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Kommentar | 11.02.2020

Unerträglich undemokratisch

Die AfD: Unerträglich! Die Brexiteers: Unerträglich! Und die Kritiker des freitäglichen Klimastreiks natürlich auch. Das Unerträgliche bestimmt die Wahrnehmung. Es ist Modewort und – gar nicht mal so demokratisch.

Ralf Stegner von der SPD teilte neulich via Twitter mit, dass er die britischen Brexit-Befürworter als unerträglich empfinde. Er findet dort übrigens in regelmäßigen Abständen etwas unerträglich. Die AfD natürlich am häufigsten. Der Bauernpräsident Joachim Rukwied sprach kürzlich nach eigener Wahrnehmung für alle Bauern im Lande, als er einen Edeka-Werbespot als unerträglich kategorisierte. Til Schweiger ließ indes Markus Lanz wissen, dass er den US-Präsidenten unerträglich finde. Und der Seelsorger im Bundestag hält es für unerträglich, wie gering das Ansehen seiner Schäfchen aus der Politik in der Bevölkerung ist.

Kurz und gut: Eine ziemlich unerträgliche Situation, in der wir uns befinden. Jeder auf seine Weise. Denn was für unerträglich gehalten wird, ist je nach Filterblase verschieden. Klar ist demgegenüber bloß, dass die Unerträglichkeit einen Aufstieg als vermeintliches Analyseelement hingelegt hat. Dabei handelt es sich um nicht mehr als eine subjektive Wertung – ja letztlich um eine plumpe persönliche Befindlichkeit. In gefühlsbetonten Zeiten wie unseren, in der „Harmonie“ als biedermeierscher Rückzug in „Safe Spaces“ propagiert wird, stellt »unerträglich« als Beurteilung wohl die höchste Ausdrucksform dar.

Die unerträgliche Schwerfälligkeit des Seins

Ob nun Brexiteers und AfDler: Wer sie als unerträglich einstuft, sagt nichts über sie aus, sondern spricht ja nur von sich selbst – davon wie sich für ihn etwas anfühlt. Unerträglich eben. Man erträgt also dies oder jenes nicht mehr. Hält es einfach nicht mehr aus. Kann damit nicht mehr umgehen. Möchte wegschauen, woanders sein, ja einfach bloß flüchten. Kann das aber nicht, muss dableiben. Was bleibt ist, die Ausweglosigkeit der eigenen Lage zu umschreiben: Als unerträgliche Situation eben.

Hinter der Inflationierung des Begriffs steckt natürlich jener Paradigmenwechsel, der unsere allgemeine Auffassung von Welt und Gesellschaft massiv beeinflusst hat. Wir haben uns von einer objektiven Sicht, die den Fokus auf ein wie auch immer geartetes Gemeinwesen richtete, zu einer Personalisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse hinreißen lassen. Der Liberalismus ist ja zu guten Stücken nicht recht viel mehr als Individualisierung und Vereinzelung – von seiner Warte aus schätzt man persönlich ein und macht sich mehr oder weniger zur Messlatte dessen, was politisch geschieht. Unterm Strich zähl‘ nun mal ich.

Deswegen hält zum Beispiel Ralf Stegner auch die Brexiteers für unerträglich. Er kann und will ihnen auch nichts Objektives entgegensetzen. Der Analysemodus im liberalen Juste Milieu ist geprägt von einer Ichbezogenheit, die den nüchternen Abstand zu einer Sache als einen Affront begreift. Daher ist alles, was man sagen kann, auch stets in einen persönlichen Rahmen zu stellen.

Am Ende kommen Einschätzungen heraus, die die ganze unerträgliche Schwerfälligkeit unseres modernen Seins skizzieren. Denn sie drücken nicht mehr aus als: »Ich, Ralf Stegner, halte das nicht aus!« oder »Ich, der Bauernpräsident, möchte am liebsten weglaufen!« Die Unerträglichkeit als Statement beinhaltet letztlich nicht mehr als die Wertung des Ich zu einer Sache. Warum ausgerechnet das mitteilenswert sein soll, wo sich da ein Mehrwert für die Allgemeinheit erkennen lässt, wäre hier eine zu stellende Frage.

Die Guten halten es aus

Aber wer stellt heute noch solche Fragen? Und wer steht noch auf Antworten, die auf mehr aus sind als auf die Mitteilung eines Gefühls? Beides ist aus dem Zeitgeist gefallen. Genau deswegen erfreuen sich diese ganz persönlichen Stellungnahmen ja so großer Beliebtheit. Aussagekraft haben sie zwar keine, aber der, der etwas als unerträglich für ihn nachzeichnet, öffnet sich ja persönlich. Und das ist es, worauf es der liberalen Öffentlichkeit ankommt: Personality.

