoly Spiel steht dem Aufstiegsmythos vom Tellerwäscher zum Millionär im Wege.

Die Studie Income Inequality and Asset Prices Under Redistributive Taxation zeigt auf, dass dem geschilderten Monopoly-Effekt steuerpolitisch entgegengewirkt werden kann, was die (Gesamt)Produktivität erhöhe, also dem Allgemeinwohl dienen würde. Dass in Deutschland bereits die obere Mittelschicht den Spitzensteuersatz auf Arbeit von 45 Prozent zahlen muss und ein nicht progressiv steigender Kapitalertragssteuersatz von 25 Prozent(/28 Prozent)  –über einem niedrigen Freibetrag – für alle erhoben wird, erscheint als geradezu grotesk.

Mit noch mehr harter Arbeit und positiven Glaubenssätzen werden wir das Vermögensproblem nicht lösen. Vielleicht brauchen die politischen Eliten des Westens ein neues, kollektives, „Mindset“, um eine politische Lösung zu voranzutreiben?


[1] Vgl. Thomas Piketty: About Capital in the Twenty-First Cenutry, In: American Economic Review: Papers & Proceedings 2015, 105(5): 48-53.
[2] Markus M. Grabka und Jan Goebel: Realeinkommen sind von 1991 bis 2014 im Durchschnitt gestiegen – erste Anzeichen für wieder zunehmende Einkommensungleichheit, In: Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung Wochenbericht, Nr.4 2017.
[3] Vgl. Thomas Piketty: a.a.O., p. 48.
[4] Vgl. Ebd.: S. 46-48.

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