Dass es für Fragen nach einer demokratischen Gestaltung eines Gemeinwesen völlig irrelevant ist, was jemand gerade mal unerträglich findet, geht dabei als Erkenntnis vollkommen unter. Denn es ist dich so: Mit den Anderen kann man nicht immer harmonieren, das gesellschaftliche Zusammenleben lässt sich trotz bester Absichten nicht einträchtig organisieren. Man kann schließlich nicht jeden mögen, ja nicht mal akzeptieren oder tolerieren. Aber aushalten und ertragen: Das muss man ihn können. Es ist die urdemokratischste Grundregel, die oberste Direktive gewissermaßen.

Nur wer »das Andere« ertragen kann, ist bereit für Diskussion und Streit. Diese beiden konfliktoffenen Formen der Interessensabwägung und Lösungsfindung sind die Syntax dieser besten aller schlechten Staatsformen. Man kann sie nur anwenden, wenn man bereit ist, Vorstellungen, Gefühle und auch Irrtümer der anderen zu ertragen. Man kann freilich nicht behaupten, dass das einfach wäre. Aber Demokratie ist eben auch nicht einfach. Sie strengt an, verlangt viel von jedem einzelnen ab. Es scheint, als ob das heute ganz gerne vergessen wird, wenn man die Gesellschaft mal wieder bei Sonntagsreden zur allgemeinen Harmonie ermuntern will.

Meinungen und Empfindungen anderer nicht mehr aushalten zu können: Das ist keine demokratische Qualität. Ganz im Gegenteil. Es handelt sich um eine Entität, die man viel eher von Despoten oder Diktatoren kennt. Leute wie der türkische Staatspräsident neigen zu so einer Sichtweise. Sie kanzeln »das Andere« ab, wollen es aus dem Blickfeld schaffen, es wegsperren. Wenn Leute wie er in den sozialen Netzwerken posteten, dass sie dies oder jenes unerträglich fänden, dann wäre das nur folgerichtig. Aber Leute, die sich als Demokraten verstehen? Die vermeintlich Guten? Die müssten es dann doch aushalten können.

Unerträglich, wirklich unerträglich!

Der liberale Lifestyle hat sich ein völlig falsches Konzept vom demokratischen Diskurs zurechtgelegt und ist nach wie vor versucht, ihn der Gesellschaft überzustülpen. Dort wird sie als harmonisches Miteinander angepriesen, als aalglatte Basis allen Strebens und als verordnete Einvernehmlichkeit – als eine Gleichschaltung all derer, die guten Willens sind. Abweichende Vorstellungen seien nicht normal, sondern Ausdruck von Gestrigkeit oder Boshaftigkeit.

Vor Jahren mokierte man sich noch über die Blockierungen im Bundestag, wenn damals noch eher voneinander unterscheidbare Fraktionen stritten und so nur schwerlich zu Durchbrüchen kamen. Das liberale Juste Milieu schrie auf, wollte effektivere Vorgänge sehen. Damit fing es an, den Streit als Grundübel zu deklarieren. Politik sollte ja so ganz anders sein. Sachlich und lösungsorientiert: Streitkultur – so ein Wort sei ja quasi ein Oxymoron. Streit sei unerträglich.

Was für ein fataler Irrtum! Und der hat uns in eine Mentalität gelotst, in der wir das gesellschaftliche Zusammenleben plötzlich als melodisches Zusammenspiel sehen sollen. Als Sicherheitsraum, in dem jede Unannehmlichkeit, jedes konfrontative Wort per Triggerwarnung schon im Vorfeld angezeigt wird. Im besten Sozialarbeiterduktus nährt man eine Romantik, die so tut, als könne man Probleme bei einer guten Tasse Tee aus der Welt schaffen. So ganz ohne Zank und ohne diesen unerträglichen Streit und selbstverständlich auch ohne streitbar zu sein. Als könne man das für das schwache Gemüt Unerträgliche irgendwie kanalisieren.

In diesem liberalen Klima der Streitverdrossenheit hat man es sich zur Normalität gemacht, über das, was man nicht mehr ertragen kann, Zeugnis abzulegen – in der Filterblase oder in Interviews. Man kehrt dabei jedoch nur in der Maske des Demokraten den Antidemokraten hervor. Wir müssen wieder lernen zu ertragen – und auf dieser Grundlage die eigene Meinung »den Anderen« auch anzutragen. Sachlich und ohne Emotionalisierung wohlgemerkt. Und auch er muss ertragen, was ich denke und mir vorstelle. Und wenn es ihm nicht gefällt, muss er es halt aushalten lernen. Alles andere wäre tatsächlich unerträglich.

Nichts schreibt sich von allein!

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